Ausgabe 
27.7.1934
 
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Sichenerzamilienblätter

F Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

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Jahrgang Freitag, den 27. Zull Nummer 57

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Jung Bismarck.

Von Theodor Fontane.

In Lockenfülle das blonde Haar,

Allzeit im Sattel und neunzehn Jahr, Im Fluge weltein und nie zurück Wer ist der Reiter nach dem Glück?

Jung Bismarck.

Was ist das Glück? Jsts Gold, ist's Ehr, Jst's Ruhm, ist's Liebe? Das Glück ist mehr, Roch liegt es im Dämmer, erkennbar kaum, Aber er sieht es in seinem Traum, Jung Bismarck.

Er sieht es im Traume. Was ist, das er sah?

Am Brunnen sitzt Germania,

Zween Eimer wechseln, der eine fällt. Der andere steigt; wer ist's, der ihn hält?

Jung Bismarck.

Und neue Bilder: ein Schloß, ein Saal,

Was nicht blitzet von (Selbe, das blitzt von Stahl, Einer, dem Barbarossa gleicht Wer ist es, der die Krone ihm reicht?

Jung Bismarck.

Was ist das Glück? Ist's Gold, ist's Ehr, Jst's Ruhm, ist's Liebe? Das Glück ist mehr: Leben und Sterben dem Vaterland" Gott segne fürder deine Hand, Jung Bismarck.

Oer künstlerische Bismarck.

Von Wilhelm Boeck.

Kein Geringerer als Franz von Lenbach, Bismarcks berühmter Por- irätist, hat geäußert, der Altreichskanzler habeeine kolossale Fähigkeit, }i beobachten und Eindrücke in sich aufzunehmen", und er meinte damit bts ausgesprochen künstlerische Sehen der Dinge. Ebenso erkannte er aler auch das Gestalterische in Bismarcks Art, feine Gedanken im Ge- Ipräd) zu formulieren:Er begleitet diese echt künstlerische Tätigkeit mit bin Bewegungen eines modellierenden Bildhauers" klarer kann man ja nicht ausdrücken, was gemeint ist. Für uns ist die Frage, ob wir uns haste von diesem wenig beachteten Zug Bismarckschen Wesens noch einen fr griff zu machen vermögen. Da es vor 50 Jahren noch keinen Film, gddjroeige einen Tonfilm gab, so können wir nur eine mittelbare Be- jti tigung von Lenbachs Urteil aus den Briefen des Staatsmannes giroinnen, die allerdings in manchen Schilderungen und Prägungen eine jo starke Begabung zu künstlerischem Sehen verraten, wie sie bei taien" ungewöhnlich ist, ganz abgesehen von den zahlreichen Aus- ftlüsien über seine Beschäftigung mit schöngeistigen Dingtzp, die diese Briefe enthalten.

Richt viele Sterbliche hatten das Glück, soviel von unseres Herrgotts Seit zu sehen wie Bismarck, dessen diplomatische Laufbahn ihn durch |o't ganz Europa führte; anderseits weih man aber leider, daß Reisen gib viel Sehen allein noch kein offenes Auge unb wirkliches Erleben ies Geschauten im Gefolge haben. Bismarck hat überall ben wesentlichen kudruck klar in seiner Vorstellung herausgehoben unb feine Beschrei­tungen frember Stäbte tragen einen unbedingt malerischen Charakter. Sie ein Gemälde breitet sich Moskau zu unseren Füßen, wenn er ir-.ahlt:Der Blick von oben aus dem Kreml auf diese Rundslcht von Häusern mit grünen Dächern, Gärten, Kirchen, Thürmen von der aller- hiderbarsten Gestalt unb Farbe, bie meisten grün, ober roth, ober hell- Miu, oben am häufigsten von einer riesenhaften golbnen Zwiebel ge- Irsint, unb meist zu 5 unb mehr auf einer Kirche, 1000 Thürme sind jkwiß! etwas fremdartiger Schönes, wie dieses alles im Sonnenunter- frng schräg beleuchtet, kann man nicht sehen". Auf der Suche nach dem Srundgesetz dieser Erscheinung kommt er zur Erkenntnis, daß Grünmit tollem Recht die russische Leibfarbe" sei, dennMoskau sieht von *:n wie ein Saatfeld aus, die Soldaten grün, die Kuppeln grün, und idi zweifle nicht, daß die vor mir stehenden Eier von grünen Hühnern geegt sind". UeberaU lebt seine empfängliche Jägernatur in und mit der L-ndschaft, und prächtige, ibyllisch-romantische Schilderungen wie bie ton seinen Pirschfahrten in Dänemark legen noch davon Zeugnis ab

Aber auch ganz anderen Bildern wird er gerecht und weiß sie mit tollenden Worten ein.mfangen; so schreibt er an seine Schwester aus dm beliebten Seebad Biarritz:Ich schreibe Dir bei offnem Fenster tot flackernden Lichtern und das mondbeglänzte Meer vor nur, dessen duschen von dem Schellengeklingel der Wagen auf der Bayonner

Straße begleitet ist; der Leuchtturm grabe vor mir wechselt mit rotem unb weißem Licht, über mir spielt K. Beethoven, unb ich sehe mit einigem Appeklt nach ber Uhr, ob bie Essenszeit, 7, noch nicht voll ist." Das ist eine befonbers köstliche Probe seiner Freube an schönen Licht­effekten, vermischt mit musikalischem Beiwerk, wozu hier bie für seine aesunbe Natur ebenfalls bezeichnenbe Rücksicht auf ben Magen als spaßhafter Kontrast hinzukommt. Eine minbeftens so merkwiirbige, sehr lebenbige Note hat bie von ihm entworfene Stabtansicht von A m ft e r « bain aufzuweisen:Dieses Amsterbam mit seinen linbenbescitzten Ka­nälen unb Grachten, ber räucherigen Atmosphäre, burch welche ein phantastisches Gewirre von Masten, fonberbaren Hausgiebeln unb Y=för= migen Schornsteinen in unbestimmten Umrissen sichtbar ist, hat trotz seiner betriebsamen Rührigkeit etwas so gespenstiges für mich, baß ich an keine Erscheinungen glaube, so lange es hier nicht spukt. Ich bin barauf gefaßt, in ber Nacht mehrere fliegenbe Hollänber in Büffelleber unb spanischer Krause mit spitzen Hüten unb noch spitzem Bärten vor meinem Bett zu sehn."

Dieser Neigung, sich namentlich historische Schauplätze gespenstig belebt vorzustellen, begegnen wir bei bem übrigens auch von Aber­glauben nicht ganz freien Bismarck öfter; etwas bavon weht z. B. burch bie Beschreibung besin italiänischem Styl" erbauten Schlosses Archangelsk; bei Moskau, bas er 1859 bewohnte:Vor der Front zieht sich ein breiter, terrassirt abfallender Rasen, mit Hecken, wie in Schönbrunn, eingefaßt, bis zum Fluh, und links davon am Wasser liegt ein Pavillon, in dessen 6 Zimmern ich einsam circulire; jenseits des Wassers weite, mondhelle Ebene, diesseits Rasenplatz, Hecken, Orangerie; im Kamin heult der Wind und flackert die Flamme, von den Wänden sehn mich alte Bilder spukhaft an, von draußen marmorne durchs Fenster." Indes besitzt Bismarck für solche Parkanlagen, zumal in Mond­scheinbeleuchtung, eine ästhetische Borliebe und erinnert sich stets gern des abenteuerlichen Aufenthaltes in Schönbrunn auf feiner Hoch­zeitsreise. In der erlebnisstarken Einstellung zu allen diesen geschichtlichen Denkmälern zeigt sich nicht nur bie bauernb tätige Phantasie, sondern auch die echte, tiefe Verbundenheit mit dem Vergangenen, die dem Sohn eines so alten Geschlechts selbstverständlich ist und die er selbst voll Stolz gesteht:Ich kann nicht leugnen, daß ich einigermaßen stolz bin auf dieses langjährige Walten des konservativen Prinzips hier im Hause Schönhausen, in welchem meine Väter seit Jahrhunderten in denselben Zimmern gewohnt haben, geboren unb gestorben finb, wie bie Vilber im Hause unb in ber Kirche sie zeigen"; unb bann läßt er sie vor unseren Augen erstehen: eisenklirrenbe Ritter, gravitätische Männer mit Allonge­perücken unb bezopfte Reiter Friebrichs bes Großen. Ihrer erwähnt er auch noch später seinem Kaiser gegenüber mit ehrfürchtigem Selbst­bewußtsein.

Im brieflichen Verkehr mit Wilhelm I., ber bie edle menschliche Ver­trautheit zwischen beiden schön zum Ausdruck kommen läßt, erhalten wir vielleicht den besten Beweis von Bismarcks in festen Formen ge­staltender, künstlerischer Phantasie; er berichtet bem Kaiser 1881 einen Traum,ben ich Frühjahr 1863 in ben schwersten Konfliktstagen hatte, aus benen ein menschliches Auge keinen gangbaren Ausweg sah. Mir träumte, unb ich erzählte es sofort am Morgen meiner Frau unb anbern Zeugen, baß ich auf einem schmalen Alpenpfab ritt, rechts Ab- grunb, links Felsen; ber Pfab würbe schmaler, so baß bas Pferb sich weigerte unb Umkehr unb Absitzen wegen Mangel an Platz unmöglich, ba schlug ich mit meiner Gerte in der linken Hand gegen die glatte Fels­wand unb rief Gott an; bie Gerte würbe unenblich lang, bie Felswand stürzte wie eine Kulisse unb eröffnete einen breiten Weg mit bem Blick auf Hügel unb Walblanb wie in Böhmen, preußische Truppen mit Fahnen, unb in mir noch im Traume ber Gebanke, wie ich bas schleunig Eurer Majestät melben könnte. Dieser Traum erfüllte sich, unb ich er­wachte froh unb gestärkt aus ihm."

Wir spüren aus ber Erzählung bieses Traumes, bem Bismarck selbst gewiß eine tiefere Bebeutung beilegte neben bem klaren Formwillen bie zwingenbe Gewalt seiner Persönlichkeit heraus, bie bas Unmögliche kühn erstrebt, unb unwillkürlich vergleicht man bie Sehergabe bes Staatsmanns, ber in einer Briefstelle von 1848 (!) bie Gestaltung unserer östlichen Nachbarstaaten heraufbeschwört (ohne etwa baran zu glauben), wie sie sich 70 Jahre später tatsächlich ergeben hat: Er spricht von einer falschen Theorie,bie uns ebensogut bahin führen muß, aus unfern süböstlichen Grenzbezirken in Steiermark unb Illyrien ein neues Slawen­reich zu bilben, bas italienische Tirol ben Venezianern zurückzugeben und aus Mähren und Böhmen bis in die Mitte Deutschlands ein von letzterem unabhängiges Tschechenreich zu gründen. Man kann Polen in feinen Grenzen von 1772 Herstellen wollen, ihm ganz Posen, Westpreußen und Ermeland wiedergeben; bann würden Preußens beste Sehnen durch­schnitten und Millionen Deutscher ber polnischen Willkür überantwortet fein. Anberseits kann eine Wiederherstellung Polens in einem ge­ringerem Umfange beabsichtigt werden. In diesem Falle kann nur