SiehenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1934 Montag, den 29.Januar Nummer 8
Irgendwo auf der Erde...
Bon Gertrud Freiin vonbenBrincken.
Leis' am verlöschenden Herde sing ich mir tröstend zu: Irgendwo aus der Erde bist auch du ...
Hast du auch längst mich verlassen, bringt dich kein Abend her, — auch über deinen Gassen leuchtet der Große Bär.
Auch über deine Träume bist du nicht Herr bei Nacht. Dunkele Märchenbäume raunen mir Totenwacht.
Spät, wenn ich müde werde, sing ich mich selbst zur Ruh: Irgendwo auf der Erbe schläfst auch du ...
Oer Pfarrer Buonaparte.
Eine Erzählung von Karl Lerbs.
Bon dem grell flammenden Glanz, den das Leben des ersten Napoleon mit wilder Gewalt über die Länder warf, fiel nur einmal für eine kurze Stunde ein Strahl auf den Weg des Pfarrers buonaparte. Er lebte durchaus zufrieden, heiter und bäurisch derb bi einem winzigen Dörfchen zwischen Santo Crossiano und Cer- !«ldo, nicht weit von Florenz. Hjer aber denkt der Gebildete zu Unrecht mit einem Lächeln des Certaldesen Giovanni Boccaccio,' enn der Pfarrer Buonaparte nahm von den angenehmen Dingen tieser Welt nur das, was ihm durch die Erträgnisse seines winzi- !en Gartens, seiner Weinstöcke und seiner legefreudigen weißen oenne (die natürlich Bianca hieß» geboten war. Er las zweimal wöchentlich die Messe, hielt seiner kleinen Gemeinde jeden Sonnig eine kräftige und überaus verständliche Predigt und sammelte -iveimal jährlich den Zehnten ein, ohne dem Schicksal jemals die ! ärglichkeit des Erträgnisses zum Vorwurf zu machen. Die schöne nnge Mattea, die ihm sein Haus tu Ordnung hielt und die Löcher n seiner vielgeprüften Soutane stopfte, wollte er durch eine Hei- nt mit seinem Küster, Kirchensänger. Koch und Gärtner Tommaso tlücklich machen,' woraus man denn ersieht, daß dieser Tommaso en braver und vielseitiger junger Mann war, dessen einziger < ehler in gelegentlicher Rauflust bestand. Dies war die Welt, Eren Grenzen der Pfarrer Buonaparte niemals in Taten noch Gedanken überschritt, indessen sein Großneffe Napoleon alle menschlichen Grenzen riesenhaft zu überwachsen schien. Und während d eser Napoleon sich den Papst aus dem Vatikan nach Frankreich hwlte, um sich von ihm in Notre Dame krönen zu lassen, kümmerte ich der Pfarrer Buonaparte um die wirren Gerüchte, die vom h hen Aufstieg seines Hauses zu ihm drangen, nicht mehr, als ob sie von China oder vom Monde handelten.
Hatte er indessen in seiner katonischen Genügsamkeit die große Welt vergessen, so besann sich die große Welt ober doch ihr Ve- hirrscher auf ihn. Denn eines Tages rasselte ein Reitertrupp mit Geklirr und Getrappel durch die aufgestörten Dorfstraben, daß Kmder und Getier kreischend flüchteten, und machte vor dem t''arrhause halt. Der Pfarrer, der eben in seinem Gärtchen bastelte, bat erstaunt und argwöhnisch herzu: worauf der Führer des Tcupps seinen Dragonern einen Befehl in fremder Sprache zu- ii:f und selbst vom Pferde stieg, um sich mit höflischer Verbeugung
Pfarrer zuzuwenden: Ob er, so fragte er in schlechtem Jta- ltnisch, die Ehre habe, den Herrn Pfarrer Buonaparte vor sich in sehen? Der Gefragte, geblendet durch das blitzende Gefunkel ice goldverschnürten Uniform, verwirrt durch den scharf und Mvnungslos prüfenden Blick kalter, herrischer Augen, bejahte mit niem Kopfnicken und lud den fremden Offizier mit stummer b-ndbewegung ins Haus.
Es war nur eine einzige Stube darin, und in dieser Stube »rr ein einziger vertrauenswürdiger Stuhl,' so daß der rasche «üb ein wenig spöttische Rundblick des Offiziers nichts Sehens
wertes zu erfassen fand und der Stuhl, den der Gast höflich ab- lehnte, unbesetzt blieb Der Besucher, mit einem leise, sporen- klingenden Zusammenrücken der Hacken, kam nun militärisch knapp zur Sache: er sei, sagte er, General Ney vom französischen Heere und habe dem Herrn Pfarrer eine Botschaft Seiner Majestät des Kaisers auszurichten,' „des Kaisers Napoleon", fügte er hinzu, als er im Blick des Pfarrers fassungsloses Nichtbegretfen las Der alte Priester faßte stützsuchend nach der Stuhllehne, da plötzliche Wirklichkettsnähe von Dingen, die er immer wie Gerüchte aus einer fernen Welt, vernommen hatte, überwältigte: aber auf seinem Gesicht war doch der Schatten eines gerührten Lächelns, als er sagte: „Da ist also der kleine dicke Napoleon doch Kaiser geworden! Und wie geht es der schönen Laetitia?"
„Ihre Maie,tat die Kaiserin-Mutter befindet sich wohl", ant- wortete Ney förmlich Und er entledigte sich mit raschen Worten seines Auftrages: Seine Majestät der Kaiser, stets auf das Wohl seiner erlauchten Familie bedacht, habe vernommen, daß sein ver- ehrter Großoheim auf einer armseligen Landpfarre ein unwürdiges Leben fristen müsse,' es sei daher des Kaisers Wunsch, diesem Zustande ein Ende zu machen. „Ich habe, Herr Pfarrer", schloß Ney mit einer weltmännischen Verneigung, „den Auftrag, Sie ganz nach Ihrer Wahl an den Hof oder nach Rom zu geleiten: es steht Ihnen frei, zu wählen, ob Sie eine hohe geistliche Stellung bei Hofe bekleiden, ein Bistum in Frankreich oder Italien haben — oder in Rom als Kardinal in der Umgebung des Papstes leben wollen. Ich bitte Sie nur, Ihre Wahl so schnell zu treffen, wie Ihr Wunsch durch die Macht Seiner Majestät erfüllt werden wird."
Der Pfarrer Buonaparte schloß die Augen, als wäre er vom grell flammenden Glanz getroffen. Die Zeit der lockenden Hoffnungen, der kühn zu höchsten Zielen schweifenden Träume lag so weit hinter ihm daß die jäh auf ihn eindringende Wirklichkeit sich vor seinem argwöhnischen Blick zu unfaßbarer Größe aufreckte. Schon aber spürte er, dem seit langen Jahrzehnten die goldene Mitra des Bischofs von Fiesole der ehrfürchtig bestaunte und unerreichbare höchste Ausdruck kirchlicher Macht war, wie vergessene und nie mehr erprobte Kräfte sich in ihm regten: das alte korsische Abenteurerblut stieg aus längst verschütteten Quellen leise singend auf. Aus seinen wirr taumelnden Gedanken formte sich ein Erinnern, daß auch er einmal zu Macht und Größe hatte aufsteigen wollen — um nun in einem weltentlegenen Dorfe, unter armen Bauern zu sitzen, schmutzige Kinder zu unterrichten, überaus verständliche Predigten zu halten und sich nur vor den Amtshandlungen zu rasieren. Er ließ sich aus den Stuhl sinken, bedeckte die Augen mit der Hand und sagte dann leise: „Ich will es bedenken". Ney musterte ihn ein wenig mitleidig, ging taktvoll zum Fenster und sah hinaus, aber nur, um es sogleich aufzustoßen und zornig in den Hof zu blicken. Denn draußen hatte sich ein ungebührlicher Lärm erhoben.
Es hatte das. wie sich nachher erwies, eine dreifache Ursache. Tommaso, der Vielseitige, hatte sich, angelockt durch bas lustige fremde Geschnatter und bas Gesunkel der Uniformen, an die Dragoner herangemacht und bestaunte sie mit runden neidischen Augen. Man setzte ihn zum Spaß auf ein Pferd, das khn soglei'tz entrüstet abwarf. Darüber gab es ein großes Gelächter. Die schöne Mattea, angelockt durch feurige Blicke und scherzende Zurufe, die sie leider nicht verstand, kam ebenfalls herbei: worauf ein als Draufgänger berüchtigter Wachtmeister sie ohne langes Verhandeln umfaßte, über sein Pferd warf, sich zu ihr in den Sattel schwang und mit der kreischenden Beute unter dem Jubel der anderen über die Dorfstraße galoppierte. Die Henne Bianca aber, von einem der groben Spaßmacher gescheucht, flatterte mit entsetztem Gegacker zwischen den Beinen der Gäule umher, und ihre weißen Federn stoben als traurige Trophäen ihrer Peiniger durch die Luft. Bei der wilden Jagd wurden zugleich die sorgsam gepflegten Gemüsebeete jämmerlich zertrampelt.
Als der Pfarrer Buonaparte, durch den Lärm aus seinem Grübeln aufgestört, voll böser Ahnungen zur Tür eilte, kam ihm schon Tommaso entgegen und hatte die mit Mühe gerettete, arg zerzauste Bianca unter dem Arm. Er berichtete, während sein Herr das Tier erschreckt und besorgt betrachtete, vom Schicksal Matteas. Der Pfarrer richtete einen vorwurfsvollen Blick auf Ney, und es entging ihm nicht, daß der General sich zwingen mußte, eine strenge Miene aufzusetzen, während seine Augen leichtfertig lächelten. „Soldaten sind rauhe Leute, Herr Pfarrer", sagte Ney. „Aber der Wachtmeister wird das Mädchen heiraten, dafür stehe ich Ihnen." Nun rückte Tommaso keck und verlegen zugleich mit einem Anliegen heraus: Die fremden Soldaten hätten


