irgendwelchen Gründen bestimmen, den Rentier August Micheelsen mit den frühern Worten zu fragen: „Gust, wo getht't?", so kam es aus seinem Mund geschmettert: „Gut!" Wie aus dem Schalltrichter einer Trompete: hell und klar. Freilich auch stechend und — kein Zweifel — blechern. ,
Zu Beginn des Jahres 1913 wurde der frühere Schuhmachermeister und Lederhändler, jetzige Rentier August Micheelsen in der Ackerstrabe, ehelicher, unbescholtener Sohn des verstorbenen Pantosfelmachers Georg Micheelsen und seiner Frau Sophie Mi- cheelscn in den Baracken, zum Kandidaten für den Bürgeraus- schuß, das achtköpfige Stadtparlament, aufgestellt.
Gust hatte solche Anstellung bei früher« Angeboten als Störung seines Geschäfts mehrfach rundweg abgelehnt. Jetzt aber griff er, auf den die nächtlichen Worte Rikclchens trotz fernes Ableugnens einen unverwischbaren Eindruck gemacht hatten, danach wie nach einem Rettungsring, der vom Ufer her einem in den Wellen Treibenden zugeworfen wird. Bürgerausschußmitgl,ed — bas war die Lösung der Frage: Wie standesgemäße, der Entlohnung überhobene, bedeutsame Arbeit finden? Bürgerausschuß- mitglied — über den Weg, der in dieser Richtung führte, mutzte auch Rikelchen froh werden. Bürgerausschutzmitglied — da lag ,n der Tat das Ziel, welches um jeden Preis von ihm erreicht werden mußte.
Die Notwendigkeit stand fest.
Wie aber ließ sich die Wahrscheinlichkeit an, ob es ihm gelingen werde, das gestellte Ziel zu erreichen? Nicht günstig.
Die Bewohner der Hinterstraßen waren dem überschnell Auf- gesticgenen nicht wohlgesonnen. Sie nannten ihn stolz, hochmütig, eingebildet. Einige scheuten sich nicht, ihn Verräter zu heißen! einen Verräter an der Sache des arbeitenden Volkes, dem er entstammte. Die Bewohner der Vorüerstraßen mitztrauten dem voch- gekommenen noch immer. Sie sahen in ihm einen Protzen. Aber wenn sie den Pantoffelmacherssohn auch wohl oder übel in ihren Reihen dulden mutzten, die Vornehmen der Stabt, £jn Barackcn- sprötzling blieb er darum doch. Es bestanden eben mancherlei Dinge — Kennzeichen der Bildung, des Benehmens, der Lebenshaltung —, die sich in einer Generation nicht erwerben Netzen, und wenn man es auch vom Schusterjungen — statt zum Hunderttausendmann — bis zum Millionär brachte.
Gust täuschte sich über diese Stimmung seiner Mitbürger nicht. Aber während ihr Naserümpfen früher seinen Stolz gekitzelt hatte, wurde es nun zu einem Gegenstand seiner Sorge. Da er nun einmal, einem „vielseitigen Wunsch" nachgebend, sich als Bürgcr- ausschutzmitglied hatte aufstcllcn lassen, mußte er aus dem Kampf als Sieger hervorgehen. Die Schande einer Niederlage durfte ihm nicht widerfahren. Siegen! also hieß die Losung. Siegen, koste es, was es wolle.
Der Gegenkandidat Gusts war ein Barackenmann, Maurerpolier Wilhelm Drcbitz. Der hatte die Stadt nicht einen Tag lang verlassen. Als Fünfziger arbeitete er noch bei demselben Meister, bei welchem er als Vierzehnjähriger seine Lehrzeit begann. Wenn er sich auch zu dem ersten Mann des Geschäfts, zur unentbehrlichen Stütze seines Inhabers emporgearbeitet hatte und mehr vom Maurcrhandwerk verstand als sein auf dem Technikum gebildeter dreißigjähriger junger Herr, so blieb er doch immer ein abhängiger Lohnempfänger, der durch eine achttägige Kündigung auf die Straße gesetzt und, obwohl er es in Wirklichkeit war. me- ntdlS zum Maurermeister aufrücken konnte. Denn auch ein Polier blieb, obschon der erste unter seinesgleichen, doch — man mochte es drehen, wie man wollte — immer noch ein Arbeiter. So hatten die idinterstratzcnmänner, die in dem nach oben schielenden August Micheelsen einen Abtrünnigen sahen, Wilhelm Drebitz als ihren Kandidaten aufgestellt und setzten, da auch in dem mecklenburgischen Landstädtchen die Gegensätze sich von Jahr zu Jahr verschärften, alle Kräfte für seinen Sieg ein.
Wenn Gust während seines Lebens einen Freund gehabt hatte, dann ivar es Wilhelm gewesen. In derselben Woche waren sie geboren. Haus an Naus batten sie ihre Jugendjabre verb'wcht. Gemeinsam matzen sie mit bloßen Beinen aus, wie tief der Wallgraben wohl war. Liefen sie den Wall entlang um die Wette, so kamen sie fast immer zur selben Zeit am Ziele an. Sieate aber einer, so war es bald Willem, bald Gust. Der spätere Schustcr- lehrling krarelte zwar schneller die Wallböschung hinauf, aber das Erklettern der Mallinde schaffte der spätere Maurerlehrling schneller, so daß sich der Vorsprung wieder ansglich. Auch da Gust von seiner zehnjährigen Wanderung zurttckkcbrte und als Hohe- Straßen-Mann überraschend schnell zu Reichtum und Ansehen em- porsticg, gab er niemand in der Stadt so häufig und so herzlich die Hand wie Willem.
Jetzt aber sollten sie sich öffentlich als Gegner aegenttbertrcten, sich bekämpfen, die eignen Vorzüge bervorkehren. die Nachteile des andern ans Licht zerren? Unmöglich! Nun, Willem war der gutmütigste Mensch. Diese Sache würden sie beide schon unter sich friedlich ins reine bringen.
Eines Jannarabcnds im Jahr 1913 ging also der Rentier August Micheelsen ans d-r Ackerstratze zu seinem Jugendfreund Drebitz in die Baracken.
! Willem wärmte, als Gust eintrat, seine Füße an dem braunen Kachelofen und las wäbrenddeffen sein Leibblatt. Da die Tür a"k- ging. wandte er seinen Kopf zur Seite, stellte setz: ..Ach. du biisk't bloß?" und las weiter. Auch die Füße von den Kacheln des Ofens fortzunehmen und in die bereitstehenden Holzpantoffeln zu fahren, hielt er nicht für nötig.
fFortsetzung folgt.)
Gefährlichkeit sichtbar wird. Zum Arzt werde ich morgen gehen und mir ein Schlafmittel verschreiben lasten, daß ich meine Nerven wieder in Ordnung kriege."
„Du bist aus einem falschen Weg, Gust."
„Natürlich, alles mache ich verkehrt, seit wir in der Ackerstratze wohnen. Meine Frau aber weiß den richtigen Weg.
„3n diesem Falle — ja." , . .
„Und was steht auf dem Handweiser an deinem allein richtigen Weg?"
„Kehr um, Gust!
„Wohin soll ich umkehren?"
Sur wirbelt"
"Gönnst du mir bas wohlverdiente Glück des Ausruhens
„Wenn es Glück für dich wäre, wie gern wurde ich es dir gönnen."
„Ich bin glücklich!"
„Sagt dein Mund. Aber dein Herz?"
„Sagt dasselbe."
„Wenn dein Herz ohnehin in der Tat dasselbe sagt wie dein Mund, dann sagt eine Stimme ganz unten in seiner tiefsten Tiefe, eine Stimme, die du nicht hören willst oder nicht hören kannst, etwas ganz andres, bas Gegenteil von deinem .Ich bin glücklich!
„Nimmst du dir heraus, tiefer in mich hineinzuhören, als ich selber?"
„Seinem Gelbe leben — wie die Leute in der Stadt dein Dasein und das Dasein mancher andrer nennen, die es genau so treiben wie du —, seinem Gelbe leben, bas ist kein Tagesinhalt für einen gesunden, wenig mehr als sechzigjährigen Mann."
„Sondern?"
„Seiner Arbeit leben. Wer nicht arbeiten will, heißt es in der Bibel, soll auch nicht esten."
,^ch beschäftige mich von früh bis spät."
„Beschäftigung ist keine Arbeit."
„Soll ich etwa meinen Schusterhüker nebenan aus der Ecke holen, den Schustertisch mit der Schusterkugel mitten zwischen die schönen Möbel stellen, so baß er unsre ganze Stube verschandelt, und Stiefel besohlen?"
„Mir wäre es die liebste Lebenslösung."
„Obgleich ich es nicht nötig habe, wieder schustern? Albern!"
„Daß du es des Geldverbienens wegen nicht nötig hast, weiß ich wie du. Die Frage ist: Ob du es inwendig nötig hast?"
„Auf dem Schusterhüker bocken."
„So weit wirst du den Weg, auch wenn du es wolltest, wohl nicht mehr zurückgehen können. Aber bis zu einer ehrlichen Arbeit, gleichviel welcher, wird er dich, muß er dich zurückführen, wenn du dich durch dein dem Glück leben nicht selber um das Glück bringen willst. Denn wer nicht arbeiten will, der soll nicht nur nicht essen, der kann es bald auch nicht mehr, so wenig wie er schlafen und sich nun ganzen Herzens des Lebens freuen kann."
„Und ich sage dir: wer in den ersten zwei Dritteln seines Lebens so unmäßig war, so vieles im voraus gearbeitet hat wie ich, der hat sich durch die Summe seiner Arbeit ein Recht erworben, in dem letzten Drittel seines Lebens sich auszuruhen und, wenn seine wirtschaftlichen Verhältnissen ihm das — wie die meinen es tun — gestatten, ganz seinem Behagen zu leben."
„Behagen sagtest du. Gust. Nicht: Seinem Glück."
„Es ist dasselbe."
„Wirklich?"
„Für mich — ja! So, und nun halt den Mund, daß ich endlich die Augen zumachen kann und wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf erwische."
„Gust--"
„Kein Wort mehr! Gute Nacht. Der Tag ist lang genug für aufregende Gespräche. Wir beide brauchen wahrhaftig nicht die Nacht dafür zu Hilfe zu nehmen."
„Gute Nacht, Gust!"
Wenige Minuten später schnarchte der von Schlaflosigkeit geplagte, die Arbeit wie eine Glückvergiftung meidende Rentier August Micheelsen sich unbehindert den Schlaftiefen zu.
Rikelchen aber, die vom Morgen bis zum Abend sich redlich geplagt hatte, lag lange neben ihrem Mann wach auf dem Lager und suchte vergeblich narb einer Atwort auf die Frage: Wie es möglich war, daß zwei Menschen sich mit ihren Herzen liebnah sein können und doch mit ihren Worten, mit ihrem Tun den Weg nicht zueinander finden.
Erkundigte sich während dieser Zeit in einem Laden, auf der Straße, vor dem Tor beim Schwätzen, Skatspielen, Schmauchen irgendwer nach alter Weise: „Gust, wo geiht't?", so bekam er nicht die Antwort von einst: „Uns geiht dat gaud!", sondern der Ange- rufcne erwiderte kurzweg: „Gut!" Nur diese eine Silbe: „Gut!"
Denn Gust, der durch das Nichtstun und das unmäßige Essen aufgegangen war wie Brotteig durch die Hefe und bereits zwei- einvierttl Zentner wog, mutzte mit seinem Atem sparsam umgehen. Auch war er der Meinung, bas Plattdeutsch des Varacken- jungen von ehedem stünde einem hochgeachteten Rentner von heute, der nur aus Zufall in der Ackerstratze statt auf der Hohen Straße wohnte, schlecht zu Gesicht.
An seinem Allerwelts-..Gut!" aber hatten die Fraaendcn nicht dieselbe Fr-ude wie an dem schallenden, in solcher Volltönigkeit nur von Gust zu vernehmenden: „Uns aeibt dat gaud!" Immer seltener wurde, seit er nicht mehr auf dem Tritt vor seinem Hause stand, die Frage nach seinem Ergeben an Gust aerichtet.
Geschah es dann und wann doch einmal, ließ jemand sich aus
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck und Derlog: Drühl'sche Universitäts-Duch- und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.


