Ausgabe 
29.1.1934
 
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Papier mit dem geheimnisvollen Satz.Ich kann mir gar nicht denken, daß wir irgendwo einen Fehler gemacht haben. ,Plan­quadrat C 1, das ist hier. .Unterführung Süd Nord', die ist da vor unseren Augen. .Reihe 2 rechts', das bezieht sich dort auf die beiden Reihen Löcher in der gemauerten Wand, die anscheinend zum Ab­fluß des Regenwassers dienen... .Loch 3, das ist genau so leer wie mein Magen, denn ich habe noch nicht gefrühstückt... Aber wo willst du denn hin?"

Kelling hatte sich erhoben, schritt mit nachtwandlerischer Sicher­heit durch den Tunnel bis fast ans andere Ende, ging auf die linke Seite hinüber, griff in eins der Löcher... und brachte eine Blechbüchse zum Vorschein, die mit einem Streifen Isolierband wasserdicht zugeklebt war.

Mit einer unnachahmlichen Bewegung warf er dem Freund feinen Fund in den Schoß mit dem vielsagenden Wort:An­fänger!"

Wilke war viel zu aufgeregt, um näher darauf einzugehen, riß den Deckel ab und starrte sprachlos auf eine ganze Anzahl von Perlenketten, goldenen Uhren und Vrillantringen, die un­zweifelhaft von einem Einbruch herrühren mutzten.

*

Der Kommissar schmunzelte, als er sein Amtszimmer wieder betrat.Sie haben ein schönes Stück Arbeit geliefert, meine Her­ren! Ich kann Ihnen auch gleich sagen, wie die Geschichte zusam­menhängt, denn unser Mann hat sich soeben bequemt, nachdem wir ihm die Blechbüchse vor die Nase gehalten haben, ein Geständnis abzulegen. Er ist vorgestern erst aus dem Gefängnis gekommen, wo er der Zellennachbar jenes Verbrechers gewesen ist, der den Einbruch begangen hat, aus dem die Schmuckstücke stammen. Jener Kerl hat ihm nun den Auftrag gegeben, die Sachen aus dem Ver­steck zu holen, weil er sie nicht für sicher hielt, er mag wohl auch seinem Gedächtnis nicht ganz getraut haben, weshalb er den Lage- plan in dem Buche verbarg..."

Aber welche Dummheit, ein Buch zu nehmen, das aus einer Leihbibliothek stammt, er mußte doch damit rechnen, daß das Buch verloren ging oder ausrangiert wurde, bis er aus dem Gefäng­nis kam...!"

Das Buch war ursprünglich sein Eigentum und wurde erst nach seiner Festnahme von seiner Braut mit noch anderen Schmö­kern verkauft, als sie in Not geriet. Und das war für uns ein Glücksumstand, denn als unser Freund hier das Buch nicht mehr vorfand und auch in dem Antiquariat erfuhr, daß es ausgeliehen sei, bekam er es mit der Angst zu tun und versuchte den Einbruch, anstatt in aller Ruhe abzuwarten, bis Sie es ausgelesen hätten. Woraus Sie wieder einmal ersehen können, Herr Doktor, daß die Theorie stimmt, wonach jeder Verbrecher früher oder später eine Dummheit macht, bei der er gefaßt wird!"

Die Freunde erhoben sich, um sich zu verabschieden, doch der Kommissar hielt sie an.Es wird Ihnen sicher nicht unangenehm sein, meine Herren, daß auf die Herbeischassnng der Juwelen eine ganz anständige Prämie ausgesetzt war. Darf ich Ihnen dazu gratulieren?" _ LL

Dr. Wilke sah seinen Freund an.Ich glaube, der Hauptteil gehört Herrn Kelling hier. Er hat mir bis jetzt noch nicht verraten, wie er darauf kam, daß die Blechbüchse auf der anderen Seite versteckt war?" ...

Der Kommissar sah fragend auf den jungen Mann, der ein Lachen nicht unterdrücken konnte.Das war ja gar nicht der Fall, sic steckte schon ganz richtig auf der rechten Seite. Mir siel nur aus, daß in dem Lageplan die Richtung der Unterfübrung mit ,Süd-Nord' angegeben war, während doch man im allgemeinen Sprachgebrauch .Nord-Süd' sagt. Das mußte also, wenn es kein Zufall war, eine Bedeutung haben und zwar die, daß man von Süden in den Tunnel hineinqehen müsse. Da wir aber nun von Wnröen gekommen waren, batten wir ganz einfach auf der fauchen Seite gesucht... Das ist das ganze Geheimnis!"

Erbe der Abnen.

Von Ludwig Finckh.

Das Erbe der Ahnen ist nicht nur stofflicher, sondern auch geistiger Natur. Was sichtbar ist, mag der Körper sein. Aber erst die Leistung enthüllt die Grundlagen. Solange die Aufzeichnungen fehlen, ist es schwer, den Lauf des Blutes zu verfolgen. Denn das Aenßcre trügt. Es gibt hochgewachsenc blonde Menschen ich traf sie in der Tschechoslowakei, die Deutschenseinde sind: und es gibt kleine, schwarzhaarige, rundschädlige Menschen vielleicht mit fremdländischen Namen, die glühende Deutsche sind. Nicht immer wohnt die Seele in dem ihr gemäßen Leib.

Es wird einmal die Zeit kommen, da aus Grund der Ahnen­tafeln auch der Gaug der Vererbung im Geistigen dargetan wird. Noch sind wir auf Rückschlüsse angewiesen. Und es fragt sich: wie ist die Verteilung des Ahnenerbes im deutschen Raum zu beurtei­len? Gibt es besondere Schätze und Schatzhalter unter den deut­schen Stämmen, ragt ein Stamm vor dem anderen an Talenten hervor, gibt es ein alemannisches geistiges Gesicht, ein oberdeut­sches, ein fränkisches, ein niederdeutsches, ein ostdeutsches? Wie sind die Gaben verteilt? __

In der Musik. Auf den ersten Blick scheint der Süden zu über­wiegen. Haydn, Mozart, die Oesterreichcr, Gluck, Schu­bert, Nugo Wolf, die Reihe, die nie abreißt, die Süddeutschen, die io viele Blutsfäden untereinander haben, daß man oft nutzt zwischen Bayern und Oesterreichern unterscheiden kann, sind mit der Flöte in der Wiege geboren. so sagt das Sprichwort vom Böhmen (ebenso vom Deutschböhmen als vom Tschechen). Hier

mutz die Vererbung eine große Nolle spielen. Aber die Bäche von Süd und Nord laufen zum deutschen Strom zusammen. Brahms und Beethoven sind Niederdeutsche, die ihre Lebenslust vom Meere her bekamen. Und die Brücke bilden Bach aus Thüringen, Händel aus Halle, Schumann aus Zwickau, Richard Wagner aus Leipzig. Aus dem Herzstück Deutschlands, aus der Mitte. Es ist ernstere, schwerere Kost, die sie vermitteln, und schon schlagen wieder der Süddeutsche Richard Strauß, der Oesterreicher Anton Bruckner und Max Reger an das Pult. Ganz gewiß aber hat die leichtgeschürzte Muse der Walzerkönige Lanner, Strauß bis auf die heutigen Wiener Blut mit der Muttermilch eingesogen.

Hier hat der Ahnenforscher ein unbegrenztes Gebiet. Denn es ist seltsam, daß die Angelsachsen, die so viel Sinn für gute Musik haben seit Händels Zeiten, und Engelsstimmen im Frauengesang aufweisen, in der Musikschöpfung im Rückstand bleiben. Das kann nicht etwa mit dem nordischen Wesen zusam­menhängen, denn die Skandinavier können mit Tonschöpfern vom Range Griegs und Gab es dienen. Anderseits steckt jedem Südländer die Musik im Blute, Spanier, Italiener, Franzosen haben schon im Kind, im einfachen Volk den ausgesprochenen Sinn für Rhythmus und Musik. Demgegenüber fällt ein Gebirgsvolk, das, wie wir sehen werden/ in einer anderen Kunst überaus be­gabt ist, die Schweiz, in der Musik ab. Man hat dem Oberdeutschen schon die musikalische Ader abgesprochen. Der Schweizer Otmar Schöck, Julius Weismann und Heinrich Kaminski, die Schwarzwälder, sind Gegenbeweis. Man müßte freilich von all diesen Meistern den Weg des Talents in der gesamten Ahnenschaft, auch bei den Müttern, verfolgen können.

Wie überall in der Kunst hat ein junges und zusammengewür­feltes Mischvolk wie der Amerikaner wenig gute Ueberlieferung, wenig Geschmack und wenig Schöpferkraft in der Musik. Hier ist es Zeit, die Deutschamerikaner an ihr reiches Ahnenerbe zu erinnern.

In der Malerei führt der Süddeutsche. Hier sind die Ober­deutschen, die Alemannen, in der Vorhut, Hans Thoma, der deutsche Meister, dessen Ahnen aus Tirol kamen, hier laufen alpine, dinarische Blutströme zusammen, und es mochte nicht von ungefähr sein, daß sich die besondere Begabung der dinarischen Rasse in der Mutterstadt München zusammendrängte. Dann aber strömte reich und mächtig der alemannische Brunnen dazu, die Böcklin, Hodler, das Viermillionenvolk der Schweizer wartet mit einer unverhältnismäßig hohen Zahl von bedeutenden Malern auf, die auch vom Tessin her befruchtet werden Se - gantini, Giakometti, und die Deutschen von heute, Hans Adolf Bühler, Adolf Hilden brand und andere.

Und doch: auch der Norden Deutschlands hat seine feinen Blutstränge beigesteuert: von den Romantikern Kaspar David Friedrich ab bis zu den niederdeutschen Worpswcdcrn.

Jene oberdeutsche Ueberlieferung aber knüpft an vergangene Jahrhunderte an, Holbein, Cranach und Dürer und ihre Schüler, die niederdeutsche an die Glanzzeit der Malerei der Holländer.

Wie kommt das Talent zustande? Das Ahnencrbe der Musik steigert sich familienweise durch fortlaufende Versippung wie durch dauernde Ausübung. In einem Hause Bach, Mozart, Strauß riecht schon die Luft in der Kinderstube nach Musik. Alles ist erfüllt von Klängen. Nickt so ausgeprägt vererbt sich die Gabe der Malerei. Mancher Maler schwankte in jungen Jahren zwischen der Dichtkunst und der Malerei, und mancher Dichter konnte zeit­lebens das Malen nicht lassen. so Goethe, Gottfried Kel­ler, Mörike, Burte, Hesse. Es scheint so, daß verschiedene Neigungen und Fähigkeiten sich hier überschneiden.

Die Dichtkunst hält den Norden und den Süden im Gleich­gewicht, zumal in der Neuzeit. Wohl ist das Land Schwaben in einem besonderen Maße geieanet: seit den Minnesängern, Schil- l e r und Hölderlin, Mörike und Kerner. Es ist ganz selbstverständlich: der Schwabe dichtet. (In derLerche" habe ich einige hundert dieser Schwaben aus tausend Jahren gesammelt.) Während aber der Süddeutsche weit mehr zur Lyrik hinneigt, bat sich im Norddeutschen der Hang zur Ballade festgesetzt: Münch­hausen, Agnes M i e g e l, Sulu von Strauß und Torney.

Auch in der Philosophie liegt der Nachdruck der Begabung im Süddeutschen: Schelling, Hegel, Vaihinger, wo­gegen der allgewaltige Friedrich Nietzsche slavisches Vluterbe mitbringt.

Die Meister der Baukunst sind im Süden wie im Norden dicht- aesät. Stammte Peter Parier von Gmünd, die Meister des Barocks aus Vorarlberg, die großen Dombanmeister vom Rhein, so waren die Meister der Backsteingotik aus dem Norden, und Danzig kann sich ebensowohl dem .siarz als den süddeutschen Reichsstädten Augsburg, Nürnberg, Rothenburg an die Seite stellen.

Und die Wissenschaft? Entdecker und Erfinder, Techniker? In der Reihe Johannes Kepler, Robert Mayer, Rönt­gen, Zeppelin, Eckener, Krupp, Borsig, verkörpert sich Nord und Süd. Und nur in wcitzurückreichenden Ahnentafeln _ wie beim Grafen Zeppelin wird sich erweisen lasten, daß unser Atznenerbe o"s tausend deutschen Adern gefloffen. aus Mil­lionen deutschen Blutstropfen zusammengesetzt, ein Wnndernetz hoher Begabung ans allen Stämmen bildet: das deutsche Volk.