Ausgabe 
28.9.1934
 
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Metzener Zamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 195$ Zreitag, den 28. September Kummer 75

Das kleine Brot.

Von Ruth Schaumann.

Mein Schreiben wird verwelken, Mein Singen wird verwehn, Aber weihe Federnelken Bleiben in Gärten stehn.

Mein Malen wird verblassen, Mein Sagen ist verschallt. Aber aus dunklen Gassen Gehn Wege noch zum Wald.

Mein Lieben wird vergessen, Wie ich zuvor und du, Aber braune Mäher messen Noch Korn den Armen zu.

Die mahlen stumm und brechen Am Abend schwarzes Brot.

Denn das wahrlichste Versprechen Hält selbst der dunkle Tod.

Johannes vom vorigen Jahre.

Von Sorge Spervogel.

Seht diesen Johannes, er trägt sein Haus und eine ganze Welt mit sich herum; gewissermaßen ist er so etwas ähnliches wie der liebe Gott. Johannes lenkt die Geschicke im Leben, im Tode und über den Tod hinaus. Er läßt sterben und im Glanze auferstehen. Er verfolgt und schlägt das Böse, belohnt die edle Armut und ermuntert die Tapferkeit durch den Sieg, durch Ruhm und ewiges Glück. Ja, aus seinen Rat hin teilen die Könige ihr Reich mit den unerschrockenen Söhnen der Muller, Köhler und armen Edelleute. Wahrhaftig, ein Werkzeug und naher Ver­trauter Gottes, dieser junge Johannes. Jedoch, er ist ein Mensch.

Ein Mensch, ein armer, fahrender und ruheloser Mensch, ein Puppen­spieler, würdest du sagen. Er hat sein Haus im Walde aufgeschlagen, für einen Tag, für zwei vielleicht. So viele Geschicke er auch beherrscht^Ge- schicke von Königen, Ministern und verlorenen Söhnen, von guten Men­schen und sündhaften und verruchten, von freundlichen Geistern, Hellen und finsteren Mächten dieser und jener Welt sein eigenes Schicksal liegt in zwei fremden Händen. m L ... ,

Ein Haus im Walde, gebrechlich, mit Wanden aus dünnem Gewebe. Die Gräser nicken zur Türe herein, Käfer erklettern das Dach. Am Mor­gen rollt Johannes das Haus zusammen und bündelt es hinten aufs Rad. Ein künstlich und umfangreich bepacktes Rad, damit fahrt Johannes zu Tale. Er verläßt den Wald, sein Schicksal ruft ihn fort

Die letzten Bäume verbleiben auf der Hohe im 2£nb(uf ^er durchblinkten, verblauenden Talweite. Die Straße slnktdurchrotlich bunt überwucherte Felsnarben in die mählichere Neigung der Weinhange rosagrau und dunkelgrün mit ockerfarbenen Mauern u"d Steigen darüber schon am frühen Tage die Luft im mächtigen Aufprall des heißen Lichtes zittert "und glüht. Talhin folgen die kühleren Obstgärten m diesich spater die ersten Häuser des Dorfes fügen. Der Strom glitzert durch die laubigen Zweige, von roten Sommerwiesen begleitet, d'e brennen wie der Himme, inbes eine Pappelreihe und düsteres Erlengebusch den Fluh; sm ben, däm­mern und gleiten sieht. Das Vieh der heller begrünten Weiden ammelt sich im Schatten der Uferbäume. Johannes gewinntemen Wiesenpsud und den Uferweg und einen grasigen Ranft wenig über dem Wasser­spiegel, wo er sich niederlegt. . , . qn;rhpr

Johannes starrt auf die glitzernde, ziehende 3taM ttelne ®irbJ treiben vorbei, ein Fisch springt mit sprühendem TropfenfaL Eme Ent­führt ihre Kinder durch Kuckuckslichtnelken und Ruchgrastr spazieren Ufermäuse raspeln im dürren Ried, m den PappelnStf^oteife der Wind. Johannes träumt und verirrt stch 'M Tr°um; sem Schicksal hat ihn hierher geführt, nun kommt ihm sein Schicksal entgeg TOelb

Ist das nicht der Johannes vom vorigen Jahre? fragen die- Melk Mägde,Johannes", und als er herumfahrt, "b . . -

Mädchen nur Helme, und sie erscheint ihm viel schöner, als !em chZ sie das ganze Jahr lang vor all den Mädchen des Landes sah. Ja^Heline, sie sollte den Sohn des Bauern heiraten, bei dem s Johannes nickt ins Dorf?" fragen die Mädchen,heute abend schon? Johannes n Und was wird heute gespielt?"Die Geschaht betradr

nicht", sagt Johannes und muß dabei immerzu Helmens Antütz be^ q ten,ich alaube, es ist eine traurige Geschichte.O ja lagen öte mm

Helme blickt über den Strom, ihr Herz ist kühl, es we b j

Johannes, die Geschichte wird sicherlich in einer sehr traurigen Weise enden.

Johannes hört die Mägde auf den Wiesen fingen, hier und da klirrt ein Eimer, in den Pappeln ruft unermüdlich ein Kuckuck. Die Vögel haben ihr Wesen unter dem Himmel und die Fische im Strom, das ganze Tal ist mit Fröhlichkeit gesegnet. Johannes aber nimmt feine Geschöpfe zur Hand und neigt sein Haupt.

Was wird heute gespielt? Die Geschichte vom schönen Mädchen. Wer spielt das Mädchen? Die Königstochter. Ja, die Königstochter, du bist schön, und in diesem Leben mußt du nun als arme Dienstmagd über die Welt gehen. Du, Sohn des Reichen, sollst in deiner Vermessenheit den stolzen Freier darstellen. Du, Theaterdirektor, bleibe zur Hand, setze den Zylinderhut auf und warte, ob du an die Zuschauer Worte zu richten hast. Ach, wieviele sind es, die mitschielen wollen. Warum drängt ihr jo zum Leben in diesem traurigen Spiel? Du, fahler Tod, und du, graue Sorge, und du, stumme Not, tretet ihr hervor und tut nach eurer Art. Ihr anderen aber, wer von euch mag sagen, daß aller tapfere Mut gegen alles Unglück und alle Not bestehen bleiben wird? Wer kann wissen, ob nicht der fahle Tod die Oberhand gewinnen wird, ehe das schön? Mäd­chen sein Herz aufgetan hat? Du und ihr, wartet und seid bereit.

Johannes, ein Herr und Lenker der Geschicke, heute ist er selbst eine Puppe im Spiel. Du und ihr, seht auf ihn und wartet, ob das schöne Mädchen dem armen Knaben sein Herz öffnen wird.

Cs ist da ein kleiner Platz an der Schiffslände des Dorfes, ein ziem­lich kleiner Platz mit Grasnarben und einigen Büschen, die geben einen guten Hintergrund. Johannes beginnt dort, aus dunkelblauen und dunkel- roten Tüchern, aus geraden und bogenförmig eingefpannten Stäben (eine Welt zu errichten. Die Kinder kommen herbeigelaufen.Johannes", sagen sie,o Johannesl Guten Tag, Johannes. Ist der dicke Riese auch wieder da und der Räuber und das Krokodil und die Riesenschlange? Und hat die Königstochter ihr Kleid aus Mondfäden noch an? Ach, wie schon, daß du da bist, JohannesI Er ist heute aber gar nicht lustig", sagen die Kinder untereinander.Kommt, laßt uns den anderen sagen, daß Johannes gekommen ist."

Die Kinder haben ihr Abendbrot kaum gegessen, so sind sie auch schon da, mit kauenden Backen kommen sie gerannt.Gut, daß es noch nicht angefangen hat", sagen sie schnaufend. Etwas später kommen einer nach dem anderen die Bauern heran.Es ist ja nur ein Kinderkrams", haben sie zu ihren Frauen gesagt,aber ich will man doch hingehen." Am Schluß kommen die Frauen, und Mägde. Stühle werden herbeigeholt, und ein Platz in der vordersten Reihe bleibt solange frei, bis Johannes Heline kommen sieht. Es ist kein Leichtes, diesem Mädchen vor aller Welt eine solchen Platz anzuweisen. Sie führt das jüngste Kind des Bauern an der Hand; das nimmt sie nun auf den Schoß. Was Johan­nes anbetrifft, so kann er sein Erröten hinter den aufgespannten Tüchern verbergen. Ja, nun befindet sich Johannes in seinem Reiche, alles ist bereit, er läutet mit einer kleinen Glocke. Pscht! machen die Kinder und ermahnen die Großen zum Schweigen. Der Vorhang öffnet sich.

Der Herr Theaterdirektor tritt im Glanze feines Zyttnderhutes hervor und spricht ausgewählte begrüßende Worte.Geh weg", rufen die Kin­der,es soll anfangen." Darüber verwirrt sich der Direktor, er wird sehr aufgeregt und hat große Angst, daß irgendetwas danebengeraten konnte. Die Kinder versprechen, artig und aufmerksam zu sein und dem Be­drohten beizustehen. Der Direktor verschwindet.

Nun kommt der reiche Freier auf einem weißen Pferde mit langer qolbener Schabracke herbeigeritten. Sein armer Knecht Hans läuft neben ihm her.Hier herum habe ich sie gesehen", sagt der Reiter,führe das P erd fort und hole das schone Mädchen herbei. Ich erwarte sie auf jener Bank dort hinten." Damit geht der Reiche fort, und damit hat der Diener einen schweren Auftrag erhalten, denn er hat gerade dieses Mädchen seit langer Zeit in feinem Herzen lieb, und der Freier ist em hartherziger und böser Mann,.dem das Mädchen nicht zu gönnen ist. Drei Frauen hat er schon geheiratet, und er hat sie alle zu Steinbildern verwandelt. Nun, Hans ruft das Mädchen herbei, und Hans sagt ihr, was er über den Freier weiß, und was der von ihr will. Daß er selber sie in seinem Herzen liebhat, darüber spricht er nicht. Das Mädchen ist traurig aber Hans heitert sie auf, oh, er versteht sich hervorragend darauf, auch die Kinder versuchen das Mädchen zu ermutigen, am Ende gewinnt sie auch eine Zuversicht.Aber er wird mich verderben, wenn ich ihm nicht folge, um ihn zu heiraten. Ich bin eine arme, wehrlose Waise", spricht das Mädchen. Ja, was ist da zu tun? Die Kinder wissen es auch nicht, aber ein Junge sagt:Ihr müßt mit ihm gehen und ihn fesseln, nachts, den Hund!" Ja, es wird wohl nichts anderes übrigbleiben, und jie bejchließen, so zu handeln. Nun tritt eine Pause ein. Die Kinder überlegen aufgeregt, ob das Unternehmen gelingen wird.

Das Mädchen steht angstvoll da. Man hört einen Kampf vor sich gehen.Ha!" brüllt der Freier,ich bin besiegt!"Nun mußt du", sagt Hans,das Mädchen ziehen lasten, mußt die drei Frauen aus dem