Ausgabe 
28.5.1934
 
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""Mnnchmal'^ächelt der Alte jetzt, wenn er bas Grab seines Sohnes zwischen den Gräbern der Mädchen steht. Nun ist der Hans nicht mehr fern am Grund der Zeit für die drei.Nun sind sie beisammen, und die wenigen Jahre, die zwischen dem Tod des ungen Soldaten und der hübschen ertrunkenen Mädchen liegen sind ausgelöscht. Es ist dem Vater, als habe er für die Ruhestätte des Sohnes mehr herbeigeschafft als Vlumen^muck, Kranze und einen gemeißelten Stein: Leben, das Mit ihm jung bleibt unter der Erde.

Der Kampf ums Matterhorn.

Von Carl Haensel.

Aus Anlaß der soeben erschienenen Volksausgabe des berühmten TatsachenromansDer Kampf ums Matterhorn" von Carl Haensel (Leinen mit 16 Ab­bildungen), der die Erstbesteigung des Matterhorns in ihrem dramatischen und heroischen Verlauf schildert, bringen wir mit Erlaubnis des Verlages I- Engel­horns Nachf. Stuttgart eine Probe aus dem Buch.

Der Aufbruch zur Fahrt ins Unbekannte war ein hartes ^^Whvmper hatte Proviant für acht Mann auf vier Tage an­geordnet. Das bedeutete zum Beispiel die Mitnahme vpn zwei­hundert hartgesottenen Eiern, die man Hadow aufpackte, weil an ihnen nichts zu verderben ging.

Ungemütlicher wurde es dem jungen Manne zumute, als Whymper die Hinterlegung alles baren Geldes bet Alexander Seiler anordnete. Er kam sich nackt und wehrlos vor ohne diesen gewohnten Talisman, der seine persönlichen Schwächen ausglich. Er begriff auch ganz von fern die Gefährlichkeit einer Macht, die mit Geld nicht zu bestechen war. _

Um 5.30 Uhr stand die Partie abmarschbereit mit vollem Ge­päck vor dem Hotel Monte Rosa. Alexander Seiler verabschiedete sich von jedem Einzelnen. Er hielt den Augenblick für so wichtig, daß er seiner Frau keine Ruhe ließ, bis sie auch hinauskam und bei dem Abschiedstrunk mithielt. Whymper trug selber den Ruck­sack mit demGeistigen", wie Seiler als Urschweizer sagte, also mit dem Wein. . ~,

Genau zwei Stunden später hielt?« sie vor der Schwarzsee- Kapelle, 900 Meter höher. Der knorzige Arvenwald der Z'Mutt- Schlucht lag unter ihnen. Bis hierhin folgten sie dem Pfade, den sich die Sennen und ihre Herden getreten haben. Kaum ein Wort war gesprochen worden. Jeder war noch für sich allein, ging auf dem bei jedem kleinen Hindernis, wie Fels oder Baumstumpf weit ausholenden oder sich gabelnden Pfad und spann seinen eige­nen Gedanken.

Whymper bewilligte dreißig Minuten Zeit zum Frühstücken, einschließlich Verpacken des Zeltes, seiner Höhenbarometer, der Seile, die sie tags zuvor in der Kapelle verstaut hatten, der Vor­räte und der Ausrüstung.

Was nehmen wir mit?" frug Taugwalder.

Alles!" antwortete Whymper.

Taugwalder wurde widerspenstig. Zunächst fluchte er in sich hinein und sagte dann laut:Soviel Seil?"

Zusammengcrollt lagen in einem Winkel der Kapelle sechzig Meter englischen Manilahanfs, wie ihn der Londoner Alpenklub

roa,Sie bürgen für Ihre Touristen. Wieviel Seil beanspruchen Sie?"

'^dson^^vermitteltes"Wir können auch bas schwache Ende brauchen, vielleicht müssen wir Seil abkappen und zurucklassen.

Rm« I-in-m Jüngsten über. Die Steigeisen, die auch dort lagen, stieß^ er mit dem Fuß in die Ecke. Es waren schwere, schmiedeeiserne Schlitten, jeder mit vier spitzigen, geschlissenen Zacken, von Whymper an­gegeben, durch Kennedy bekannt geworden.

Bevor Whymper sich durch einen Befehl festlegen konnte, auch die Steigeisen mitzunehmen, sagte Hudson:

Ich übernehme das Stufenschlagen. Wir können nicht viel ^^"luch dk Viert°e"?stunde, die wir mit Steigeisen ersparen, kann eiltscheideNgen &ur(^ unfcren Willen, nicht nur mit Gerät!"

Whymper sah an ihm vorbei. Seine Augen hefteten sich an den fernsten Punkt des Horizontes, während er, fast ohne die Lippen zu bewegen, in seinem lehrhaften Tone sagte:

Ich habe festgestellt, daß Steigeisen tn der vorkeltuchen Pe­riode bereits benutzt wurden, Jahrtausende vor der ersten Ei»axt. Sie sind Erbgut, nicht Maschine. Ebensogut könnten sie den Els pickel zu Hause lassen. Ich habe das früher einmal ßetaöe roege« dieser Feststellung versucht und bin nur durch einen Zufall noch °m ®ie§" gilt von uns allen", sagte nun Croz,es ist das Schön« daran. Wenn ich zu den Steigeisen etwas sagen darf...

'Mein Patron Mister Hudson braucht sie nicht und sein Freund Mister Hadow hat nicht gelernt, mit diesen Bleigewichten zu ^Jch gebe nach, nicht überzeugt, aber man zwingt mich." Es wäre auch ohne diese Feststellung gegangen, aber Whymper liebte es, bei jeder Entscheidung das Ergebnis festzunageln, schon um immer wieder daraus zurückkommen zu können.

Auf acht Uhr hatte Whymper den Abmarsch vorgesehen: zwan­zig Minuten später brachen sie auf.

Sie stiegen aus der Mulde, die den Schwarzsee birgt, auf den Grat hinauf. Sie befanden sich noch in herdenbegangenem Ge­lände, aber der Hang war steil und Whymper nahm die Steigung direkt, ohne Zick-Zack. Die Last der prallen Sonne und der noch ungewohnten Rucksäcke verlangsamte das Tempo. Whymper aber gab nicht nach, sondern zwang die Partie zu seinem gleichmäßigen, niemals aussetzenden Schritt.

Vor dem gewaltigen Berge hegt dasHörnli , ein launiger Auslug gegen ihn, seine große Form im kleinen nachahmend. Sie erstiegen das Hörnli diesmal nicht, weil Whymper es für eine zeitraubende Spielerei hielt. Sie umgingen es südlich.

Das lebte Almgras verschwand nun. Sie nahmen den Weg über die Moränen des Furggengletschers, noch aufrecht marschie­rend, nur selten zwang ein versprengter Block zum Klettern. Die Sonne brannte auf den südlichen Bergsturz des Hörnli, den sie überaueren mußten, um auf dem tiefsten Punkt zwischen Hörnli und Matterhorn die Höhe des Grates zu gewinnen, der Furggen- gleticher und Z'Mntt-Klamm scheidet.

Während der Marsch bisher ermüdende, mühsame Vorberei- tnngsarbcit war, ohne Reiz der Besonderheit oder Würze einer Gefahr, entschädigte bei der Gratwanderung die einzigartige Aus­sicht. Links breitete sich der Monte Rosa mit seinen Trabanten ans, rechts stand Über dem Z'Mntt-Grunde der Deut Blanche. Dort Maste, hier reine Form. Zwei Vergliche stießen hier zu­sammen. die trotz ihrer Nähe eine weltfremde Verschiedenheit in ihrem Aufbau zeigten. Zwischen beiden Gebieten, dicht vor ihnen, erbob sich ihr Nabel der Welt, der Niesenobelisk des Matterhorns. Für die Männer, die ihm entgegenstrebten, war es losgelöst ans der obiektiv beschanbaren Natur. Ob es Freund oder Feind wer­den sollte, war noch zu entscheiden. Schweigen und Unbeweglichkeit waren seine einzigen Attribute. Der Berg rief nicht, drohte auch nicht, er beharrte in Unnahbarkeit.

Der Grat, auf dem sie schritten, dehnte sich von Stunde zu Stunde. Noch waren sie int Vorgelände, die Hände griffen nicht mit, sondern ruhten aus, noch näherten sie sich, waren, nicht kör­perlich verbunden mit dem Bergen, noch zog die Schwerkraft von ihm weg, die Brücke zu ihm wurde nur durch das Auge ver- mittelt. ,

Whymper ging weiter als erster voran. Die Führer hielten sich aus dem Gefühl heraus zurück, daß dies sein Weg sei, den er zu zeigen habe. Er selbst entschuldigte fein Vorangehen, ohne Ab­lösung zn dulden, damit, daß man die Führer hier unten schonen i müsse. Man werde oben in den Felsen ihre Kraft für Douglas und Hadow sowieso noch genug in Anspruch nehmen.

i Hinter der Senkung zwischen Hörnli und dem Bergstock selber i breitete sich, ungefähr in Höhe der Hörnlispitze, ein Schneefeld

empfahl, fünfzig Meker noch schwererer, italienischer Art und sechzig Dieter älterer, leichterer Beschauenheit. -L.augwalderv Hönde arbeiteten schwach und unsicher, wie die eines Kinde», al Whymper auf seiner Anordnung bestand und die Seile gewickelt werden mutzten. ,

Eselsbrücken sind das!" brummte er.

Whymper hörte nicht hin. ,

Fußangeln... Wenn's dranf ankommt, reißen sie.

Whymper schaute Croz an, der in dieiem Punkte nicht anders dachte als der Zermatter, aber auf Whymper mehr eingestellt

Da kam einmal ein schlimmer Tag für die kleine Stadt. Es «Ar nnnphenSer (Sommer und feit Wochen eine steigende unö Schwüle. Und jeden Nachmittag hatte mit dicken dunklen Wolken ein Gewitter gedroht. Doch es entlud sich nie, »erging, ,,nö abends funkelte klar in warmer Luft die Milchstraße uver dem See. Wer konnte, trieb sich stundenlang im Wäger herum, "Ä örVgSiÄTern wichen nicht vom See. Sie waren ante Schwimmerinnen, alle drei, und hatten sich, um roeitet draußen ^abseits der Scharen anderer Badender sein zu können, einen alten herrenlosen Fischerkahn als Mutterichlss hiiiau»- aeruöert um das sie sich tummelten, von dem sie sprangen oder unter dem zwei von ihnen, die ausgezeichnet zu tnuct)en Der;tauber ü hindurckschwammen. Ob sie an dem Tage, an dem da» Gewitter nun wirklich zum Ausbruch kam, an Hans, der einmal tn ihrer Gegenwart einen Schülerschwirnrnpreis errungen, gedacht haben

»>>»-. °--°x artige Sturm, als die zweite Schwester eben den ^ardrand er­klettert hatte, jählings weiter in den See hinaus, so daß Helene wieder ins Wasser sprang, um die beiden anderen Schwestern nicht zu verlassen. Das hatte man vom Ufer mit einem Zeißglase noch erkennen können Dann verschwand See und User in Wolkenbruch und Böen wie in einem gejagten, gewirbelten Rebel' und als sich die Welt wieder lichtete, war weder von dem Boot, noch von den Schwestern mehr etwas zu sehen.

Und nun geschah das Rührende, um dessentwtllen dies alle» erzählt werden mußten der alte Vater von Hans ging 8U den trostlosen Eltern der eben ans dem Schlamm des schilfigen Schachs gefischten Mädchen und fragte die Weinenden, °b sie e» nicht an- neßmen wollten, daß er die drei armen Opfer de» Unwetters auf seinem Familiengrabplatz beerdigen lasse. Da sein einziger Sohn ja vor der Ehe gestorben, so sei dort viel Raum zu Grabern, der vergeben werden möge. Ihre Tochter und Hans seien doch be­freundet gewesen. Ob sie, die Eltern der drei, es dadurch nicht auch leichter tragen würden? Und billiger fei es, weil ihnen ja öic ©emcinöe nichts für den Platz absordern dürfe. Di?^Eltern begriffen nur langsam, was der Nachbar wollte. Schließlich