Ausgabe 
27.8.1934
 
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Katarina kann sich nicht entscheiden.

Roman von Viktor von Kohlenegg.

Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.

(Schluß.)

Aber niemand sprach von heute abend. Dabei wußten zum mindesten die jungen Leute, daß seit Wochen an jedem Sonntag in allen wichtigen Zeitungen in dicker Umrandung zu lesen stand:Tanzabend von Kata­rina Gugernell. Stücke aus einer neuen Tanzsuite von Nikodem von (Blob. Danach: Aus .Rosamunde II' (Schubert). Deutsche und fremde Volkstänze. Alte Tanze (Polonäse, Sarabanbe, Allemande). Tanz der Nebenbuhlerin. Sehnsucht der Frau. Die Dame. Das Mädchen. Der Kreisel. Tanz der Mutter. Tanz und Traum. Der süß rasende Tanz." Darunter die Voranzeige:Uraufführung: ,Die ewigen Zwei' oder ,Die Geburt des Tanzes' (mit Bako und Irmela v. Dehn) von Nikodem von Glod. Regie: Dr. Alfons Kittel. Wiederholung am--" Aber das kam

vorläufig nicht in Betracht.

Ob auch Louis es gelesen hatte? Den andern, Dagobert, Diez, Till und Barby, brannten ihre Karten für heute abend schon in der Tasche: sie waren selbviert gewaltig gespannt, freuten sich darauf und hatten insgeheim freundschaftliche Angst um Katarina. Kein Wort davon. Onko?" hatte Till vor etlicher Zeit einmal aus bestem Herzen an­getippt.Was willst du, Till? Es gibt wunderschöne Gleichungen, die zuletzt doch nicht restlos ausgehn und über die nicht viel mehr zu sagen ist." Es hatte wie ein professoraler Satz aus seiner Wissenschaft geklungen.--

Man saß nicht nahe am Podium: das war zu teuer. Sie wollten sich auch nicht aufdrängen für ihr Geld. Dagobert war entschlossen, beim Applaus aufzustehen und ihr eine Verbeugung zu machen: ,Da sind wir allesamt, Katarina, gnädige Frau! Ihr entzückender Dagobert.'

Und plötzlich schmiegte sich vorn durch den grell bestrahlten Hinter­grundvorhang die geliebte Tänzerin Gugernell und war da. Sie wirkte merkwürdig fremd und vertraut da oben. Sie schien viel kleiner, schmaler, zierlicher, machte einen rührenden, unsäglich liebenswerten Eindruck aus die vier, die sie mit den Augen verschlangen,

Alle Leute im Saal vergaßen Alltag und Sorgenlast; alle auch die älteren, auch die ganz dicken Damen lächelten, zärtlich erschüttert, und fühlten sich ebenso leicht, wunderbar entkörpert und durchseelt, schwebten und schwangen mit und waren überzeugt, daß sie das alles nachher im Nachtgewand nachmachen könnten; sie würden es bestimmt versuchen. Die Herren neben ihnen blickten demütig und würden nachher an diesen Versuchen einiges auszusetzen haben, aber klug den Mund halten. Die jungen Mädchen, die überall eng geschart sahen und standen, hatten strahlende Augen und kühne Mienen: Sie würden das erst recht können alle waren Katarinas in geheimer Wandlung. Und die jungen Männer warteten darauf, zu rasen und zu klatschen. Zwei Dutzend kritische Hellseher mit blitzenden Kneifern oder Hornbrillen krausten mit­unter die Stirnen, wiegten die Köpfe, rührten keine Hand, machten bloß wichtige Kreuze oder auch ein berufsmäßiges Fragezeichen auf das Pro­gramm; es störte niemand. Die Junioren von ihnen überlegten, ob sie ihre Kritiken in innigen Versen abfassen sollten; ein ganz Älter schrieb verträumt die Stichworte:Mozartine Gugernell Verklärung der Welt, Erlösung und Glück und eine leuchtende Erinnerung."

Amen!" sagte auch Dagobert, stand aus, klatschte lauter als alle andern und verneigte sich.

Ein süßes Lächeln huschte da vorn, ein nah vertrautes Leuchten es war wie Gruß und KAß.

Bravo!" ries Dagobert stürmisch ries Barby ries Till rief, ernst und sest, Diez.

Und die große Tänzerin Katarina Gugernell verneigte sich bloß vor diesen vier, von dem ragenden, bebenden Baum Dagobert angezogen, nickte und winkte dankbar, und sie winkten zurück, und alle Menschen beneideten sie, aber das war ihnen ganz gleichgültig.

In der großen Pause wandelten sie, festlich gestimmt, in den über­füllten Korridoren und Nebenräumen. Man wurde getrennt, sand ein­ander wieder... Wer stand dort am Büfett mit fchönem weißem Haar? Eine Fürstin-Mutter: die Mama. Und daneben, stift und blühend, eine anmutig temperamentvolle Dame in schwarzer Seide, blauäugig blitzend und strahlend, der eben ein langer, gebräunter Herr mit eisengrauen Augen und eigensinnigem Kinn eine Zitronenlimonade präsentierte. Auch diese drei Herrschaften fchienen vom Verlauf des Abends befriedigt zu jein.

Dagobert, vor dem Till und Barby Arm in Arm gingen, verneigte sich vor der Fürstin-Mutter und blieb stehen.

Die Fürstin dankte laut, fast stürmisch:Mein lieber Herr Hassel- brink! Wie freue ich mich herzlich! Ist sie nicht wundervoll? Besser als je! Mein Kind...! Ich bin so glücklich und so traurig!" fügte fie flüsternd hinzu.

Dagobert wippte ebenfalls Trauer und Glück und küßte die dar­gereichte funkelnde Hand respektvoll

Auch die andre Dame, Frau Dr. Hillerbeck aus Breslau, wie er erfuhr, schien sich über den ihr vorgestellten Herrn Dagobert zu freuen, mit einer wahrhaft vorgefaßten Sympathie für alles Hasselbrinkfche. Mein Vetter Dr. Möncke", machte sie ihrerseits bekannt.

Dr. Möncke wippte ähnlich wie Dagobert, zeigte seine prachtvollen Zähne; blendend gesunder, starker, hübscher Mann von fast zwei Metern, der sicher mühejos jede Nuß knackte.

Dagobert wippte noch einmal. Schade! Er würde gern ein Stündlein mit diesen netten Leuten nach dem Zaubcrspiel beisammensiben natür­lich auch mit der großen Katarina in engerer, herzhafter Feier. Er emp­fahl sich herzlich und verlangte unbezähmbar nach Barby, die von der Menge verschlungen worden war.

Wo warst du denn?" fragte Barby und sah ihm ins Herz.

Allerhand, ihr Leute... Ihr ratet es nicht."

Du warst im Künstlerzimmer?" fragte Barby.

Nein. Wollen wir es dann nachholen?" Und er erzählte es ihnei..

Weltstück, das aus dem Unendlichen zu kommen scheint und ins Un­endliche drangt. Diese vier Bilder muß man nun eins ums andere be­trachten.

Nach Osten hinaus und hinab erblickst du einen Klosterhof, an den die Brauerei sich hingebaut hat. Eine Rauchfahne flattert weiß, waag­recht erstreckt aus dem Bräuschlot. Das Land dehnt sich in weiten, stachen Wellen; sandfarbig ist es, auch gelblichbraun, auch dunkler und mit Lila durchtönt, dem Erd-Lila des Frühlings, und von der Gold- farbe des über Wiesen und Aecker ausgeworfenen Mistjtrohs scheidet sich genau das lichte Grün der neuen Saat, die angefangen hat, aus der Erde zu sprießen. Als eine endlose Schlange zieht sich die Straße schier weiß zwischen Feldern und Wiesen hin. Den Rand des Bildes macht der Wald: bronciggrlln mit Fichten und rötlich dort, wo in Zweigen der Laubbäume neuer Saft schießt. Bläulich-fahl, zart mattiert malen sich die ferneren Wälder in den äußersten Gesichtskreis, um beinahe schon im leichten, lichtblauen Himmel zu vergehen. Herwärts zum heiligen Berg liegen Aecker und Anger als Streifen geordnet Teppichen gleiech, die mit einem leichten Goldschein durchwirkt scheinen. Die frisch- bestellte Erde liegt bloß geöffnet und reinlich.

Im nördlichen Bild stehen vornan in einer Tiefe, die schwindeln macht, die Klosterhöse wie Schächte; eng, mit stellen schwarzen Dächern gerahmt und schlichten weihen Mauern. In den Klostergarten schaut man hinab: die Erde ist neu ausgebrochen, träftigbraun, noch kaum bewachsen; schräge Treibhausfenster blinken; da und dort gedeiht in aujgedeckten Beeten der erste Salat und das Frühgemüse, und an diesen Stellen regiert das heiterste, auch bestimmteste Lichtgrün. Die Obstbäume sind weiß von Kalk und stehen in neu und sorgsam angelegten Erdmulden. Ringsumher zieht sich das weihe, hegende Gartenmäuerchen. Ein Bruder kniet drunten am Kreuzweg und hantiert den Erdboden. Das dunkle, kühle Riental hinab stehn die Bäume violett und lichtgrün, wie sie es im Auskeimen zu tun pflegen Jahr um Jahr. Der rötliche, der violette Schimmer der Zweige herrscht vor über das silberne Grau der Stämme und alten Beste, das in der Nähe sichtbar wird, nur auf die Nähe spricht ... Draußen vor dem Klostergarten schreiten rote Ochsen und schneeweiße Schimmelpaare langsam Über Land, die Egge hinter sich her; sie sehen aus wie Tiere aus einem Bilderbuch, so klein und sauber. DieÄmmerseebucht bei Herrsching und der P i l s e n s e e zur Rechten regen sich tiefblau, ein leichter Ostwind rauht die Oberflächen aus und macht, daß sie blau erscheinen wie der Gardasee und das Meer­wasser der Adria.

Ins westliche Fenster schlägt die Frühjahrssonne herein wie mit der Schärfe einer blanken Waffe. Die nachmittägliche Sonne überblendet auf dieser Seite alles, und das heftig gespiegelte Licht aus dem See überblendet das Ganze noch einmal. Es ist kaum möglich hinzuschauen; so gewaltig und unerbittlich starrt schon das Licht der Sonne ein breites Erzengelschwert aus lauter weißem Gold, über dem Land zum Schutz geschwungen. Das weite Land im Südwesten löst sich gegen die magisch zarten, hauchfeinen Silhouetten der Allgäuer Alpen in dichten Dunst auf. Nur der Peißenberg hebt sich mit seinem breiten Rücken dunkler, schwerer wirklicher heraus. Herwärts gegen den Klosterberg liegen die Baumschatten als streifige Zeichnung auf dem Erdboden, in der Schlucht des Kientals liegt der Schatten beinahe schwarz.

Bleibt der Süden. Das Dorf Erling steht nahe und deutlich, in jeder Einzelheit greifbar um den dicken kräftigen Bauernkirchturm her­um. Die Häuser sind säuberlich weiß und tragen rote, auch bräunlich- dunkle Dächer. Es ist ein Bild aus dem Märchen vom Riesenspielzeug; leidlich sind die Dinge, und doch glaubt man, sie mit der Hand auf­heben zu können. Das Land dahinter, langzügig gehügeli, ist blond vor lauter Frühling und mit Wäldern, die sich nach Laune und Lust ein- zeichnen, dunkel gefleckt.

Draußen, im äußersten Rand dieser Dinge, steht das Hochgebirge aus bläulich dumpf in den Schatten, zart golden und zartrosa wie Baumblüte in den beglänzten Schneegefilden, die noch Winter sind, aber lauter Reimworte des Frühlings zu jein scheinen. Links drüben wölbt sich über klüftiger und dämmeriger Tiefe der reine Kammbogen der Benediktenwand. Das K a r w e n d e 1 steht mit vielen weißen und leb­haften Zacken. Der Grat vom Herzogs ft and zum H e i m g a r t e n zeichnet sich wieder mit der erhabenen und anmutigen Willkür feiner vertrauen Linie einer Willkür, die den Rhythmus und den Ernst eines Gesetzes hat. Breit abfallend und der Sonne entgege-glänzenb folgen die Berge, die den Lauf der L o i f a ch zwischen Eschenlohe und Garmisch säumen und als riesige Bastei steht das kühne und schwere Profil der Z u g f p i tz e in den westlichen Himmel hinein, an der Flanke unten, von dem munteren, kecken, naseweisen Figürlein des Ettaler Mandls begleitet. Nur wie ein Schein steht das ganze große Gebirge ba, entrückt zum Jenseits oder aus dem Jenseits als ein schönes Vor­zeichen in diese Frühlingswelt von mächtiger und leichter Hand herein- gchalten. Die Waldspitzen gegen das Gebirge zu sind noch körperlich; die Berge selbst sind schon ein Gedicht in zärtlichen Farben und Tönen abgesetzt gegen die wirkliche Welt zu unferen Fügen. Schon scheinen die 'Berge in einen anderen Raum zu ragen, der nicht mehr der unsere ist. 5n unserem Raum da drunten glänzt die Kruppe eines Vauernrosses, Ibellt ein Dorshund. Dort draußen aber, um die Höhen der Berge, an einem duftigen Himmel, der noch nicht die Enzianglocke des Sommers ist, weben sich Roja und Gold schon wie die himmlische Poesie eines Heiligenscheins... , n, . ,

Dies find die vier Aussichten aus dem Turmhelm von Andechs

In einer einzigen Reinheit und Zuversicht breitet sich mermal die (oberbayrische Erde unter dem Himmel hin, noch klar wie der Herbst, schon hoffnungsvoll und treibend wie alles Neue.

Wenn du nun aber wieder zur Erde hinabgestiegen, in den Sohlen iUnd mit deinem ganzen irdischen Menschen mit dem Erdboden wieder verbunden bist und Hunaer und Dürft verspürst, bann weißt du, daß ein lKrug braunen Klosterbiers und ein Stück Roggenorot mit Lan >fnfe bas Rechte sind, und nicht zum wenigsten in biefer Jahreszeit, bic krustig *luch an die Kehle bringt