Indessen das nach Nebelheim Sohn Wodans,
Götterdämmerung.
Von Wilhelm Schäfer.
Baldurs Beweinung.
Schiff mit dem Leichenbrand Baldurs nordwärts fuhr, ritt Hermut hinunter zur Hel, der schnelle den Bruder zu lösen und Wiederzubringen nach
Asgard.
Neun Nächte lang ritt er durch traurige Täler bis an den Strom und die Brücke aus glitzerndem Gold, wo die rauhe Riesenmaid wachte, datz keiner aus Nebelheim wieder nach Midgard
Und als er eindrang in das Reich der kalten Urströme, sah er Baldur, den Bruder, sitzen, zuhöchst in der Halle, vom Golde der Tiefe umglitzert, im Reich der Hel noch immer der herrliche Mann. t t ,
Gruß und Gedächtnis gab er dem Bruder und harrte am Morgen der finsteren Fürstin, daß sie ihn ließe, den Fürsten des Frühlings, in seinen Saal Weitglanz zurück.
Und so bat der göttliche Bote im Weh der klagenden Welt, daß er die Finstere rührte: wenn alles Wesen weine um Baldur, was tot und lebendig wäre, und keines die Träne versage, solle der Fürst wiederkehren nach Weitglanz, den Frühling zu bringen.
Fröhlich der freundlichen Kunde sandte Wodan Botschaft in alle Weiten der Welt, um Baldur zu weinen, datz ihm aus Tränen die Wiederkehr würde, aus Tränen der Trauer die Gunst der Gewährung.
Da weinten die Götter und weinten die Riesen, die Menschen und alles Getier, da weinten die Bäume mit tropfenden Blättern und die Blumen mit silbernem Tau, da weinte die Erde tief in den Brunnen, das blinkende Erz und die zackigen Felsen im Schnee: Baldur zu lösen, den Fürsten des Frühlings.
Schon ritten die Boten mit fröhlicher Kunde hinunter zur frei, als sie das Riesenweib fanden, hockend in greulicher Höhle: Wo hatte ich Nutzen von ihm, dem weißnackigen Neuling der Äsen? Behalte darum Hel, was sie hat!
Da weinten zum andernmal die Götter und Menschen, die Bäume und Blumen, die Brunnen und Steine der Erde: daß die Wiederkehr Baldurs verwirkt war: das Glück der Gewährung starb in den Tränen der Trauer.
Wodan aber, der Allwisser, wußte, daß Loki das Riesenweib war, Loki der Allesbeschließer, und daß nun dem asischen Dasein die Dämmerung kam: aus dem Groll der Götter scholl der Schuldruf der Rache.
Die Rache.
Loki der Leugner entging den grollenden Göttern mit List: in einem Wasserfall saß er in Lachsgestalt und spottete ihrer Verfolgung.
Aber Wodan von seinem Hochsiü erspähte den Falschen: eilig kamen die Götter und flochten das Netz, den Fisch in den Maschen zu fangen.
' „Ich glaube nicht", sagte der Knabe. „Der Plan mit dem Wrack ist besser. Da riskiert keiner etwas. — Schwimme mal einige Breitengrade südlich für alle Fälle." .
Der Walfisch schwamm südlich — einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hindurch. Es war ihm nicht sehr wohl. „Ich verhungere gleich", sagte der Junge in seinem Ohr.
„Noch ein paar Floffenschläge", rief der Frsch: »halt aus — und dann rührte er sich nicht mehr. Er trieb als Wrack auf den Wellen.
Gibnichtauf aber kroch erschöpft aus dem Nest eines Lüftungsrohres aus das kahle Deck. „Ich danke dir, mein Fisch", sagte er. Aber der Fisch hörte es nicht mehr.
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Am folgenden Morgen trieb das Wrack, sanft von der Flut empor gehoben, an einen sandigen Strand. Gibnichtauf war gerettet. Fischer kamen heran und nahmen ihn auf.
Aber die Geschichte vom Walfisch endete nicht damit. Denn als die Fischer das angeschwemmte Wrack in Augenschein nahmen, das die einsetzende Ebbe ihren Blicken frei gelegt hatte, staunten sie. Sie fanden, datz der verödete Schiffsleib von einem unnachahmlichen Stoff und von einer unnachahmlichen Arbeit war. Keine Nute hatte sich gelockert, kein Brett war morsch, kein Nagel verrostet, keine Planke verzogen, keine Schraube vom Wasser angefressen, kein Stahlteilchen blind, keine Eisenplatte gesprungen, keine Luke undicht, und keine Fuge liefe Wasser ein.
„Das Wrack", sagte ein Mann, „darf man nicht dem Meer übergeben." Und so sagten alle. „Wir wollen es ans Land ziehen und neu auftakeln", riefen sie.
Da befiel den geretteten Knaben eine furchterlrche Angst. „Safet", rief er, „dies Wrack ist kein Wrack: dies Wrack ist ein Walfisch! — Lasst den Fisch! Stofet bas Wrack ins Meer! Es ist ein lebendiges Wrack, ein Meerungetüm. Ein Walfisch! Ein Walfisch ist das Wrack!" „ t t
Aber es half nichts. Sie zogen das Wrack ans Land, takelten es neu auf und setzten neue Schornsteine und Verdecke auf den unerschütterlichen Leib. Ein neuer Kapitän befehligte das Schiff, und die Geschichte vom Walfisch begann von neuem.
Da gab der Knabe es auf. Er bestieg nie ein Schiff mehr. Wenn er in späteren Jahren — und er mag noch immer am Leben sein — von einem untergegangenen Schiff hörte, sagte er wohl: „Das war vielleicht der Walfisch. —"
Aber die Menschen wußten nicht, was er damit meinte.
Aks er sich ausschnellie Über dem Wasser, den Schnüren noch zu entgehen, ergriff ihn Donar mit grimmiger Hand und hielt den Entgleitenden fest am schuppigen Schwanz.
Da mutzte der Leugner sein Dasein bekennen: in eine Höhle brachten sie ihn, fesselten ihm Schultern, Lenden und Knie hgrt ans Gestein, wie sie den Fenriswolf banden, den Bruder der Hel und der Midgardschlange, sein böses Gezücht. t r t
Sie hängten den Giftwurm auf ihm zu Häupten, daß der ätzende Saft, ins Angesicht träufelnd, ewige Qual dem Spötter bereite: aber Sigune hielt ihrem Gatten die Treue: mit einer Schale stand sie dem Steinlager bei, die Tropfen zu fangen: nur, wenn sie eilte, die volle Schale zu leeren, traf Loki das sen- °eU®attn^BeBte die Erde, so qualvoll zuckten die Glieder und bäumten sich auf in der Fessel: rüttelnd durch alles Gestein ging der Grimm des gemarterter Leibes, und alle Kreatur fiel in Furcht, datz einmal die Fessel zerspränge.
So war die Herrschaft der Götter im elementarrschen Hatz ihrer Herkunft zerfallen: noch hielten Wodans wachsame Waltung und Donars drohender Hammer die asische Walstatt: der Femspruch der Nornen stand nahe vor seiner Erfüllung.
Götterdämmerung.
Drei Winter werden der Welt nicht zum Frühling, die Sonne verliert ihre Kraft: kalt wehen die Winde von Nebelheim her, in die Blüte fällt Schnee und Hagel über den Mitzwachs: auf den kahlen Feldern der Erde ist Krieg: Krankheit, Hunger und Furcht fressen die Menschenwelt leer.
Da kommt die Wolfsbrut der Riesen ans Ziel: den Mond und die Sonne fallen sie an mit gierigen Zähnen, daß der selige Saal bespritzt wird mit Blut.
Die Sterne sinken vom Himmel, die Erde erbebt in der schwarzen Nacht, daß die Berge umfallen und das Meer einbricht ins stöhnende Land: da wird von den Fesseln Loki befreit: hohnlachenö ruft er die Brut, den Göttern zur Nache.
Hel, die finstere Fürstin der Tiefe, rüstet das Schiff Nagelfahr, aus den Nägeln der Toten gefügt und mit dem Neid der glücklos Entseelten befrachtet.
Der Fenriswolf reißt sich los, rotglühend den weltweiten Nachen und die Augen düster im Brand: über die Lefzen fließt ihm das triefende Feuer, aus den Nüstern fahren ihm Klammen.
Wutentfacht wälzt die Midgardschlange sich her in unbändiger Wildheit: aufschäumt das Meer und begräbt die Erde in seinen rauschenden Abgrund: als sie das Gift ihrer Gründe ausspeit, entzünden sich Wasser und Luft, nach Asgard hinauf spritzt die kochende Glut.
Der Himmel birst, und Muspilheims Söhne aus Süden kommen im Feuer gefahren, Surtur vorauf, das Schwert in der Hand, weißglühend wie nie eine Sonne.
Da bricht unter den Füßen der feurigen Riesen die Fährte des Himmels, die Brücke der seligen Farben schmilzt hin in der Lohe: nur noch die Burgen auf Asgard halten ihr stand.
Durch Heimdalls warnendcu Hornruf geweckt sind die Götter sorgend versammelt: Wodan reitet hinunter zum Brunnen, Mi- mirs Weisheit zu wecken, aber das Haupt bleibt ihm stumm: die Weltesche Mdrasil wankt in den Wurzeln.
Grimmig ziehen sie aus in den Kampf, den letzten der gramvollen Götter, Wodan und Donar voraus mit dem tödlichen Speer und dem alles zermalmenden Hammer, hinter den Zürnenden her der Einherier unübersehbare Scharen..
Wohl schwingt der greise Allvater den Speer, aber das glühende Wolfsmanl verschlingt ihn samt seiner Waffe: rächend stößt Widar, der Sohn, seinen Stahl durch den gähnenden Rachen dem Ungetier ins schwarzblutige Herz.
Der Midgardschlange zerschmettert Donars Zermalmer bas Haupt, aber hoch spritzt der glühende Geifer des sterbenden Tiers, sengt und verbrennt den stärksten der Äsen.
Heimdall, den warnenden Wächter, trifft Lokis listige Waffe: der Treue fällt noch im Sterben den leidigen Leugner der Götter: indessen Surturs weißglühendes Schwert Fro, den freudigen Jüngling, heimholt ins Feuer.
Dann steht er allein auf der Walstatt der Götter, Surtur der Sieger aus Süden, und zückt mit der zischenden Glut seines Schwertes den Brand aus der Wobnung der Vanenbezwinger.
Vis an die höchsten Ränder der Welt züngeln Muspils gierige Flammen: die aus Urgebraus kam, aus dem rauschenden Naß durch die Scheidung der elementaren Mächte: die Welt der schuldvollen Götter brennt hin in der letzten Entscheidung.
Wiederkunft.
Einmal wird die Lohe verlöschen: aus dem gestillten Meer hebt die Erde von neuem ihr Antlitz gegen den Himmel.
Die Flut wird kühl und verrinnt: im grünen Kleid wie zuvor prangen die Täler und Berge: auch blühen die Blumen im Gras.
Denn die Sonne steht wieder im Blau: ungesät wachsen Halme und Aehren: im Holz des Welteschenbaums haben sich Leben und Leblnst gerettet, die Äbnen künftiger Menschheit.
Valdnr ist heimgekehrt ans dem Verhängnis der Hel, und Hoenir kam wieder, die Geisel der asischen Götter: Banen- und Asenkinder vereint spielen im Gras mit den goldenen Tafeln, wie vormals die Väter.
Schuld und Schicksal beschatten nicht mehr die ruhelos drängenden Tage: nach ewigem Gleichmaß schreiten die Stunden im Glanz der neuen Gestirne.
: Der im Anfang war und ewig sein wird, der Starke, kam
। wieder von oben: in unverrückbarer Schwebe hält er dem Dasein • das Recht über dem ewigen Abgrund.


