Ausgabe 
30.4.1934
 
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SiehenerKmiilieubMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <934 ____________ Montag, den 3«. April____________________ Nummer 33

An den Mond.

Von I. W. von Goethe.

Füllest wieder Busch und Tal

Still mit Ncbelglanz, Lösest endlich auch einmal Meine Seele ganz,'

Breitest über mein Gefild

Lindernd deinen Blick, Wie des Freundes Auge mild Ueber mein Geschick.

Jeden Nachklang fühlt mein Herz Froh und trüber Zeit, Wandle zwischen Freud und Schmerz In der Einsamkeit.

Fließe, fließe, lieber Flutzl Nimmer werd ich froh, So verrauschte Scherz und Kutz, Und die Treue so.

Ich besaß es doch einmal, Was so köstlich ist!

Daß man doch zu seiner Qual Nimmer es vergißt!

Rausche, Fluß, das Tal entlang,

* Ohne Rast und Ruh, Rausche, flüstre meinem Sang Melodien zu.

Wenn du in der Winternacht Wütend überschwillst, Oder um die Frühlingspracht Junger Knospen quillst.

Selig, wer sich vor der Welt Ohne Haß verschließt, Einen Freund am Busen hält Und mit dem genießt.

Was, von Menschen nicht gewußt Oder nicht bedacht,

Durch bas Labyrinth der Brust Wandelt in der Nacht.

Oer Maler und der Totentanz.

Von MaröStahl.

> Zum Münster auf dem Berg führte der Weg zwischen den Mäuerchen der Weingärten empor. Der Maler Schongauer liebte diese gewundene Straße, an der Heiligenbilder standen; ein großer kniender Engel aus rotem Sandstein hatte es ihm besonders an­getan. Er stand lange davor und freute sich der sanften Rote, 6te aus dem milden Stein strahlte und des versunkenen Ausdrucks des Engels, der mit zusammengelegten Händen zugleich in sich hinein und über das weite Land zu schauen schien.

So fromm müßte man sein, dachte der Maler und lüftete ehrfürchtig das Barett, ehe er weiterging. Mit einem trefen Seuf­zer dachte er der vergangenen wilden Nacht. Der Kaiserstühler Wein war schuld, es stieg so viel Glut aus diesem Wein, der auf vulkanischem Boden gewachsen war.

Bevor er durch das Portal schritt, machte er 6tc Runde um das Münster. Der Rhein schien geradeswegs schäumend auf die Stadt Breisach zuzufließen. Grün wie Glas wogte er durch die Ebene, die zärtlich von den Bergen des Schwarzwaldes und den Höhen der Vogesen eingefaßt war. t , ... .

Schongauer atmete tief auf. Was hatte er doch für eine herr­liche Heimat! Gab es noch etwas Lieblicheres, als diese Ebene, diesen wunderbaren jungen Fluß? Er begriff auf einmal seine Sehnsucht nach Welschland nicht mehr. Es war unrecht von ihm, unzufrieden zu sein. Lange stand er da, andächtig und stumm, eine der schönsten Landschaften der Erde zu seinen Fußen, und fühlte sich eins mit dem Boden, dem er entsprossen war.

Das Klappern eines Frauenschuhes weckte ihn aus seiner Ver­sunkenheit. Er drehte sich hastig um und sah Barbara auf sich zu­

kommen. Alles Blut schoß ihm zum Herzen. Da kam also wieder Barbara, mit ihren rauschenden Kleidern, mit den merkwürdig fliehenden Augen, die nie einen Blick voll und ganz zurückgeben konnten, mit diesem lächelnden Mund, mit dem herrischen Kinn, eine Frau zum Fürchten, fand der Maler plötzlich.

Die Erinnerung an den vorigen Abend fiel über tHn her, bre Trunkenheit, aus Liebe und Wein gemischt, Heimlichkeit und Sündhaftigkeit, diese Frau zu lieben, die einem anderen gehörte.

Sie kam so nahe auf ihn zu, als wollte sie ihn küssen, er trat erschrocken einen Schritt zurück. Das Lächeln um ihren Mund vertiefte sich. Sie sprach kein Wort, sie stand nur stumm und ganz dicht vor ihm, wenig nur war ihr Kopf von seiner Brust entfernt.

Sie stand ganz still und wartete auf das, was er tun würde. Schongauer räusperte sich,Barbara," sagte e# es klang rauh, Barbara, wir wollen uns nicht mehr sehen, hörst du, Barbara?

Sie lächelte, als glaube sie ihm nicht. Etwas spöttisch und über­legen sah sie aus, seiner zu sehr gewiß. Schongauer stöhnte. Er sah über die Brustwehr hinab auf das wirrgebaute Städtchen, auf die Ebene, die noch unter dem zarten Dunst des Frühnebels lag. Lebewohl, Barbara," sagte er plötzlich hastig,vergiß mich!"

Er wandte sich um, ohne sie anzusehen und lief fast davon. Sein blauer Mantel rauschte hinter ihm her wie eine Fahne. Der Wind fing sich darin und bauschte ihn, es war ein schönes Bild, das lichte Blau vor der hellen Weite der Landschaft. Es sah lustig aus, rote der Mantel im Morgenwind flatterte, fast als ob es zum Tanz ginge, und auf einmal fühlte Schongauer sich angepackt und hatte das Gefühl, irgend jemand hielte ihn fest und für einen Augen­blick glaubte er den Druck einer Knochenhand zu spüren. Er schaute sich entsetzt um, er war allein, auch Barbara war fort, wie in die @röe gesunken, einen Zipfel ihres roten Kleides glaubte er noch um die Münsterecke wehen zu sehen.

Bedrückt trat er in die feierliche Stille des Munsters, hängte den blauen Mantel sorgfältig an einen Haken und schlüpfte in den kalkigen Malerkittel. Während er ihn schloß, betrachtete er von unten her das große Wandgemälde, an dem er nun schon Wochen ohne sonderliche Lust arbeitete.

Mit hängenden Armen schaute er die Figur der Gottesmutter, wie sie da im faltenreichen, roten Gewand thronte und das vor­geschobene Kinn, die unsteten Augen jagten ihm einen leisen Schauder durch die Glieder. Er kniete auf den Boden nieder, legte die Hände vor sich auf die Knie, und schaute seine eigene Arbeit an wie etwas Fremdes und längst Vergangenes. Es ging kein Segen von dem Lächeln dieser Maria aus, es war kühl und spöt­tisch, es war weder die Fröhlichkeit einer jungen glücklichen Mut­ter darin noch die weise Güte einer Frau, die viel erlitten hat und noch viel leiden wird. Es war das Lächeln einer Kurtisane.

Schongauer erhob sich langsam, ging mit schweren Knien zu dem großen Bottich, der mit Kalk und Kreide gefüllt zwischen Pinseln und Leitern stand, füllte ein Schöpfgefäß mit der Tünche und stieg die Sprossen zu dem Gerüst empor.

Mit schweren, breiten Pinselstrichen begann er die Gestalt der Maria zu übermalen, das wallende Gewand, die Arme, die bas heilige Kind hielten, den Rosenbaum, der über dem Haupt der Madonna strahlte, und dann das Gesicht selbsi. das spöttische, lächelnde, unfromme Gesicht, von dem so viel Verwirrung aus­ging und soviel Ungüte. , .L . ,

Es war eine riesige Wand, und der Maler arbeitete lange. Dte Sonne siel schräg durch die buntglühenden Fensterscheiben, ehe die Wand rein und weiß dalag, wie mit frischgefallenem Schnee bedeckt. Der kleine Malerbub, der vor einigen Stunden gekommen war, um dem Meister bei der Arbeit zu helfen, sah mit verstörten Augen dem emsig arbeitenden Mann zu und scheute sich, ein Wort an den Meister zu richten, der schweigend und entschlossen sein Verntch- tunaswerk beendigte. . Qr .

Endlich seufzte Martin Schongauer tief auf, ließ den Arm, 6er stcjf von der Arbeit war, sinken und betrachtete die weiße, trost­lose Fläche, die ihn wie ein Vorwurf anstarrte.

Wortlos stieg er vom Gerüst, gab Pinlel und Eimer dem Jungen, legte den weißbespritzten Kittel fort und warf den ^^AiU dem Rundgang vor dem Münster atmete er tief die Abend- luft ein. Die Berge des Schwarzwaldes traten intensiv hervor, ganz fern funkelten die Gletscher der Alpen herüber und über den Vogesen ging die Sonne unter. Zwischen den violetten Bergen blinkte golden das letzte Licht herüber.

Es war nichts mehr von der weihevollen Morgenfrühe zu spu­ren, das Gesicht des Städtchens hatte sich verändert, e» pulsierte von Leben. Die Essen rauchten überall, denn die Abendsuppe wurde gekocht, und in den Schenken wurde es lebendig. Die Leute gingen