Ausgabe 
30.11.1934
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Zahrgang Zreitag, den 50. November Nummer 95

HANS DOMINIK - EIN

Nickeleisen", murmelte er vor sich hin,der leichtere Bestandteil ist natürlich Nickeleisem Es kann ja kaum anders sein."

Andere Flaschen holte Professor Eggerth aus den Regalen, scharfe Säuren goß er in einem großen Glasgefäß zusammen und warf alles Erz hinein. Mächtig schäumte es in dem Gesäß auf, restlos löste sich das Metall in der Flüssigkeit. Nach anderen Flaschen und Büchsen griff er dann wieder und gab etwas davon zu der Lösung. Verschiedenfarbige Niederschläge bildeten sich dabei, von der er die übrigbleibende Flüssigkeit jedesmal sorgsam abgoß.

Die Stunden strichen darüber hin. Längst glänzte die Mittagsonne eines schönen Septembertages am Himmel. Der Professor hinter den ver­schlossenen Läden seines Laboratoriums ganz in seine Arbeit versenkt, merkte nichts davon. Flammen von Knallgasbrennern begannen zu zischen. Mit reduzierenden Stoffen vermengt, schmolz er jene vielfarbigen Pulver, die er aus seinen Lösungen gewonnen hatte, in feuerfesten Schalen nieder.

Schon ging die Sonne zur Rüste, da war das Werk endlich getan: da waren die Erzbrocken in ein Dutzend, verschiedenfarbige Schmelzproben umgewandelt. Aus Platin, Gold, aus Iridium, Palladium, Silber und anderen Metallen bestanden sie.

Die Lampen auf dem Werkhof brannten bereits, als er das Labora­torium verließ, um nach seiner Wohnung zu gehen. Neben der Skizze, die Hein Eggerth von dem Bolidenkrater entworfen hatte, steckte ein zweites Blatt in seiner Brieftasche, das die genaue Analyse des Sternen­stoffes enthielt. Nach einem kurzen Imbiß warf er sich in seinem Arbeits­zimmer aus ein Ruhelager. Eine kurze Weile noch, dann begann die Flut seiner Gedanken zu verebben. Die Natur forderte ihre Rechte.

In der zweiten Morgenstunde schrillte der Wecker auf dem Schreibtisch. Der Schläfer bewegte sich, als wolle er etwas Lästiges verscheuchen, aber das rasselnde Geräusch ließ nicht nach. Noch ein paar Bewegungen, dann erhob sich Professor Eggerth, griff nach Stock und Hut und verließ den Raum. Der Nachtportier am Fabriktor zog ehrfurchtsvoll die Mutze, als fein Chef plötzlich vor ihm erschien. Der Professor winkte ab:

Bleiben Sie bedeckt, Müller. Ich möchte wissen, ob Herr Ingenieur Hansen schon angekommen ist. Er besorgt neue Instrumente für die Süd­polstation." , ~ , . ..

Der Portier schüttelte den Kopf:Ich habe Ingenieur Hansen seit mehrereren Tagen nicht gesehen, Herr Professor." .

Noch während er es sagte, tönte von der Straße her eine Autohupe. Ein schwerer Lastkraftwagen hielt vor dem Portal.

Sind Sie es, Hansen?" _ , , . , .

Der Professor war an den Wagen herangetreten: So laut, daß der Portier jedes Wort verstehen konnte, fragte er weiter:

Haben Sie die Instrumente für Dr. Wille in Jena bekommen?

"Alles in bester Ordnung, Herr Professor", antwortete Hansen vom Ste'üersitz des Wagens her.Dr. Wille wird zufrieden fein."

So! Das freut mich, mein lieber Hansen. Wir wollen die Sachen vorläufig in mein Laboratorium stellen."

Der Portier öffnete das eiserne Tor, und der Wagen fuhr auf das

Werkqelände. , , . ,

Darf ich Ihnen ein paar Leute besorgen, Herr Professor? fragte der Portier. , . .. , .. -

, Nicht nötia. Müller. Die Sachen bringe ich zufammen mit Herrn

Hansen schon allein in mein Laboratorium "

Während der Portier die Torflügel wieder schloß, rollte der Wagen schon weiter. Professor Eggerth folgte ihm zu Fuß: zwei Gestalten traten aus dem Dunkel und schlossen sich ihm an, Berkofs und Hein Eggerth.

Das Laboratoriumsgebäude lag abseits von dem eigentlichen Werk­betrieb Niemand konnte es beobachten, wie vier Menschen hier arbeiteten und schleppten, bis endlich der letzte Brocken des wertvollen Erzes sicher im Laboratorium geborgen war.

Berkoff kletterte zu Hansen in den Wagen, beide fuhren los.

Professor Eggerth kebrte mit Hein zu feinem Wagen zurück. Es ging bereits auf die'vierte Morgenstunde, als sie dort in das Arbeitszimmer traten, aber der Professor dachte nicht an Ruhe. Es drängte ihn, mit feinem nächsten Vertrauten, seinem Sohn, das Ergebnis feiner Unter­suchungen zu besprechen. . ,

Kaum hatten sie Platz genommen, als er diesem ein Blatt Papier hinreichte.

(Fortsetzung.)

Hansen setzte sich an das Steuer des Kraftwagens und fuhr in der Richtung auf die Chaussee fort, ,6t 10, die Lichter immer noch abgeblen­det, stieg wieder empor und jagte einige Meilen nach Süden. Dann erst ließ es seine Scheinwerfer wieder aufstrahlen und meldete seine Ankunft durch Funkspruch und dann hing es über dem hellerleuchteten Flugplatz des Werkes und ließ sich langsam auf das bereitstehende Traktorengestell nieder.

Von allen Seiten strömten Menschen heran, Arbeitsleute im blauen Kittel, Ingenieure des Werkes. Außerdem noch Vertreter der Presse, die hier seit Stunden lauerten, um die neuesten Nachrichten über das Schick­sal der deutschen Station in der Antarktis zu erfahren.

Kaum war die Treppe herangeschoben und die Tür geöffnet, als die Berichterstatter schon in das Schiff kletterten und seine Besatzung um­ringten. Wohl oder übel mußten der Professor und seine beiden Begleiter Rede und Antwort stehen und auf unzählige Fragen Auskunft geben.

Für die Morgenzeitungen war es inzwischen doch zu spät geworden. Da wollten die Gäste auch noch das Schiff besichtigen und möglichst viel von seiner Ladung sehen, um Stoff für Stimmungsberichte zu sammeln. Wollten womöglich auch noch irgendeine Kleinigkeit, die ,St 10 aus der Antarktis mitgebracht hatte, zum Andenken mitnehmen.

Professor Eggerth ließ den Ansturm mit stoischer Ruhe über sich er­gehen und duldete es mit nachsichtigem Lächeln, daß die Zeitungsleute sich danach von Berkoff und Hein durch alle Räume des Stratosphären­schiffes führen ließen. Mochten sie ihrer Neugier frönen; es war ja nichts mehr an Bord, was man vor ihnen hätte verbergen müssen. Er griff noch Hut und Mantel und verließ das Schiff. So konnte er nicht sehen, wie Mr. Hayn, der Vertreter der American associated press, sich hinter dem Rücken von Berkoff im Laderaum von ,St 10 plötzlich bückte, etwas Glänzendes, Schimmerndes aufhob und in feiner Manteltasche verschwin- übN licf3. __ __

Langsam ging Professor Eggerth über den Flugplatz auf das Werk ijjU. Sein Ziel war ein unscheinbares, einstöckiges Gebäude, das etwas abseits von den großen Montagehallen lag.

Er zog ein Schlüsselbund aus der Tasche und öffnete die schwere Eisentür mit einem vielfach gezockten Schlüssel. Seine Rechte griff zum Schalter, elektrisches Licht erleuchtete seinen Weg. Heber einen Vor stur kam er zu einer zweiten Tür, und wieder war em kunstvoller Schlussel nötig, um das Sicherheitsschloß zu öffnen. Dann war er in (einem pri* ! vatlaboratoriurn, in das er sich auch jetzt noch des öfteren zuruckzog, wen es sich um wichtige Arbeiten und Versuche handelte, die er keinem anderen UbCgin ^eräundger Saal war dies Laboratorium und ausgestattet mit allem, was das Herz eines Physikers und Chemikers sich nur wünschen ! konnte. Aus langen Laboriertischen waren Retorten, Destillierkolben und Tiegel der verschiedensten Formen und Kroßen aufgebaut. In hohen Regalen an den Wänden standen Tausende von Flcychen und Ochsern, i>ie olle für chemische Untersuchungen erforderlichen Reagenzien enthielten.

Einen prüfenden Blick ließ Professor Eggerth über die Floschenbot.erien gleiten. Er trat an ein Regal, nahm mehrere Flaschen herauf, undsollte sie auf einen der Arbeitstische. Von einer anderen Stelle holte erlerne feine mechanische Waage herbei. Dann zog er sich e und

heran und ließ sich nieder. Wie spielend griff er 1 . Antarktis

Bröckchen jenes wunderbaren Sternenstoffes, den ,S 10 au der Antarktis mitqebrocht hatte, fielen aus [einer Hand auf die ! ) stierte

Ein Stück noch dem andern untersuchte er auf ber ffiaoge unö notierte dos spezifische Gewicht jedes Stückes. Es war fu J gleiche 11,5 schrieb seine Rechte aus das Wer®lf *tatt .

murmelten seine Lippen. Halblaut sprach er sich f " . & $

schwerstes Edelmetall ... ein hoher Prozentsatz davon muß in dem cr3 vorhanden sein. Nun, wir werden W"; «rmfmMf in ein Reagenz-

Aus einer der Flaschen goß er wasserklare FlufstgkM m ein^m^8

glas und ließ einen der Brocken lüsieingleit . Mit einer

□n dessen Oberfläche und ließen die 0 t ' heraus und gläsernen Pinzette holte der Wcfjor das BletaU'tua roi* ' JU ber

(eqte es beHeite. Äus einer Finsche c . f;irßen meinte

Flüssigkeit im Reagenzglas. Im Augenblick begann sie sich zu färben, zeigte grünlich-bläuliche Streifen.

STERN FIEL VOM HIMMEL

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