Ausgabe 
30.7.1934
 
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gehorsam scheinen, schräg durch das Kirchenschiff, durch die Menschen­gasse, die sich ihm rechts und links öffnet.

Vor der eisenbeschlagenen Truhe, die feit Menschengedenken ver­schlossen und verstaubt im Winkel stand, zögert er den schleppenden Schritt. Er steht und tastet, er schaut und sinnt und biegt die Hande vor das Gesicht, als müsse er seine Augen vor den Strömen magischen Lichtes wahren, die, nur seiner Seele sichtbar, aus den Tiefen der Truhe hcroorquellen: in silbernen Pokalen bernsteinfarbener Wein, sich wan­delnd zum Herzblut Christi, rubinrot funkelnd.Oefsnet", spricht er. Und die Staunenden, vom Wunder dieser Stunde Erfaßten, die ihn um­drängen, entnehmen der alten Truhe vielfaches Abendmahlgerät, Wein, Brot und Kelche.

Inbrünstig aus den Schächten dieses Erlebnisses hervorsteigend, voll­zieht sich die hohe Feier, in einer Trunkenheit des Geistes, jung und stark wie die ausgehende Sonne. Im Nachbarabschnitt beginnt Gewehr­feuer zu brodeln.

Als der Abend linde Schleier über den lauten Elfer der Farben breitet und das schmale Horn des Mondes sich hinter den Wäldern zeigt, bringt eine Husacenpatrouille, die Meldung, daß der Feind abgezogen sei.

Da zerspringt der eiserne Ring, der um die Seele der todgeweihten Stadt geschmiedet war, und ein Jubel ohnegleichen bricht aus ihr her­vor Aus allen Kellern und Verstecken strömen sie herbei, grau und halb blind von vieler Tage Haft. Die Glocken sind entfesselt, die Orgel dröhnt wie von unsichtbarer Hand. Der Widerschein der Freudenfeuer erobert weithin den grünlichen Abendhimmel. Ein Schicksalstag gleitet m die Ewigkeit.

Nächtliche Begegnung.

Erlebnis im großen Kriege.

Von Ludwig Hermann, GDS.

Der Krieg liegt nun fast schon wieder ein halbes Menschenalter zurück. Wir, die damals Knaben waren, als wir hinausgingen, find Männer geworden, und sind vielleicht schneller gereift, als früher und in vergangenen Generationen Männer endgültig fertig zu werden vermoch­ten. Wir haben mehr und furchtbareres erlebt, als irgendeine Generatwn vor uns das tat, und Gott, der Herr, möge die kommenden Generationen gnädig vor gleichem Erleben bewahren. Vom furchtbaren und vom grauenvollen Erlebnis, von Kameradschaft und von Opferwillen ist un­endlich viel erzählt worden. Wenig aber, verblüffend wenig, ist vom beglückenden Erlebnis des Krieges bisher berichtet worden. Nur einer, Walter Flex, hat in vollkommen überzeugender Form vom Glück des Krieges berichten können. Ich aber meine, wenn ich von beglückendem Erleben" schreibe, doch noch etwas anderes als er. Es ist schwer zu er­klären, was ich eigentlich meine, deshalb muß ich ein solches Erleben erzählen, das in aller seiner Einfachheit manch anderer vielleicht kaum des Erwähnens wert halten würde, das mir aber Jahre und Jahrzehnte nachgegangen ist, und mich jedesmal wieder froh gemacht hat, wenn es mir vor's Gedächtnis trat. , ,,

Das war im Herbst 1917. Die Verluste der letzten Zeit waren furcht­bar gewesen, und so kam es, daß mancher von uns jungen Reserve­leutnants berufen wurde, eine Kompanie zu führen, weil es an älteren Offizieren bereits mangelte. So ging's auch mir. Ich hatte bereits vor dem Kriege meine Wandervogelgruppe geführt, und was ich da gelernt hatte, das kam mir nun zustatten. Ich glaube, die Kompanie war mit ihrem jungen Führer, der beinahe überhaupt der Jüngste war, ganz zufrieden. _

Nun hatten wir fast einen halben Monat in der Stellung gelegen, in einer der lausigsten Stellungen, die wir je innegehabt hatten.Lausig" meint hier aber nicht etwa, daß es eine besonders gefährliche Stellung war, fondern ist imbesten Sinne des Wortes" zu verstehen. So viel Läuse wie hier, hatten wir nie vorher in unseren Unterständen ge­sunden. Wir hatten die Stellung von dem Regiment, das wir ablösten, in einem schier unbeschreiblichen Zustande übernommen. Dieses Regi­ment hatte in der Stellung nichts zu lachen gehabt! Wahrscheinlich hatte es nie Zeit, einmal sauber zu machen; vielleicht hatten bereits frühere Regimenter es hier nicht besser gehabt. Kurz als wir in diese Gräben kamen, marschierten die Läuse sozusagen in Gruppenkolonnen durch die Unterstände. Alles Säubern half nichts mehr, und von Tag zu Tag wurde es schlimmer, denn die Läuse werden bekanntlich innerhalb vierund­zwanzig Stunden zu Urgroßmüttern! Sie haben einen verdammten Ver­mehrungstrieb! Und wo sie sich einmal festgesetzt haben, da ist mit seldmäßigen Mitteln gegen diesen Feind wenig mehr zu machen. So also sah diese Stellung aus.

Und nun kam am Nachmittag der Befehl zur Ablösung. Wir sollten uns einige Tage in einem Dors hinter der Front erholen. Auf meine telephonische Anfrage beim Regiment erfuhr ich, daß wir verhältnis­mäßig anständige Quartiere erhalten sollten, und daß bereits überall frisches Stroh angefahren sei, damit die Leute es einmal wieder sauber und nett haben sollten. Na, das konnte ja gut werden! Eine Nacht nur in diesem Zustande in die frischen Quartiere, und sie wären bald genau so verlaust gewesen, wie die Unterstände vorn! Ich besprach mich mit meinen Zugführern, und wir beschlossen, koste es, was es wollte, es nicht dahin kommen zu lassen. Wir mußten noch in der Nacht versuchen, die Kompanie entlaust zu bekommen. Das würde zwar nach den 16 Tagen Grabendienst noch einen tüchtigen Nachtmarsch kosten, aber dann hatten die Leute wenigstens einmal eine Woche Ruhe vor dem Ungeziefer, und die Kompanie würde bestimmt damit zufrieden sein! Aber erst um acht Uhr abends wurde abgelöst, und in der Nacht pflegte keine Entlausungsanstalt in Betrieb zu fein. Was also tun? Die Sanitäter in Dignies würden nicht übermäßig erfreut sein, wenn sie nun noch­mals frisch Heizen mußten, denn das wußten wir aus Erfahrung auch diese Leute hatten, wenn sie auch hinter der Front lagen, keinen leichten Dienst! Wir beschlossen also, daß ich, als der einzige berittene Offizier der Kompanie, hinreiten sollte. Je früher ich hinkam, um so mehr war damit zu rechnen, daß die Sanitäter die Sache noch machen

würden; aber es kam auch darauf an, daß die Kompanie nicht gar zu lange zu warten hatte, sondern möglichst gleich nach Ankunft in Dignies entlaust wurde, damit Zeit blieb, noch in derselben Nacht in die Quar­tiere, die einige Dörfer weiter, in Harnes lagen, zu gelangen. Tele­phonisch wurde durchgegeben, daß mein Bursche meinen Dienstgaul da und dahin bringen solle. Dort raf ich ihn, und bann trabte ich los. Als ich in Dignies ankam, war es fast schon dunkel.

Die Entlausungsanstalt befand sich in einer der großen Kohlen­zechen Das Brausebad der Bergarbeiter war der Mittelpunkt der An­lage. Während die Uniformen und die Wäsche in großen Heißdampföfen desinfiziert wurden, konnte die Mannschaft baden und sich säubern. Die ganze Anlage war prächtig für ihren Zweck geeignet und vorbildlich. Sehr schnell hatte ich mit dem Leiter, einem alten Feldwebel, die not­wendigen Maßnahmen besprochen, seinen erst ein bißchen sauer blickenden Leuten durch eine Rauchmaterialspende und das Versprechen eines guten Trinkgeldes nach vollbrachter Arbeit, den notwendigen Diensteifer beige­bracht, und damit war zunächst alles, was ich tun konnte, erledigt. Nun hieß es warten, bis zur Ankunft der Kompanie. Das konnte noch eine ganze Zeit lang dauern. Drei bis vier Stunden hatte sie von der Stel­lung aus zu marschieren, bevor sie anlangen konnte. Bis dahin mußte ich sehen, wie ich die Zeit totfchlug. Mein Gau! hatte Futter erhalten und war solange versorgt. Ich beschloß, ins Freie zu gehen.

Als ich hinaustrat, war es stockfinster geworden. Nicht die Hand vor den Augen hätte man erkennen können. Vorsichtig, langsam tappte ich die Straße an dem roten Backsteinbau entlang. Da stieß mein Fuß an ein Hindernis. Es war eine kleine Treppe, die zu irgendeiner Türe sichren mochte. Das Tappen im Dunkel war so unangenehm, daß ich beschloß, mich dahinzusetzen und zu warten, bis der Mond herauskam oder bis zur Ankunft meiner Leute. Die Stufen waren breit, und es war ein ganz annehmbarer Sitz, den ich gefunden hatte. Ich machte es mir bequem und begann nachzudenken. Da, plötzlich fragte eine Stimme aus dem Dunkel heraus:

Na, so schwer, Kamerad? Wo kommst du denn her?"

Ich mußte wohl beim Setzen ein bißchen tief eingeatmet haben, daß der Fremde, der da schon gesessen hatte, den Eindruck gewann, daß ich seufzte. Der Stimme nach zu urteilen, mußte es ein älterer Mann (ein. Ich dachte mir, daß es wohl einer der Landsturmleute aus der Ent­lausungsanstalt fein würde, der da im Dunkeln faß und feinen Ge- danken nachhing. Die Stimme klang angenehm, freundlich und inter­essiert, so daß ich ihm gern und willig Auskunft über den Zweck meines Hierseins gab. Ich muhte an meinen Vater denken und an den Vater eines meiner Freunde, der selber Leutnant war, während der alte Herr irgendwo Landwehrdienst tat. Vielleicht war dieser alte Landsturmmann mit der angenehmen Stimme, der da neben mir saß und den ich nicht sehen konnte, auch so ein alter Herr. Hätte ich ihm gesagt, daß ich Leutnant sei, wäre er vielleicht befangen geworden. So hielt ich es für besser, gar nichts zu sagen

Du scheinst ja noch jung zu sein?" klang es aus dem Dunkel.

Neunzehn!" antwortete ich.

Neunzehn Jahre! so alt ist mein Junge auch. Der ist Artillerist unten bei Verdun! Und mein Jüngster ist erst siebzehn, der ist auch schon irgendwo hier draußen!"

Ich berichtete, daß zwei jüngere Brüder von mir auch an der Front seien. Der alte Herr im Dunkel brachte das Gespräch auf die Mütter. Erzählte von Frau und kleiner Tochter in der Heimat, ich berichtete von Mutter und kleiner Schwester.

Plötzlich unterbrach er das Gespräch.Sagen Sie, Sie kommen von der Front. Vielleicht haben Sie Hunger. Ich habe gerade noch ein paar belegte Brote bei mir. Wenn Sie mögen, gebe ich Ihnen gern etwas ab.*

Dankbar nahm ich an, und wunderte mich, daß die Brote in knisterndes, glattes Butterbrotpapier eingewickelt waren. Sie waren ganz friedensmäßig wie zu Hause geschnitten, mit Butter be­strichen und gut belegt, schmeckten ausgezeichnet und meine Sym­pathie für den unsichtbaren, so freundlichen Spender wuchs. Ich bot ihm Zigaretten dagegen. Er dankte und bekannte sich als Zigarren­raucher, mochte aber im Augenblick nicht rauchen.

Das Gespräch ging weiter. Wir tarnen vom Hundertsten ins Tau­sendste. Wie lange die Zeit gewährte, hatten wir beide vergehen. Er hatte erfahren, daß ich als Kriegsfreiwilliger ausgezogen sei, von der Schulbank kam, alter Wandervogel war. Ich mußte ihm vom Wandervogel, von meinen Fahrten erzählen, er berichtete von seinem Hof. Er war Landwirt. Hatte viel Verständnis für meine Ideen. Einer seiner Jungen war vor dem Kriege imJungdeutschlandbund* des Feldmarschalls von der Goltz gewesen. Dann sprachen wir von Literatur. Er erklärte, wohl sich für vieles zu interessieren, aber nicht sehr viel zu kennen. Ich erzählte ihm von Börries von Münchhausen, von den Bayardballaden. Als ich ein paar Verse zitierte, wollte er mehr hören. Dann kam RilkesKornett" daran. Der Alte im Dunkel erzählte von Fontane, der ihn auf seinem Hofe besucht hatte. Sie Zeit verging, wie im Fluge. Da hörte ich im Dunkel marschieren, das mußte meine Kompanie sein!

Ich muß um Entschuldigung bitten!" sagte ich.Jetzt muß ich erst einmal mich um die Kompanie kümmern, aber ich komme dann noch zurück, um mich zu verabschieden."

Ich stand auf und ging der Kompanie entgegen, ließ rühren, Gewehre abnehmen und sagte einem der Zugführer Bescheid, daß er die Leute hineinführen sollte. Dann ging ich wieder, vorsichtig tappend, zur Treppe zurück.

Na", fragte der alte Herr aus dem Dunkel,Sie scheinen ja etwas Besseres zu sein?"

Eigentlich tat es mir leid, daß ich ihm jetzt die Wahrheit sagen mußte. Aber ich dachte mir, daß es den alten Landsturmmann doch vielleicht freuen würde, daß ein Leutnantso nett" zu ihm gewesen war. Einen Augenblick überlegte ich, um meine Antwort so zu formu­lieren, daß der alte Herr nicht verlegen wur-e. Er hatte die ganze ZeitDu" undKamerad" zu mir gesagt, und ich war auf diesen Ton gern und bereitwillig eingegangen.