Ausgabe 
28.12.1934
 
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Verantwortlich; Dr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei, R. Lange, Siebes.

Wasser, die RelsNsten wurden feucht, quollen und platzten der Tee schimmelte die heihnasse Luft verdarb alles, ermattete Mensch und Tier und Regengüsse, Gießbäche vom Himmel, Tage während, zer- tört'en was noch nicht schimmelig, faul und verdorben war, selbst das ederne Sattelzeug. Die eingeborenen Häuptlinge forderten mitunter Abgaben und Passierzölle, Säcke glitzernder Perlen, bunter Glasstucke; die Flinten rosteten und die Pulverfässer zerfielen; mit aller Kraft, toll­kühn und ausdauernd, unerbittlich streng, dabei gerecht, kämpfte Stanley um seine Autorität. Wilde Datteln, Mangofrüchte, Kürbisse, gedorrtes Febrasleisch, Matamabrei waren oft die einzige Nahrung. Mit den Kon- eroen mußte man haushalten. Und hinderten nicht Ueberschwemmungen, Ürwaldgehölz, wandernde Büfselherden ihre Reise, so traten Heuschrecken chwärme, Ohrwürmer, Giftfliegen, Insekten, weiße Ameisen, die in ihrer unseligen Freßgier selbst die leinenen Zelte über Nacht ausfraßen das ihrige, das Vorwärtskommen zu erschweren. Dann kamen auch schörw, onnige, unbeschwerte Tage, die Sonne war mild, die Stechfliegen gleich­gültig gegen Blut und Menschenhaut, dann kamen Neger an, Körbe auf den Köpfen, in den Händen Näpfe mit Milch und Fruchtsaft tragend, bettelten um bunten karrierten Kattun, boten Elefantenzähne für ein Taschenmesser, Palmbutter, Zuckerrohr, Fische, Honig und Bananen­büschel für ein Stückchen Spiegelglas oder Granatäpfel, gegorenen Wein, Ananas, geschlachtete Ziegen und eingemachte Beeren für einige Meter Kupferdraht oder eine alte gebrauchte Handaxt. Dann konnte man türkende Suppe kochen, es gab Fleisch, süße Kartoffeln, Gemüse und Leckereien in Hülle und Fülle. Aber wieder kamen Tage, wo die ganze Truppe durch feuchtes, lehnistinkiges Dickicht kriechen, zerren und sich zwängen mußte, wo das Stechgras bis in Augenhöhe stand, wo man Lianen und Kletterpflanzen von Schlangen nicht unterscheiden konnte, wo die Esel knietief in schlüpfrigen Morast einsanken, wo die Schreie der aufgescheuchten Affen, das Blöken der Ochsensrösche, das Zirpen der riesigen Grillen jeden menschlichen Laut übertönten und erstickten. Ost war Stanley in dieser Zeit verzagt und kleinmütig, und als das Fieber ihn drei Tage und drei Nächte niederwarf, und er auch im Gleichmaß des Schaukelns der Hängematte nicht Ruhe und Schlaf fand, da schien ihm alles vergebens und verloren. Und nachts dröhnten von weither dumpfe Trommeln, mit denen sich die Eingeborenen Zeichen gaben und einander vor der Truppe des Weihen warnten, da heulten Hyänen und Schakale, und die Träger liehen die nächtlichen Lagerfeuer nicht aus­gehen, um wilde Bestien zu verscheuchen, während sie alles mögliche unangenehme Kleingetier anlockten. Kein Genuß, diese Reise, bei Gottl Aber sie gab Stanley die Genugtuung, eines Tages auf eine Spur von Livingstone zu stoßen. Er traf eine Karawane eingeborener Händler, die berichteten, an einem See einen weißen Mann mit weißem Haar ge­troffen zu haben, und sie wiesen auf Stanleys Ferngläser und Instru­mente und erklärten, das habe jener Weiße auch besessen. Der weiße Steinumdreher (damit wollten sie jenes Mannes geologische Tätigkeit er­klären) sei weit umher gereist, spreche ihre Sprache und lebe ost in Ud- jidji. Stanley jubelte, er war auf dem richtigen Wege. Einige seiner Leute hatten Pocken, andere die Ruhr, die Pferde starben an den Stichen giftiger Fliegen, die öligen Crdraupen ... alles das wurde weniger schlimm, er sah sich seinem Ziele näher gerückt. Er setzte seinen Weg fort, sandte Kundschafter voraus, aber es vergingen noch viele Wochen, ehe er so weit war, daß er seinen Leuten sagen konnte, daß sie in vier Tagen den Tanganjika-See, in zwölf Tagen Udjidji erreichen wurden, wo sie Livingstone zu finden hofften. Sie nährten sich von Erdnüssen, Bananen, wilden Bohnen, kauften von den Eingeborenen Hühner und Fleisch, fingen mit Reusen Fische in den Bächen, die sie überqueren mußten. Die Neger waren sehr eingenommen für Tauschhandel, sie be­gehrten alles Glänzende. Schmiedewaren aus Birmingham, Glaskugeln, Draht, Metallknöpfe, und sie schleppten herbei, woran sie Uebersluß hatten, köstliche Speisen, bunte Schnitzereien, prächtige Federn, herrliche Leopardenfelle. Für eine zerbrochene Uhr, einen ausgedienten Rasier­spiegel, eine rostige Pistole hätte Stanley, wäre nur Zeit und Platz ge­wesen, herrliche Dinge einhandeln können, aber dieser Reporter drängte auf sein Ziel hin. Und als nach abermaliger Regenzeit, die Reise dauerte nun schon sieben Monate, die Sonne hervorbrach, über der Landschaft der Dunst der feuchten Erde wie Nebel lag, da brachten seine Kund­schafter jubelnd die Nachricht, das lange Wasser sei dort hinten; das lange schöne Wasser das war der Tanganjika-See. Sie stießen aus Eingeborene, die berichteten, daß der weiße Mann, der Bücher­maler, Blumenriecher, Steinumdreher, Weitgucker, Feuerknalltöter, krank läge. Stanley versprach seinen Leuten eine gute Belohnung, viele Tage Ruhe, Faulenzen, Nichtstun, Jndersonneliegen, dazu viel und immer Essen und Essen und Geld, Goldstücke, die ihnen das Himmelreich herbei­zaubern konnten. So kam er endlich in Udjidji an. Die Sonne lag wie ein glühender Ball auf dem weiten, unermeßlichen Tanganjika-See; die Nachricht von Stanleys Anrücken erreichte den Ort. die Neger kamen ihnen neugierig entgegen, und dann hatte Stanley fein Ziel erreicht, er sah Livingstone vor seinem kleinen Holzhause stehen, drückte ihm die Hand und wußte vor Freude und Stolz, sein Ziel erreicht zu haben, kaum die richtigen Worte zu finden. Livingstone war kränklich, nicht krank. Er erholte sich schnell. Stanley ergänzte die Vorräte des For­schers, brachte ihm Zeitschriften und wissenschaftliche Bücher, übergab ihm neue, moderne Instrumente und sie hatten einander gar vielerlei zu erzählen und zu berichten. Preußen hatte Frankreich besiegt, der letzte Napoleon saß gefangen, der Suezkanal war eröffnet, die ameri­kanische Pazifikbahn eingerveiht ... sie tranken den Champagner, den Stanley mitgebracht hatte, auf Gordon Bennetts Wohl.

Die Schwarzen umstanden das Haus und die schmale Terrasse, aus der die beiden Weißen saßen und plauderten; und der Ruf der guten Medizinmänner und Zauberer verbreitete sich schnell über das Land. An jenem Abend schlief Stanley seit vielen Monaten das erste Mal wieder in seinem Bett, während Livingstone die halbe Nacht aussaß und die Stöße von Briefen las, die Stanley für ihn mitqebracht hatte.

gebogen lsi. Die Besitzer aber bilden mit ihrem bedruckten Papier ein Ganzes, stehen mit ihm gleichsam.in einer Wolke, aus der die Offen­barmrgen der kleinen Nachrichten auf sie zustromen.

Aber habe ich Grund, den Beobachter zu spielen? Bin ich's nicht selbst, der eben den Kopf so schief hält, daß er von unten etwas Ge­naueres über den Kanalsund erhaschen kann? Warte ich nicht wie alle auf die Einzelheiten dieses erregenden Mordes, ob nicht schon eine erste Spur tzesunden oder der Täter gar entdeckt ist?

Da besinne ich mich. Ich beschließe, nicht mitzutun und den kostbaren Mittag von der Behexung durch die Zeitungsmänner erfüllen zu lassen wie alle Welt. Mein' Blick reißt sich los und wendet sich mit einem Ruck nach oben, über das Gewühl. Aber gerade in dieser Hohe fällt er in die Netze der Reklameaufschrift einer Bank, die das Sparen eindringlich empfiehlt und dabei fast höhnisch zu bedenken,glbt, daß das Entweichen aus der Welt eines Stadttages nicht so leicht möglich ist. Ich begreife zuerst nicht. Dann muß ich immer wieder die großen Neonröhren-Buchstaben überlesen, die in die Mauer gesteckt sind. Bis mein Wagen kommt und mich stumm davonfuhrt ...

Ich weiß nicht, wie lange ich so saß, auf meinem verborgenen Platz im Walde, in dies vor Stunden Geschehene hrnemsah und dachte, daß es ia das Leben sei und immer wieder rollt inzwischen die Erde um ihre Achse und um ihr Muttergestirn, und wir begehen dies so wenig festlich, da war es mir, als würde das Herbftgestrauch, das sich hinter mir befand, leise bewegt, von oben behutsam auseinanber= gebogen und, wie man ein Kind belauscht, beugte sich eine Gestalt zu mir herab. Es geschah so leicht, ja Hauchhaft, daß es unmöglich von einem Menschen herrühren kannte.

Ich hielt noch immer die Hand vor den Augen. Gerade jetzt wallte ich sie nicht abnehmen, um mich von der Ursache des feinen Raschelns zu überzeugen. Wie es ist, wenn man die Einsamkeit kostet und die ab­sonderlichsten Gedanken an Wahrscheinlichkeit gewinnen, glaubte ich, hinter mir, stünde ein Engel. Das Geräusch war ja so zart, daß es nur von einem übernatürlichen Wesen ausgehen konnte. Ja, nun erlebte ich einmal wirklich das Wunder, von dem Legenden berichten. Ich mußte nur still sein und die Augen weiter bedeckt halten und über mein vergebliches Üeben nachsinnen wie vorhin. D, endlich ein Zeichen, das mich emporhob, ich wartete ...

Aber es kam kein Engel. Schon nach wenigen Sekunden verstummte das Geknister in meinem Rücken, als hätte ich's mit meiner allzu klaren Erwartung verscheucht, und es hob statt dessen seitwärts ein deut­liches Rascheln von Blättern an, das zu irdisch schien, als daß es einer Erscheinung angehören könnte. Ich ließ also sacht die Hand sinken was ich nun sah, war überraschend. Auf dem dämmerfahlen Steinweg bewegte sich, kaum einen Schritt von mir entfernt und fast lautlos em Tier von der Größe eines Hundes. Aber es war kein Hund, das merkte ich trotz der Dunkelheit, darin aller Umriß verschwamm, an dem Schleichenden, mit der Umwelt tief Vertrauten feiner gemächlichen Gang­art und wie es den Boden abschnupperte und Buchennüsse versuchte; nun hörte ich auch ein deutliches Knabbern. Gewiß hatte mich trotz meiner Nähe das Tier nicht gemerkt, das, sich ungeschreckt entfernend, mir nun seine Schwanzrute zukehrte, an deren Ende ein deutlich heller Fleck schimmerte, das sich also als ein Fuchs zu erkennen gab. Der auf nächtlichen Beutegang Ausziehende ließ sich nicht stören, er verweilte noch einige Zeit bei seiner Suche und trabte dann langsam davon. An der Wegbiegung, die ein kleiner Föhrenbestand überschattet, sah ich ihn verschwinden. Wie ein Torgebälk hing über ihm das stückige Schwarz eines waagrechten Astes, an dem dichte Nadelbüschel hingen. Zwischen ihnen und der Krümmung des Stammes sah ein trüber Wolkenmond durch: sehr ferne und gerade sich auflichtend zu einem opalenen Schimmer. Für Sekunden mar ich so Zeuge der seltenen stummen Gemeinsamkeit dreier Naturwesen: des schwebenden Himmels­körpers, der verwurzelten Pflanze, des einsamen Tiers.

Unten aber, wo die Lichter in Nebeln, Punkten, Ketten funkelten, gingen wohl immer noch Menschen aus Kinos und Theatern. Und war nicht auch immer noch Lärm von Straßenbahnen dort, Autos, schreiende Anbieter letzter Nachtblätter? Brachten sie nicht schon die neueste Mel­dung von dem Morde, und es war von einer ersten Verhaftung, von einem ersten Geständnis zu lesen?

Stanley findet Livingstone.

Von Gerhard Schäle.

- Henry Morton Stanley, Reporter desNew York Herold", der Welt größter Zeitung, sah auf der Terrasse des englischen Konsulats in Sansibar und feierte mit einem Mhiskysoda feinen 30. Geburtstag in tiefem Nachdenken, denn er hatte eine schwere Aufgabe: um jeden Preis den Dr. David Livingstone zu finden! Dieser nun 58jährige Forscher und ehemalige englische Mifsionar war feit fast einem Jahre verschollen. Die beiden englischen Expeditionen waren erschöpft und ohne jede Nachricht zurückgekommen. Und nun halte Gordon Bennett, der Sohn feines Verlegers, den jungen Stanley nach Afrika gesandt Stanley wußte, daß es keinen Weg gab, daß er mit 150 Trägern, Pferden, Packeseln, bis an die Zähne bewaffnet, den Kampf mit Klima, In­fekten, wilden Tieren und Eingeborenen aufnehmen muhte.

Im Januar 1871 verließ er Sansibar, und von Bagamojo, dem Küstenort, aus zog er mit feiner Eskorte ins Unbekannte. Trotz aller Mühen, Kalkulationen, Erwägungen, erwies sich manches als falsch und unsachgemäß begonnen. Frische Lebensmittel faulten im Nu. Nicht immer war Ersatz herbeizuschaffen. Was ihm als märchenhaft schön, phantastisch und reizvoll beschrieben hatte, kehrte sich in das Gegenteil um. Die gleißenden Riesenlibellen waren giftige Infekten, die gelben Fliegen der Tod der Pferde, die kleinsten und behendsten Schlangen die gefährlichsten. Das Mehl stak voller Würmer, die Zuckersäcke zogen