Ausgabe 
30.7.1934
 
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Besseres?" sagte ich.Na, auch nichts Besonderes, nur ein Leut­nant Kompanieführer, weil der andere gefallen ist!" und dabei über­legte ich, daß ich doch nun auch fragen müsse, wer er sei, schon allein deshalb, weil er sonst hätte glauben können, daß ich nach dem Be­kenntnis wieder zugeknöpft werden könne.Und was sind Sie?" fragte ich zurück.

Auch nichts Besonderes!" klang's aus dem Dunkel.Ich bin der Regimentskommandeur des Regiments 931" und ich hörte, wie er sich ein bißchen ein glucksendes Lachen zurückhielt. Ich war froh, daß es fo dunkel war, sonst hätte er gesehen, daß ich einen roten Kopf bekam.

Aber die Erinnerung an diese Nacht, in der em junger Leutnant seinen Hochmut vergaß, weil er einen gütigen alten Obersten für einen Landsturmmann gehalten hatte, gegen den er einmalnett sein wollte", und in der er dann den Leutnantshochmut nicht nur vergaß, sondern verlernte, ist in meiner Erinnerung das beglückendste Erlebnis des ganzen großen Krieges geblieben.

Ausflug nach Brixen.

Don Wilhelm Hausen st ein.

Hinter der Felsenklause, die früher Franzensfeste hieß und nun Fortezza genannt wird, verändert sich die tirolische Landschaft. Nicht unmittelbar nach dem Brenner, nicht schon um Sterling, son­dern jetzt erst, hinter der romantischen Szenerie um die Granitforts, erscheint der Süden aber nun erscheint er wirklich. So unmittelbar sreilich nicht wie nach dem Gotthard; nicht durch einen Zauberschlag, der wie mit Ja und Nein, wie mit Schwarz und Weiß zwei Welten scheidet Norden und Süden; aber dennoch ist das Land zwischen der Feste und Brixen unverkennbare Ouvertüre des Südens. Die Berge ver­leugnen ihre Größe nicht, aber sie nehmen weichere Linien an; die Um­risse verlieren das Brüske; die Prosile der Höhen werden sanfter; die Berge, zum wenigsten die nahen, lagern sich mehr, als daß sie steil auf­steigen; in langem und mildem Verlaus fließen die Kurven zu Tal und zuweilen ist es, als wollten die großen Diagonalen kaum aus der Waag­rechten gehen. Das Licht wird süßer; die Luft wird zarter, und auch an einem noch kühlen Vorfrühlingstag spürt man mit den Poren, wie es ihr natürlich ist, lau zu sein. Die ersten südtirolischen Weinberge stehen in aufgemauerten Stäffelchen, deren graues Mosaik mit dem jungen Grün und dem erfrischten Hellbraun der Erde wechselt fruchtbare Natur und hegende Winzerkunst verbinden sich miteinander wie in Strophen, Kastanien beginnen dazustehen; da ist Vahrn; an Obst kann hier kein Mangel sein; die Höhe überm Meer, der Münchens etwa gleich, wird vom Spiegel der Adria her gemessen, und dies sagen heißt alles sagen. Drum sind die dumpfblauen Pastelltöne in den Bergfichten droben zarter und leichter als ähnliche Töne im diesseitigen bayerischen Gebirge.

Der erste Eintritt in eine Stadt, aber auch der nach Jahren wieder­holte, macht beklommen wie ein Rätsel, und man versucht, das Neue oder Halbvergessene an Bekanntes anzuschließen, weil die Unzulänglichkeit der menschlichen Natur, befangen, fcheu, wie sie ist, sich ja gern an die Aus­kunft der Vergleichung wendet. Wie ist es hier? Man denkt nach Salz­burg hinüber; nach Eichstätt auch, jener merkwürdigen, schön gebrei­teten, stattlich erhobenen Bastion des Südens im fränkischen Norden, die zu selten gesucht wird; mitunter auch an schöne Stätten in Freising ja in Freising, das, dank einer natürlichen und einer geistlichen Schön­heit, die Anziehung einer Oase hat.

Die Häuser sind einfach, weitwändig, rosa und lavendelblau und lichter Ocker. Der Süden hat auch den Häusern seine Art mitgeteilt. Alles steht in dichtem, aber auch großzügigem und gelassenem Zusammenhang, wie der Süden es liebt. Heber hohe und feste Gartenmauern, in denen die Verbundenheit der Stadt mit sich selbst so gut verbürgt ist wie in den Straßenzeilen und den baulich umhegten Plätzen, schimmern die reichen Blüten der Fruchtbäume auf Scheitel und Stirnen der Spazier­gänger herab; es ist eine Wohltat, an diesen Mauern entlangzugehen. An einem Bürgerhause inmitten der Stadt gedeiht ein weitausgreifender Rebstock. Die behäbigen alten Häuser der Hauptstraße sind mit schattigen und kellerkühlen Lauben unterwölbt, deren die Menschen, die Tiere und selbst die Dinge bedürfen, denn im Sommer ist hier die volle Wärme des Südens.

Ein kellerkühler, wie ein Keller dämmeriger Wölbgang zieht dich ein, dicht neben dem Dom. Der Weg geht zwischen aufgerichteten Grab­steinen geistlicher Herren hin und mündet ins Lichte. Dies ist der Kreuz­gong. Der kleine Hof, den die Trakte im Viereck umschreiben, ist ein Würfel aus Sonnenlicht und warmer ßuft: ein ummauertes Becken, in dem Licht und Luft behalten sind wie die Wasser eines Bades in ihrem Behälter. Zur Linken schauen dunkle Fenster einer kleinen Wohnung herab; wer hier behaust ist, darf beneidet werden. Im rechten Winkel ongeschlossen, zeichnet sich das steile Dach der Taufkirche; es ist rotbraun, unb auf dem First trägt es ein Taubenpaar. Das Höfchen, so klein, fo groß, fo abgeschieden und so sehr die Mitte, fo wenig und doch alles, ein schönes Bild des Wichtigsten das Höfchen ist grün von Gras und Bäumen. Im Bufchblättern, die lackgrün glänzen, spiegelt sich die Sonne. Oleander stehen in Kübeln; eine Amsel musiziert; Thuyen stehen im Grasboden. Im Verlauf des Umgangs gewahrt man die barocken Helme der Domtürme. Romantische Säulen begleiten, zu Paaren ge­bündelt, mit den rundbogigen Jochen früher Zeit überbrückt, den Schritt der stillen Besucher dieser kostbaren Einsamkeit. Die Wände, die gotischen Deckengewölbe sind mit frommen Mauerbildern über und über bedeckt; sie bezeugen die Weise des späten Mittelalters. Die Gründe find schwarz, auch blau; aus ihnen treten die Figuren deutlich hervor Figuren, die zugleich von südlichen und nördlichen Händen gemalt zu fein scheinen. Unter ben Fresken sind etliche, die kaum fein könnten, wenn es den Giotto nicht gegeben- hätte, und überhaupt mag der südliche Charakter vorwiegen; aber man kann auch nicht verkennen, daß der Norden em

Wort hereingesprochen hat es ist, wie wenn zwei verschiedene Stim- men den gleichen Ton singen.

Das Schönste, bas bie Menschen ausgestellt haben, ist fast immer aus dem Zusammenhang entstauben. Die schönen alten Stabte sind nie zer­rissen; bas einzelne fonbert sich nicht aus, sonbern kehrt sich zum Ganzen. Im Dombezirk zu Brixen erkennt man was Größe unb Macht eines Zusammenhangs ist. Alles ist bie baukörperliche Einheit eines geistigen Systems: Dom unb Domschule unb Tauskirche unb Hofburg unb Hof­kapelle unb Friebhos und noch bie Pfarrkirche unb anberes bazu finb ein ununterbrochenes Gefüge von Gemäuer; ber Kreuzgang inmitten nicht zu vergessen, benn er ist bas Herz. Man muß versuchen, sich den Überzeugen­den und beruhigenden Grundriß dieses Zusammenhangs klarzumachen; er klärt die Vorstellung vom Wesen einer alten Bischofsstadt vollends, und nun erst wird bie Anschauung ber aufgerichteten Gebäube ben Begriff recht erfüllen.

Der Dom, an dessen weißer Marmorfront die geistreiche Giebelkuroe des Barock am meisten zum Auge spricht, ist innen durch eine ebenso angenehme als majestätische Raumverfassung unb Ausstattung ausge­zeichnet; bies Innere ist prächtig, ja triumphal, wie bie großen Kirchen des Barock es fein wollen unb auf erstaunliche Art zu fein vermögen. Es ist aber auch gemäßigt; dies Barock hat den ruhigeren Stand und Ausdruck ber Renaissance ererbt. Dies Innere ist ftanbfeft unb in jedem Zug bestimmt; es strömt aber auch ben großen Reiz einer eblen geist­lichen Freiheit aus, bie ben Strom ber Empfinbungen faßt, ohne ihn zu flauen unb zurückzutreiben. Dies Dominnere verpflichtet burch Würde unb Ernst; aber wie es selbst einer festlichen Heiterkeit erschlossen ist, o erlaubt es bcm Gast eine frohe Seele. Aus lauter sichernber Form gebilbet, versagt es sich boch nicht eine weise Milde eine der Meu­chen kundige Liberalität.

Was ist nun im einzelnen das Schönste, wenn diese Frage sich ein­stellt, wie sie es tut? Mir scheint: die Ordnung flacher Pfeiler, die links und rechts das Schiff begleiten. Sie find aus dunkelgrünem Serpentin geschnitten und mit Mustern aus rosarotem Veroneser Marmor ver­ziert; sie sind das Werk einer eblen Arbeit, bie in aller ihrer Einfachheit nicht aufhört, ben Sinn zu beschäftigen. Nicht immer unb überall macht die Ausstattung einer Kirche mit bem vielfarbigen Marmor, ben ber Süben liebt, soviel Freude wie hier: an dieser Stelle ist solcher Schmuck nicht unfruchtbar geworden im Stile kalter kunsthandwerklicher Voll­kommenheit. Wir ungewöhnlich schön auch der Marmor des Hochaltars: der schwere rosarote und weiße Stein ist mit vornehmer Leichtigkeit zum Vorhang gebildet. Marmorne Vielfarbigkeit, in italienischen Domen zu­weilen ernüchternd, scheint in diesem Brixener Dom überhaupt von glück­haften Händen bewirkt zu fein: nicht nur ber beste Geschmack scheint diese Hänbe bewegt zu haben, sonbern auch ein empfinbfames Gemüt.

Den Hinausgehenben überrascht bie Pracht unb Fröhlichkeit ber Orgel­empore: großartig genialischer Verschwenbung, wie bie überschäumende Musik selbst so erhebt sich bas gebieterische unb doch geschmeidig an» mutenbe Gehäuse über ber kühnen Rampenkurve der Tribüne.

Die bischöfliche Hofburg steht bem Dom gegenüber: bie neue nämlich, bie aus ber Renaissance, bie freilich noch mit einem wehrenben Wasser­graben umzogen würbe; wie das derbe Tor bezeugt, find hier bie Bauern des blutigen Jahres 1525 angerannt . Hier zumal ist die Fülle des Südens offenbar. Der Hof ist auf mittelmeerlänbifdje Art mit offenen Galerien umgeben, deren auf jeder Seite drei übereinander hinlaufen. Standbilder deutscher Kaiser unb Statuen von Brixner Fürstbischöfen, i bie je unb je sehr große Herren waren, verstärken den Umlauf ber mitt I lernen Arkaben zu bedeutungsvoller Darstellung. Heiliges Römisches ' Reich Deutscher Nation ... Im Hof gedeihen Lebensbaum, Blautanne und Zeder mächtig unter der Gunst eines beglückenden Himmels, und die springenden Brunnen spielen schon bas Schauspiel römischer Gär­ten vor.

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Aber Brixen liegt auch noch vor feinen eigenen Toren draußen: nahe ist Neustist aus dem 12. Jahrhundert Der romantische Turm meldet das hohe Alter wie ein Uhrzeiger, der nicht mehr weitergeht. Im Inneren ber Stiftskirche empfängt uns bie verführerische Gastlichkeit bes Barocks, des Rokokos, bem Baubilb unb bem Schmuck bes bayerischen 18. Jahr- hunberts nahe verwanbt, aber nicht ganz so oerbinblich unb beweglich wie bayerisches Barock unb Rokoko Man sagt, hier sei bie sübliche Grenze bes Vorbringens ber Kunst des bayerischen 18. Jahrhunberts, die eine überströmende Kunst gewesen ist Neustift bei BrixenNovacella" bet Bressanone": ein Punkt auf dem Aequator zweier Kulturzonen. Man spürt den Punkt auch sonst an dieser Stätte: sie ist in Sakristei und Kreuzgang voll der bildhaften Spuren des Namens Michael Pacher, in dem Norden und Süden sich mannhaft begegneten, und übrigens scheint eine eifrige ortsgeschichtliche Forschung den außerordentlichen nordsüd­lichen Maler des 15. Jahrhunderts, den man bisher aus Bruneck her­leitete, mehr unb mehr für eine Heimat Brixen einforbern zu wollen. Schulartig orbnet sich eine ganze, bemerkenswerte Stifts-Gemälbegalerie . bem nämlichen großen Meisternamen zu

Eine bezaubernde Bibliothek in Weiß unb Golb scheint von Neu­stift her bem Schönbrunner Rokoko ber Maria Theresia Antwort zu geben.

Drinnen in ber Stabt Brixen, nahe ber Pfarrkirche unb bem Dom, hat das schöne Pfaundlerhaus schier ein veronesisches ober trientinisches Gesicht; nur baß es Erker gibt, bie Echo einer Stimme; von biesseits ber Alpen finb. Erker, bie fernerhin an Nürnberg erinnern, aber sozu­sagen lateinisch geschrieben finb. Auch stellen sie bie Säben gegen eine anbere, heißere Sonne vor unb bie Frau, bie von droben herabschaut, blickt aus einen Markt voll südlicher Ernte

So ist dieser herrliche Weltwinkel zusammengesetzt; so' haben die Welthälften diesseits und jenseits der großen Alpenachse in ihm das schöne Bild gemeinsam gewirkt. Süden unb Narben stehen zueinanber i im fruchtbaren Zeichen der Symmetrie, des Austauschs.