Das Wasser.
Von Friedrich Schnack.
Der Abend kommt, die Wolken fahlen eisern, Am Kamm der Wald steht wie gestichelt Haar. Der Hügelwind knarrt in den Buchenreisern Und fegt den Mond wie eine Scheibe klar, Das Wasser aber aus den Felsen fällt Von einer in die andre Welt.
Das Haus taucht tief in seinen Erdenschatten, Traumwurzeln treiben ihre Sprossen aus, Wie milchbegossen dämmern junge Matten, Einsamen Fluges schwirrt die Fledermaus. Das Wasser aber auf den Felsen fällt Von einer in die andre Welt.
Nachts steh ich aus und spähe nach dem Wilde, Das gern vom Walde tn die Wiese tritt: Die Erde glänzt in ihrem Sternenbilde, Mein Herz erglüht und leuchtet irdisch mit. Das Wasser aber auf den Felsen fällt Von einer in die andre Welt.
Die Bäume finstern unter ihrem Laube, Kein Lebensatem zittert durch ihr Holz Die Blätter sind bemehlt vom Totenstaube, Und schwarze Nacht aus ihren Adern schmolz — Das Wasser aber auf den Felsen fällt Von einer in die andre Welt.
Das Wild kommt nicht, ich spähe eine Stunde. Ein Vogel höhnt mich fern im Dunstgespinst. Die Sterne tun wie Wächter ihre Runde, Ich ahne fröstelnd ihren hohen Dienst.
Das Wasser aber auf den Felsen fällt Von einer tn die andre Welt.
ßtif regnet Schuhe.
(Ein Erlebnis in Honduras.
Von Thomas Kamppen.
Ich weiß nicht, wie lange ich schon auf der Bananenfarm in Honduras (Mittelamerika) gearbeitet hatte, einem weltvergessenen Ort, meilenweit von jeder Ansiedlung entfernt, jedenfalls war es eines Tages mit meinem einzigen Paar Schuhe zu Ende. Neue Schuhe in Puerto Cortez zu beschaffen, hatte ich keine Zeit. Der Kauf hätte mich einen Weg von vier Tagen gekostet. Ich muhte also nach Hause schreiben. Aus Vorsicht bestellte ich gleich zwei Paar. Meine alten reparierte ich, so gut es ging. Eleganz war ja nicht nötig. Es dauerte sieben Stunden, da hatte ich sie mit einem Stück Treibriemen und abgekniffenen Kistennägeln wieder brauchbar hergerichtet. Sie hielten, aber nur bis zum nächsten Regen, der bei uns allererste Tropensorte war. Ich ritt abends aus meinem Esel aus die Farm zurück, und es wäre alles noch gut gegangen, wenn ich nicht einem betrunkenen Indianer begegnet wäre, der seiner Stimmung in schönen lauten Liedern mit Topfdeckelbegleitung Luft machte. Das vertrug mein Esel nicht. Wie gestochen rannte er nach Hause — aber ohne mich, denn mich hatte er vorher in den Stratzen- schlamm geworfen. Straßenschlamm — nun, das ist, was wir hierzulande ein Moor nennen. Wie ich dann noch heimgefunden habe, weiß ich nicht mehr. Aber wie ich aussah, nachdem ich stundenlang durch sine Landstraße in Honduras zur Regenzeit gewatet war — das brauche ich wohl nicht zu beschreiben.
Meine Schuhe erkannte ich am andern Morgen nicht wieder. Sie waren Lehmklumpen geworden. Ich weiß nicht, wie oft ich schon Lee gebeten hatte, mir Schuhe mitzubringen. Er kam oft nach Puerto Cortez. Aber er war ebenso vergeßlich wie Harry, der mir schon dreimal das gleiche versprochen hatte, ohne es zu halten. Nun saß ich da mit meinen aufgelösten Tretern und mußte versuchen, sie wieder zusammenzuleimen. Jede freie Minute widmete ich meinen Schuhen.
Eines Sonntags — es gibt himmlisch ruhige Sonntage in Honduras —, als alle meins Begleiter auf die Jagd geritten waren, baute ich die Schuhe vor mir auf einen Tisch aus und betrachtete sie aus dem Schaukelstuhl durch den Rauch einer guten Zigarre. Sie hatten sich recht verändert. Zur Hauptsache bestanden sie aus Fliegengaze und Bandeisen. Länge und Breite waren nicht mehr zu unterscheiden. Das Oberleder war mit dreifachem Trompetenblech gegen Bruch gesichert. Sohlen, Gelenk und Absatz waren eine schöne gerade Fläche, etwa fünf Zentimeter dick. Es war eine Freude, sie anzusehen. Aus Uebermut ließ ich mir von Schneewitt — so nannten wir unseren indianischen Hausdrachen, weil er stets unsere Siebensachen gebrauchte — Putzpomade und Twist bringen. Ich wienerte die Schuhe wie meine Mutter zum Sonntag ihre messingne Herdstange.
Es kümmerte mich nicht, daß das Telephon seit fast zwei Stunden ununterbrochen läutete Der Kerl konnte morgen wieder anrufen, heute ging mich das Geschäft nichts an Als er aber gar nicht aufhörte, schickte ich zuletzt Schneewitt an den Apparat. Sie kam sofort zurück, es würde englisch gesprochen. Da ging ich hin. Am andern Ende fluchte ein Ameri
kaner daß die Membrane dröhnte. Nun, damit konnte er nur nicht kommen, ich habe drüben viel gelernt. Zum Schluß donnerte ihn ihn nur noch an: „Wenn sich hier nächstens nach zweimaligem Anruf niemand meldet ist keiner zu Hause, verstanden?" Er war klein geworden und sagte nur noch: „Absolutely, Madam. Aber sagen Sie bitte dem Deutschen dort, daß er sich seine Schuhe abholen kann.
J Da hatte ich's! Es war so ein echter mittelamerikanischer Laden, m dem an alles kaufen kann, auch Schuhe. Ich hatte ganz vergeben, daß ick, dort vor zwei Wochen angerufen hatte. Meine Schuhgröße war nicht am Lager gewesen, aber man wollte sie für mich kommen lassen. Und """Fü/'heute^war es zu spät. Der Laden lag immerhin dreißig Kilometer entfernt, und mein Esel war faul.
Aber am Montag machte ich mich frei. Es regnete wieder, und die Straßen waren knietiefe Schlammflüsse. Ich kam nur langsam weiter und war gegen Abend todmüde, als ich, noch weit vom Z'el, vor der Hütte eines Indianers abstieg, wo ich die Nacht zu bleiben hoffte. Weil ich für einen Esel viel zu groß bin, hatten meine Beine fast immer unter dem Leib des Tieres gebaumelt. Jetzt waren sie von einer dicken Lehmkrufte eingehüllt und sahen aus wie Pferdebeme. Ich konnte mich kaum bewegen, war aber viel zu faul, um mich erst zu reinigen. Ausgehungert sank ich in der Hütte auf eine Bank nieder und bat um Essen.
Aber mit den Leuten stimmte irgend etwas nicht. Die ganze Familie, Großmutter und Kinder eingeschlossen, drängte sich flüsternd in einer Ecke zusammen und sah scheu zu mir herüber. Verdammt, glaubten die, ich würde mit der Zeche durchbrechen? Ich schmetterte ein Geldstück auf den Tisch. Und schließlich brachte mir die Aelteste eine Schussel mit Frisches, den ewigen Bohnen. Daneben stellte sie eine Muttergottes aus Gips. Da konnte mir also nichts Schlimmes geschehen. Ohne mich weiter um die Leute zu kümmern, ah ich die Bohnen auf. Aber das entsetzte Starren und das heimliche Geflüster wurde auf die Dauer unheimlich. Was hatten die Degos nur? Am liebsten wäre ich weitergeritten, ich war nur zu müde. , m , .. ,
Das einzig Heitere im Raum war ein Baby, das sich vergnügt kreischend mit dem Hausschwein am Boden wälzte. Ich humpelte zu dem Kindchen hin, irgendwie muhte man den Leuten doch näherkommen können tätschelte es freundlich, machte der Mutter ein Kompliment über ihr entzückendes Jüngstes. Aber alle sahen mich an, als ob sie fürchteten, ich würde es fressen. . v m ... .
Nun ist mein Spanisch gewiß mangelhaft und in dem Bemühen, die Leute für mich einzunehmen, schwätzte ich ohne Ueberlegung darauflos. Aber ich wurde immer erregter, und schließlich fehlten mir die gewöhnlichsten Vokabeln. Ich stotterte und mußte die Hände zu Hilfe nehmen, um mich nur verständlich zu machen. „Das Kind ist wirklich reizend , sagte ich, „ich liebe Kinder." Aber die Indianer blickten nur noch entsetzter. „Zu Hause habe ich einen Freund", redete ich ausgeregt und immer schneller weiter, „der hat schon sieben Kinder. Alle sind entzückende Gören und sein Aeltester ist auch schon so groß —"
Da, die Alte raffte sich zu einem Schreckensschrei auf: „Er spricht vom Menschen wie vom Pferd!" v K
Verdammt, daran hatte ich natürlich nicht gedacht! Man darf dort keinen Menschen mit waagerechter Hand bezeichnen, denn das bedeutet Unglück Will man die Gröhe eines Kindes angeben, so muh die Hand im rechten Winkel zum Unterarm halten und die Fingerspitzen nach auswärts zum Himmel richten. Nun war auf keine Sympathie mehr zu hoffen.
Ich stand schwerfällig auf. Aber da begann die Alte wieder zu schreien: „Seht, die Pferdefüße, den langen Schwanz, er ist der Teufel!" Sie hielt mir ein Kruzifix vors Gesicht Die Aelteste schlich sich hinter mich und riß das Baby von meiner Seite. Dann drückten sich alle auf Zehenspitzen an der Wand entlang und rannten aus der Tllr.
Nun war die Reihe an mir, entsetzt zu sein. Pferdefüße? Ja, die paßten auf jeden Steckbrief. Aber Schwanz? Ich sah mich um. Wirklich. Da hatte mir Schneewitt in ihrer heiteren Art den Schwanz von der am letzten Samstag geschlachteten Kuh hinten an den Gürtel gebunden, und ich hatte es nicht gemerkt. Na warte, Schneewitt, wenn ich nach
Hause komme!
Wütend ritt ich weiter. Aber mein Esel hatte keine Lust mehr und warf mich nach einer Viertelstunde ab, ausgerechnet auf einer Brücke. Ich selbst konnte mich zwar noch am Geländer halten, aber mein einziges Paar Schuhe rutschte dabei in den Fluß. Nun war alles aus.
Nicht weit lag eine Finca, ein Gut. Barfuß zog ich das Biest dorthin. Der Farmer, ein Spanier, schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Wissen Sie denn nicht, daß es hier von Giftschlangen wimmelt?" O ja, ich wußte es wohl, aber mir war nun alles gleichgültig geworden.
Als ich ihm meine Geschichte erzählt hatte, grinste er und sagte: „Man soll doch nie auf die Frauen schimpfen." Was er damit meinte, verstand ich erst, als^'er mir zwei Paar neue Schuhe schenkte. Seine Frau hatte sie ihm aus den Staaten mitgebracht, aber eine Nummer zu groß genommen. Mir saßen sie wie angemessen.
Bis zum nächsten Tage war ich sein Gast. Ich muß sagen, daß ich in der Nacht drei-, viermal aufftanb, weil ich nicht glauben konnte, daß meine Schuhsorgen nun vorbei sein sollten.
Aber sie waren es wirklich. Nach meiner Rückkehr sand ich unter meinem Bett ein weiteres Paar Schuhe. Dabei lag eine Besuchskarte mit dem Aufdruck „Dr. med Lee Frank" und dem handschriftlichen Zusatz „hat endlich doch daran gedacht". Damit war es aber auch noch nicht genug. Mittwoch kam Harry mit einem Paar zurück. Er hatte an die Sonntagsjagd einen Bummel in Puerto Cortez gehängt und die Schuhe für mich ausgeknobelt. Und am Donnerstag kam das Paket aus Deutschland. Die gute Mutter hatte mir vorsorglich drei Paar eingepackt.
Nun hatte ich mit einem Schlage sieben Paar schöne, neue, heile, lederne Schuhe. Jeden Morgen um vier Uhr putzte ich sie alle der Reihe nach blitzblank. Und als ich sie dann zu Weihnachten auf meinen Gabentisch setzte, sahen sie immer noch wie neu aus.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriol. — Druck und Verlag: Brühl'sche Llniversitäts»Duch» und Steindruckerei, 2t Lange, Gießen.


