Ausgabe 
29.10.1934
 
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Der alte Mann zuckte die Achseln.Mag sein", wich er aus,es kommen viele hierher; was wünschen Sie?"

Eine kleine Auskunst", entgegnete Zurrhelm.Ehe wir aber die Besprechung begingen, hätte ich gern, daß Sie diesem Herrn sagen, welches Geschäft wir miteinander hatten."

Warum? Was soll das? Was wollen Sie von mir altem Mann? Ist der Herr von der Polizei? Meine Bücher sind in Ordnung. S,e haben Ihren Ring zurückbekommen. Die Zinsen, die Sie zahlten, waren die gesetzlichen. Was bringen Sie mir die Polizei ins Haus, Herr! tfur meine Gutmütigkeit vielleicht!"

,Es ist gut, Zurrh lieber Freund", sagte Luzius,lassen Sie den Mann. Es handelt sich nicht um den Ring, den mein Freund bei Ihnen versetzt hat. Wir beabsichtigen auch nicht, Ihre Zinsberechnungen zu beanstanden", wandte er sich an Berlebach.Wir möchten etwas von Ihnen erfahren." . ..

Bin ich ein Auskunstbüro? Sind Sie von der Polizei, dann weisen Sie sich aus!" .. , ..

Wir sind nicht von der Polizei. Aber wenn Sie wünschen, lassen wir die Polizei holen."

Wer spricht davon!"

Sie! Wir legen keinen Wert darauf, amtliche Stellen zu bemühen, wenn wir das, was wir wissen wollen, ohne Zwang von Ihnen erfahren können."

Was wollen Sie wissen?"

Diese Frage hätten Sie an den Anfang der Reden setzen sollen, Berlebach", sagte Luzius.Zur Sache also. Es war gestern ein Mann bei Ihnen, kurz ehe mein Freund hier seinen Ring wieder einloste. Sie haben diesem Mann ein Perlenkollier ausgehändigt und Geld gegeben. Dieses Geschäft interessiert uns. Wollen Sie uns Auskunft geben?'

Ich kenne den Mann nicht."

Beschreiben Sie ihn."

,Zch habe nicht auf ihn geachtet. Wahrhaftig. Er war nur kurze Zeit hier in meinem Zimmer." ,

,Zch weiß. Aber er war zweimal bei Ihnen. Einmal, als er Ihnen den' Schmuck brachte, dann, als er ihn gestern wieder abholte."

Der Alte verzog den Mund.Also doch Spitzel?" zischte er.Aber die Herren irren sich, mir kann man nichts anhaben, meine Hände sind sauber."

Wie sah der Mann aus? Irgend etwas werden Sie uns angeben können. Hatte er schwarze Haare? Die Haarfarbe werden Sie wissen."

Schwarze Haare, ja, dunkle Haare hatte er."

Luzius sah Zurrhelm an. Dann fragte er weiter.Wissen Sie die Augenfarbe? Blau vielleicht? Menschen mit blauen Augen fallen eher aus als solche mit dunklen Augen."

Der Alte wiegte den Kops.Ich habe nicht darauf geachtet, aber wenn Sie mich daran erinnern, ich meine, der Mann hatte blaue Augen."

Das ist sehr merkwürdig", sagte Luzius.Schwarzes Haar und blaue Augen kontrastieren doch. Daß Ihnen das nicht aufgefallen ist! Vielleicht war der Mann nicht direkt schwarz, nur brünett? Trug er eine Brille, einen Bart, hatte er Goldzähne?"

Eine Brille habe ich nicht bemerkt, aber einen blonden Schnurrbart hatte er wohl."

Sann war sein Haupthaar sicherlich nicht schwarz!"

Nein, natürlich war es auch blond."

Sie haben eben erklärt, es sei schwarz gewesen."

Bei Licht, Herr, schien es so."

Luzius stampfte mit dem Fuß auf.Sie sind ein Narr oder Sie wollen nichts sagen."

,Lch weiß nicht. Ich möchte Ihnen schon den Gefallen tun, aber ich sage Ihnen, ich habe nicht auf den Mann geachtet. Bin ich dazu ver­pflichtet?" Berlebach sagte diese Worte mit dünnem Hohn.

Luzius betrachtete den Alten. Er kannte diese Hehler, wenn er auch den Berlebach noch nicht tennengelernt hatte. Sie haben mehr Angst vor ihren Kunden als vor der Polizei. Er fragte:Haben Sie sich die Ausweispapiere vorlegen lassen? Wußten Sie, mit wem Sie es zu tun hatten? Wenn ein Mann abends zu Ihnen kommt und eine Perlen­schnur vorlegt, von Ihnen verlangt, Sie sollen die vier besten Perlen herausnehmen lassen und durch Nachahmungen ersetzen da kommt Ihnen nicht der Gedanke, daß dies ein dunkles Geschäft sei?"

Der Herr hat mir gejagt, er sei in Geldverlegenheit. Seine Frau besitze diesen wertvollen Schmuck, und er wolle, ohne sie davon zu unter­richten, die vier mittleren Perlen umtauschen und zu Geld machen. Ich möchte sehr gute Imitationen einsetzen lassen, damit seine Frau nichts merke, sonst habe er die Hölle im Hause. Wenn ich den Herrn darum ersucht haben würde, hätte er mir seinen Anmeldeschein vorgelegt; nichts ist leichter, als so ein Papier zu beschaffen. Das wissen Sie so gut wie ich." Der Alte hatte eine Tonart gesunden, er klagte mit weinerlicher Stimme.

Luzius lenkte ein.Wir glauben Ihnen. Eine Zwischenfrage. Wenn Sie uns den Mann schon nicht beschreiben können, wissen Sie, wie er zu erreichen ist?"

Nein."

Ich nehme an, daß Sie nicht die vier echten Perlen bereits verkauft haben?"

Sie sind nicht mehr hier."

Das ist gleichgültig. Geben Sie die Perlen keineswegs weg. Es handelt sich um gestohlenes Gut. Man wird Sie zur Rechenschaft zu ziehen wissen."

Wer sind Sie, Herr?"

Assessor Luzius von der Staatsanwaltschaft, wenn Sie es durchaus wissen wollen. Ich kenne Sie dem Namen nach; die Kriminalpolizei kennt Sie bester. Aber hören Sie an, Berlebach. Mein Freund und ich sind gewillt, diese Geschichte ohne Polizei und ohne Gericht beizulegen,

wenn es sich irgend machen läßt. Am Skandal liegt uns nichts. Ich frage Sie nun, wollen Sie uns unterstützen? Es ist ein letzter Versuch mit ^",Ach versichere, ich kenne den Mann, der die Perlen brachte und holte, in keiner Weise." . ,

Das wollen wir glauben. Nicht glauben aber können wir, daß die Perlen, die Sie aus dem Schmuckstück Herausnahmen, bereits verkauft sind. So glänzend sind Ihre Verbindungen denn doch nicht, Berlebach. Sie haben dem Mann gestern abend Geld gegeben. Ich vermute, es war eine Anzahlung. Wann kommt jener nächtliche Kunde wieder her und holt sich das restliche Geld oder die nächste Zahlung?"

Wenn Sie mir sagen, die Perlenkette war gestohlen, will ich nicht, mit' der Angelegenheit mehr zu tun haben. Dann soll der Mensch seine Perlen zurllcknehmen und mir mein Geld wiedergeben."

Recht so Berlebach. Sie haben die Perlen also noch. Das war vor- sichtig und ist gut. Ich verpflichte Sie, diese vier Perlen nicht abhandeii kommen zu lassen oder zu verkaufen. Sie haften mir dafür!"

Herr Assessor, ich habe nicht gesagt, daß ich die Perlen..."

Psst!" Luzius schnitt den schwachen Protest ab.Die zweite Be­dingung, unter welcher Sie vielleicht straflos und ohne Schaden aus der Affäre loskommen, ist die, daß Sie uns den Mann, in dessen Auftrag Sie die Manipulation an dem Schmuckstück vornehmen ließen, auf irgendeine Art zuführen oder ihn uns zeigen."

Ich kenne den Mann nicht, Herr Assessor. Das ist die reine un­wirkliche Wahrheit."

Aber nicht die ganze Wahrheit. Sie verschweigen etwas!

Nichts, meine Herren. Wahrhaftig. Ich bin bereit zu schwören."

Dann schwören Sie falsch oder fahrlässig." Luzius trat drohend näher. Der Alte wich zurück; aber diese harte Stimme erreichte ihn überall. Seine zur Abwehr erhobenen Hände vermochten nichts gegen diese Worte.Der Mann bekommt noch Geld von Ihnen! Die wenigen Scheine, die Sie ihm gestern hier gaben, machen nicht entfernt den Wert der Perlen aus. Stimmt das!?"

Das ist richtig." Berlebach war der Schatten seines Selbst geworden

Also besteht da doch noch eine Verbindung zwischen Ihnen und ihm! Warum leugneten Sie das?"

Ich vergaß es, Herr Assessor, ich habe nicht daran gedacht. Ich bin ein alter Mann, mein Kopf ist müde. Aber ich will es sagen. Ich soll dem Mann bas Geld schicken. Immer soviel, wie ich erlöse."

Wohin schicken? Sie kennen also sogar seinen Namen!?"

Nein. Er gab mir eine Adresse. Es ist nicht seine Wohnung, es ist eine Deckadresse. Postlagernd."

Zeigen Sie her!" forderte Luzius. Der Alte zog sich zurück. Als et wiederkam, hielt er mehrere Briefumschläge in der Hand.Hier", sagte er,diese Kuverts hat mir der Herr gegeben. Ich soll ihn benachrichtigen, wenn ich eine gewisse Summe beisammen habe, da es für ihn, wegen feiner Familie, zu gefährlich ist, zu mir zu kommen."

Luzius nahm die Umschläge; es waren harte, feste Papiere. Die Adresse war vorgeschrieben. Der Alte hatte nicht gelogen. Es stand ba:

Auerbach. Hauptpostlagernb.

War bas so verwunberlich, baß Luzius zusammenzuckte unb erschrak? Berlebach sah ihn an.Die reine Wahrheit", beteuerte er noch einmal, mehr weih ich nicht, meine Herren." Luzius nickte.Lassen Sie uns einen Moment allein", bat er; rasch griff er Zurrhelm beim Arm und zog ihn an bas Fenster, von bem Alten weg. Seine Finger zitterten, als er bie Briefumschläge ins Licht hielt.Zurrhelm", sagte er atemlos,ich will Sie nicht beeinflussen. Sehen Sie sich bie Kuverts an. Fällt Ihnen etwas auf?"

Zurrhelm warf einen Blick auf bie Papiere. Er zuckte mit bem Kops zurück.Aber bas ist", unb er brach ab unb enbete ben Satz anbers, als er ihn geplant hatte,bas ist boch nicht möglich!"

Luzius nickte.Wir stellen also das gleiche fest", fagte er düster. Diese Worte: Auerbach, hauptpostlagernd, hat Ewald Brendel ge­schrieben!"

Berlebach wagte sich heran.Meine Herren", bat er,was soll nun werden? Kann ich hoffen, daß ich ohne Verluste davonkomme? Sagen Sie mir, die Perlen waren gestohlen, wer ist der richtige Besitzer?"

Neuntes Kapitel.

Brendel saß neben dem Justizrat Reußner in besten Privatkontor. Draußen im großen Büroraum klapperten bie Schreibmaschinen, und ber junge Mann im schwarzen Anzug ging vor ber Barriere auf und ab. Wenn doch jetzt ein Klient käme, gerade jetzt, wo auch der Herr Brendel nicht sogleich zur Hand war. Er hätte so gern einmal Auskunft gegeben, gesagt: Bitte nehmen Sie Platz, gnädige Frau, schütten Sie ihr Herz aus, denken Sie, ich sei Ihr Beichtvater. So gern hätte er sich einmal solche Geschichte angehört, um am Schluß zu sagen: Gedulden sich. Gnä­digste, zwei Minuten, der Herr Justizrat oder Herr Brendel kommt sofort. Aber er hatte kein Glück. Die Tür öffnete sich nicht. Nur die Mädchen kicherten, als ob sie feinen Ehrgeiz ahnten.

Brendel, am Tisch neben bem Justizrat, war stolz auf seine Diplo­matie. Morgens um 10 Uhr gleich nach Lesung ber Post ben alten Herrn an feine Briefmarkensammlung zu bringen, war ein Meisterwerk ge- schickter Zusprache unb Ueberrebung. Er hielt bie beiben Briefmarken, bie er mit Wingart besorgt hatte, in ber Tasche bereit. Sie waren mil Klebesalzen versehen, unb er mußte nur auf eine Gelegenheit warten, sie los zu werben.

Der Justizrat schob den Band Europa beiseite.3d, will Ihnen meine deutschen Kolonialmarken zeigen", sagte er,es ist eine Pracht. -0 fehlt kein Stück." Der alte Herr war bester Laune. Sein Sohn ®tngan : hatte heute bas Examen bestauben, unb er hatte ihm gratuliert unb dein sichtlich Erfreuten bas Heftchen mit ben Reiseschecks in die Hand gebruat 1 (Fortsetzung folgt.)