Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Nummer 58
Montag, den Zü.Iuli
Jahrgang
blindem Marmor, die mit ausgebreiteten Armen unbewegt herniedersah, hatte man einen Schweroerwundeten gebettet, einen jungen Menschen noch, den beim Schanzen eine Garbe des russischen Streufeuers nieder- warf.
Der Soldat wußte nichts von seinem Sterben und schlummerte in den Armen des Geistlichen, der lind und leise aus ihn einsprach, leidlos in die Ewigkeit hinüber.
Doch das Bild des sterbenden Kriegers, in der zerrissenen Erde des Gottesackers, verläßt den Geistlichen nicht, es arbeitet mächtig in ihm und gibt seinem Seelenhirtentum ein Gefühl von Größe und Notwendigkeit, das ihn durchdringt. Wo find die kleinen, bohrenden Zweifel und Anfechtungen der letzten Tage, die flüsternden Versuchungen, sich in Sicherheit zu bringen vor der slawischen Flut? Beschämt und dankbar empfindet der Gottesmann die Erhöhung dieser Stunde, die gnädige Errettung aus unwürdigem Kleinmut. „Tod, wo sind nun deine Schrecken?" Das Lied, von tiefen Orgelstimmen getragen, hüllt sein Denken ein wie ein wärmender Mantel. Er glüht von einem neuen, heftigen Eifer, der sich nach Bauernart hinter einem frohgemuten, tatkräftigen Ernst verbirgt.
Jetzt ergreift er einen Feuerhaken, den ein Soldat gestern in den Pflaumenbäumen des Pfarrgartens hängen ließ, und stochert die schwelenden Balken zur Seite, die den Zugang zur Kirche versperren. Ehe die Feuerschlünde sich drüben beim Russen wieder öffnen, müssen die Kirchenbücher und Dokumente geborgen sein. Bald schwankt das ehrwürdige Gut, Zeugnis über Leben und Tod für eine lange Reihe harter ostpreußischer Geschlechter, in Zeltbahnen und Wachstuchdecken die Treppe herab. Da ist ein Granatloch, die Last sinkt hinein, eine steinerne Grabplatte verschließt den Schatz, die Männer fassen sich bei den Händen und stampsen mit ihren groben Stieseln das aufgeschüttete Erdreich fest, bis es eine lehmharte Kruste wird. Dann stehen sie schweigend, die Stirnen gesenkt, als beteten sie um Auferstehung.
Und wie der Gottesmann den schmalen Kops hebt, da geschieht es ihm, daß ein Strom eherner Laute vom Glockenturm der alten Kirche herniederwallt. Er glaubt an Unfaßbares, an ein Wunder, eine Offenbarung, er will, hineingerissen in einen Wirbel heiligen Erschreckens, hin zum Glockenturm stürzen, da sieht er einen wunderlichen Zug schräg über den Kirchenplatz kommen: Mütterchen sind's im Sonntagsstaat, kleine welke Gesichter unter großen Tüchern — alte Männer dann — drei, vier — ganze Gruppen — schwankend und verbogen unter der Jahre Last, angetan mit dem steifen Schwarz der Konfirmanden, das Gesangbuch unter dem Arm — eine seltsame Prozession von Einsalt und Hilflosigkeit in dieser Umgebung der Zerstörung, nähern sie sich der Kirche mit ahnungslosen Kindermienen und kleinen wippenden Schritten. Da reißt es den Pfarrer zusammen, als träfe ihn Sensenschnitt: ein goldenes Kreuz flammt vor ihm aus und die Erkenntnis: Sonntag ist heute! Er eilt ins Haus und weiß nicht, wie es geschehen ist, daß er plötzlich frisch gekleidet und von einer ungeheuren Leidenschaft der Gegenwart erfüllt, auf der Kanzel steht, in dem hohen Raume, den die Sonne durch gemalte Scheiben brechend, in lange, blumige Streifen zerschneidet Er hört seine Worte aus der Unendlichkeit widerhallen. Ist das noch seine Stimme? U*t) die da unten, seine Gemeinde? — die Flut der dunklen und hellen Gesichter, die an- drängen und ihm entgegenwachsen, die Lieder, auf den Fittichen der Orgelregister, ziehen tönende Kreise um sein Haupt. Er fühlt sich selber Instrument, auf dem der mächtige Atem Gottes spielt. Eine sanfte Helle unirdischen Scheins breitet sich vor seinen Augen.
Wie durch einen Schleier sieht er die Gemeinde sich dehnen, ins Grenzenlose schwellen. Bärtige, graue Feldsoldaten strömen in die Kirche und reihen sich, wändelang, die Hände über dem Helm gefaltet. Chöre tiefer, klangvoller Stimmen, wie Mauern stehend.
Der Pfarrer heißt die Abendmahlgeräte holen, die der Küster im Garten vergrub. Die Soldaten treten zurück und bilden einen Halbkreis um schnell hergerichtete Tische, den Leib des Herrn zu empfangen. Aller Augen sind aus die Tür gerichtet. In der Ferne löst sich ein Schuß. Die Männer stehen und starren auf das zerschossene Portal, durch das eben der hohe Tag mit fliegender Helle bricht.
Wie qualvoll dieses Warten ist! Angst schneidet grell in ihr Bewußtsein. Da stürzen die Abgesandten hervor — ihre Mienen sind bleich ihre Kleider besudelt — so stehen sie vor dem Pfarrer, keuchend, verstört und melden das Unfaßbare: daß die heiligen Geräte verschwunden sind, zerrissen, zerpflügt, zermahlen von den Geschoßeinschlägen der letzten Nacht! * r _
" Der Pfarrer steht inmitten seiner aufgescheuchten, aufgewühlten Gemeinde. Er fühlt aller Augen aus sich brennen, aller Stimmen in sich branden, seine Stirn ist rein ud hell, fest schließen sich die schmalen Lippen, in den weit geöffneten Augen ist ein fernes Leuchten, eine Vision wandelt vor ihm her heilige Gefäße, einer alten Truhe entsteigend, und eine Stimme tönt an sein Ohr: „Gehe, es wird dir alles gegeben." Da schreitet er, mit Schritten, die einem unirdischen Willen
Oftpreußisches Abendmahl 1914.
Nach einer wahren Begebenheit Von E. H. Burg.
Wieder ist ein Sommertag, gewitterschwül und schicksalsträchtig. Es wuchs eine Wolke im Osten und peitschte Blitze über das geduckte Land. Und wie die Wetterwand zerklafste, da zuckte gelbes grelles Licht über Dem Aufruhr der Erde und der Menschen, über Flüchtige, Gehetzte, gepeitschte Wagenzüge, stöhnende Tiere, Irrfahrten in Elend und Heunat- losigkeit. Durch die Nacht flackert Gewehrseuer, Brände lodern am Horizont und sagen: Blut! Glühende Eisenkerne bersten am Himmel und brüllen: Krieg! Glocken gellen und Gebete ringen. Manner stemmen sich gegen Schicksal. Der fahle Mond steht mitternächtig über Graben und Kreuzen, an denen vorbei die Ströme der Flüchtigen vorüberrrnnen weh und wund, heute und morgen. Es gibt nur eine Sehnsucht und die heißt: nach Westen! da ist Ruhe, der Schild, das Geborgensem, vor der Russenflucht. Hart hinter den mahlenden, ächzenden Kolonnen klappen die Hufe der Kosakenpatrouillen. „ t . .... c. „
Am Rande des Verderbens vor den Klauen des vielköpfigen Ungeheuers, das sich zischend durch die Wälder ringelt, zum tödlichen Prankenhiebe bereit, liegt die kleine Stadt, abgeriegelt, abgestorben^Myne sichtbares Leben in sich verkrampft wie ein wundes Tier. Die Meute rusti- fcher Granaten reißt lange Fetzen aus ihren Flanken Wenn sie 'n -nudeln durch die Lüfte ziehen, im dröhnenden Orgelregister, sich heraus- biegend drüben aus den verwaschenen Waldrändern über den dünnigen Wiesen, um die Landstürmer in der deutschen Friedhofsstellung zu suchen, stockt den Zurückgebliebenen, Verstörten, in die Keller Gekauerten der Atem. Erlösung ist es fast, wenn der Donnerkeil lohend zwischen die Häuser fährt und rötliche Trichter über das Pflaster lagt. Nur fruh- morgens in der bleichen Dämmerung, bevor sich der Russe den «ch f aus den verklammten Gliedern geräkelt hat, erwacht für eine hastige Stunde spukhaftes Leben in der scheintoten Stadt. Dann^huschen Gestalten und wispern Stimmen, und Schemen entsteigen den Kellern. Ma und Frauen in Umschlagetüchern — oiel weißes Haar — Treue, cne nicht scheiden kann. Hingabe, Entsagung, Liebe, die sich erfüllen müssen noch den Gesetzen einer inneren Stimme. . .,
Wird heute ihr Geschick sich vollenden? Das Fruhrot ging blutig auf, und die grauen Landsturmleute aus den Graben haben so st lle, ernste Gesichter In den Obstgärten schnattern die Enten m den Stallen brüllt das Vieh. Da schwanken Wassere,mer über die Straße und>Sensen- fchnitt klirrt in den Wiesen. Wem Gott em Amt gab °ar den Mensch n und den Tieren, der soll es auch nicht lassen tn der letzten Stunde Not Der diese Worte sprach, wahrhaft und freudig, aus der tröstenden feier stchen Kraft seiner Seele heraus, der Pfarrer des Ortes, stets ruhig und rauchgeschwärzt vor dem zerstörten Portal seiner Kirche. Er kommt von keinem nächtlichen Rundgang durch die deutsche ^'^dof^tellung w Tod und Leben nebeneinander wohnen, oft nur durch schmal«^rdmauern getrennt. Hinter dem eseuumsponnenen Sockel einer Grabfigur aus
Oer Tod fürs Vaterland.
Von Friedrich Hölderlin.
Du kömmst, o Schlacht! schon wogen die Jünglinge, Hinab von ihren Hügeln, hinab ins Tal, Wo keck herauf die Würger dringen, Sicher der Kunst und des Arms; doch sichrer
Kömmt über sie die Seele der Jünglinge, Denn die Gerechten schlagen wie Zauberer Und ihre Vaterlandsgesänge
Lähmen die Knie der Ehrelosen.
O nehmt mich, nehmt mich mit in die Reihen auf, Damit ich einst nicht sterbe gemeinen Tods!
Umsonst zu sterben lieb' ich nicht; doch
Lieb' ich, zu fallen am Opferhügel
Fürs Vaterland, zu bluten des Herzens Blut
Fürs Vaterland — und bald ist's geschehn! Zu euch Ihr Teuern! komm' ich, die mich Leben Lehrten und Sterben, zu euch hinunter!
Wie oft im Lichte dürstet' ich euch zu sehn, Ihr Helden und ihr Dichter aus alter Zeit! Nun grüßt ihr freundlich den geringen Fremdling, und brüderlich ist's hier unten;
Und Siegesboten kommen herab: die Schlacht Ist unser. Lebe droben, o Vaterland, Und zähle nicht die Toten! Dir ist, Liebes! nicht einer zu viel gefallen.


