Ausgabe 
28.12.1934
 
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Weihnachisende.

Von Herma Stuben y.

Die letzte Kerze löscht am Christbaum aus. Nun sitzen wir im Dunkeln still und träumen Und denken über Jahressrist hinaus und sehn uns wieder unter Weihnachtsbäumen.

Was ruht verborgen hinter Sturmgebraus und Stundendrong in unbekannten Räumen? Wes Kerzlein löscht die Jahresrunde aus? Wes Lebensbecher läht sie überschäumen?

Getrost, es kommt, mit immer gleichem Schritt, nimmt einen jeden in dem Kreise mit, und dennoch würd' die Gleichung niemals enden,

und spendet es mit übervollen Händen, wir werden, so wie Kinder, die sich recken vielleicht nach einem Stern die Hand russtrecken.

Poseidon.

Eine Seegeschichte von Erik Bertelsen.

Jespersen wohnt allein in einem kleinen baufälligen Haus zwischen den Klippen. Der Sturm hat große Löcher in das Strohdach gerissen, das Fachwerk klafft überall, und trotz aller Arbeit am Haus gelingt es chm niemals, es ganz in Stand zu fetzen. Er ist alt und nicht' mehr im Vollbesitz seiner Kräfte.

Aber vor dem Haus, zwischen einigen verkrüppelten Büschen, die einstmals sicherlich einen Garten vortäuschen sollten, steht eine Gallions- figur Poseidon, der Gott der Wogen, seinen Dreizack über dem tang­bekränzten Kopf erhoben, die Augen nach Westen gerichtet, wo das Meer an das Ufer donnert.

Die Figur ist nicht verfallen. Wann man auch vorbeikommen mag, immer ist der Poseidon frisch angestrichen. Jespersen gibt acht, daß die Holzfigur nicht verwittert.

Liefe Sorgfalt, die er auf eine alte Gallionssigur wendet, fällt schließ­lich auf. Aber wenn Jespersen auch sonst ganz gern redet, erhalt man nie eine Antwort auf solche Fragen. Sowie da Gespräch aus den Poseidon kommt, kneift er die Lippen zusammen und sieht beleidigt aus. Fragt man einen der anderen Fischer, bekommt man ausweichende Antworten.

Dem Gerücht nach war Jespersen niemals verheiratet und geht den Frauen aus dem Wege. Bei Sturm hält er in der Nacht Strandwache. Im übrigen ist er auch am Tage am Strand zu treffen und hilft, wenn die Boote in See gehen. Die andere Zeit vergeht mit Erzählen. Auch ich habe mich mit ihm unterhalten. Aber ich vermied ängstlich, den Poseidon zu erwähnen.

An einem Herbstabend, als die kleinen Ruderboote mit im Mond­schein blitzenden Rudern hinausgesahren sind, gehe ich mit Jespersen den Strand entlang. Es ist so windstill und die Lust so mild, daß man nicht nach Hause gehen mag. Wir setzen uns und sehen den Booten nach, die im Dunkel langsam verschwinden.

Ich bin zum ersten Male mit Jespersen nach (Sonnenuntergang allein. Plötzlich sagt er:Vor vielen Jahren aber willst du überhaupt hören, was ich bisher noch niemanden erzählt habe?"

Falls du es geheim hatten willst, nicht, sonst interessiert mich alles, was du erlebt hast."

, Sann höre: Mein Vater war kein Fischer, sondern besaß einen kleinen Hof. Ich hatte nur einen Bruder. Er hieß Anders und war zwei Jahre älter als ich. Und er wurde mir immer vorgezogen. Alles war ihm erlaubt, was mir verboten war. Die besten Bissen wanderten bei Tisch auf feinen Teller, die leichteste Arbeit wurde ihm zugeteilt.

Vielleicht bildete ich es mir auch nur ein, denn ich hatte niemals Lust, Landarbeit zu verrichten. Ich wollte Fischer werden. Und ,ede nur mögliche Gelegenheit benutzte ich, an den Strand zu gehen. Dann kam ich spät heim und wurde böse empfangen.

Du kannst dir denken, daß es unter diesen Umständen nicht leicht für uns Brüder war, uns immer zu vertragen. Wir fähigen uns oft Und griffen die Ettern ein, nahmen sie immer Anders Partei. Vielleicht hatte ich auch wirklich meistens Schuld. Aber das sah ich damals nicht ein. Anders wurde eingesegnet. Nun war er erwachsen unö rooi.te mir befehlen. Ich sehnte den Tag herbei, an bem ich aus der Scfäle tarn und von daheim fort konnte. Aber als Anders horte, ich wollte Fischer werden, fetzte er es durch, daß er auf einem Segler angeheuert wurde, und ich mußte zu Haufe bleiben und den Ettern bei der Arbeit helfen.

Ich nahm an, daß Anders das harte (Seemannsleben bald satt haben würde. Aber er kehrte sobald nicht zurück. Er ging auf Auslandfahrt. Seine Briefe waren oft ein halbes Jahr unterwegs gewesen, ehe sie uns ^Hin^unb wieder glückte es mir, mit einem Boot zum Fischen hinaus zu fahren. Aber ich konnte die Eltern nicht im Stich lassen, und die Folge war, daß ich weder ein richtiger Bauer, noch em tüchtiger Fischer tt>Ugünf Jahre vergingen, ehe Anders auf Besuch heimkam. Er war ein großer flotter Bursche geworden und benahm sich, als sei er min­destens schon Kapitän. Geld hatte er auch mehr als genug mitgebracht

In unserer Nähe wohnte ein alter Fischer. Er hatte eine fäbfäe Tochter. Ich war mir schon lange klar darüber, wie gerne ich ft» batte. Und ich wußte, daß sie meine Zuneigung erwiderte. Aber ich fand es eilte nicht, darüber miteinander zu sprechen. Das »achte sich "un. Denn als Anders Karen begrüßte, zeigte er schon mehr Interesse mir gut schien. Er verstand es besser als ich, mit grauen umzugehen. Bald hatte sie sich so in ihn vergasst, daß sie mich kaum noch be­merkte. Da erst ging mir auf, was ich verpaßt hatte. Aber nun war es zu spät. Ehe Anders wieder obreifte, war er mit Karen verlobt.

Er hakte sie mir genommen Und sie gtng mir mm ans bem Wayck und richtete es stets fo ein, daß wir nie allein waren.

Darüber verging ein Jahr. Dann kam Anders wieder. Nun sollte er auf die ©teuermannsfäule. Und das Examen bestand er gut. Gleich danach erhielt er eine Stellung und sollte mehrere Jahre fortbleiben. Ich faß zu Hause auf dem Hof. Und meine einzige Zerstreuung war, zum Fischen zu fahren. Außerdem meldete ich mich als Strandwache.

Eines Nachts, im Februar hielt ich bei Sturm Wache. Es war so dunkel, daß man nicht die Hand vor Augen sah. Alles war mir in dieser Nacht gleichgültig, denn es war ein Bries von Anders gekommen, daß er auf dem Heimweg war und Hochzeit halten wollte. Das quälte mich. Warum sollte er heiraten er, der fast nie daheim war?

Am Ende der Strecke, die ich abzugehen hatte, lag eines der Tele­phone der Rettungsstation. Hier begegnete ich zumeist der Wache, die von der anderen Seite kam. Er faß auch dort und wartete auf mich. Wir waren uns darüber einig, daß heute sicherlich niemand stranden würde, wenn der Wind nicht von Ost, woher er kam, umsprang. Und wir beschlossen, im Telephonhäuschen sitzen zu bleiben, anstatt wieder ins Dunkel hinauszuwandern.

Er legte die Arme auf den Tisch und schlief bald ein. Ich setzte mich auch so behaglich als möglich hin und schloß die Augen. Ein- fälafen wollte ich nicht, aber der Schlaf überfiel mich doch.

Es dämmerte bereits, als ich wieder aufwachte. Es war kalt im Raum. Und ich hatte das Gefühl, es fei etwas im Anzug. Der andere Wächter schlief immer noch. Ich weckte ihn und stieß die Tür auf.

Und richtig etwas nördlich kämpfte ein Segler mit den Wellen. Ich telephonierte sofort nach dem Rettungsboot, und dann liefen wir beide zum Strand, bis wir in der Höhe des Seglers angelangt waren. Es war ein breimaftiger Schoner. Die See schlug über ihn hinweg, ein Mast war zerbrochen. Aber es war noch zu dunkel, um sestzustellen, wieviel Mann an Bord waren. Wir konnten nur einige Menschen im Takelwerk undeutlich unterscheiden.

Cs dauerte lange, bis das Rettungsboot kam. Und als es schließlich anlangte, konnte es kaum hinaus. Ich wußte wohl, geschah etwas da draußen, trug ich ein gut Teil Schuld daran. Endlich ging das Boot hinaus. Für gewöhnlich verläßt der Kapitän zuletzt das Boot. Diesmal aber kam er als erster an Land, bekam knapp die Lippen auseinander und brachte nur hervor, daß der SeglerPoseidon" heiße. UndPo- seiedon" hieß der Segler, auf dem Anders Steuermann war.

Nach und nach kamen alle Mann an Land. Nur Anders war noch nicht dabei. Eine schwere See ging über den Segler hinweg, riß die übrigen Maste ab und kein Mann war mehr an Bord zu sehen.

Mir schwanden einen Augenblick lang die Sinne. Man schrie und rief um mich herum, aber es kam mir vor, als fei das alles weit, weit fort, als fei ich nicht ganz wach.

Aber bann entdeckte ich etwas, das draußen auf und nieder tauchte. Es glich einem Menfchenkopf. Nun wurde ich wach. Ich schlang ein Tau um den Leib und rannte in die See hinaus. Man schrie hinter mir her. Ich hörte nichts. Ich wußte, was ich wollte.

Wieweit ich hinausschwarnrn was eigentlich in mir vorging ich weiß es nicht. Ich dachte nur an den Kopf, den ich in der Bran­dung immer wieder auftauchen sah. Endlich hatte ich ihn erreicht. Ein Körper kam mir entgegengefäroommen. Ich schlang sest die Arme um ihn. Dann verlor ich das' Bewußtsein.

Das erste, was ich merkte, als ich an Land gezogen wurde, war, daß ich etwas sest umklammerte. Ich hörte die Fischer flüstern:Ist er tot? Er hat sich anscheinend schwer verletzt."

Langsam schlug ich die Augen auf. Und da sah ich, daß ich eine Poseidon-Figur fest umschlungen hielt."

Oer ZuchS.

Bon Robert Braun.

Ich saß nachts am Wegrand des Hügelrückens. Cs war die Stelle, wo ich immer zum ersten Mal nach langem Gehen im Finstern die roten Stadtlichter auffunkeln sehe: für den, der sich schon an bas fahle Verbärnmem aller Dinge gewöhnte, ein Glanz wie von Ge- fämeiben. Unten im Walbbunkel war bas hallenbe Bellen eines Hunbes vernehmbar, bas nicht enben wollte. Unb bann roieber von ber Stabt- feite her ber Pfiff einer Lokomotive mit bem langsam sich oerlierenben Gestampfe eines Zuges, ber in weiter ßanbfäaft fährt.

Währenb ich, an ein Gebüsch mich lehnenb, bie Augen mit ber Hand bedecke, gedachte ich des Augenblicks, da ich da unten vor wenigen Stunden gewesen war. Damals hätte ich nicht geglaubt, daß es dieses schöne Versteck auf unserem Berg gäbe. Ich stehe an der Straßen­kreuzung und warte auf meinen elektrischen Wagen, der mich vom Büro nach Hause bringt. Die Ruse der Zeitungsmänner lärmen um mich. Ein älterer Mensch hat sich das Blatt, das er anpreist, um Brust und Rücken gebunden, als eine Art Karnevalsschmuck vorne auf den Hut gesteckt unb außerbem hält er es einbringlfä mit bem rechten Arm hoch, wobei er, zwischen ben Wartenben auf- unb abgehenb, ben Kaufpreis von zehn Groschen immer wieberhott. Unter bem Kopf feines Blattes steht in singergrohen Lettern die Hauptnachricht dieser Stunde Eine zerstückelte Leiche im Flußkanal gefunden". Seinen Weg kreuzt ein anderer in schäbigem Militärmantel. Er pflanzt sich mit einer ge­wißen Zähigkeit vor einem der Wartenden auf und, fein Opfer un­verwandt mit braunem Blick und durch Brillengläser ansehend, die schon etwas tief auf der Nase sitzen, leiert er in hämmernden Gleich­ton die Liste seiner blau, rot, grün gehefteten Zeitschristen ab, die ihm als farbenfleckiger Schild über ber Brust hängen.

Menschen kommen in Scharen von ihren Arbeitsstätten über bie vom Schutzmann geschlossene ober freie Bahn der Straße, unb währenb sie buntel herzuströmen unb, sich anfammelnb, auf ihre einfahrenben Wagen warten, für bie jeweils ein Teil sich ausfonbert, besorgen anbere ihren Zeitungskauf ober schielen wie gebannt nach ber Aufschrift, bie ihnen doch das Genauere vorenthätt, da bie Zeitung geschickt in bet Mitte ab-