Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Nummer 66
Montag, den 27. August
Zahrgang t934
Wandrers Aachtlied.
Bon 3. $8. von Goethe.
Der du von dem Himmel bist, Alles Leid und Schmerzen stillest, Den, der doppelt elend ist. Doppelt mit Erquickung füllest, Ach, ich bin des Treibens müde! Was soll all der Schmerz und Lust? Süßer Friede, Komm, ach komm in meine 93ruftI
Regine.
Line Geschichte aus Weimar.
Don Helene Bühlau.
Wir hatten große Wasche im Haus, und unsere Mutter bat die | Großmutter, daß diese ihre Rechne auf ein paar Stunden leihen möge, im zu helfen. Regine aber widerstand mit ruhiger Würde unserer
Mein", ?agte sie zur Großmutter, „das tut mir leid, das kann ich teut nicht, ein anderes Mal wieder recht gerne. Heute wird ein Stück ion meinem Vater selig ausgeführt, und Sie erlauben wohl, Frau Geheimrat, daß ich auch ins Theater gehe."
„Ja, um Himmelswillen", sagte meine Großmutter — „was ist jenn das?", griff nach dem Theaterzettel mit dem Abonnementsblllett, der wie immer auf feinem Platze lag; da fah die Großmutter, daß heute tm seit Jahrzehnten vergessenes, wieder neu ausgegrabenes Stück von ftaupach gegeben wurde
„Und Sie sind Raupachs Tochter?" rief die Großmutter — „du allmächtige Güte! Wie ist denn das alles miteinander möglich?"
Ja, es war alles miteinander möglich. Eine Kette der interessantesten 5>inge verhüllten wie eine Wolke Regine, die Köchin, vor meinen er= (Inuiiten Augen. Sie war nicht nur Raupachs Tochter. Rein — sie war jahrelang in Goethes Haus ausgewachsen, mit seinen Enkelkindern er- pgen worden, dann war sie zum Ballett gekommen, und es war ihr khiecht ergangen — schlecht ergangen. Ein Tränenstrom verschlang die Irrsten Warte und Schicksale. Ich sehe sie noch stehen, Raupachs Tochter; die rote Zöpfleinfchlange, zusammengerollt aus dem kahlen Schädel ine bunte fitfi im Augenblick glühend rot im Hellen Sonnenlicht Unter fceqines Kattunjacke wogten sehr unregelmäßige, gestaltlose Formen. Reine jungen Augen aber sahen das alles nicht mehr. Ein Glorienlchein umroob die armseiige Person. Ich hätte ihr wie einer Heiligen die Hande lässen mögen.
„Ach, setzen Sie sich, Regine, setzen Sie sich", sagte ich zaghaft. Nir war es unmöglich, ihre geheiligte Person hier stehen zu sthen. losere Großmutter saß und machte große, große Augen, unb b,e Brille dar Über den Augen, auf der Stirn zu sehen. Ich druckte Regine auf einen Stuhl nieder. , _ ,
„O, Regine, Regine!" sagte ich. Ich hatte den „Sauft 'n diesen ?ngen zum allerersten Male gelesen, hatte drunten im Stern, in Goethes (f>?rten, unter hohen Bäumen, in Anbetung ganz versunken, auf dem Vaden gekniet. Meine junge Seele war dahingeschmolzen im er|ten
kraßen Eindruck. .. x
Unsere Großmutter hatte ja auch Goethen gekannt, aber dies — das fühlte ich — war etwas anderes Ich empfand das Intime des Zusammenlebens im selben Nest; ohne daß Regine nur den Mund auftat, lnibi ich alles, alles, was geschehen war, oder hatte geschehen können. - Mit ihm hotte sie dieselbe Luft geatmet, er hatte sie gestreichelt — Mr etwas zu tun anbefohlln. Sie hatte ihn gesehen, wenn er zum frühstück kam, gesehen beim Essen und Trinken und reden gehört' Reden 6’hört und auch lachen — vielleicht auch schelten
Das Staunen verließ mich nicht, ich schote unb schaute aus Regines t'ilige Person, und Schauer überliefen mich. Auch die Großmutter hab iif) rn-in Lebtag nicht so erstaunt gesehen. ,,
..Na. so reden Sie doch, wie ist denn das alles möglich >
Rechne, die Köchin, dieser armlelige Rest, war also von all der Herrlichkeit in Weimar noch übrigaeblieben. . u
„Ach Frau Geheimrätin, möglich ist gar vieles.
„Ja, hat denn der Raupach nicht für Sie gesorgt?
„Du lieber Gott du lieber Gott", tagte R eg'ne. was so nL ichter t - Nee, Frau Geheimrat, die machen sich nicht viel -Schkrubel a.er Heine Mutter band der sel'gen Frau Geheunrat Goethe recht nah, so
„Regine, und da haben Sie wahrhaftig in Goethes Nähe gelebt?" „No ja, nadierlich", sagte Regine.
„Das Kompott, was wer letzten Sonntag hatten, die Hagebutten mit Rosinen, waren Exzellenz Goethe fein Lieblingskompott. Das Kochen hab ich im Goethfchen Haufe von jung aus noch so mitgelernt. Auch der Hammelbraten mußt allemal mit reichlich Thymian angesetzt werden, mie’s letztemal, wos den Herrschaften so schmeckte. Ja, aus eine gute Küche gab der Herr Geheimrat schon etwas."
„Haden Sie denn gar nichts von Goethe?" fragte ich.
„O ja", sagte Regine, ihre Wortkargheit war unerschütterlich.
„Was Sie haben, zeigen Sie mir", bat ich.
Sie nickte.
Und so kam ich hinaus in ihre Bodenstude, die sie vor aller Augen sonst streng abschloh Ich glaube, jetzt zwar nicht der Heiligtümer wegen, sondern um einen Zufluchtsort zu haben, in dem sie ungestört ins Vergessen sinken ober sich davon wieder erholen konnte.
Mit Schauer betrat ich Regines Kammer. Sie führte mich noch an diesem selben Tage, ehe sie ins Theater zur Aufführung des Stückes ihres Vaters ging, hinein, wies stumm auf ein eingerahmtes Stückchen vergilbtes Papier auf das eine graue Haarlocke geheftet war.
„Die hab ich mir selbst aufgelesen, als der Geheimrat einmal geschoren wurde."
„Ach", fragte ich, „wie bas bas?"
„No, ba kam ber Friseur Eberwein, ber ihm immer die Haare brannte, bann hat ber Herr Geheimrat geschellt, bamit eines rauf’ sollte, unb ba kam ich, weil sie unten gerabe alle was zu tun hatten. „Daß bie Haare nicht herumfahren", sagte er unb ba sammelte ich sie auf — es waren nicht viele."
Unter bie Locke hatte Rechne selbst frei nach Goethe geschrieben, vor langer Zeit, bie Tinte war ganz gelb geworben:
„Wer nie sein Brot mit Tränen aß. Wer nie in kummervollen Nächten In seinem Beite roeinenb saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte." Arme Regine.
Darauf öffnete sie ihre Labe, bie sie wohl ihr Leblang in allerlei Elenb begleitet hatte, unb nahm ein Bünbel heraus. Ohne etwas zu sagen, entfaltete sie ein vergilbtes Männerhemb mit wunberlichem Gefälle an ber Brust
Ein Hemb von Goethe!
Das zarte Linnen hatte feinen Körper berührt. Es war ihm fo nahe gewesen, ein Stück feiner selbst. Gespensterhaftes Bangen berührte mich, wie Regine, bie Tochter Raupachs, in ihrem Feiertagskieibe, in der ärmlichen Dienstbotenkammer, das goethische Hemb ausbreitete, ohne ein Wort zu sagen.
Eie ließ mich ungestört in meiner Versunkenheit. Das schauerliche Vergehen allen Lebens, auch bes göttlichsten, erschütterte mich.
Enblich sagte sie: „Es war eins von ben ganz alten, sie taugten so mscht mehr."
Dann breitete sie ein purpurrotes Kleib mit bunteiblauen Borten aus. „Das hat meiner Mutter schon in ihrer Jugenb gehört", tagte Regine. „Das stammt noch von Frau von Goethe."
„O, lassen Sie sehen, Regine", bat ich. Ich berührte es. Cs war aus weicher, inbischer Seibe. Sein tiefes Rot sah aus wie heiße, glückliche Liebe Aus biefem zarten Stoff haben feine Augen in Liebe geruht. — Wie klein unb zierlich muß Christiane gewesen fein, eine zierliche, volle Gestalt — und fo geliebt! — geliebt von dem Herrlichsten. O. wie muß dein Herz unter dem roten zarten Kleid geschlagen haben, du glückliche Christiane! Dein Grab finden sie nicht mehr, vergangen bist du lange schon, lange schon, verwest, in Staub zerfallen, unb bein Kiew leuchtet noch in roter Glut, wie in ben Tagen, als er bich barin geküßt. Seine Hänbe haben auch biefe kühle, feine, anschmiegenbe Seibe gespürt.
Ich war ganz überwältigt und sagte: „Ach Regine, daß alles und alles vergeht!"
Rechne fache: „Ich meine, bas wäre fo übel nicht, mich verlangt nach gar nifcht mehr "
Bon biefem Tag an hockte ich, wo ich Regines habhaft werden konnte, bei ihr, sah' ihr zu beim Plätten, beim Kochen, beim Zimmerreinigen unb ihre Stummheit löste sich mehr unb mehr. Uralter Dienst- botenklaUch aus jenem gefegneten .(zause kam mieber ans Sonnenlicht; aber auch ber intimen, köstlichen Dinge bie Fülle bie jener Zeit entstammten unb sie lebhafter als manche grünblidje Abhanblung vor Augen treten ließen.


