Ausgabe 
28.9.1934
 
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"aßie ?reimt sich das zusammen, Exzellenz, daß Napoleon Moskau ver- ^^,',Jm^ Bulletin steht, daß es in Rußland kälter sei, als in Frankreich! Moskau ist zerstört."

Äer "Polizeipräsident zuckt die Achseln, er lächelt geheimnisvoll, sein Untergebener lächelt auch. *

Was haben Sie denn? Was ist Ihnen denn so Erfreuliches Pa^i3d)? wollt' doch für den jungen Bretthauer ... die TotenglockL Ziehen!? Das ist plötzlich verboten! Um nicht zu .beunruhigen haben sie gesagt! Cochon allemand haben sie gesagt, d e u t s äh e s Schwein, nicht mehr preußisches Schwein! Ist das nicht herrlich?

Werden Sie bestraft?" ,, ,

Davon haben sie nichts gesagt! Ach, Herr Postmeister, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie glücklich ich bin, daß ich jetzt ein d t u t sches Schwein geworden bin! Was ist das?" Ein Reiter galoppiert am Fenster vorbei; fragend sehen sie sich an.Es reiten jetzt viele Estassetten im Land."Und nach acht Uhr darf niemand mehr auf die Straße? Es geht etwas vor, es geht etwas vor, ich laß mir das nicht nehmen!

In einer Weinstube nimmt ein Herr die Serviette vom Teller; ein zusammenqesaltetes Druckblatt kommt zum Borschem: .Aufruf an die Deutschen, sich unter die Fahnen der Freiheit zu sammeln.Wer hat mir das hergelegt?" t , _ .,

Cs gehen so viele Hausierer hier ein und aus, mein Herr, ich weiß nicht", sagt der Kellner, er gießt die Suppe ein. Der Herr faltet das Papier zusammen, er steckt es zu sich.

Vorsicht!" mahnt der Kellner.Gesegnete Mahlzeit!

Shirnrn, in einiger Erwartung löffeln sie ihre Suppe.

Verloren in der ungeheuren Weite zieht ein französisches Bataillon. Sorgenvoll reiten die Offiziere voran, sie heben bte Kopfe; auf frer ver­wehten Landstraße kommt ihnen eine Schar Menschen entgegen: Bauern, Arbeiter und Studenten. Sie ziehen ohne Wassen^und ohne Führer, in voller Ordnung. Fragend sieht die Mannschaft xtyce Offiziere an. 2)ie waffenlose Schar, der die Augen hell leuchten, schleudert die Mutzen und Kappen hoch, sie brechen ohne ersichtlichen Grund »n em Freuden- geschrei aus. Sie durchschreiten die reglosen Reihen der Franzosen, sie wetten drohende Blicke den Soldaten zu. Diese stehen starr, sie sahen verwirrt dem Zug nach, der taktfest verschwindet. Wortlos geben die Offiziere der Mannschaft das Zeichen, weiter zu markieren.

Hoch über dem schneeigen Land braust der Wind.

Wissen Sie, was morgen die Parole und Losung ist?

»Rein?"

.Friedrich'! Und: .Frei!

Glückstrahlende Augen sehen sich* an.

Eine furchtbare Detonation zerreißt die Luft.

Pechschwarz wirbelnd quillt eine große finstere Rauchwolke über dem Kiesernwald dem schneeverhängten Himmel zu. __ m ..

Entsetzt schreien die Krähen, sie flattern in langen schwarzen Reihen über dem Weih, der Kiefernwald schwankt, er wird grün, er verliert die Schneebelastung seiner Aeste.

.Sie sprengen ihre Munition in die Luft!

.Komm" sagt der Köhler,trinken wir darauf einen Wacholder!

Auf dem Knüppeldamm, knietief im Schnee, zieht bte Garnison ab.

I Kinber schlittern vor einem Stäbtchen: Mißmutig, ben Schlitten an I der Schnur hinter sich, steht ein kleines Mäbchen. Es hat ben Bruder verloren. Die Gamaschenbeinchen schief letzend, stapft die Kleine den

I Wall hinan. An die Stadtmauer gelehnt, steht reglos der Bruder, er I Harrt zur Landstraße. In der weißen Dämmerung wankt dort ein breiter, mächtiger Mann heran, zersetzt, einen Weiberrock um den Hals gebunden, aus einen Knüttel gestützt, barsuh, eisbehangen w.e verfault. Aschgrau verwest im Antlitz. Unter der Barenmutze, über dem bereiften Bollvan I klafft eine eitrige Wunde. Stier, wie die Hohlen eines Totenfc^idels, I alotzen die Augen. Der Franzose stolpert durchs Stadttor. Die Kinder chsien sich an den Händen: Ueberall kriechen auf der weißen Flache

I dunkle Pünktchen auf. Schlitten, Reitende, Vermummte, Humpelndt. Lautlos tauchen sie aus den Nebelschleiern der Ferne hervor Eine G - spensterschar. Immer mehr! Unzählige! Wortlos, tonlos, waffenlos. Die Kinder fliehen. Am Posthaus klebt em Zettel:Durch Gottes Hand ist Napoleons Heer vernichtet! Klugheit, Ehre und Vaterbandsgefuhl g - bieten uns, euch zum Volkskrieg aufzubieten! Stern, Yorck.

IDer Yorck ist ... ab gefallen?" fchrelt ein Mann.

(ttnen° Säbel bindet sich der Nagelschmied um; die Kirchenglocke be­ginnt zu läuten; aus den Luken werden Massen gehoben; preublsche Hu saren galoppieren in die Stadt.Erhebt euch! Gne.senau.st gelandetl Blücher kommandiert in Schlesien! Ganz Preußen ist aus!

beginnen bnech bi. W die Kirchenglocken der Dörfer zu lauten.

Oer Bohrturm.

Von Hermann Löns.

Es steht ein schwarzes Gespenst im Moor, Das ragt über Büsche und Bäume hervor. Es steht da groß und steif und stumm, Sieht lauernd sich im Kreise um.

*

In Rosenrot prangt das Heideland: Ich ziehe dir an ein schwarzes Gewand.

Es liegt das Dorf so still und klein:

Dich mache ich groß und laut und gemein.

Der Bauer schafft im goldenen Feld.

Ich nehme dein Land und gebe dir Geld.

Des Hafers goldene Rispen wehn: Hier sollen schwarze Häuser stehn. Es blitzt der Bach im Sonnenschein: Bald wirst du schwarz und schmutzig fein. Es rauscht der Wald sv froh und stolz: Dich fälle ich zu Grubenholz.

*

Die Flamme loht, die Kette klirrt. Es zischt der Dampf, der Ruß, der schwirrt;

Der Meißel frißt sich in den Sand.

Der schwarze Tod geht durch das Land.

Das Volk wacht auf.

Roman von W a l t e r v o n M o l o.

(Schluß.)

Der Bericht des Polizeipräsidenten in Breslau lautet:Der hoch­verräterische Aufruf zum Kampf gegen Frankreich wird auch hier in vielen Tausenden von Exemplaren verbreitet. Die Schuldigen sind Dero Exzellenz Herr Vorläufer im Amte, der ehemalige Herr Polizeipräsident Gruner und ein gewisser Bedienter namens Arnsberg, der nut dem richtigen Namen Arndt heißen soll. Dieser Mann ist zu Stern nach^ Ruß­land. Herr Gruner hatte eine Empfehlung von Herrn von Gnelsenau, ich gab ihm daher einen Pah ins schlesische Gebirge, er ist dort ver­schollen. Ich werde nach wie vor emsig bestrebt sein, verdächtige Per- onen zu sassen und der gerechten Strafe zuzufuhren ... Der berliner Polizeipräsident faßt den Kiel, taucht ihn ms Tintenfaß und schreibt schwunghaftad acta" auf den Bericht.Ins Archiv! befiehlt er.

Sehr wohl, Herr Staatsrat."

"Bor °Solberg) hat man Fischer gezwungen, Pakete mit diesem Aus­ruf an sich zu nehmen. Da die Leute nicht lesen können, übergaben sie die Aufrufe ihren Lehrern, Pastoren und Schulzen.

Was machten diese damit?" .,

Darüber bin ich nicht informiert, Herr Präsident! Ich weiß nur, daß der Jahn in allen Fuhrmannskneipen Zettel verdächtigen Inhalts herumträgt."

''Ai" istesen °entferMten° Gegenden, Exzellenz, roirb bte Verbreitung nicht versucht werben unb wenn, sie wirb bort nicht bebrohlichen Ein­gang finben, nach meiner Meinung." ____

Das ist auch meine Meinung! Lasen Sie schon bie neueste Nummer ber Hartungschen Zeitung?"

Ja, Exzellenz."

Enblos, unablässig, stumm schleppen sich im prasselnben Schnee bie Geictzlaaenen. Hier unb ba stürzt einer, reglos bleibt er hegen. 3m scheuer, kraftloser Kurve kriecht erschlafft unb erschöpft bas Backstein des menschlichen Elends weiter. Ein Mann steht am Fenster, er dreht den @0Dt ins Zimmer zurück, zum Freund. Mit den Aermeln der Zwangs jucke ist dieser an den Sessel gebunden. Irr, versinkend lächelt der junge 'Mehrte vor sich hin; verwirr? hebt er den Kopf: Er hört das Sch ur e. das erbarmungswürdige Wimmern das ergebene Sturzen; er will. aust festgeknotet halten den Irren die Fesseln. Er sinkt zurück. "Gemttnheitz Enge triumphiert, Roheit!" schreit er, er duckt sich^ als furcht« » Schlüge.Ich weiß, ich weiß", haucht der N.edergebrochene vor sich hm Ewiger Wechsel ist, zu groß war tue Not. Klagenvoll hebt er beni W- Warum hattet ihr keine Gebulb? Napoleon ha e zuruckgefunben ...

Ich bitte bich, Freunb! Raffe bich auf! Es .st bes Daseins Pst,chit um die Freiheit zu kämpfen!" Aufwärts stemmt der Irre den Blick, et schüttelt von der Finsternis des eindringenden Dunkels umschnurt, dm Kovf hell, fleckig, ist vor ihm der Einbruch des Lichts.

.Niemals wird die Menschheit frei Weiß, unerreichbar gle ch gültig ist die Sonne, unendlich, unerreichbar das All. Ihr seid Optea. alle ti.. Ich bin der einzigen, der wahren Freiheit nahe; ich suhle fie. sie kommt auch euch, wie jedem, ihr tut mir so leid."

Der Freund senkt den Kops. rrrnm-

Rasselnd, wie das Weltgericht, ziehen pumpernde preußische Tronn mein die Straße herauf. Die Pfeifen schrillen, der Gleichschritt dröhn. die Waffen klirren. Ehern klingt der Gesang:

So le-ben wir, so le-ben wir. So leb'n wir al-le Ta-ge."

Wir leben, um zu erkennen! Man erkennt nur durch ... Rampi- Traurig nickt der Irre vor sich hin. Der Freund verlaßt das Ztmmeil, er schließt sich den fächernden Reihen der Freiwilligen an, deren totirne unsichtbare Marterkreuze tragen. , x.

In den großen Flocken, stumm, kalt, wirbelt Schnee um d-e Erde.

Heldenhaft, eingebunden ins All, unerschütterlich gehorsam steigt oe Gesang der Menschen dem Himmel zu:

I So le-ben mir, so le-ben mir,

so leb'n wir al-le Ta-ge!

^verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Berlag: Brühl',che Univerfitäts.Buch- und Steindruckerei.R. Lange, Gießeir-