(Fortsetzung.)
XVI.
"verantwortlich: vr.Hans Lhyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäis.'Luch. und Steindruckerei. R. Lange, Dieben.
Am andern Morgen machte Rikelche« sich auf, für Gust bei den Bewohnern der Hohen Straße um Flrckarbetl zu bitten. Sie versprach gute Arbeit und mäßige Preise.
Rikelchen^ begann zu ^betteln: Nicht ihren unglücklichen Man«, der ohne eignes Verschulden, lediglich dadurch, baß er Deutschland, dem über alles geliebten Vaterland, aufs Wort geglaubt habe, in Not geraten sei, nicht Gust zur Verzweiflung treiben! Schon hatte er mit dem schlimmsten, was auszudenken sei, gedroht, Arbeit! Ein klein wenig Arbeit!
Rikelchen^tteß'Esich Glicht ^weiseir. Wie beiläufig sagte sie: Mit der BezMung eile es bei ihnen durchaus nicht. Man brauche ihr^ wenn sie die Stiefel oder Schuhe fertig zurückbringe, nicht gleich das Geld mitzugeben. Nein, nein! Sie wisse doch, wie es in dieser aus allen Fugen geratenen Zeit selbst bei manchen Wohlhabenden vorübergehend bestellt sei. Man könne es also mit der Begleichung ihrer kleinen Schusterrechnungen genau so halten, rote es gerade 6e<9uTdiese Worte hin gingen nicht nur die verschlossenen Ohren aus. Sondern manche Hände, die bisher hinter dem Lücken verschränkt waren, öffneten sich und übergaben Rikelchen Arbeit für 0 Anfangs war es nur wenig, was die Schustersfrau aus den Baracken auf ihr Bitten und Drängen hin in den Häusern an der Hohen Straße an zerlaufenen Schuhen und Stiefeln einhetmste.
Aber sehr bald wurde es, da sie Wort hielt, gute Arbeit zurückbrachte, geringe Preise forderte, niemals mit der Bezaylung drängte, die einmal genannte Forderung hinterher nicht ^erhöhte, W^Schliefil?chftefam Rikelchen an Arbeit für Gust auf der Hohen Straße so viel wie sie wünschte, an manchen Stellen mehr als sie wünschte. Sie wies jedoch selbst die säumigsten Zahler nicht ab, nahm, was man ihr zum Ausbcsfern übergab, legte es in ihren großen Deckelkorb, verabschiedete sich mit einem Wort des Dankes und brachte Tag für Tag Flickereien für ihren Mann in die ^"Gust"bcfferte alles, was Rikelchen ihm an besserungsbebürftigen Schuhen und Stiefeln in das Haus schleppte, aufs gewissen- ßßftcftc au§.
War Gust fertig, schrieb er den Preis für feine Arbeit mit Kreide unter die Sohlen. Um das weitere kümmerte er sich nicht. Rikelchen hatte ihm die Flickerei — Gust wußte nicht woher — ins Haus gebracht. Da mochte denn auch Rikelchen sehen, baß die heil- gemachten Schuhe wieder aus dem Hause kamen. Vor allem aber sollte sie selber darum bemüht sein, rote sie das Geld eintrieb.
Als Rikelchen den sorgsam gewahrten schönen Schein, daß er mit seiner Schusterei ihren Lebensunterhalt verdiene, vor Gust nicht mehr aufrechterhalten konnte, sagte sie eines Abends unvermittelt, sie werde am andern Morgen zu ihrer Schwester nach Hamburg fahren. Der gehe cs sicher gut. Denn sie hätte einen Bäcker geheiratet. Für Esten aber müste man ja soviel Geld hergeben, wie gefordert würde. Ganz gleich, ob man wolle oder nicht. Ohne Schuhe könne man sich nämlich allenfalls helfen. Wie viele Menschen, die nie gedacht hätten, daß sie sich dazu herablasten würden, klapperten jetzt wieder auf Holzpantoffeln herum! Obwohl sein Vater geglaubt habe, die Pantosfelzeit sei für immer vorbei. Wenn es mit Deutschland so weitergehe wie in den Heiden letzten Monaten, dann würden sicher auch die Stadter das Varfußgehen wieder lernen.
Was sie denn in Hamburg bei ihrer Schwester eigentlich wolle? drängte Gust sich dazwischen, als er merkte, daß seine Frau ihn nicht ans Wort hinankommen lasten wollte.
Das könne er sich bei einigem Besinnen doch wohl denken, gab Rikelchen kleinlaut zur Antwort.
„Betteln?" fuhr der ehemalige Bürgerworthalter und Rentier August Micheelsen von seinem Schusterhüker in den Baracken hoch.
Was sie vorbabe, sei kein Betteln! behauptete die Angefahrene. Wenn in dieser schweren Zeit zwei Schwestern sich nicht beisiünden, wozu es dann überhaupt Vcrwandtschast auf der Welt gäbe? In hundertfacher Weise hätte er vor dem Krieg, als es ihnen gut ging, seiner Mutter geholfen. Wie er sich also dagegen wehren könne, nun, wo es ihnen schlecht gebe, Hilfe von ihrer Schwester aniunehmen? Sie könnten ihr ja später, wenn es ihnen wieder bester gehe — und es müßten andere Zeiten für Deutschland kommen, lehr bald sogar, wenn nicht alle miteinander zugrunde gehen sollten -- bis auf Heller und Pfennig zurückzablen. Mit guten Zinsen, wenn die Schwester es wünsche. Aber ehe die ihnen helfen könne, müsse sie und der Hamburaer Schwaaer doch misten, daß es ihnen, rote unzähligen ehemals Wohlhabendem schlecht gehe. Um Schwester und Schwager zu erzählen, was sich nicht schreiben laste, sabre sie nach Hamburg. So, nun roiste er es. Betten? Kein Gedanke dran!
machte Gust.
Damit war, ro?e jetzt immer, das Gespräch zwischen den Ehe- leitt-n in dem frübern Pantoffelmacherhäuschen beendet.
Rikelchen fuhr allo nach Hamburg.
Erst am übernächsten Tag kam sie zurück.
Oie Schusterkugel.
Roman von Hans Franck.
jRachdruck verboten.)
Ihrer Schwester, verichteke dle Helmgekeyrte, gehe es ausgezeichnet. Es sei genau so, wie sie es vermutet habe. Die Kunden gäben einander den Türdrücker zum Laden in die Hand. Wie bet ihnen, als sie noch auf der Hohen Straße wohnten.
Um den Beweis dieser Worte zu erbringen, öffnete Rikelche« ißtcn JRcifcfoffct«
Darin lagen Brote und süße Semmeln, Reis und Grieß, Mehl und Zucker, ein Stück Speck, mehrere Würfel MarFarine, ja sogar wn halbes Pfund wahrhaftiger Butter.
„Mm", sagte Gust, der sich ernsthaft mühte, die neue von seine, Frau verkündete Wirtschaftsweise zu begreife«.
Und welch goldiges Herz die Schwester habe! rappelte Rikelchen weiter. Noch goldiger, als sie vermutet hätte. Wohl ein dutzendmal habe die über ihren Besuch Erfreute gesagt: Sie solle unbedenklich mit ihrem leeren Reisekoffer wieberkommen, so oft e§ nötig Jet.
Anfangs wollten Gust die geschenkten Hamburger Etz-Herrlichkeiten nicht recht munden.
Dann knechtete der Hunger sein Wiflen um die Herkunft bet nahrhaften Sachen, die er zu seinem Munde führte.
Und Gust aß, seine Scham mit den wohlschmeckenden Bisse« hinunterroürgend, nach Herzenslust.
Trotz der Zusage ihrer Hamburger Schwester, sie zu unterhalten, ging Rikelchen auch weiterhin auf die Hohe Straße und holte aus den Häusern soviel Flickarbeiten für Gust, daß er vor Hämmern und Nähen vom Morgen bis zum Abend nicht zur Besinnung kam und sogleich in schweren, traumlosen Schlaf versank, wenn er sich auf dem Lager neben seiner Frau ausstreckte.
Während dieser Monate verschwanden an der Hohen Straße in den Häusern der Vornehmen und Wohlhabenden viele leicht mitzunehmende Kostbarkeiten: silberne Löffel, Mester und Gabeln, funkelnde Broschen und echte Vasen, Leuchter und Serviettenringe.
Der Dieb war trotz emsigsten Suchens nicht zu ermitteln.
Nach geraumer Weile wies jemand darauf hin, bas Verschwinden gehe immer an solchen Tagen vor sich, wenn Rikelchen in ihrem Armkorb zerristene Schuhe hole oder heile zurückbringe.
Man lachte den Verdächtigenden als einen neunmalkluge« Schwätzer aus: Gusts Frau eine Diebin? Die stille, schüchterne Lebensgefährtin des zwar heruntergekommenen, aber ehrbarsten Mannes auf der Welt? Die mit allem zufriedene Ehegattin beS einstmals zweitreichsten und angesehensten Bürgers der Stadt?
Aber selbst die heftigsten Zweifler mußten nach und nach zu- geben, baß sich der Verdacht gegen Rikelchen verstärke.
Doch gelang es nicht, die Flickwaren einsammelnde und auS- tragende Schustersfrau aus den Baracken des Diebstahls in de« Häuser« auf der Hohen Straße zu überführen.
So gab man von dem Rathaus der Stabt her schließlich amtliche Nachricht nach Hamburg und bat, bei ihrer nächsten Reise die Schuhmachersfrau Friederike Micheelsen, geborene Hüppgens auS der Nähe München-Gladbachs im Rheinland, so und so von Aus- sehen, so und so angezogen, als des Diebstahls dringend verdächtig auf allen ihren Gängen in der Großstadt, bet allen ihren Hand- lungen, namentlich denen des Verkaufs von Kostbarkeiten, unauffällig zu überwachen. , ....
Weil die Diebstähle nach einiger Zeit wieder etnsetztcn, machte man sich den Rat der Hamburger Polizei zunutze, der Verdächtigen eine Falle zu stellen und sie auf diese Weise zu überführen.
Die Bürgermeisterin „vergaß" eines Nachmittags, als die Schustersfrau aus den Baracken wieder einmal mit geflickten Schuhen erwartet wurde, auf dem Tisch neben der Haustür im halbbnnklen Flur einen silbernen Leuchter.
Sobald Rikelchen mit ihrem Korb auf dem Arm aus dem HauS des Bürgermeisters trat, kam der Gendarm wie zufällig aus der Nebenstraße. Er versperrte der an ihm Vorbeigehenden durch einen Seitentritt den Weg und sagte halblaut, aber mit obrigkeitlichem Nachdruck: „Korb auf!"
Rikelchen legte schützend die Rechte über den Deckel und ver- suchte mit erstickender Stimme zu fragen: „Warum?"
„Geht keinen auf der Welt was an als mich!" fauchte der Gendarm.
„Es sind nur zwei — nein: drei Paar wieder zurechtgemachte Schuhe darin, die ich noch schnell austragen muß", flackerte Rikcl- chens Stimme auf.
Da riß der Gendarm den Henkelkorb von ihrem Arm herunter und öffnete ihn. Auf seinem Boden, unter Schuhen versteckt, lag der silberne Leuchter der Bürgermeisterin.
„Mitkommen!" befahl — nun ohne seine Stimme zu mäßigen — der Gendarm und führte die Ertappte, hinter der sich sehr schnell die Schuljugend, fingerzeigend, Hohnworte ausstoßend, sammelte, auf das Rathaus.
Dort gestand Rikelchen alles ein. Unbesehen unterschrieb ste das Protokoll des polizeilichen Berbörs. Denn Rikelchen batte nur einen Gedanken, nur einen Wunsch: Nicht auf dem Rathaus behalten! Nicht zum Amtsgericht schicken! Nicht von Gust trennen.
Man verständigte sich durch Blicke, daß Fluchtverdacht nicht vor- liege und entließ sie bis zur gerichtlichen Verhandlung, die ihr teuer zu stehen kommen werde, in ihre Wohnung.
Rikelchen bog atemlos von der Ackerstraße in die Baracken ein. Ihr Fuß stockte. Ihre Gedanken verwirrten sich. „Gust weiß schon alles!" batte eine schrille Stimme in ihren Lauf hineingernfen. Vermutlich, um sie anzuhalten. Aber Rikelchen war nicht in Schritt gefallen, sondern wciteraelaufen, schneller als je in ihrem Leben. Was war daS? Gust weiß alles und... und... Rikelchen machte mit Mübe die Stubentür ans. Gust gewahrte es nicht. Rikelchen zog die Tür — so laut, baß sie darüber erschrak — hinter sich zu.
(Schluß folgt.)


