Makarie.
Zu Goethes Geburtstag am 28. August.
Von Ernst v. Niebel schütz.
Unter den Frauengestalten Goethes ist die Makarie der „Wanderjahre" die am schwersten zu beschreibende, die am wenigsten aus dichterischem Fleisch und Blut bestehende und darum wohl auch die am wenigsten bekannte. Als reiner Geist, als freundlich und heiter blinkender Stern, körperlos und unpersönlich, steht sie über den irdischen Verflechtungen des Romans. Wird ihr Name genannt, fo nur mit der höchsten Ehrfurcht der Beteiligten, die Handlung scheint für einen Augenblick stillzustehen, und immer kündigt sich durch das Eingreifen Makariens eine sittliche Wendung an. Wer ist dieses seltsame Wesen, das so viele Knoten löst und aller Vertrauen genießt, ohne selbst dieses Vertrauens bedürftig zu sein?
In der eher nüchternen als überschwänglichen Sinnesweise der Wanderjahre, des großen Erziehungsromans mit dem Untertitel „Die Entsagenden", wird auf viele Leser die Makarienfigur zuerst als fremdes Element wirken. Heißt doch die allgemeine Tendenz: stecke deine Ziele nicht so hoch, lerne dich einschränken und deine nächstliegenden Pflichten tun, um ein nützliches Glied der Gesellschaft zu sein! Wilhelm Meister soll sich dem Berufe des Wundarztes wiomen, Philine und Lydia, die schönen Sünderinnen, sollen — Schneiderinnen werden, und von ferne lockt Amerika als das gepriesene Land der praktischen Arbeit. Vom Vergangenen und Künftigen fall nicht mehr die Rede sein, alle Anstrengung soll dem Gegenwärtigen gehören, das Gute gilt mehr als das Schöne. Werde nützlich!: das scheint in den Wanderjahren der Goetheschen Altersweisheit letzter Schluß zu sein.
Aber es scheint eben doch nur so. Das beweist allein die Gestalt der Makarie, die Goethe nicht in den Roman eingebaut hätte, wenn es ihm nur darum zu tun gewesen wäre, die Selbstbeschränkung als die höchste Lebensweisheit hinzustellen. Schon die Art, wie sie eingeführt wird, klingt hochgeheimnisvoll. Die munteren Mädchen Herfilie und Iulietta sprechen da von einer würdigen Tante, die, unfern in ihrem Schlosse wohnend, als ein Schutzgeist der Familie zu betrachten sei. In krankem Verfall des Körpers, in blühender Gesundheit des Geistes, wird sie geschildert, „als wenn der Stimme einer unsichtbar gewordenen Ursybille rein göttliche Worte über die menschlichen Dinge ganz einfach auszusprechen vorbehalten wäre."
Als nun Wilhelm zu Makarien kommt, findet er alles bestätigt. Die Selige — denn dies will der Name Makarie bedeuten — lebt und webt in der anschauenden Betrachtung der Himmelskörper und ihrer Bahnen im Weltenraum. Von früh auf hat sie sich zur Astronomie hingezogen gefühlt, aber nicht so wie andere Menschen, nicht aus bloßer wissenschaftlicher Liebhaberei, sondern aus Grund eines ganz eigenartigen Verhältnisses zu den Gestirnen. Aehnlich dem Dichter, der die Elemente der sichtbaren Natur in sich verborgen hält und nur nach und nach aus sich zu entwickeln braucht, so sind Makarien die Verhältnisse unseres Sonnensystems von Anfang an eingeboren. Ihr ärztlicher Berater weist den „interessanten Fall" nicht sogleich seinen eigenen praktischen Erfahrungen mit Somnambulen und ähnlichen Abweichungen zu und ist wohl auch geneigt, mit der Familie, der das alles als Krankheit gilt, die Sache auf die bequemste Weise abzutun, wir würden heute sagen: als psychopathische Bewußtseinsstörung zu erklären. Da er aber zugleich Philosoph und Seelenkenner ist, nimmt er den Fall ernst und wird bald eines besseren belehrt. „Er stellte Berechnungen an und folgerte daraus, daß sie nicht sowohl das ganze Sonnensystem in sich trage, sondern daß sie sich vielmehr geistig als integrierender Teil darin bewege." Die Methode, die wir uns freilich von dem heute beliebten Verfahren grundsätzlich verschieden vorzustellen, haben, führt nämlich zu dem Ergebnis, daß die ärztlichen Berechnungen durch die Aussagen Makariens „auf eine unglaubliche Weife" bestätigt werden.
Das fünfzehnte Kapitel des letzten Buches, wo wir wohl das Tiefste finden, was je über okkulte Erscheinungen gesagt worden ist, enthält sozusagen die geisteswissenschaftliche Diagnose dieses durchaus nicht pathologischen Falles. „Makarie befindet sich zu unserem Sonnensystem in einem Verhältnis, welches man auszusprechen kaum wagen darf. Im Geiste, der Seele, der Einbildungskraft hegt sie, schaut sie es nicht nur, sondern sie macht gleichsam einen Teil desselben;« sie sieht sich in jenen himmlischen Kreisen mit fortgezogen, aber auf eine ganz eigene Art; sie wandelt seit ihrer Kindheit um die Sonne, und zwar, wie nun entdeckt ist, in einer Spirale, sich immer mehr vom Mittelpunkte entfernend, und nach den äußeren Regionen hinkreifend." Und nun ist weiter die Rede von körperlichen Wesen, die nach dem Zentrum, und von geistigen, die nach der Peripherie streben. Makarie, als eines der geistigen, fühlt von klein aus ihr inneres Selbst als von leuchtenden Wesen durchdrungen, sie sieht zwei Sonnen, eine innere in sich und eine äußere am Himmel, sie bewegt sich als ein geistiges Ganzes zugleich um die Weltsonne und nach dam Ueberweltlichen hin, ihr Auge erschaut die noch unentdeckten Planeten, sie erlebt das Spiel der Monde, kurz, sie ist in einer Weise in dem ungeheuren Weltenraum heimisch und tätig, daß ihr vom Irdischen entbundener Geist in den fernsten Regionen zu verweilen scheint.
Hier lenkt Goethe den kühnen Himmelsflug wieder in die eigentliche Sphäre der Wanderjahre zurück, aber mit ganz neuen Erwartungen und Ansprüchen. Makarie, die nur Schauende, nicht Wirkende, die selige Seherin, wird durch ihre bloße Gegenwart den Menschen zum Segen. Die weiseste der Frauen ist auch die gütigste der Frauen. Indem ihr Geist, ihr Herz ganz dem Uebersinnlichen hingegeben ist, „bleibt doch ihr Tun und Handeln immerfort dem edelsten Sittlichen gemäß." Sie lebt gleichsam in seelischen Gezeiten, es scheint in ihr zu tagen und zu narbten, „da sie denn, bei gedämpftem inneren Licht, äußere Pflichten aus das treueste zu erfüllen strebte, bei frisch ausleuchtendem Innern sich der seligsten Ruhe hingab. Ja, sie will bemerkt haben, daß eine Art von Wollen sie von Zeit zu Zeit umschwebten und ihr den Anblick der
himmlischen Genossen auf eine Zeitlang umdämmerten, eine Epoche, die sie stets zu Wohl und Freude ihrer Umgebungen zu benutzen wußte."
Diese Gabe, auf die zarteste Weise wohlzutun, ist also der andere, der i r d i s ch e Pol ihres Wesens, aber auch hier ist es weniger ein Wirken, als vielmehr ein Erkennen und Aussprechen der verborgensten Geheimnisse. Wer zu ihr kommt, weiß, daß sie durch seine Maske hindurchschaut bis auf den Kern. Eine von ihr geheilte Weltdame bekennt, früher sei es ihr immer gewesen, als wenn sie sich zu einem Maskenball herausputzte, bis sie unter Makariens Einfluß gewahr geworden fei, daß man sich von innen selbst schmücken könne. Makarie verurteilt nicht, sie moralisiert nicht, und wenn sie daraus vertraut, daß aus Selbsterkenntnis eine sittliche Besserung entstehen werde, so weiß sie doch auch, daß alle Erziehungskunst ihre Voraussetzung in der Achtung der persönlichen Freiheit hat. So wird sie zum Beichtiger aller bedrängten Seelen, „aller derer, die sich selbst verloren haben, sich wieder zu finden wünschten und nicht wissen wo."
In der Makarienfigur hat Goethe seine letzte Weisheit über die Frau ausgesprochen, und dies mit Worten, die über das Fassungsvermögen des „normalen" Menschen weit hinausgehen, weil sie in einer Bilderwelt wurzeln, die uns mit der Kenntnis der Mysteriensprache verloren gegangen ist. Nicht ohne Grund vergleicht er sie mit einer Ursybille oder — ins Christliche gewendet — mit einem „Engel Gottes auf Erden". Sie gehört in die Reihe der uralten Seherinnen, Priesterinnen und Prophetinnen der Sage und Legende, von denen sie freilich jene „im hohen Grade geregelte Einbilüungskraft" unterscheidet, die sie unter allen ihren Vorgängerinnen Plakos Diotima als zunächst verwandt erscheinen läßt. Einem Manne hätte Goethe diese Mission nicht anvertrauen können; zur Lösung einer solchen Aufgabe gehört mehr als ein heftiges Wollen, mehr als ein durchdringender Verstand. Es gehört dazu eine Unzerlegbarkeit des natürlich-geistigen Seins, eine innere Versöhntheit und Einheit mit sich selbst, die nur eine Frau hat, sofern sie in ihrer Bahn bleibt. Goethes Makarie ist der genaue Gegenpol männlicher Wesensart, und eben weil sie in ihrer Art vollkommen ist, wird sie ihm zur Verkörperung der Idee der göttlichen Weisheit, die gleichzeitig in dem verklärten Gretchen und dem Ewig-Weiblichen, das uns hinanzieht, ihren sinnbildlichen Ausdruck gefunden hat.
Immer wieder
Bayerische Landschaft.
Von WilhelmHausenstei'.
erklommen wird, ist immer aufs neue unerhört, denn nie werden ihre Zauber so im Gedächtnis behalten, wie sie sind und wirken, wenn man ihnen unmittelbar begegnet. Dies Kircheninnere ist ein blühender Frühling aus weißem Stuck und aus schimmernden Vergoldungen. Ein Frühling — reicher freilich, als die umgebende, oberbayerische Natur draußen ihn heroorbringen und zu tragen vermöchte: denn in diesem Kirchen- innern scheint der Frühling zu einer tropischen Fülle auszuschlagen. Der doppelte, in zwei Stockwerken emporftrebenbe Altar mit Gold und Silber, die goldenen Vasen in der Höhe, mit märchenhafter Ueppigkeit und Feinheit gebildet, die Heiligen Nepomuk und Florian, deren Gestalten leidenschaftlich, wie Flaggen im Wind fast, bewegt sind und von Gold glänzen, das schier abenteuerliche Wuchern aller Kunstsormen, das gleichwohl ein durchaus natürliches Wuchern zu fein scheint, dazu der goldene Widerschein des Lichts, die strömenden Wellenlinien der Geländer — dies alles ist ein Schimmer, eine Pracht und Herrlichkeit wie aus dem Wunderland, nicht aus oberbayrischer Wirklichkeit. Und dennoch: auch dies ist Bayern — auch hier ist ein Stück vom Herzen dieses Landes. Man braucht nur hinauszuschauen, um es ganz und gar zu wissen.
Und in der Tat: dies sollte man immer wieder tun. Immer, so ost man nach Andechs kommt, sollte man den Turm ersteigen und dergestalt innewerden, daß dies Barock und Rokoko als einer der nationalsten Stile Bayerns mit bayrischer Landschaft umher verbunden ist; wie eine Kirche dieser Art recht das Inwendige ist zu dem Auswendigen da draußen — zu Feldern und Fluren, Wäldern, Bergen und Gewässern. 2(m Ende ist der Unterschied zwischen dem Drinnen und Draußen so groß ja auch nicht, wie man zuerst meinen möchte. Denn wenn der oberbayrische Himmel im Süden und Südwesten draußen seine Föhnfarben aufzieht, dann ist dieser Himmel selber ein wahres Barock und Rokoko der Natur.
Man steigt gemach hinaus durch den Andechfer Kirchturm. Da drinnen geht es steil und eng und holprig empor, und durch ein dämmriges Helldunkel geht es, das sich zuerst wie aus Nacht heraus- fchälk. Hoch droben, unter der Gipfelkammer, verschränkt sich das schwere Gebälk immer dichter und merkwürdiger; unter der Turmstube starrt das Halbdunkel von gekreuztem und gedrängtem Gebälk, das nur da da und dort mit dem hereinfcheinenden Gold der Sonne fleckig bemalt ist. An der großen Glocke, die schwer und mächtig im Gestühl hängt, grünspanig vom Sliter, von der Feuchte ungezählter Herbste — an der großen Glocke zeichnen sich Reliesfiguren der Heiligen ab, die Muttergottes in der Mitte.
Und nun ist man droben, eingefangen in bas Rund des Turmhelms, in den oberen Teil der Haube, die sich von innen gesehen, noch viel gewaltiger buchtet, als man’s von drunten her gedacht haben würde.
Vier Fenster sind da, und durch jede der vier Luken erblickst du ein eigentümliches Bild oberbayrischer Welt. Welk, jawohl — denn so muß man alle vier Male sagen; alle vier Male geht Welt auf, ein
„_____________ ist man, fo oft der Gang nach Andechs durchs
Kiental herauf oder vom Starnberger See herüber auch fchon gemacht worden fein mag, über die Schönheiten des „heiligen Bergs" aufs Neue erstaunt. Das Kloster liegt mit den Nebengebäuden fo fest und klar emporgebaut, wie eine der Ansichten des alten Kupferstechers Mathaus Merian, und der inmitten hochaufragende Kirchturm mit der mächtigen Helmzwiebel, die eine pfeilschlanke Spitze trägt, scheint weithinaus eine Gralsburg anzuzeigen, die zwar nicht Ritter, wohl aber Mönche des hl. Benedikt und Bauern und Bäuerinnen versammelt und Wallfahrer, die aus den Städten kommen. Das Innere der Kirche, die über steile Hänge


