„Laß es gut sein", meinte er. „Die feineren Hölzer gehören zur feineren Wissenschaft. Die grobe Wissenschaft hast du vorzüglich bestanden. Bist bei dem alten Titt willkommen."
Und Juppi blieb in der Sägemühle. Oben unter dem Dach wurde ihm eine kleine Kammer eingeräumt mit einem richtigen Bett und einer Waschschüssel auf einer Kiste. Das war mehr, als Juppi je zu träumen gewagt hätte. An die kahle Kalkwand hängte er seinen Werkzeugkasten: es war, als hinge ein wunderbares Bild da. Wie oft vertiefte er sich darin. In dem Bild blitzten eine Säge und ein Leimtopf von Gußeisen mit drei Beinen. Manchmal schlüpfte der Hammer aus dem Bild und klopfte laut. Aber eine Tiroler Bauernstube konnte er mit seinem Gehämmer nicht aus den Bretterabfällen hervorlocken.
Juppi lernte die Stimme des Holzes kennen, wie es da unten auf den Sägetischen und Laufböcken aufschrie. Wochenlang hörte er im Spätherbst die Tannen gellen, wenn die Sägebänder ihnen das Mark durchschnitten. Sie hatten einen scharfen Gesang, der einem das Gehör fast taub machte, so durchdringend stimmten sie ihre Sterbeweise an, und sie sangen bis Allerseelen: da fror der Mühlenbach zu und vereiste. Das Werk stand.
Titt lebte von seinem Sommerverdienst. Zwar blieb nicht viel für Juppi, doch langte es. Er litt nicht Hunger, und es war in feiner Kammer auch nicht so kalt wie auf dem Heuboden bei den Einsamerleuten. Im Frühjahr, eines Nachts, brach der Vach auf und donnerte über das Rad. Am Morgen knatterte das Werk wieder, und die Sägen zersägten die lange Stille. Da kamen die Kiefernstämme auf die Arbeitstische. Sie zeterten laut, aber es half ihnen alles Schelten nicht. Sie mußten Bretter werden. Lange Trompetenstöße rasselten sie Juppi entgegen, schrilles Wiehern und Meckern. Nicht so schneidend hart tönte ihr Totenlieb wie der Abgesang der stolzeren Tannen. Und mitten hinein dröhnte das Wasser, die Stimme des Berges, von dem es niederstürzte und durch die Rinne fuhr.
Als die Eichenstämme auf die Laufböcke gewuchtet waren, erhob sich ein dumpfer Hall wie aus den Wurzeln der Erde. Gewitterig rumpelten sie: lange, schwere Rufe entfuhren ihren hünenhaften Baumleibern. Sie hatten den Sturm in ihre Stämme versammelt, eingeerntet den Donner über den Wäldern, wenn die Blitze die Wolken zerstachen: nun brüllten sie ihren Trotz heraus und begehrten auf gegen eine Gewalt, die nicht ihre Gewalt war.
„Schau sie dir an!" befahl er.
Juppi tat es. Seine Blicke irrten über den Holzzaun, und er verstand nicht, w'as Herr Titt von ihm wollte.
„Was siehst du?" fragte Titt.
„Holzstücke ..." antwortete der Prüfling und hielt sein Bündel und den Werkzeugkasten.
„Tja ..." schnurrte der Alte ein wenig verächtlich, „das steht leder. Was für Holzstücke siehst du?"
Nun war Juppi mißtrauisch geworden und schwieg. Was nur wollte der Alte wissen? Juppi sah größere und kleinere Stücke, helle Schnittflächen, gelbe, rötliche, glatte und gemaserte
„Wer bei mir wohnen will", sagte Titt, „muß Holz kennen. Wer kern Holz kennt, den will der alte Titt nicht kennen. Ich hab's immer so gehalten und bin gut damit gefahren."
Mit mir wirst du nicht schlecht fahren, dachte Juppi und ergriff das erste Stück der Reihe. Natürlich wußte er, was für ein Holz das war.
„Fichte!" sagte er.
Das zweite Stück, jedes Kind konnte es am Wuchs erkennen: „Kiefer."
Die dritte Probe:
„Buche."
„Recht!" sagte Titt, freundlicher geworden.
Qr,Z,S8iyfe" fe6te Juppi die Holzlitanet fort. Er wird doch dem Alten sagen können, was er da für Holzreste angesammelt hat.
„Lärche!" rief er, ohne zu zögern.
„Sehr gut", versetzte Titt.
Juppi prüfte das Nachbarstück, musterte es von allen Seiten, roch daran:
„Eiche!"
„Recht."
„Nußbaum ..."
„Auf den Kopf getroffen!" bestätigte SSeir Titt.
-Erle ..." schmetterte Juppi. Das wußte er aber nicht so ganz gewiß. Titt verbesserte ihn nicht. u 6
„Akazie..." Wiederum schwankte er.
Ueberlegen lächelte der Sägemüller.
Juppt kam nicht wieder auf den Einfamerhof. Mit Einwilligung des Vormunds hatte ihm die Gret eine neue Unterkunft gesucht, von wo er nicht so weit zur Schule hatte. Es war der Grillhof auf dem Gehänge. Der Bauer war im Krieg umgekommen, man wußte nicht wo, seine Witwe und ihr Sohn führten das Anwesen. Juppi 1 hatte es bei ihnen nicht viel anders als auf dem Oedhof. Die Bäuerin war verbittert, mit der Welt zerfallen, unfromm und geizig,- ihr Sohn trank gern und prügelte tm Rausch jeden, der ihm in den Weg kam — Juppi hatte einigemale das Pech, ihm . zwischen die Finger zu geraten. Doch blieb er nur bis zum Herbst ; auf dem Gehänge: die Bäuerin wollte ihn, als unnützen Esser, den Winter nicht durchfüttern. So mußte er abermals wandern. Es war ihm nicht unlieb, er ging ja gern fort.
Der Vormund verschaffte ihm einen Platz bei einem Sägemüller in Hohenröhren, einem alten Junggesellen, dem Herrn Titt.
Bevor Tttt ihn aufnahm, unterzog er ihn einer wunderlichen Prüfung. Er war ein grauer, ernster Mann, der wie ein einsamer Holzwurm in seiner Mühle hauste, im Verein mit einer taubstummen Magd. Dieser sägende Holzwurm hatte schon sehr viele und große Wälder aufgefresscn, war aber dadurch nicht aufgeräumter und dabei auch nicht fetter geworden. An die sechzig Jahre war er alt. Als Juppi bei ihm erschien, rief er ihn in seine Müllerstube und führte ihn dort an den Tisch.
Juppi sah auf der Platte eine lange Reihe von Hölzern hingeordnet, eines neben dem andern. Titt deutete feierlich auf die Schnittstücke.
Oer Gternenbaum.
Roman von Friedrich Schnack.
(Fortsetzung.) «Nachdruck verboten.)
Juppt roch den Braten, wie er aus der Abenddunkelheit zu duften schien. Sie eilten im stiebenden Schneegestöber, im Märchen- geflock über den schon finster und still gewordenen Markt: die Weihnachtsstadt war eingeschlummert und ausgestorbcn. Aber hinter und über den Vudenöächern drang aus allen Stockwerken der hohen Häuser feierliches Licht: die Weihnachtsbäume gossen ihren Kerzenglanz durch die Scheiben. Von goldenen Blitzen waren die Fenster überblendet, als hätte der Weihnachtsengel, dessen Flügel sich mit den Flügeln des Schneegeschwaders vermischten-, sie mit seinen himmlischen Schwungfedern gestreift. Und Kindergesang, fern und gedämpft, schwebte hold in die Nacht.
Nach dem Abendessen, dem Juppi gehörig zugesprochen hatte, man war dabei warm und auch müde geworden, wurde in der Gaststube von der Wirtin für die heimlosen Gäste und Verkäufer ein hoher Weihnachtsbaum angezündet. Der war reich mit Aepfeln geschmückt und mit Glasketten von allerlei Farben. Bäche von Engelshaar stürzten von seiner Spitze herunter und webten ihn ein in einen gold- und silbergewirkten Schletermante^.
Juppi riß die Augen auf. War es Traum, war es Wirklichkeit? Er rührte sich nicht, so schön war, was er sah. Aber er sah nicht mehr als die Vorbereitung. Ehe noch die oberste Kerze brannte und hinausleuchtete in die Ewigkeit, sank Juppis Kopf schwer gegen den Tisch. Er war eingeschlafen vor Müdigkeit.
Für ihn wachte sein Kasten ...
Die Sagemühle.
Die Buchen auch murrten und brummten, als ob da alle Wildtaubenstimmen ihnen beistünden, ihr letztes Wort unter den Sägen auszumurmeln: du bunter Grund, du dunkle Schlucht, o Waldesrund mit unferm Schattenbild auf krummen Wurzeln und Busch- gcäst ...
Die Eschen flehten und beteten, als ob ihre Seelen tränten und die Rehe klagend verhofften: o Waldsee, wir sehn dich nicht wieder. Ihr Elstern und Krähen! O verlorenes Nest, du Sommer, o weh ...
Die Birken aber trotzten nicht. Demutsvoll nahmen sie ihr Schicksal auf sich, in sanften Klängen vergingen sie, als ob es aus ihnen herausströmte: o ferne Lichtung, o fernes Licht, du linder Wind, du silberner Frtthlingshimmel ...
Juppt lauschte ihren Holzworten und Waldposaunen, bis sie, zu Balken, Brettern, Pfeilen und Latten geworden, verstummten.
Der alte Titt wußte viele Geschichten aus dem Wald, von den Sägen und den Bäumen. Wenn er im Abendfrieden, da die Räder nicht mehr ratterten und das Wasser, seiner Knechtschaft ledig, über das Wehr rauschte, hinetnfallend in die Nacht, auf seinem abgeschabten Lehnstuhl saß und der maulwurfsfarbene Kater auf seiner Schulter schnurrte, hörte Juppi ihm aufmerksam zu. Was für Menschen und Baumgesellen zogen da geistluftig vorüber. Draußen vor den offenen Fenstern atmeten die Waldlungen tiefe Züge, Nachtvögel flatterten und stießen ihre Käuzchenschreie aus, die grüne Seele des Waldes war einqeschlafen, und die schwarze öffnete ihre stern- und gltthwurmsunkelnden Augen: Titt, von grauem Scheitelhaar bis in die Stirn übergrast und überflechtet, wie einer der Granitköpfe am Weg nach Siebenellen, erzählte mit gedämpft-schwebenden Worten. Wie eine Espe lispelte er dann, als hätten seine Silben Blätterflügel, und espengleich sah er aus: schmal, dünn, grausilberig.
So erzählte er einmal von der höchsten Tanne im Wald nahe der böhmischen Grenze. Wolkenhoch überragte sie ihre riesenlangen Genossen, wie einer jener wenigen Bäume, denen Gott erlaubt habe, in den Himmel zu wachsen. Schwiegen abends die Wälder rundum schon lange, dann habe noch immer ihr Wipfel seefen- aklein in den himmlischen Lüften gerauscht. Eines Tages sei sie gefällt worden und in seine Mühle gekommen.
Ein halbes Dutzend Sägebänber seien an dieser Tannensäule zersprungen. Erst das siebente Band, ein besonders starkes und langgezahntes, habe den Stamm bewältigt. Aber unter welchen
Die ganze Mühle sei in ihrem Gang gehemmt worden, solchen Widerstand habe der Baum geboten. Und geheult hätte er "an es zehn Berge weit hörte. Damals sei über den Wald ein Wetter hereingebrochen, noch heute könne er es nicht vergessen. Man hatte meinen mögen, die Tanne habe alle Wolken mit Regen, Hagel und Blitzen, ihr zu helfen, herbeigernsen.
Eine merkwürdige Geschichte, dachte Juppi. Die hätte Grets Vater erfahren sollen.
„Plötzlich , sagte ^itt, „war alles still, bas Wetter und der Baum. Und was meinst du, war der Grund?"
Juppi ahnte ihn nicht.
(Fortsetzung folgt.)
"Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: BrÜhl'sche Univerfitäts-Buch. und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.


