Mer den sanbbestreutrn Fußboden zur Tür. Dort legte er die Zeitung in die holzgeschnitzte Zeitungsmappe, durchquerte das Zimmer und setzte sich auf das Sofa.
Sofort wieder aufstehn! befahl die Frau, die erst jetzt inne wurde, daß Gust am Fenster auf dem Stuhl vor ihrer Nähmaschine saß. Aufs Sofa gehöre der Besuch!
,^harr hei sick jo dorhenn selten künnt, gab Willem sitzenbleibend zur Antwort.
Sie wär allerdings mancherlei an ihm gewohnt, zeterte 6te Maurerpolierin, aber solche Flegelei sei ihr doch lange nicht vorgekommen. Im Augenblick stehe er auf und räume Gust — vielmals Entschuldigung! — räume Herrn Rentier Micheelsen den Platz. Aufstchn, oder sie verlasse eilenden Fußes das Zimmer!
„Maak, da du ruutkümmst", entschied Willem.
Hochroten Kopfes verließ die Maurerpolierin das Zimmer.
Als die beiden Jugendfreunde allein waren, begann Gust wieder von dem Schneetreiben draußen zu sprechen.
„Snack feen dumm Tilg!" fiel Willem ihm in die Rede.
Was er damit sagen wolle? verlangte der Zurechtgewiesene zu wissen.
Einfach, lautete die Antwort des Unbeirrbaren. Wenn er bei einem Bau auf dem Gerüst stehe, sei der Schnee, der im März zu spät oder im Oktober zu früh komme, für ihn die wichtigste Sache von der Welt. Jetzt im Januar, wo sie Schicht gemacht hätten und er in der Stube auf dem Sofa sitze, dürfe es draußen schneien, soviel es wolle. Er wisse nicht, was ihm gleichgültiger sei.
Aber deswegen könne man doch mit einigen Watten von dem Wetter reden. Zumal wenn es so ungweöhnlich stark schneie wie heute abend.
llm vom Wetter mit him zu schnacken, sei Gust sicher nicht in die Baracken gekommen, behauptete Willem.
Das klinge beinah, suchte der Bedrängte auszuweichen, als ob er wisse, weswegen er das ein.
Wenn der Has tm Frühling durch den Zaun in seinen Garten krieche, dann wisse er: Salat will der Spitzbub haben. Wenn der Has aber im Herbst seinem Garten von neuem einen Besuch mache, nachdem er sich den ganzen Sommer nicht darum gekümmert habe, dann wisse er: Kohlköpfe in Gefahr! Er brauche also kein gelehrter Professor zu sein, um mit der Brille zu entdecken, was dieser Abenöbesuch auf sich habe.
Es hätte allerdings mit seinem Besuch eine besondere Bewandtnis, mutzte Gust zugestehen.
„Ruut mit’n Lad stock!" kommandierte Willem.
In drei Wochen sei bekanntlich Bürgerausschußwahl —
„Wat heww ick seggt: Kohlköpp söcht bei Haas! triumphierte der Maurerpolier und lachte aus vollem Halse.
Als das Gelächter Willems sich gelegt hatte, eröffnete Gust seinem Jugendaenosien: Nur sie beide kämen als Sieger bei der Bürgerausschutzwahl in Frage. Der dritte Kandidat werde kein halbes Dutzend Stimmen erhalten. Aber wenn seine eignen Aussichten auch viel größer wären als die Aussichten Willems — auf 220 zu 120 werde das Stimmenverhältnis allgemein geschätzt —, ob sie wirklich der Stadt das Schauspiel eines Kampfes zwischen zwei alten Freunden geben wollten? Nein! Nicht wahr? Also liege es auf der Hand, baß einer von ihnen freiwillig zurücktreten müsse.
„Ganz müt Meenung", pflichtete Willem seinem Besucher bei.
Es freue ihn, fuhr Gust fort, daß sie über diese grundsätzliche Frage derselben Meinung seien. Im übrigen bedeute das diesjährige Zurücktreten ja keinen endgültigen Verzicht. Wenn er erst einmal im Bürgerausschuß drin sei, werde er alles daran setzen, daß nächstes Jähr der beste seiner Freunde, baß fein einziger Freund hineinkomme.
„Umgekehrt: Ick warr dorvor sorgn, bat du anner Johr rin- klimmst!" belehrte Willem seinen Jugendfreund.
„Wieso?" fragte Gust, der nicht sogleich begriff.
„Du häst mi doch äbn seggt, bat du vezichten wißt!"
Gust bedeutete seinem Widersacher, daß er sich in einem entscheidenden Irrtum befinde. Gust bat, verlangte, forderte: Verzichten. Gust ließ durchblicken, daß es ihm auf eine Entschädigung — keineswegs jetzt, auch nicht gleich nach der Wahl, sondern wenn die Sache vergessen sei — nicht ankommen solle.
Willem blieb bei seinem: „Giwwt nich!" Willem war allen Gründen unzugänglich. Willem erwies sich für jede Form des Bittens taub. Willem ließ sich auch durch das Angebot der Entschädigung nicht verlocken. Als Gust ihm versicherte, daß infolge seiner angesehenen Stellung in der Stadt jede Gegenkandidatur aussichtslos sei, wieviel mehr die Kandidatur eines Barackenmannes, antwortete Willem: „Wenn öu din Saak sicher büst, wat hett di hierherdräwn?"
Da ging Gust zum Angriff über: Der Freund wolle also den Kampf vor aller Welt?"
„Wenn du nich vezichst, mtttt rot uns rooll bi bei Ohren kriegn!" lachte Willem.
Schön, falls er es nicht anders wolle, könne er den Kampf haben. Aber dann auch den Kampf in der allerschärfsten Form! Wenn es dabei Wunden gebe, so habe er es sich selber zuzuschreiben.
„Man tau!" sagte Willem.
Also, holte Gust aus, nach ben geltenden städtischen Gesetzen dürften nur unbescholtene, selbständige Bürger in den Bttrger- ansschutz gewählt werben. Ein Maurer aber wäre kein selbständiger Handwerker.
Maurerpolier sei er, nicht Maurer! parierte Willem.
„Auch ein Maurerpolier ist kein Meister, sondern ein in fremdem Arbeitsdiensten Stehender, der seine Entlohnung zu derselben Zeit und in derselben Form erhält wie der Straßenkehrer, den niemand für den Bürgerausschuß aufstellen wird."
Die Beamten kriegten ihr Geld genau wie er in regelmäßigen Abständen, verteidigte der Maurerpolier sich, und es seien schon zwei von ihnen in den Bürgerausfchutz gewählt.
„Alle Monat erhalten sie ihr Geld, nicht wie du jede Woche. Niemand darf sie kündigen, was öir Samstag für Samstag passieren kann. Nicht ein einziger in Lohndiensten Stehender befindet sich im Bürgerausschuß."
Dann sei er der erste, meinte Willem treuherzig.
„Das werde ich nicht dulden!" schrie Gust.
Was er dagegen machen wolle?
„Die alten Gesetze sind nicht aufgehoben, also haben sie Gültigkeit. Nach dem Stäbtrecht von 1823 darf nur ein freier Bürger in den Bürgerausschuß gewählt werden, nicht aber jemand, der bei einem Bürger der Stabt in bezahlten Diensten steht. Wenn öu dieses Jahr verzichtest, will ich nächstes Jahr ein Auge zuürücken, und wo kein Kläger ist, da ist bekanntlich auch kein Richter. Wenn du aber nicht verzichtest, dann werde ich das Ministerium durch einen eingeschriebenen Brief auf die Uebertretung der noch geltenden Stadtverordnung Hinweisen, und das Ministerium wirb entweder deine Aufstellung vor der Wahl untersagen oder, falls der Beschluß so schnell nicht herauskommt und du gegen alle Erwartung gewählt werden solltest, hinterher die Wahl für ungültig erklären."
„Wenn du ben'n Angäwer speelst, kriegst bu't mit mi tau daun!" kam Willem nun doch auf seinem Sofa hoch.
„Du hast den Kampf gewollt!" versicherte Gust. „Ich habe dir vorher gesagt, daß es hart auf hart gehen würde."
„Kannst du eegentlich feett Plattdütsch mähr?" wollte der aufgebrachte Maurerpolier Wilhelm Drebitz von seinem in den Baracken Haus an Haus mit ihm ausgewachsenen Jugendgespielen misten.
Das sei ein neuer Grund gegen Willems Kandidatur, trumpfte Gust. Er selber könne allerdings Plattdeutsch und Hochdeutsch. Aber Willem bringe keinen einzigen Satz aus richtigem Hochdeutsch zusammen. Was er mit seinem Plattdeutsch im Bürgerausschuß wolle? Der Bürgermeister und die beiden Senatoren würden ihn auslachen, wenn er zum erstenmal seinen Mund ausmache.
„Tau'n Räden is bei Worthöller bor", erklärte Willem, „un bin'n Awwstimmen isst min Hand nich antauseihn, öb ick nein oder nee segg. Dat Ja is sowieso up Plattdütsch und Hochöütsch gliek."
Stundenlang rang Gust mit seinem Freund Willem um den Verzicht auf die Kandidatur zum Bürgerausschuß. Immer ausschweifender, ungehemmter, heftiger wurden die Worte des Stent« ners aus der Ackerstraße. Immer kürzer, kantiger, knuffiger kamen die Erwiderungen des Maurerpoliers vom Sofa her. Wie zwei Jungen, von denen der eine seinen Gegner wahllos mit Sand, mit Schlamm, mit Dreck bewirft, der andere nur selten mit der Rechten zu Boden langt, dann nach einem Knüppel, einem Kiesel, ja schließlich nach einem Stein sucht und zielt, ehe er zn- wirft, rangen die beiden Männer um den Sitz im Bürgerausschuß.
Als es Mitternacht schlug, waren aus den langjährigen Jugendfreunden zwei Todfeinde geworden.
Ohne Willem die Hand zu geben, ohne ihm auch nur einen Gruß zuzurufen, verließ Gust das Haus in den Baracken, wo er nicht nur kein Verständnis für seine friedlichen Absichten gefunden hatte, sondern angegriffen und verdächtigt, beschimpft und besudelt worden war. Voll Wut über die Dummheit und Verbohrtheit des Zurückgebliebenen, der es nicht bester verdient hatte, als daß er noch immer um Tagelohn in fremden Diensten stand, warf er die Flurtür mit einem Knall hinter sich zu.
„Watt hewwt ji anternanner haft?" schoß eine Minute später, von dem Knall aufgeweckt, die Manrerpoliersfräu, angetan mit Nachtjacke und Nachtmütze, ins Zimmer.
„Nix, wat Fruugslüüd angeiht!" antwortete Willem.
„Wedder Politiik?" kreischte die Nbgewiesene.
„Scheer di inst Bett!" besah! der Maurerpolier.
Die Angeschriene wußte, daß es gegen dieses Kommando keine Auflehnung gab, wenn sie sich nicht der Gefahr aussetzen wollte» daß der Mann auf dem Sofa, der ihr augetrauter Manu war, sich im nächsten Augenblick zur Erde bückte, seinen Holzpantoffel ergriff und in die Richtung warf, wo sie staub. Sie sagte also kein Wort mehr, nicht einmal: „Good Nacht!" oder gar: „Kümmst du ook bald?" Als ob nicht sie, sondern ihr Geist im Zimmer gewesen wäre, verschwand sie so leise wie nur möglich hinter der Tür zur Schlafstube.
Eine Weile blieb Willem brütend auf dem Sofa sitzen, bann schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß die Kuppel der Petroleumlampe klirrte, sagte: „Nu grad, Gust!", stand auf, ging in die Kammer und kroch zu seiner schlafenden Frau inS Bett.
Als Gust durch das Schneegestöber, das nun in der Tat so dicht geworden war, daß er kaum noch feine armlang vom Leib fort- gehaltene Hand hätte sehen können, aus den Baracken zu der Äckerstraße feinen Weg gefunden, sich durch Trampeln, Armschlenkern, Klopfen gesäubert und in das Schlafzimmer des ersten Stocks begeben hatte, lag Rikelchen, seiner wartend, noch wach tm Bett.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


