Ausgabe 
29.10.1934
 
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Wir werden vom Tod auferstehen.

Von Knut Hamsun.

Den kommenden Tag, wo finde ich ihn?

Vielleicht diese Stunde noch fordert mein Ende; Doch segle ich weit eine Ewigkeit hin. Und treffe ich Dunkel aus Dunkel darin Ein Wunder erleuchtet das Ende.

Ist über und unter dem Blick diese Welt Vom großen Etwas ein Teil nur im Fließen, So treffen wir ein mit dem Teil, der uns hält. Und haben Dom Ganzen, vom All, von der Welt Ein Ja nur, zum Strom uns zu schließen.

Und ich hab zum letzten Mal heute gesehn Den Menschen, die Erde, des Abendrots Brände, Und bleibt mein Herz in dieser Nacht stehn, Geht alles zu Ende laß gehn, laß gehn!

Nichts ist mit dem Tode zu Ende.

Gebornes muß sterben, das Leben will Tod, Der Tod ruft dem Leben, dem Morgenwindwehen. Die Ruhe im Obdach des Schlafes heißt Tod;

Das Leben ist Morgen- auf Morgenrot: Wir werden vom Tod auferstehen.

Vater und Gohn.

Von Ern st Wischer t.

Von der Verwandlung der Menschen im Kriege künden die drei Erzählungen, die Ernst W i e ch e r t unter dem Titel Der T o d e s k a n d i d a t" in der .Kleinen Bücherei" er­scheinen läßt. Mit Erlaubnis des Verlages Albert Langen/ Georg Müller, München, bringen wir den Schluß der Er­zählungDer Vater" zum Abdruck.

... Dann gingen sie in das Kaminzimmer, und der Sohn wurde genötigt, zuerst über die Schwelle zu treten. Der Vater aber blieb hinter ihm in der geöffneten Tür, sah, wie er den Blick einmal über die Ahnen­bilder gehen lieh, bis zu seinem Spiegelbild, das unter dem grauen Helm ihm entgegensah, wie die Bilder aber nicht von den Wänden stürzten, die Lichte aus dem Kaminsims nicht erloschen, wohl aber in dem Gesicht des jungen Freiherrn sich etwas veränderte.

Und dann geschah etwas Seltsames, indem er sich nämlich zu seinem Vater zurückwendete, mit einer müden Handbewegung nach den Wänden deutete und sagte:Die Alliierten ..."

Es war gut, daß der Freiherr Aegidius einen Stock hatte, auf den er sich stützen konnte, und mit einem fast jenseitigen Gesicht iah er, wie dieses Wort, mit der Geringheit seines Klanges, doch mit einem Male die Ordnung des Lebens umkehrte und ihn zu den Toten stellte, in die Reihe der aus dem Jenseits drohenden Richter des Geschlechtes, indes jener in einer schauerlichen Einsamkeit hinter den Schranken stand, ohne Verteidiger und Gefährten, und nur das Gezeichnete seines Gesichtes hatte er aufzuheben gegen die Anklage der Toten.

Du bist Edelmann wie ich", begann der Freiherr Aegidius nach langem Schweigen vor dem Feuer.Du bist Offizier wie ich und ein Soldat der Front, wie auch ich es vor fünfzig Jahren war. Wie kommt es, daß es das gleiche und doch etwas anderes ist?"

Wieder sah ihn Erasmus an, als erwarte er noch etwas anderes. Wir sind zu weit fortgegangen", erwiderte er dann leise.Man hat uns gehen lassen, als gingen wir nach Frankreich und Rußland ober ans Meer, aber wir sind viel weiter fortgegangen ... auf einen anderen Stern ... man hat hier nicht erkannt, wohin man uns geschickt hat ... ich wollte nicht kommen, aber der Kommandeur befahl es mir ...

Warst du nicht zu Hause hier?"

Wir haben kein Zuhause mehr, Vater ... wir haben dort gemietet, beim Tod, und der Vertrag läuft noch, immerzu ...

Er sei der Meinung gewesen, erwiderte der Freiherr Aegidiiw nach einer langen Pause, daß ein Offizier nur einen Sßertrag ju schließen habe, den mit der Pflicht, und daß sein Bedroher nicht der Tod sei, sondern die Feigheit etwa, oder die Luge oder der Ungehorsam?

Das Glas des jungen Freiherrn klirrte etwas beim Niedersetzen, aber dann sah er seinen Vater an.Ich möchte dich bitten, mir etwas zu sagen Glaubst du, daß von allen diesen und er hob noch einmal die Hand zu den Bildern der Vorsahrenniemand jemals eine Luge SCfiSe|)abet?es zu glauben", erwiderte der Freiherr,und wenn es nicht fo wäre, wenn vergangene Zeiten ein °"deres Gesetz gehabt haben sollten, so sind wir dazu da, es gutzumachen und zuviel zu zahlen, wenn jene zu wenig gezahlt haben sollten."

ffs mar als hätte der Freiherr Erasmus vergeßen, daß er vor dem Saminfeuer saß, denn er hob die rechte Hand, als wollte er sie an den Helm legen, und ließ sie dann wieder sinken.

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nicht viel miteinander, wir sahen uns nur mitunter an, bei Besich­tigungen, beim Trommelfeuer, vor einem Angriff, und wir verstanden uns dann, ohne etwas zu sagen. Er war ein sehr tapferer Offizier, aber er brauchte viel Zeit zu feiner Tapferkeit, jedesmal. Und einmal, als wir im Graben standen, vor einer großen Patrouille, und auf unsere Uhren sahen, sprach er es aus.Sie wundern sich vielleicht, Erasmus", sagte er, und es ist ja eigentlich auch nicht Angst, obwohl das natürlich wäre, aber es ist so, daß ich zuviel mitzufchieppen habe, jedesmal wenn ich ausstehe und dort hinein soll, ins Unbekannte. Ein Soldat soll nichts zu tragen haben als sich selbst, und der einfache Mann tut es ja auch. Die Jungen wenigstens. Aber ich, sehen Sie, ich hebe jedesmal alle meine Vorfahren aus, wenn ich aufstehe, und es sind sehr viele Und am schwer­sten ist mein Vater. Sie sitzen dort ganz sicher auf meinem Rücken und sehen zu, wie ich es mache, und wenn ich mich noch ein bißchen ausruhen will, dann sind sie nicht zufrieden Die Pflicht erlaube es nicht, sagen sie. Sehen Sie, Erasmus, dieses ist es: man hat gedacht, die Pflicht sei größer als die Liebe, aber das ist nicht wahr. Mit der Liebe steht es sich leichter auf als mit der Pflicht, und ich würde nicht soviel Zeit brauchen, um aus dem Graben herauszukommen Mein Bursche, sehen Sie, er hat mir gestern etwas Merkwürdiges erzählt. Wie er von feiner Mutter Abschied genommen hat Sie ist eine Bergmannswitwe und er das einzige Kind. .Lieber Sohn", hat sie auf dem Bahnsteig gesagt, .wenn du mir Ehre machst, werde ich stolz aus dich fein, und wenn du mir Unehre machst, werde ich immer deine Mutter bleiben.' Sehr merkwürdig, Erasmus, nicht wahr? Und Sie werden nie erleben, daß er ihr Unehre macht, aber wie leicht er aufsteht und dorthin geht, das können Sie jeden Tag er­leben ..." Ja, und bann war die Uhr soweit, und wir fliegen aus dem Graben. Er war wieder der Letzte, und als ich mich noch einmal um= drehte vor der roten Wand, denn es gab Sperrfeuer, hob er nur die Hand und lächelte. Auch als er dann tot war, lächelte er noch immer ... es faß nun wohl niemand mehr auf feinen Schultern ..."

Der Freiherr Aegidius hatte die Stirn auf die Hand gestützt und starrte auf den niedrigen Tisch, der zwischen ihnen stand. Aus einer weiten Ferne kam die leise Stimme, und auch was sie erzählte, war aus einer anderen Welt Ausgewandert waren sie, diese Söhne des Vaterlandes, nach einer Erde, die sie verschlang, und was sie herüber­riefen über einen glühenden Abgrund hinweg, war wohl noch die gleiche Muttersprache, aber der Sinn ihrer Worte hatte sich ganz und gar ver­wandelt. Lehen, Liebe, Tod ... das war alles anders, und auch sie selbst waren nur wie Boten, die ihrer Botschaft gehörten und kein Zuhause mehr hatten.

Er sah die Hand seines Sohnes auf der dunklen Platte des Tisches vor sich, eine schmale und bräunliche Hand mit einem matten Glanz der Haut, als leuchte sie von innen heraus. Und plötzlich war ihm, als sei diese Hand das Einzige, was noch da fei, warm und lebendig, zu greifen und zu halten, und als fei schon das graue Kleid, das ihr Ge­lenk umschloß, nicht mehr diesem Raum angehörig, sondern nur ein her- überwirkendes Zeichen aus dieser anderen Welt. Einer Welt, die keinen Zutritt hatte für seinesgleichen, sondern die sich zuschloß, schweigend und im tödlichen Ernst, allein sich bewahrend für jene nachfolgenden Ge­schlechter, die in vier Jahren jenes Mietrecht erworben hatten, von dem vorher die Rede gewesen war, bas Mietrecht am Tobe.

Unb mit einer scheuen, fast bemütigen Bewegung legte er feine Greifenhanb auf bie bräunliche, schmale Hand bes Sohnes, die einmal aufzuckte unter der unvermuteten Gebärde und dann ruhig lag, als füge sich auch dieses schweigend ein in den großen Kreis dieser Erfahrung.

Ich habe dich zu den Toten gerechnet", sagte der Freiherr Aegidius leise,das mußt du mir verzeihen, du siehst, daß wir nicht alles ver­stehen, weil wir zu alt sind. Und auch das Wort verstand ich nicht ... vermißt ... und die Toten, Erasmus, die wiederkehren ... genug ... aber die Pflicht, Erasmus ... was du da von deinem Freunde fagft, vielleicht ist auch die Liebe verschlungen in die Pflicht, wie der Sieg verschlungen ist in den Tod in der Bibel steht es wohl so ..."

Er zog die Hand leise zurück und hob sie zu den Kerzen auf, um einen gekrümmten Docht wieder aufzurichten.

Noch etwas, Vater", sagte der Freiherr (Erasmus und sah in das LichtEs ist ein Tagebuch an dich geschickt worden ... mein Tagebuch ... auch dort hielt man mich für tot ..."

Die Kerzen tropften nicht mehr, sondern brannten mit hohen unb stillen Flammen. So sahen beide in das siebenfache Licht.

Das Siegel, sagte der Freiherr, sei unbeschädigt gewesen, ein bläu­liches Siegel mit ihrem Wappen, unb so auch, unversehrt, habe er es ins Feuer gelegt, weil er geglaubt habe, den Willen eines Toten damit zu erfüllen.

Nun, zum erstenmal an diefem Abend, kehrten die Augen des Frei­herrn Erasmus aus jener verhüllten Ferne zurück und blickten in die Augen bes Vaters, als sei er nun erst wiedergekehrt und nehme bas Recht des Lebendigen in Anspruch.

Es lag wohl etwas Unausweichliches in diefem Blick, denn der Frei­herr Aegidius, sich aufrichtend, sagte nicht ohne Strenge, es fei in ihrer Familie fo gehalten worden, daß eine Aussage nicht wiederholt zu wer­den brauchte.

Und darauf, als das Feuer niedergebrannt war, standen sie auf. Bevor sie über die Schwelle gingen, drehte der Freiherr Erasmus sich um und blickte noch einmal über die Reihe der sich verdunkelnden Ge­sichter an der Wand. Es war, als wollte er noch etwas sagen, öffentlich gleichsam, unter den Augen feiner Vorfahren, aber bevor er die Lippen öffnen konnte, legte ihm der alte Freiherr den Arm um die schmalen Schultern und küßte ihn auf die StirnMein lieber Sohn ... , sagte er leise.

Dann ging er zuerst durch die geöffnete Tür.