Montag, den 28. Mai
Nummer 40
Jahrgang 1954
Im Die Die
Bon rotem Licht war deine Stirn beschienen.
Wir schwiegen betb’; ich wußte mir kein Wort, Das in der Stunde Zauber mochte taugen;
Nur nebenan die Alten schwatzten fort —
Du sahst mich an mit deinen Märchenaugen.
Dämmerstunde.
Von Theodor Storm. Nebenzimmer saßen ich und du; Abendsonne fiel durch die Gardinen; fleißigen Händen fügten sich der Ruh,
bei aller Anmut der Gestalten und Bewegungen nicht weniger wilde Rangen als er; und es war ein Vergnügen, für die beiderseitigen Eltern sowohl als auch für Fremde, dem frohen Spielen des Jungen und der drei Mädchen zuzusehen. Es schien, als ob sie alle vier einfach gute Freunde und Kameraden wären, und man mußte schon längere Zeit genau beobachtet haben, um zu merken, daß Hans sein Herz ein kleines wenig an die zweite Schwester, Leni, verloren hatte.
Als die beiden älteren Mädchen ins Konfirmationsalter traten und lange Kleider bekamen, hörten die harmlosen Spiele bald auf; mit der Jüngsten allein, das war ja nichts! Hans hielt sich jetzt mehr zu seinen Mitschülern, mit denen er, größer und unternehmender geworden, auch weiter in die nahen Wälder, in die Berge und an den See zog. Der Vater eines der Jungen hatte ein Boot gekauft, mit dem die wilde Schar trotz aller Verbote und Warnungen lebensgefährliche Fahrten machte. Die Mädchen schienen vergessen.
Einmal aber — es mag zwei ober drei Jahre später gewesen sein — gab es ein ländliches Fest, an dem die Jugend des Ortes teilnehmen durfte. Da hat Hans mit seinen drei Kindheits- frenndinnen getanzt; mit jeder so lustig und ausgelassen, als ob sie seine erklärte Liebste sei. Auch dies Tanzen war froh und erfreulich, wenngleich nicht so harmlos anzusehen wie einst die Kinderspiele. Es flammte im Auge des Jungen, der noch Schüler war, doch schon ein Feuer auf, das ihm, bis er einmal daran denken würde, bas Reihengeschlecht für den großen Grabplatz der Familie zu erzeugen, noch manches heiße Abenteuer verhieß.
Er hat wahrscheinlich kein einziges erlebt, weil für die europäische Menschheit das allerheißeste Abenteuer anbrach und ihn hin- wegnahm, der Krieg. v
Hans war gerade achtzehn und mußte gleich einrücken, was er in jugendlicher Begeisterung und voller Ehrgeiz tat. Schon im Anfang fünfzehn erhielt er die tödliche Verletzung, der er erlag, ehe noch Sommer wurde. Er ward als Verwundeter in die Heimat zurückgebracht, die Heimat Deutschland, in der er sich den Ort nicht aussuchen konnte. Sein letztes Obdach war ein Thüringer Lazarett, in dem er nach schweren Wochen des Siechtums und der Schmerzen starb. Erst als Toter kam er — nicht in sein Vaterhaus, aber an seinem Vaterhaus vorbei auf den Familiengrabplatz, auf dem nach dem Wunsche seines Vaters viele Nachkommen von ihm ruhen sollten: er, der Fröhliche, nun allein mit der schwermütigen Mutter, beide den einsamen Nachzügler, den Vater, erwartend.
Der saß Stunden um Stunden dort oben auf dem Friedhof, dem Grabe seiner Frau abgekehrt und auf das des Jungen hin- gewandt. Er hatte es nicht sehr nah neben dem der Mutter gewünscht, um den großen Platz nicht so teer zu lassen. Es war auch des Mannes Absicht, sich selbst einst neben der Gattin zu betten. Dann sollte ihr Sohn ein wenig davor, geroiffermaßen zu ihren Füßen, liegen, zu denen er einst als Kind gespielt hatte. Denn er war — das dachte der Vater, der die innere Loslösung des Sohnes von den Eltern wohl empfunden, mit Kummer, aber auch mit Verstehen, daß es so sein müsse — schon als Schüler, schon ehe der Krieg ausbrach, ein Mensch für sich gewesen, in den Vater und Mutter nicht mehr hineinsahen, der seine Freude und sein Leid für sich allein hatte. Daraus wieder kam dem Vater: wie mochte der Sohn jetzt auf dem Friedhof verlaffen und einsam ^Cil®a8 Leben ging weiter, wenn auch der inzwischen in den Ruhestand getretene Beamte, der Vater von Hans, nicht mehr daran teilnahm, sondern immer nur auf dem Friedhof saß und sich um die Einsamkeit seines Sohnes grämte. Das Leben ging weiter.
Aus den drei Schwestern waren schöne Fräulein geworden, die wohl bald heiraten würden. Wenigstens hatte das Gerücht kürzlich von der bevorstehenden oder heimlich bereits abgesprochenen Verlobung der zweiten der Schwestern, Helene, zu erzählen gewußt. Es fuhr dem armen alten Manne wie ein Stich durch das Herz, wenn man davon redete.
Wie fern im Leben der drei Mädchen war der Hans schon! Unten am Grund der Jahre, wohin sie gewiß kaum mehr zurückblickten, lag er! Vielleicht würden sie einmal am Ende ihres Lebens doch zurückschauen. Dann weiß man wohl noch von solch einem Kindheitsspielgeführten, auch den Namen, kann ihn aber nicht mehr genau vor sich sehen. Das Erinnerungsbild ist blaß und verschwommen geworden, und man ist's schließlich nur selbst, wie man damals war. an den man sich noch zu erinnern vermag, nicht mehr der andere. Wie leid tat das dem alten Manne für seinen Hans! • - -
Oie Spielgefährten.
Von Wilhelm von Scholz.
Die kleine rührende Geschichte, die ich erzählen will, wird manchem vielleicht schrullig erscheinen. Das Rührende kommt den Menschen, solange sie robust und kräftig im Leben stehen, ja meist ein wenig seltsam und entlegen vor. Und mutz es doch durchaus nicht immer fein! Daß einem lieben Verstorbenen, wie es nicht nur einmal geschehen ist, in seiner ihn betrauernden Familie noch lange nach seinem Tode zu den Mahlzeiten ein Gedeck aufgelegt wird, damit das wie im Traum freundlich täuschende Gefühl entstehe, er lebe und sei nur abwesend, das wird man nicht verspotten dürfen. Der Tod und das Fehlen eines gewohnten, ihnen nahen Menschen kann schon Wunderlichkeiten aus den Leuten hervor- locfen. ...
Es ist aber ganz etwas anderes, was hier ein Vater für seinen im Kriege tödlich verwundeten und dann, noch ehe das schwerste Schicksal über Deutschland hereinbrach, in der Heimat gestorbenen und beerdigten Sohn tat, um ihn weiter irgendwie mit dem Leben verbunden zu fühlen — oder, wenn man so will: ihm eine Verbundenheit mit feiner glücklichen frohen Kindheit und Jugend auch im Tode zu geben. Es ist in einem kleinen Ort nicht weit vom Bodensee geschehen.
Dort hatte etwa zum Beginn des Jahrhunderts ein wohlhabender Mann, der seine Abkunft aus einem patrizischen Geschlecht der benachbarten ehemaligen Reichsstadt herleitete und selbst Beamter war, für seine Ruhezeit einen Landsitz gekauft und später, als einige Jahre vor dem Kriegsausbruch seine Frau unvermutet starb, von der Gemeinde einen Familiengrabplatz, der Raum hatte wohl für zehn bis zwölf Gräber, dazu erworben.
Die Stelle befand sich rechts vom Tor des hochummauerten, auf einem weitausblickenden Hügel gelegenen Friedhofs, von dem man die Alpenkette und den leuchtenden Spiegel des Sees sah. Der Käufer hatte die Grabstätte mit einer Bilchsbaumhecke ein« fasten und aus der Rückseite von einer Wand großer Lebensbäume ernst abschließen lassem Im Eingang, der in die Hecke einge- schnitten war, hing zwischen zwei Eisenpfeilern eine schwarze, grotzgliedrige Kette. _
Der Witwer nahm zum Gedächtnis der Mutter fernen Sohn, das einzige Kind, ost dorthin mit und sprach mit ihm von der Verstorbenen, deren Schwermut und Düsterkeit den Vater bei ihren Lebzeiten manchmal bedrückt hatte — gerade weil er sie lehr liebte. Er sagte dann dem Sohne, der schon fünfzehn, sechzehn Jahre alt geworden war: diese Ruhestätte für die Familie habe er so groß gekauft, weil er hoffe, daß hier einmal eine Reihe tüchtiger Nachkommen, nachdem sie im Leben ihren Mann gestanden, ausruhen würde; wenn auch jetzt das Geschlecht nur auf die zwei Augen seines Sohnes gestellt sei. . . o
Dem war das Mitgenommenwerden auf den Friedhof und das Zuhörenmüssen bei den selbst als Zukunftshoffnungen wehmütigen und mit dem Tode beschäftigten Gesprächen des Vaters keine besondere Freude. Er suchte zu entschlüpfen, sooft er konnte, und batte bei seiner Jugend recht damit. Denn er war das gerade Gegenteil seiner schwermütigen Mutter, die freilich in ihrer Frühzeit viel heiterer gewesen sein sollte.
fianS war lustig, übermütig, begabt, was er in 6er Schule durch Faulheit ein wenig ausglich, ein guter Turner, Schwimmer, auch bei Schülerprügeleien nicht der letzte. Vor allem aber war er immer in größter Harmlosigkeit verliebt; mal da, mal dort tm Städtchen. , , ,, . „ _ ,
Drei Schwestern, niedliche blonde Mädchen, Töchter des Nachbarn, waren seit der Seit, als Hansens Vater sich hier ankanste, die liebsten Freundinnen des Jungen, mit denen er in Garten und Feld mehr spielte als mit seinen Kameraden. Die Mädchen waren
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger


