nach »em schweren Tagewerk zum Feierabend, zum Wem. Dre Mädchen standen an den Brunnen, die Schöpfräder kreischten, die Hunde bellten, die Kinder schrien und tobten, auf dem Rhein zog ein Schiff langsam stromabwärts und die Schiffer sangen laut und fröhlich. . __ i a.
Dem Maler wurde unendlich wehmutig zu srnn. Sein Herz zog sich zusammen, wenn er an die leere weihe Wand im Münster dachte, an die vernichtete Maria und an den langen Traum, den er von Erfolg und Glück gehabt hatte. .
Alles vergeht, — dachte er schmerzlich, alles strrbk. Er blickte von der Umwallung gerade auf Barbaras Haus. Die Güfichcn waren so schmal, dah die Katzen von einem Dach zum andern springen konnten. Lange sah er einer schneeweißen, kleinen Katze zu, die aus Barbaras Dach saß und sich zierlich putzte. Ich habe sie fortgeschickt, — dachte er traurig, und einen Augenblick empfand er so heftige Reue darüber, daß er am liebsten fortgestürzt wäre, um sie zu sehen, ihr zu sagen, daß er Unrecht gehabt habe, daß er sie liebe, sinnlos und ewig. . „ ,
Die Nacht brach langsam hetcin. Der Hohenzug de» Wasgen- waldes hing nur noch wie ein Vorhang am Horizont, der Nachtwind blies ihn erschauernd an. Und wieder fühlte er für einen Moment die Berührung einer knochigen Hand, kalt nnd hart, rote die des Todes. . o
Und während er daran dachte, trat plotzltch dte Vtston eines grandiosen Bildes vor seine Augen: wie Papst und Kaiser, Ritter und Frau hinter dem Engel des Todes herschreiten müssen, wie sie sich sträuben und mit erschrockenen Augen auf den Unerbittlichen sehen und wie sie ihm allesamt folgen müssen, alle, alle.
Schongauer atmete tief auf. Er belebte die weiße Wand mit seinen Gestalten, dem weißen Engel mit gelbem Heiligenschein, der verschlossen v»r sich hinsah. Seine Augen waren streng, das Kinn spitz, ... überlebensgroß und furchtbar sollte er sein, und er hielt den Papst an der Hand und den Kaiser mit der goldenen Kaiserkrone und zog sie hinter sich her und beide gingen mit demütigen Gesichtern dem Tod ergeben. ,
Der Maler sprang auf. Er wollte in das Münster stürzen, um die Arbeit zu beginnen. Aber eö war Nacht geworden. Er mußte bis zum Morgen warten. Er fetzte sich auf die Mauer, die steil hinunter in den Abgrund führte und sah auf die Häuser hinab, auch auf das Haus Barbaras, aus dem jetzt Licht guoll.
Tief, tief ging es hinab zu dem Haus. Er erschauerte. Er sah sich stürzen, herabstürzen, mit flatternden Haaren und wehendem Mantel, kopfüber in die Tiefe, rote in den Höllenpfuhl.
Und ein neues Bild zuckte durch fein Gehirn. Das würde das Bild auf der andern Wand werden, der Höllensturz der Verdammten, wie sie mit verkrampften Leibern in die Tiefe stürzten, nnauf- haltsam, und wie die Teufel über sie herfielen nnd mit glühendxn Zangen und schrecklichem Folterwerkzeug die Menschen grausam für ihre Sünden quälten.
Aber auf der dritten Wand sollte Christus thronen, mtld rote ein Licht, sanft und freundlich. Engel sollten zu seinen Füßen sitzen und silberne Wolken um feine Schultern rochen.
Er konnte es nicht erwarten. Er klopfte den Meßner heraus, der schon im Begriff war, zu Bett zu gehen, ließ sich eine Fackel reichen und war so eilig und aufgeregt, daß der verwunderte Mann alles herbeiholte und stumm daneben stand, wie der Maler auf das Gerüst stieg und mit einem Matz in der Hand die Größe der Figuren festfetzte und mit Strichen anmerkte.
Endlich ging er mit einem Kopfschütteln.
Schongauer stieg vom Gerüst herab. Er wickelte sich tn den Mantel und legte sich auf einer der Kirchenbänke zur Ruhe. Langsam glühte die Fackel aus Der Maler sah in die verglimmenden Funken und schaute mit brennenden Augen in die langsam her- anwoqende Finsternis.
Ach, was bedeutete Leben, Liebe, Wein und Frauen. Alles war Vergänglichkeit. Wichtig allein war das Werk, wichtig war, daß es bestehen blieb, wichtig war, daß er, Schongauer, malte, ein kleiner irrender Mensch, der unter seiner Sünde litt. Jahrhundertelang sollte cs dastehen, das allein war wichtig. Und mit einem verlorenen Lächeln auf dem Gesicht schlief der Maler ein.
Griechischer Trühlmg.
Von unserem ständigen C. K.-Berichterstatter. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
Athen, Ende April 1934.
Kälte und Frieren, das gibt es nicht nur in unserer lieben Heimat, das kann man noch viel besser und mehr im sonnigen Süden erleben! Wer einen Winter in Athen und' im schönen Griechenland verbrachte, der wird die erstaunliche Feststellung-gemacht haben, noch nirgends so wie gerade hier gefroren zu haben, so unwahrscheinlich das auch klingen mag. Sonne und Süden schützen nicht immer vor Kälte und Frost! Die Luft ist fo dünn, und die Winde wehen so scharf, daß sie selbst durch die dickste Kleidung dringen. Noch gehören die mollig durchwärmten Stuben zur Seltenheit, nur die Erbauer der neuen Häuser denken an die Tücken des Winters, nirgendwo kann man sich recht erwärmen. Und erst aus dem Lande! Selbst im Hochgebirge mit monatelangem Schnee kennen die meisten Häuser keine Kefen, man fitzt zähneklappernd und knieschlvtternd um den berühmten Mangal, das Feuerbecken, herum, das spärliche Wärme spendet, dafür mit ziemlicher Sicherheit aber Ucbelkeit und Kopfschmerzen verursacht.
Kein Wunder, roenn man sich auch in Griechenland nach dem holden Frühling sehnt, ibn ebenso verlangend herbeiroünfchk wie bei uns. Und vielleicht hier noch virl mehr. Denn der Grieche liebt das Leben im Freien, er ist nicht so eng mit dem Haufe
verbunden, nicht so aus das Heim angewiesen rote wir im Norden. Das Leben des Südens spielt sich mehr aus der Straße ab, auf der Plateia (Platze), vor dem Kaffeneion (Kaffeehaufe), hier kann man, von der belebenden Frühlingssonne.warm beschienen, stundenlang sitzen und träumen und es sich wohl ergehen lassen. _
Griechischer Frühling, welch ein Zauber verbirgt sich in diesen beiden Worten! Alles erscheint noch schöner, als es sonst schon tn Griechenland ist. Die düsteren Landschaften des Winters, in die weder die Menschen, noch ihr Wesen hincinpassen, die dem Ganzen eine dunkle, tragische Stimmung verleihen, haben sich in lachende, lichte Fluren verwandelt. Das duftet und summt über den Wiesen und Auen. Wie träumt es sich so süß, hier unter den rauschenden Zweigen des Jahrhunderte alten Oelbaumes zu liegen. Dte npaj wilde Sonne lugt durch das dunkle Grün seiner leise raschelnden Blätter, rings um den Träumenden ein prächtig gefärbter Blumenteppich, der fleißig von einem Heer von Bienen und Käfern besucht wird, während aus den Zweigen des knorrigen blühenden Baumes ein sanftes Summen erklingt, das auf einen ebenfalls geschäftigen Betrieb in der Höhe schließen läßt.
Blühen und Blumen überall. Die im Wtndc fächelnde Palme schlägt neu aus, die neuen Blätter zwängen sich schüchtern ans ihrer Krone hervor, ein süßlich starker, weithin verspürbarer Duft kündet die Nähe von Orangen- und Zitronenhainen, rote frischer Schnee stehen ihre Blüten in den grünen Zweigen. Ans den Zt- tronenbäumen hängen noch zwischen den Blüten die schönen, vollen Früchte, goldgelb überflutet — aus der Ferne und von der Hohe gesehen, beherrscht so ein Zitronenhain die ganze Landschaft. Dazwischen das tiefe Dunkelrot der Juöasbäumc (bot. Circis) und das frische Gelb der Ginsterbrische; Pistazien- und Johannesbrot- bäunte mit ihrem saftigen Laubwerk vervollständigen das einfache, aber fo farbenprächtige Bild. Die immergrüne Zypresse zeigt einem Gottesfinger gleich majestätisch mit ihrem dunklen, fast fchwarzen Grün über alle anderen Bäume hinweg gegen den blauen Himmel, gibt der Landschaft das vollendete Bild des von uns Nordländern so gern erträumten sonnigen Siidens. Dazu die zackige griechische Küste, der weiße Meercssand oder der braune Fels, die sich wett hinaus in das unendliche Meer ziehen, aus dem hier und dort in iveiter Ferne, wie von einem leichten Schleier umgeben, die griechischen Inseln gleich schönen Wassernixen ragen. Weißer Milchschaum krönt die Wogen, und zu dem Dufte der blühenden Natur gesellt sich harmonisch das Rauschen der sich am Strande brechenden Wetten, das Knirschen der kleinen Kiesel, die an der Grenze von Wasser und Erde, von Meer und Festland auf und ab sich bewegen, bis sic vielleicht in Jahrmillionen einmal mit den Muscheln verwischt ein festes Gestein bilden, wie wir es beute in Olympia finden, wo jene göttlichen Ruinen durch Menschenhand aus Muschelkalk entstanden, der auf etwa acht Millionen Jiahre in unsere Erdgeschichte zurückweist. „ , t . tl ,
Wandert man durch die Gefilde, überall finden wir die beglückende Früblingsstimmnng. Das Getreide steht schon hoch, rote ein wogendes Meer bewegt der Wind die Halme durch die Felder, ihr Rauschen wetteifert mit dem, das herauf klingt von den Ufern der See.
Man stelle sich ein grünes Feld vor, durch das der rote Mohn hindurchluat und beim leisen Winde das feurige Not plötzlich das Ucbergewicht über das saftige Grün gewinnt, so daß es sich aus- nimmt wie eine blutende Landschaft. Und das feine Empfinden der Volksseele ersann sich eine hochpoetische Auslegung dieses Ge- schcbniffes: Sind doch die Mohnblumen der ihre Tochter in allen Landen suchenden Demeter geweiht: es sind die blutigen Tränen dieser Göttin, die sie auf der schmerzvollen Suche nach dem ihr geraubten liebsten Wesen, nach ihrem Kinde, das im dunklen kalten Hades znriickbehalten wurde, vergoß. Aus jedem Tränentropfen ersprotz eine rote Mohnblume,' diese heiligen Muttertränen sind's, die aus den Federn äugen und von dem tiefverwnndeten, zerrissenen und liebenden Mntterherzen zeugen.
Aus dem grünen Rasenteppich aber, stehen Millionen von weißen BliUcnköpfchen. Da packt es einen unwiderstehlich, wie den Fischer in Goethes Gedicht, da will man sich hineinroeifen in den unendlichen Wiesenteppich, mit den schneeweißen Blumensternen der Margueriten und den balsamisch duftenden Kamillen. Und liegt man dann unter ihnen am Boden, kann man mit der Hand liebevoll ihre Köpfchen streicheln, und wölbt sich über einem der griechische Himmel mit feinem intensiven Blau, dann sucht man das Land der Griechen nicht mehr mit der Seele, dann haben Herz und Gemüt es gefunden!
Und während unter uns die schäumende Flut des Meeres rascht, um uns die wogenden Felder wispern, ragen wie Niesen die Berge in den Horizont: der Parnaß und die Kyllenc, in weiter Ferne der Olymp und der Kissavos sind tief in schneeiges Weiß gehüllt, noch biS tief in den Sommer hinein schmücken sich ihre himmelstürmenden Gipfel mit frischem Schnee.
So ist ein Friihling in Griechenland für den Fremden ans dem Norden ein Ereignis, ein Geschenk wohlgesinnter Götter, eine für das ganze Leben unauslöschliche Erinnerung. Die harzduftenden Pinienwaldungen. der mit den braunen, von der Sonne gedörrten Nadeln bedeckte Boden, der eine eigenartige, woblige Wärme ans- strahlt, sind das charakteristische Zeichen der griechischen Landschaft. Fast von jedem Beraeshang, von jeder Waldlichtung hat man einen Blick auf das glitzernde Meer, das mit dem blauen Himmel und der im Jugendschmuck des Frühlings prangenden Erde um die Schönheitspalme ringt.
Ein luftiges Gesumm und Gebrumm geht durch den Pinienwald: die Insekten, die in der warmen Sonne spielen und sich mitfreuen an dem überall wiedererwachenden Leben. In den Büschen und an den Mauern huscht lautlos die grün schillernde Smaragdeidechse dahin, sich immer mit ihrem Köpfchen und ihren


