Ausgabe 
27.4.1934
 
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Gießener Zamilienblättel

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 195^ Freitag, den 27. AprU Nummer 52

Oer Scherenschnitt.

Von Ruth Schaumann. Nur eine kleine Schere, Ein schwarzes Blatt Papier! O Schere, komm und lehre. Was zwischen dort und hier.

O Schere, komm und sage, Wie schön selbst Schatten sind. Von Lächeln und von Klage, Von Vögeln und dem Kind,

Von Rosen, die da ranken. Von Schiffen, die da ziehn, Denn Schatten sind Gedanken, Die unfern Tag durchfliehn.

Gedanken und bas Hoffen, Das Hoffen: groß und heiß: Wenn Gottes Tür einst offen, Sind alle Schatten weiß.

Das Märchen vom Watfisch.

Von Rudolf G. Binding.

Es war einmal ein kleiner Junge, der stand in einer großen Stadt vorm Hafen an den langen Kais, von denen die Schiffe ins weite Meer hinausliefen. Täglich stand er dort. Er hatte kein größeres Verlangen und keine größere Sehnsucht, als auf einem Schiff zu fahren. Er wollte ein Schiff beherrschen und kennen- leinen»

Da hörte er eines Tages einen Kapitän, der eben mit seinem Steuermann an Bord seines Schiffes ging, sagen:Man kann da^ Biest von Schiff keinem anvertrauen! Es ist verdammt. Wir wer­den es kaum allein schaffen."Mir können Sie das Schiff anver­trauen, Kapitän," sagte der Junge und trat ihm rn den Weg.

Nee, da wird nichts draus! Du willst bloß Mitfahrern Nee.

Da stand der Junge wieder, aber er ging nicht weg. Als der Kapitän von oben sah, daß der Junge so beharrlich war, gefiel ihm das.Hast Eltern?" fragte er herunter.Nee, sagte der Junge.Hast de Geschwister?"Nee", sagte der ^unge.Hast de sonst wen?"Nee; ich habe niemanden , sagte er. Der Kapi­tän ging ein paar Mal die ganze Länge des Decks auf und ab. Der Junge verfolgte ihn mit den Augen. Als der Kapltan wieder an ihm vorbeikam, fragte er:Wie heißt du denu, du kleiner ^^.Sch^agen's ja!" sagte der Junge:neiinen Sie mich nur Glb- nichtauf, dann nennen Sie mich beim rechten Namen.

Na, dann komm an Bord", sagte der Kapltan.

*

Höre," sagte der Kapitän, als der Junge nach vielen Tagen und Nächten Fahrt ihn so weit hatte, daß er ttz« manchmal nachts heimlich mit auf die Kommandobrücke nahm und ihn das Steuer unter seinen großen Händen fühlen ließ,du darfst das Schiff niemals sich selbst überlassen.-"icht einen Augenblicks Tagend Nacht. Lralt fest!" Warum sagt er das? dachte der Junge. -was will er damit? Das ist doch selbstverständlich.

qvr Kapitän führte das Steuer mit eisernen Jausten. Selbst bei "ruhigster See, bei sanftestem Lauf er es m dem elastischen Schraubstock seiner Arme in einer unerbittlichen Gewalt^ ^b und äm aina ein Stöhnen durch den gewaltigen Leib des Dampierv e"n schmerzhaftes Stöhnen. Das Schiff stöhnte unter s-inem G^ f

Wenn der Kapitän dem. Jungen auf kurze Z«t das Steuer überlies? bielt er es fest, wie er es von ihm sah. Dcve.'r-cWi swi alatt die {firn angewiesene Bahn. Dann dachte Glbnichtauf erst recht darüber nach^ was der Kapitän wohl mit diesen überflüssigen, Kn-«7m" Iwa"'5°d-n G-l-nI-n »»»«.,- x« S Bahn willig und ohne Schwanken.

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rende Knochenmasse legte sich vor ihn und trennte ihn von den kaum noch sichtbaren Speichen. Die gewaltigen Ankerketten des Schiffes rollten prasselnd aus den seitlichen Augen des Bugs in die See. Der ganze Leib, senkrecht aufstehend gegen den Himmel, atmete einen Sturmwind von Luft in den zahllosen Kabinen und Hohlräumen des Rumpfes. Das Hinterteil tat einen einzigen gewaltigen Schwanzschlag. Das Brausen des Meeres war um den Knaben. Die Deckbauten und Schornsteine streiften sich ab und blitzschnell zur Seite fahrend stieß in halbkreisförmiger Drehung ein lebendiger ungeheuerer Wal wie ein befreiter Meerriese in die Tiefe der Gewässer.

Als Gibnichtauf wieder zu sich gekommen war, mußte er ge­wahren, daß er sich in dem rosaroten Gehörgang des Walfisches befand, in den sich das Sprachrohr des Schiffes, vor dem er eben noch gesessen, umgeformt zu haben schien. Von der Seite her kam ein sehr mattes Licht durch das Trommelfell des Fisches, das ihn und den Gehörganq vor dem Eindringen des Wassers schützte.

Bist du nun eigentlich ein Walfisch oder ein Dampfschiff? fragte der Junge.

Warte, ich werde dir den Walfisch gleich beweisen." Dabet stieg der Walfisch senkrecht empor, um Luft einzunehmen, so daß Gib­nichtauf fast von neuem ohnmächtig wurde. Gewaltig prustete der Fisch Luft und Wasser in zwei Stoßstrahlen aus den Nasenlöchern, durch die vor seiner Verwandlung vielleicht die Ankerketten gelau­fen waren. Dann sog er Tonnen von Luft in einem einzigen Zug in seine Lungen und tauchte wieder.

Und wo ist der Kapitän, wo sind die Leute des Schrffes und die vielen Passagiere?" fragte der Junge ängstlich.

Du wirst wohl der einzige Lebende in meinem Inneren sein. Eigentlich muß ich dir ja dankbar sein. Denn du hast mich frei gemacht. Der Alte, bei dem wäre es mir nicht geglückt. Der hielt mich immer so fest. Ich wollte einmal ein großes Schiff werden und den Menschen dienen. Es war schön zu denken, mit vielen erleuchteten Reihen von Lichtern nachts in See zu stechen. Es war schön zu meinen, nicht mehr ein dummer Fisch zu sein, sondern ein zielbewußtes Schiff und einen Kapitän zum Freund zu haben. Kurz, ich wünschte mir ein Dampfer zu werden, und ich wurde es.

Wie da?" fragte der Junge:wie macht ihr das, ihr Tiere? ,Was du liebst, in das wirst du verwandelt werden," sagte der Fisch etwas rätselhaft. ..Könntest du dich denn wieder in ein Schiff zurückverwandeln?"

Augenblicks", sagte der Fisch.Aber ich werde mich hüten!" Und dabei machte er eine gewaltige Abwehrbewegung mit seinem

^Der Junge taumelte und fiel an das hartgespannte Trommel­fell, daß es knallte.Tu's doch", bat er nach einer Weile: tu s doch! ich muß doch einmal wieder heraus."

Nein", sagte der Fisch,nie wieder. Es war zu hart. Keinen einzigen freien Schwanzschlag erlaubte der Kapitän mir, der mich in die Finger kriegte. Keine Flosse durfte ich rühren. Nie hatte man seine eigene Richtung. Lieber Fisch als Schiff!

Und dafür soll ich jetzt frieren!" sagte Gibnichtauf, da der Walfisch gerade in das nördliche Eismeer einfuhr. Es wurde ^'".Äan " ich nicht ändern", sagte der Fisch grausam.Die Men­schen haben auch nicht gefragt, ob es mir genehm war, was sie tat?t6er Gibnichtauf gab es nicht auf. Er überlegte lange. Nach innen konnte er nicht durch, sagte er sich und beklopfte mit dem Stiel seines Taschenmessers die Schädelknochen des gewaltigen Tieres auf die der Gehörgang mündete. Wenn ich das Trommel­fell nach außen durchstoße, erstickt mich das Wasser. In ein Schiff, das ich steuern könnte, wird sich der Walfisch freiwillig nicht mehr verwandeln. Er traut mir nicht. Er traut keinem Menschen.

Das waren so seine Gedanken.

Könntest du dich nicht wenigstens in ein Wrack verwandeln und mich mit dir ans Land spülen? Ein Wrack können die Men­schen nicht lenken. Was sollen sie damit? Wenn die Flut kommt, wird es wieder flott, und du schwimmst als Walfisch davon.

Der Walfisch horchte auf.

Ein Wrack?" sagte er;darüber läßt sich reden." Er dachte nQt6S5ei6t du, kleiner Knirps", sagte er nach einer Weile,du bist ja nicht gerade unbeguem, aber schließlich muß ich dich doch einmal auf gute Art loswerden. Und wenn du eines Tages in meinem I Ohr verhungerst, ich weiß nicht, ob etwas Gutes dabei entsteht.