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Eichener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1954
Montag, den 5. September
Nummer 68
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Rekruten-Korporal.
Von Theodor Fontane.
sein Blick ins Innere der verschlossenen Frau zu stoßen. Er prallt ab. Wie ein unsichtbarer Stahlsturz umsteht etwas die preußische Frau.
„Sie werden heute mit mir den Ball eröffnen, Frau von Möllen-
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trauere um zwei Brüder, Herr Oberst."
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In Würzburg, bei den Bischöflichen, Sind ihm schon sieben Jahre verstrichen! Seiner Potsdamer Tage, manch liebes Mal, Denkt der alte Korporal.
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de- jungen Gutsherrn Blick. „Vor den Franzosen haben wir alle Angst." „Ick hab' keene Angst!" brüllt der Veteran. „Mein Großvater hat die
Schweden verkloppt! mein Vater und ick kloppen die Franzosen! Det is unser Metier. Ick hab' gar keene Angst nid), Herr Major, gar keene, dagegen verwahre ick mir! Wovor haben Sie Angst?"
„Du hättest auch Angst, Christian, süß' dir das Messer an der Kehle
Heben Sie die Kehle, Herr Baron! Nischt für ungut. Adjes! Mahlzeit,' Frau Baronin. Solang' ick leb', wird keen Holz in meinem Wald gestohlen!" „ t .
Der Alte öffnet die Türe; schrill, heraussordernd beginnt er, über den Hos davonschreitend, das Schlachtlied des alten Dessauers zu pfeifen. Frau von Möllendorf faßt die Hand ihres Gatten. „Fritz", fleht die Frau. „Behalte den Kopf oben. Wir müssen durch, wir werden durchkommen!" m .
„Ja, ja, mit Moderation." Unstet, haltlos schiebt er die Papiere auf dem Schreibtisch durcheinander. „Wenn du und die Kinder nicht . wären..."
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Die Kinder nicken verstehend. Scheu trollen sie sich in weitem Bogen dem Hoftor zu. Sie stehen zögernd. In kurzem Galopp reiten die Drft= ziere in den Gutshof ein. In schöner, selbstbewußter Kurve Jengen sie an die Freitreppe heran; sie springen, stolz auf die guten Figuren, die sie dabei machen, aus den Sätteln. Mit einem Ruck, wie fjtnaus- geronrfen verschwindet die Kinderschar durch das Tor ,
„Madame! Unsere Fete ist gesichert!" spricht der altere der Offnere, „Die Verhaltung des Herrn von Strachwitz hat Wunder gewirkt. Es wird seht alles unserer Einladung Folge leisten." .
Ein Knecht kommt gelaulen. Mit Todesangst im Blick nimmt er den Ossizieren die prallschönen Pferde ab.
„Mit reinem Hafer füttern!"
„Gewiß! Freilich, Herr General."
Hochfahrend wendet sich der Oberst zur Gutsfrau zurück. „
„Sind Sie vorbereitet? Alle Ihre Nachbarn werden unser Gast fern.
Es ist alles geschehen, Herr Oberst, um Sie zufriedenzustellen.
/■Stirnen Sie 'mir noch immer, schöne Frau?" Rein sagend ist der Blick der Frau im Antlitz des Offiziers. Der Oberst .feinen Schnurr^ bart, hastig, verlegen dreht er ihn herum, aggressiv, hilflos zornig jucht
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_____ steigt in das Antlitz des Offiziers.
„Dann wird Sie Ihre Freundin vertreten! Diese Witwe, mit den schönen Armen, die so schmachtend zur Laute zu fingen weiß! Haben
" ,er te oanes/S Ich müßte sonst befehlen!"
pictäxy ag wendet sich Frau von Möllendorf dem
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hl; liebevoll streichelt der Wind das Blonder sie trösten.
inst an", gebietet der Oberst seinem Begleiter, ücken soll! Alle Gärten stehen voll Blumen, raufte für die Damen gebunden werden!" ." — „Und Sie, Madame, Sie werden von cht zuviel in Ihrem Tacitus lesen, mit mir :e Sie in einer Stunde zum zweiten Frtih- NÄMZÄP entlingenb steigt der Oberst die Freitreppe senkt den Kops, mit nachdenkenden Schritten jus herum, zur Schreibstube ihres Gatten, schimpfend poltert des alten Jägers Stimme <f l»\/n vor die Hunde, Herr Baron, wenn Sie 4pp |uiui M Respekt zu sagen! Hundert Jahre braucht __mit er wieder so dasteht wie jetzt! Wer soll ihn denn aufforsten? Haben Sie Geld? Herr Baron, mit der Demut is nischt! Raus mit der Demut! Denken Sie an Ihren alten Herrn! Immer rin ins Feuer! Herr Baron! Die Weltgeschichte is noch lange nid) aus! Wir haben eene aufs Dach gekriegt, jut, aber: bet nächste Mal verkloppen boch wir roieber bie Franzosen? Ick steh' Ihnen bafür, Herr Baron! Ick steh' Ihnen bafür! Ick knall' (eben meber, ber mir in ben Wald kommt. Stoppeln geben keen Korn, Herr Baron! Wer mir bestiehlt, Herr Major, der will mir ans Leden, wer mir ans Leben will, den mach' ick kalt!" ..
Frau von Möllendorf tritt ein
„Schrei nicht so, Christian."
„Nischt für ungut, halten zu Gnaden, gnädige Frau. Guten Morgen, Frau Baronin. Is einer von den Hunden brauften?" Drohenb umkrampft ber alte Jäger fein Gewehr. „Soll ick ihm Beene machen?"
„Niemanb ist brauften, Christian", sorgenvoll sieht Frau von Möllenbors ins bleiche Antlitz ihres Gatten, „aber es könnte leicht jemand brauften sei! Du mußt, beines Herrn wegen, vorsichtiger sein, Christian!" — „Det is richtig! Stimmt! Werb' mir baran halten! Herr Baron, baß ick meine Melbung ganz mach: Heut' nacht is roieber in ber Freimühle eingebrochen worben! Allens bie Folge von Ihrer Laschets!" Ungestüm, als könne er sich bort Hilfe ausgraben, kratzt sich ber Jäger seinen haarlosen Hinterkopf. „Ach Sötte boch, ber olle Fritz jeht uns grausam ab! C\avv fl^nrnn I *7^pr Vleb man stramm an bie Kiefern hangen! Wir müssen
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In einem ausgeräumten Gutshof steht eine junge Frau vor einer Schar verlumpter, halbverhungerter Dorfkinber. Gebeugt. Mit vorsichtig abroägenber Bewegung, damit nur ja nichts verloren geht, schöpft bie Frau bie Morgensuppe in bie Schälchen unb Blechteller ber gierig Zusehenden. Leer und tot ist das Hofgeviert, traurig schwingt in einsamer Höhe, in der Mitte des Hofes im Winde das aufgerissene Türchen des Taubenschlages. „Heute mittag müßt ihr früher als sonst kommen, Kinder", spricht die Frau freundlich, beruhigend nickt sie den unruhig aufsehenden Kleinen zu. „Kommt Mittag hinter das Haus! Hier wird viel Fuhrwerk fein."
Ein kleiner Junge mit zerrissenem Hemd wittert.
„Da tanzen wohl die französischen Herrens wieder bei Ihnen?"
„Iß weiter, Klaus. Lieschen", sagt die Frau zu einem Mädchen, das scharfe, unkindliche Sorgenfurchen um bas Münbchen im blassen Kinber- gxsicht hat, „war beine Mutter nachts noch einmal anfällig?"
Starr sieht das Kinb gerabeaus „Mutter wirb nie roieber gefunb."
„Das barsst bu nicht sagen. Vielleicht Hilst ber liebe Gott boch." Das Kinb schüttelt traurig ben Kopf. Hoffnungslos, trocken roeinenb geht bes Kinbes Blick über ben Hof, über die abgetragenen Stohdächer des Dorfes zum erhöhten Waldrand. Dort ragt schief ein großes, rohgezimmertes Holzkreuz. Unordentlich, in breiter Fläche ist unter ihm die Erbe burch- einanber gewühlt, über etwas geworfen, bas sich in wirrer Gruppe bem Slithlu ni mieber. aufrubäunten scheint.
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