Grabinschrift.
Don Theodor Fontane.
Erde gleißt auf Erden In Gold und in Pracht;
Erde wird Erde, bevor es gedacht;
Erde türmt auf Erden Schloß, Burg, Stein;
Erde spricht zu Erde: Alles wird mein.
es mit
sich, daß wir in dieser ersten Zeit viel umher- t Brauch sein Werkzeug in einer geflochtenen
Ich wurde in Wassersällen von
Handwerk brachte zogen. Er trug nach dem Tasche Über der Schulter, meine Mutter aber" schob einen großen Korb
wagen vor sich her, darin lag ich zu oberst auf unserer ganzen Habe, schlief oder besah mir die Welt unter dem geblumten Zeug des Sonnendaches.
Später, als ich schon verständiger war und laufen konnte, nahm mich der Vater zuweilen an die Hand, ich sang, und er pfiff und schwang den Stock auf eine kunstvolle Art. Ost kehrten wir in Gehöften ein und aßen mit den Leuten aus der Schüssel, dann blieben wir eine Weile, bis der Vater mit seiner Arbeit im Schuppen ober auf der Tenne fertig war. Ein anderesmal bekamen wir die Milch nur vor das Haus gestellt. Dann mußten wir wieder weiterziehen und irgendwo in einer dunklen Scheune unser Lager aufschlagen. Es war ein herrliches und abenteuerliches Leben für mich, denn daß es auch ein sorgenvolles und kümmerliches war, begriff ich damals noch nicht.
Mir war alles lieb, die Straßen und die Wälder, durch die wir zogen, die Tiere und Kinder auf den fremden Höfen und vor allem der Vater, der immer stark und fröhlich blieb. Ich verstand die Mutter gar nicht, wenn sie mitunter verzagt war und vornüber in den Karren meinte, so daß ich die Tropfen auf das Bettzeug fallen fah. Es tarnen freilich allerlei Zwischenfälle. Einmal brach unterwegs ein Rad an unserem Gefährt, die Eltern mußten sich nach einem Schmied umsehen, der den Reifen flicken konnte. Ich wurde am Weg unter eine Fichte gebettet und damit ich nicht fortlief, knüpfte mich die Mutter mit einem Band an dem Baume fest. Aber es währte lang, und während ich schlief, zog ein furchtbares Unwetter auf. Der Regen überschwemmte mich verlassenen Wurm, ich saß in der Nässe und schrie und verstummte wieder, als ein flammender Blitz nahe vor mir in das Master schlug. Der Bach färbte sich schwarz, er stieg heraus und schwoll über den Weg, Brückenhölzer hieben vorbei, mächtige Purzelstöcke und Sträucher. Das Wasser leckte schon an meinen nackten Füßen, und ich wäre ertrunken, wenn der Vater nicht doch zuletzt einen Weg durch Wald und Unterholz gefunden hätte.
Im dritten Winter tarnen wir in die Heimat zurück. Wir lebten zuerst auf dem Dachboden eines kleinen Hauses. Ich weiß noch, daß es bitter kalt war, der Schnee trieb herein und vor der Dachluke wuchsen blanke Eiszapfen. Noch immer fchlief ich im Korbwagen unter dem düsteren Gebälk. Die Mäuse pfiffen, des Nachts stiegen Katzen in mein Bett und berochen mich. Ost meinte die Mutter und sprach zornig auf den Vater ein, aber er schrie niemals zurück. Er nahm nur seinen Huf und ging fort. Wenn er miebertam, mar alles gut, er brachte lebesmal Esten nach Haufe, einen Laib 'Brot, bann unb wann em Stuck Fleisch ober eine Handvoll Backwerk für mich.
Erst im Frühjahr fand der Vater wieder bessere Arbeit. Wir zogen in eine Stube, in der wir unseren armseligen Kram auf den Boden aus- breiteten, bis der Vater einige Möbel zusammengebaut batte W) und Bank und richtige Betten an der Wand Die Mutier wurde fröhlicher sie wusch und nähte für die Dienstleute, und auch ich war schon für allerlei zu gebrauchen. Ich wußte, was wir notig hatten und darum schleppte ich vor allem Brennholz nach Haufe, emen ganzen Lattenzaun nach nach, bis mich ein paar Ohrfeigen belehrten, daß zwischen bem, roas man braucht, unb bem, was einem gehört ein Unterschied zu machen sei Sieben Mittag trug ich für den Vater das Esten auf den Bauplatz. Ich durfte rittlings bei ihm auf einem Balken sitzen wie em rechter Zimmergefell, und dann teilte er brüderlich mit mir.
Damals war das Bad Gastein noch unansehnlich, aber von Jahr zu Jahr schollen die Häuser höher empor, die Straßen wurden breiter und der Wald wich zurück. Ich erinnere mich des Tages, an dem wir elektrisches Licht bekamen. Hundertmal schloß ich die Augen und> drchte den Schalter/ unb hunbertmal wieberholte sich das unbegreifliche Wunder, es war mit einemmal unirdisch hell in der Stube.
Uebrigens fand ich mich mit meinesgleichen gut zusammen. entdeckte zu welchen Zetten ^es^tth^n^e,^vor^n^Kuch^ftnstern^zu^stehen, ihnen Blumen durch das Gitter steckte. Man konnte diese Blumen stgar später wieder holen und anderswo verwenden. Als ich einmal yeuteno sä1ä s-tt B«
KL »“““
Aus der Kindheit.
Don Karl Heinrich Waggerl.
einer Schmiede geboren, hoch über den rauschenden Gastein. Mein Vater war Zimmermann, und sein
in meinem Hirn. So etwa, wenn wir zu britt in die Kanäle krochen und unter einem Gitter in der Hauptstraße jammervoll zu heulen anfingen, bis Mann und Frau oben nerfammelt stand und nach der Feuerwehr rief.
Es war in allem eine glanzvolle Zeit, Kaiser und Könige stiegen ab, man konnte ihnen unterwegs begegnen wie dem Pfarrer oder bem Briefträger unb es verschlug ihrer Hoheit nichts, wenn es offenbar würbe, baß auch sie von der Gicht geplagt waren wie andere Leute. Sie alle mußten wohl demnach eine besondere Art von Menschen sein, Kurgäste eben, und ich kam nie auf den Gedanken, sie könnten jemals in ihrem Dasein etwas anderes zu tun haben, als in Seide und Lack auf den Promenaden zu wandeln. Vielleicht verschliefen und verdösten sie den ganzen Winter so wie wir und erwachten erst im frühen Sommer wieder, wenn die Spiegelscheiben und die prunkvollen Portale aus den Brettern geschält wurden. Dick waren sie oder dünn, krumm oder lahm und im !langen kümmerlicher als gewöhnliche Menschen, aber sie hatten die selt- ame Eigenschaft, immerfort Geld aus der Tasche zu holen. Außerdem rochen sie so wunderbar, ich konnte stundenlang hinterher laufen und die Wolke von Düften einatmen, die sie unaufhörlich von sich gaben.
Das Fremdartige dieser Geschöpfe zog mich magisch an. In jeder Zeit trugen die Damen ungeheure Hüte und was ihnen in der Leibesmitte an Fülle fehlte, das häufte sich hinterwärts um fo mächtiger unter Bändern und Spitzenzeug an. Aber wenn ich auf gewisse Bäume kletterte, konnte ich sehen, daß sie in ihren Zimmern sich doch ganz irdisch kämmten und wuschen und barfuß liefen wie meinesgleichen.
Zuweilen geriet ich auf Botengängen in eine der prächtigen Empfangshallen. Da stand ich bann, ich strohhaariger Knirps, barfuß und schmutzig, der spiegelnde Marmor verstörte mich, die gefährliche Stille und Kühle benahm mir den Atem. Und noch heute, wenn ich auf Reifen genötigt bin, ein Hotel aufzusuchen, werde ich die ängstliche Empfindung nicht los, daß ich besser täte, wieder zu verschwinden.
Als ich nun schon ein paar Jahre zur Schule gegangen war, meinte die Mutter, es sei endlich genug der Tagedieberei, ich müsse jetzt zusehen, wie ich mir selber das Essen verdienen könne. Sie bewarb sich für mich um die Stelle eines Liftburschen, ich wurde wahrhaftig aufgenommen und erhielt sogleich eine neue hellblaue Uniform mit zweiundvierzig silbernen Knöpfen. In der Morgenfrühe trat ich meinen Dienst an, aber schon zu Mittag saß ich weinend auf der Treppe, und mein Herz war zerrissen von wildem Heimweh und Freiheitsdurst. Die ungewöhnliche Kleidung drückte mich, ich war nirgends gelitten und jedem im Wege. Aber allmählich fügte ich mich, allmählich schied sich meine Umgebung in freundlich unb feinblich. Vor allem waren bie Stubenmädchen gute Geister, man konnte abends bei ihnen in der Kammer sitzen und zuhören, wenn sie über ihre Liebhaber sprachen, über dunkle Geschehnisse in Zimmern und Gängen des Hauses, und so wenig ich von ihrem Geflüster begriff, es erregte mich dennoch bis in den Schlaf hinein. Ich las auch viel, billige Romane aus den Nachttischladen der Gäste und die Groschenhefte der Mädchen, unb baburch verlor Ich mich gänzlich in einer zwiespältigen Welt von Träumen. Ständig lebte ich irgendeinem Helden nach, einem unglücklichen Grafen Horst oder Bodo, unb bas hatte roicberum zur Folge, daß mich ber Portier, mein nächster Vorgesetzter, für einen Ausbund sträflicher Dummheit hielt. Er war ein kleiner heftiger Mensch mit seltsamen Gewohnheiten. Jeden Auftrag, den er mir gab, pflegte er durch ein Kopfstück zu bekräftigen, bis ich dahinterkam, daß ich diese Maulschellen nur empfing, weil mein Kops seinen majestätischen Gebärden im Wege war.
Viel Abenteuerliches habe ich erlebt, viel Unheil durch meine närrische Einfalt gestiftet. Wir hatten einen Gast, den die Kellner aus irgendwelchen Gründen den Hochstapler nannten. Sogleich warf ich natürlich die Augen Sherlock Holmes' auf den Mann, unb als ich eines Morgens burch bie Glastür bes Liftes sah, wie biefer Schurke aus bem Zimmer einer Baronin geschlichen kam, auf Zehenspitzen unb mit allen Zeichen bösen Gewissens im Gesicht, ba fuhr ich eilenbs in bie Tiefe unb lief mit Zeter unb Morb burch bas Haus. Viel mehr als bie gewaltige Ohrfeige, bie ich vom Portier empfing, erstaunte mich bie Tatsache, baß ber Räuber unb sein Opfer zu Mittag wieder friedlich unb vertraut am selben Tische saßen.
Noch heute erinnere ich mich mit Herzklopfen an eine anbere Begebenheit, an bie Geschichte von ben Klapperschlangen. Eines Tages nämlich erzählte ich bem Stubenmädchen aus reiner Lust am Lügen, der Herr auf 33, ein Professor, hielte sich Klapperschlangen in seinem Koffer, Gott weiß, warum es gerade solche sein mußten. Täglich schmückte ich meine Geschichte mit neuen Einzelheiten aus Er pfiffe ihnen, sagte ich, und sie tanzten dazu, unb wenn ich mit ber Post ins Zimmer käme, schlöffen sie einfach in feine Hembärmel, so trüge er sie wohl überall mit sich umher.
Mittterwelle aber verbreitete sich eine stille Panik im ganzen Hotel. Das Stubenmäbdjen weigerte sich, in diesem Zimmer aufzuräumen, ber ahnungslose Professor war plötzlich wie bie Pest gemieben unb ein paar Aengftliche packten sogar ihre Koffer. Zuletzt stellte ber Direktor selbst den Schlangenbändiger zur Rede, unb ich ftanb zitternb vor ihm. und mein ßügengebäube fiel über mir zusammen. „Dieser junge Mann', stigte der Professor nachdrücklich, „dieser junge Mann ist geistesgestört! , Unb dabei blieb es dann auch.
Uebrigens aber verstand ich mich recht gut auf meinen Vorteil, ich war, was bas oerbiente Gelb betraf, ber Stolz meiner Mutter. Zwischendurch verliebte Ich mich in ein kleines dünnbeiniges Mädchen, fuhr meinen Schatz nach Tisch halbe Stunden lang im Lift spazieren und kaufte chm um teures Geld eine Korallenkette, die sich bann allerdings nutzlos in meiner Hosentasche verkrümelte.
Die Groschen und Silberstücke waren viel zu leicht verdient, ebenso geschwind rollten sie wieder davon, und so gewann ich schon damals keinen festen Stand zwischen Armut und Ueberfluß. Ich habe später wieder bittere Not gelitten, habe dies und jenes in meinem Leben versucht, aber nie erlernte ich die Kunst, mit meinen Gütern hauszuhalten. Und so mag ich zuletzt wohl erfüllen, was mir mein Portier prophezeit hat: daß ich ein unrühmliches Ende finden werde.


