Oie Teilung der Erde.

Von Friedrich Schiller.

Nehmt hin die Welt!", rief Zeus opn seinen Höhen Den Menschen zu.Nehmt, sie soll euer fern;

Euch schenk' ich sie zum Erb' und ew gen Lehen;

Doch teilt euch brüderlich darein."

Da eilt, was Hände hat, sich einzurichten.

Es regte sich geschäftig jung und alt.

Der Ackermann griff nach des Feldes Fruchten, Der Junker birfchte durch den Wald.

Der Kaufmann nimmt, was feine Speicher fassen. Der Abt wählt sich den edeln Firnewein, Der König sperrt die Brücken und die Straßen Und sprach:Der Zehente ist mein."

Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen, Naht der Poet, er kam aus weiter Fern';

Ach, da war überall nichts mehr zu sehen. Und alles hatte seinen Herrn.

Weh' mir! so soll ich denn allein von allen Vergessen sein, ich, dein getreuester Sohn?"

So lieh er laut der Klage Rus erschallen Und warf sich hin vor Jovis Thron.

,Wenn du im Land der Träume dich verweilet", Versetzt der Gott,so had're nicht mit mir

Wo warst du denn, als man die Welt getelletk Ich war", sprach der Poet,bei dir.

Mein Auge hing an deinem Angesichte, An deines Himmels Harmonie mein Ohr;

Verzeih' dem Geiste, der, von deinem Lichte Berauscht, das Irdische verlor!"

Was tun?" spricht Zeus. Die Well ist weggegeben, Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein. Willst du in meinem Himmel mit mir leben:

So oft du kommst, er soll dir offen fein."

Abschiedsbrief.

Eine nachdenkliche Geschichte von Vera Craener.

Mein Lieber, nein, ich werde nicht nack U. kommen. Denn erstens einmal kann ich im Augenblick schlecht von hier fort es schweben ver­schiedene Angelegenheiten, die sich so oder so entwickeln können und mein Hierbleiben unbedingt erforderlich machen und zweitens- ja, zwei­ten» bin ich eben dafür, daß wir jetzt einmal unsere oft besprochenen Ferien vom Du einlegen. Die haben wir nahezu vier Jahre nicht gehabt, da gab es kein Ausruhen voneinander, kein Ausspannen aus dem Troll de» täglichen Miteinander.

Da gab es das morgendliche Telephongespräch um 7 Uhr 10, das meine gute Frau Wulicke immer wieder van neuem gleichermaßen auf­regte, das aber zu keiner anderen Zeit stattfinden durfte, weil Dir eben diese am besten paßte, und weil dann noch keiner Deiner Kollegen die Telephonzelle im ersten Stock benutzte, die so eng und klein war, daß man darin zu ersticken glaubte, und in der es immer so fatal nach Kunstleder und kalter Asche roch.

,^allo I" sagtest Du immer,Hallo! Gut geschlafen?" Und dann fragtest Du, ob die Post schon da sei und ob ich gute Nachrichten hätte, und wenn ich beides verneinen mußte, Du hast ja niemals begriffen, daß die Post immer erst um acht kam und gute Nachrichten auch fchon damals seltene Vögel waren fingst Du an, von Deinen Dingen zu reden. Von den Statistiken, die zwar stimmten, aber Deiner Meinung nach nichts bewiesen, von den Kontrollversuchen, die etwas ganz anderes ergeben hatten, als von ihnen erwartet worden war, und von der Laune des Professors, von der in Eurem kleinen Nest so viel abhing, und die fetten genug rosig zu nennen war. Dann folgte eine kurze Beschreibung der zu bewältigenden Arbeit und die Versicherung, daß Du an diesem Tage bestimmt, aber auch ganz bestimmt pünktlich zum Essen kommen würdest.

Und dann kamst Du nie oder nur ganz selten, und anstatt dessen wurde ich ins Labor beordert, bekam etwas, was man in Eurer lieblos geführten Kantine alsMahlzeit" bezeichnete, vorgesetzt und mußte dann endlose Berichte tippen. Berichte, die Deine amtliche und wirklich überlastete Sekretärin unmöglich mehr schaffen konnte, und zu denen Du einfach eine nichtbeamtete Mitarbeiterin h. c. brauchtest. Eine, die nie müde wurde, immer Zeit hatte und das allergrößte Interesse für Deine Arbeit eine Kameradin im besten Sinne.

Du sollst Kameradin sein können, ohne in das Gebiet der Liebe zu spielen", steht irgendwo bei Schleiermacher, und es war wohl mein großer Fehler, daß ich trotz dieser eindringlichen Mahnung doch in Liebe gefallen bin in eine Liebe, die mich blind gemacht hat für alles, was an dem Partner eigentlich wenig liebenswert war, und was im Anfang vielleicht noch zu korrigieren gewesen wäre, zuletzt aber schon unverbesser­lich war.

Abrechnung ist das Ende aller Liebe doch Du weißt sehr wohl, daß meine Liebe zu Dir immer noch nicht aufgehört hat.

Es sind heute genau zehn Wochen her, daß ich auf dem Bahnhof gestanden und Abschied gewinkt habe eine etwas törichte und acher- liche Geste, die mir nicht steht, und über die Du selbst immer gespottet hA, die Du aber im Augenblick der Trennung doch nicht vermissen

Untere Trennung ist zwar örtlich nicht allzu groß in elf Bahn- tunden kann sie überwunden werden, und es bestehen praktisch auch keinerlei Schwierigkeiten, sie zu überwinden, aber seelisch scheint sie mir doch bedeutend größer. . . . . .

Du hast Dich schon während des letzten Jahres, da wir doch eigenb lich noch hier zusammen waren, meilenweit von mir entfernt, und ich batte schon damals zeitweise das Gefühl, als stunde ich allem. Ganz allein. Und als hätte ich niemanden, dem ich anvertrauen konnte, was mich im tiefsten bewegt. Der Zufall hat es gewollt, daß zu gleicher Zeit uns beide das gleiche Geschick getroffen hat. Dieses Geschick hat mir ebenso wie Dir die Arbeit unterbunden und mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Daß ich dabei immer noch in gewissem Sinne heiter erschienen bin und so, als könne das alles mich gar nicht n.ederzwingen und habe keine Gewalt über mich mein lieber Junge, das war alles nur Maske, eine Maske, die eigens für Dich aufgesetzt war und die ja auch ihre beabsichtigte Wirkung getan hat. m .

Du der Du so entsetzlich getroffen warst von dem Geschehen und alaubtest daß auf der ganzen Welt nur Dir solche Kränkung und Herab- etzung widersahren sei. Du brauchtest ja einen Menschen neben Dir, der immer wieder den Kopf oben hatte und das leckgewordene Schiff so gut wie möglich durch die Brandung brachte. Du wolltest es nicht verstehen, daß plötzlich einem Menschen das Recht aus Arbeit entzogen werden könne, daß er einfach ausgeschaltet wurde.

Und weil Du so sehr mit Dir beschäftigt warst und immer nur an das dachtest, was Dir geschehen war, deshalb sahst Du nicht, was neben Dir vorqing, sahst nicht, daß unter der heiteren Maske ein sehr lebendiges Gesicht steckte. Ein Gesicht, aus das die Trauer und der Kummer ebenfo ihren Stempel gedrückt hatten und das große Anstrengungen machen muhte, um die Maske überhaupt ertragen zu können

Dich traf es unsagbar, daß Deine einst so geschätzte Arbeitskraft Du warst ja ein Fanatiker der Arbeit und ihr bedingungslos ergeben nun von niemandem mehr in Anspruch genommen wurde, daß von allen Seiten nur höflich bedauernde Briefe kamen, Absagen über Absagen und daß sich nirgends ein Türchen für Dich öffnen wollte, Du vergaßest, daß es zu jeder Zeit Menschen so ergangen ist, daß sie an verschloßene Türen geklopft haben und daß sich unter tausenden kaum einmal eine auftat, und Du vergaßest daß es mir genau so ging.

Ich stand vielleicht zu dicht neben Dir, als daß Du es hattest ehen können Du sahst nicht, daß ich mit meiner Arbeit genau das gleiche erlebte, daß plötzlich keiner sie mehr wollte, und daß ich mich gründlich umstellen mußte, wollte ich Überhaupt existieren.

Du beklagtest Dich darüber, daß man einem Wissenschaftler, wie Dir, anbot, in einer sinnlosen Fabrik sinnlose Pillen herzustellen, und gewahr- test nicht, was ich in der Zwischenzeit tat..

Jetzt sitzt du in U., hast annähernd das gesunden, was du wolltest, und empfindest so etwas wie eine kleine Sehnsucht nach mir. Nach mir? Ach, vielleicht nur Sehnsucht nach einem Menschen, der es so wie ich ocr- steht, schweigend vorhanden zu sein, und dem man dabei alles aber auch alles sagen kann. Daß man im Grunde doch völlig unbefriedigt ist von dieser Art der Tätigkeit, daß man es als sinnlos empfindet, hier zu stehen, während in dem geliebten Labor unzählige Experimente darauf warten, ausgesührt zu werden, und dah man alles in allem eben eine verfehlte Existenz ist. m ,

All das steht nämlich zwischen den Zeilen Deiner Briefe, und, offen gesagt, verlangt es mich nun nicht danach, das alles nun auch noch mündlich vargetragen zu bekommen.

Und weshalb nicht? , ,, ...

Ich muß Dir gestehen, daß die kurze Zeit Deiner Abwesenheit genügt hat, um mir die Augen ein wenig zu öffnen. Es ist nicht etwa em anderer Mann in mein Leben getreten, und ich bin Dir auch nichtun­treu" geworden, aber ich habe entdeckt, daß es auch noch andere Men­schen gibt, Menschen, auf die Du mir durch Dein bloßes Dasein den Ausblick versperrt hast, und die sich jetzt der erstaunten Betrachtung darbieten. Menschen, die gütig sind und hilfsbereit und nicht so hoff­nungslos versunken in ihr eigenes kleines Geschick, als daß sie nicht auch für andere einmal ein offenes Ohr hätten.

Und deshalb, mein Lieber, komme ich vorläufig nicht nach IL, obwohl ja nur elf Bahnstunden uns voneinander trennen und keinerlei Schwie­rigkeiten bestehen, diese Entfernung zu überwinden.

Die Schwierigkeiten zwischen uns liegen, wie ich jetzt einsehen gelernt habe, auf ganz anderem Gebiet, und bis ich die überwunden Haden werde, wird wohl noch mancher Brief zwischen uns beiden hin und her gehen müssen. *

Die Schreiberin dieses Briefes, die viele schlaflose Nächte dazu ge­braucht hatte, ihn zu entwerfen, nickte befriedigt, als sie ihn durchlas, und steckte ihn dann in ein Kuvert. Doch bann geschah es sonderbarer­weise, daß sie ihn noch einmal herausholte und wiederum durchlas. Hier­bei seufzte sie, rieb sich gedankenvoll die Tinte von den Fingern und konnte sich nicht entschließen, die Adresse zu schreiben. Und nachdem sie zweimal mit großen, aufgeregten Schritten durchs Zimmer marschiert war, las sie ihn schließlich zum drittenmal durch und zerriß ihn bann langsam in kleine Stücke. Dies getan, eilte sie zum nächsten Fernsprecher, um sich im Reisebüro nach bem besten Zuge nach U. zu erfunbigen.

19 Uhr 13 ab Hauptbahnhof", gab ein höflicher junger Mann Aus­kunft, unb bie Dame bebankte sich artig.

Dann ging sie auf bie Post unb setzte ein Telegramm auf:

Ankomme Mittwoch 6 Uhr 18. Herzlichst S."

Unb bas schickte sie ab.

Verantwortlich: Dr. Han» Thyriot. Druck Verlag: Drühl'jche LlniverjitätS-Duch. und Stetndruckerei. Ä. Lang«, Siebe«.