Er
liefen Zwang, wir haben die ganze bedrückende, feelenzerreibende Stim- nung der letzten neun Aahre mit ihrem dauernden Auf und Nieder von »Öffnungen und stetig wiederkehrenden Enttäuschungen erlebt, wir haben (efetjen, wie dort dem Menschen Eugen durch ein hartes Schicksal die irtzten seelischen Verschanzungen zerbrochen wurden, wir hatten den großen Zusammenstoß mit Carafsa miterlebt. So war es mehr als na- iirlich, daß Eugen sich dieser quälenden Lage, in der er sich als Unter« (ebener befand, ein Gebiet schuf, in das er seine ganzen zurückgestauten hafte verströmen lassen konnte, in dem er seinem Willen zum Herrschen, iur unumschränkten Verwirklichung dessen, was in ihm brannte, freie »ahn lassen konnte. Mann geworden, von den Stürmen des Lebens ierabe infolge feines Draufgängertums hart herumgeworfen, empfindet ir nur das Bedürfnis, zu wissen, my home is my castle, greift er nun ianach, nach allen Fehlschlägen und Enttäuschungen des Dienstes aus lein Privatleben einen Kraftquell zu machen, der ihn stärkt, der ihn tefäfjigt, aus dem Zeitlosen der Antike, aus den fernen Problemen der !>läster neue Anregung zu schöpfen. So ist es durchaus kein Zufall, laß Eugen, der dazu in früheren Jahren schon lange genug Gelegenheit gehabt hätte, erst jetzt, in den Jahren schwerster Kämpse und krschütterungen, sich mit Wien, der Stadt zu verbinden strebt, daß ir aus dem Umhergetriebensein des Kriegers in das Bürgerliche sich (»ordnen will, daß er Grundstücke für ein Haus kauft, obwohl gerade iamals feine finanziellen Verhältnisse noch alles andere als günstig pnannt werden können. Aber mit der Zähigkeit, die ihm auch hier c gen ist, verwirklicht er die aufgegriffenen Pläne. Freilich auch hier itangelt die Beziehung zur Oeffentlichkeii nicht, auch hier benutzt er persönliches, um durch Eingehen auf das dekorative Streben der Zeit zu eirten, zeigt er Großartigkeit und baut sich langsam nach und nach einen Übst für damalige Zeiten beachtlichen Palast, der aus eingeschossiger hfcheidenheit allmählich zu einem Bau von fürstlicher Massenentfaltung imgeformt wird. In den langen Wartezeiten, die ihm die diplomatischen Unterhandlungen abzwingen, schafft er sich nun Entspannung in seinen sichern, greift er nach der Einseitigkeit militärischer Weltschau zu dem beifälligen Reichtum der Welt, versucht er auch hier, aus dem macht- rilligen Outsider, der gestalten will, zu dem ruhigen Empfänger der Gedanken der Zeit zu werden. Er versucht es, denn an einem vollen Hingen hindert ihn die Unraft der Jahre, hindert ihn das eigene Ich. foum ist der Palast in der Himmelpfortgasse vollendet, — seine Kosten find noch nicht einmal bezahlt —, als Eugen schon des städtischen Emer- llis, der städtischen Bindung überdrüssig ist, und nach neuen Planen reift. Mit demselben unerhörten Blick, der ihm in der Schlacht eignet, e kennt Eugen auch sonst in dem Unscheinbaren dre mögliche große Entwicklung, nutzt er auch hier jede kleinste Gelegenheit. Wahrend das fiif) mächtig ausbreitende Wien noch in der Donauebene liegt und e s ttit zagen Fühlern sich aus dem Ring der Umwallungen hlNaustastet, fhb die sanft die Stadt umarmenden Hügelketten fast noch unbebaut Eie wählt sich Eugen, hier, auf dem Acker, dem Weinberg, baut er, um e: dlich ganz frei feinem Schöpferwillen Wirklichkeit zu schaffen, ohne ai Straße3 Hauser Menschen gebunden zu sein. Ungeheuer verändert beint die Landschaft und doch erst jetzt durch den Menschen chrem tobten Wesen ganz wiedergegeben. Erst letzt scheint ganz die fymb°l sch Jebeutung des Berges gegenüber dem Tale ins Bewußtsein gerurft.
Wenn einmal alle Dokumente vom Wirken Eugens vergangen waren, U'b nichts als sein Schloß, das Belvedere bliebe, - der große Mensch gäre doch in seinem Werke aller Nachwelt dauernd verstandllch., Nichts d iickt mehr als die Anlage dieses Gartens der Bau dieses Schlo es ben 1-ist bes Schöpfers aus, nichts ist mehr Geist von seinem Geiste, Blut "'n seinem Blute, bas ber größte Baumeister einer symbolbewußten Int, Lucas von Hilbebrand, in diesem Sinnbild ms Zeitliche, Ueber-
scheint allen Biographen Eugens, auch den modernsten, gemeinsam, daß sie die wirklich wichtigen Zeiten seines Lebens, die wichtigsten Veränderungen, die sein Blickkreis durchmacht, nicht erkennen. — In linem geradezu krampfhaften Verleugnen aller Wirklichkeit sehen sie immer nur militärische Handlungen bei ihm, aber nie, was dahinter steht, sind doch vollzieht sich gerade in diesen kurzen Jahren nach dem Frie- lensschluh von Karlowitz eine ber für Eugen bebeutfamften Beraube« lungen seines Lebens, runbet sich hier bas in vorangegangenen Lebens- jahren Herangereifte zum festen Silbe. Fassen wir den bisherigen äuße- icn Entwicklungsgang ganz kurz, schlagwortartig zusammen, so war icben die soldatische Tätigkeit, die seine ersten Jahre bestimmt hatte, nehr und mehr die diplomatische getreten. Das Persönliche, Menschliche, lor der Welt verborgen gehalten, trat demgegenüber kaum in Erscheinung. Hatte das die Oessentlichkeit angehende militärische und politische öetätigungsstreben in seinen Feldzügen, in seinen Erfolgen 1689 am uiriner Hose greifbare Form erlangt, so war es erklärlich, daß das lonz Persönliche, das sich bisher bloß mittelbar in den Ereignissen -übergeschlagen hatte, erst spät, sozusagen unter einem gewissen inneren jwang, in die Welt der Tatsachen hinausgedrängt 'wurde. Wir kennen
Trost.
Von Theodor Storm.
So komme, was da kommen mag!
So lang’ du lebest, ist es Tag. Und geht es in die Welt hinaus, wo du mir bist, bin ich zu Haus. Ich seh’ dein liebes Angesicht, ich sehe die Schatten der Zukunft nicht.
Prinz Eugen baut ein Schloß.
Von Hellmuth Rößler.
Mit Genehmigung des Verlages Gerhard Sialling, Oldenburg i. O./Berlin, veröffentlichen wir aus dem soeben erschienenen Buche von Hellmuth Rößler: Der Soldat des R eiZ,e - Pr in z Eugen (kart. 4,50 Mark, Ganzleinen 5,50 Mark) folgenden Abschnitt:
zeitliche übertrug. Gleichsam um dem Zeitgeist entgegenzukommen, um zu zeigen, daß der Mensch Eugen einer ber ihrigen ist, ber in ihren Formen lebt, mit ihren Worten spricht, ist ber untere Teil bes Gartens, der sich langsam den Berg hinaufzieht, und durch das Schloß noch nicht in feiner Wirkung beeinflußt ist, ganz im Stile der verschnörkelten gewollten Zeit mit Baumgängen, verschnittenen Taxushecken, lauschigen Eckchen erfüllt. Scheinbar willkürlich läuft hier das Gängegewirr durcheinander, begrenzt nach der Stadt zu von einem Gartenpalais, bas, lang hingezogen, bie Verbinbung gibt zum Tal, ber Stabt, der es sich in feiner Architektur anpaßt. — Desto abstechender, ruhiger und verklärender aber, freier und zeitloser hebt sich der obere Garten hiervon ab. Hier ist nichts von Baumgängen und Gartenhäuschen — einfach unö klar zieht sich die große Flüche des Berges zum Schloß hinauf, das in einer unvergeßlich einprägsamen Größe und Einsamkeit alles bestimmt, das durch raumsüllende große Wasserbassins, in denen es sich spiegelt, und weite Rasenflächen nur noch ferner gerückt erscheint. Von dem in sich geschlossenen Bild des Schlosses mit seinen orientalisch anmutenden Ecktürmen, seiner wundervoll klar gegliederten Front bleibt der Eindruck eines unbeugsamen Willens, einer erhabenen, fast menschen- fernen Größe, bes Wesenskernes Eugens.
Aber biefes Hinaus-aus-ber-Stabt war kein Los-von-ben-Menschen, war keine Lösung, sonbern eine Lockerung nur ber Binbung an bie anberen, war ein Zurück zum Ich. Es war berfelbe Weg, auf ben Eugen auch burch bas anbere hingewiesen würbe, bas nun beftimmenb in fein Leben eintritt unb ihn zum rein Menschlichen zurückführt — bie Frau.
Metz, die Stadt mit den zwei Gesichtern.
Copyright by I. L. A., Wien.
Von ß i e s b e t Dill.
Alles hat seine Geschichte hier unten an ber Grenze, seine Vergangenheit, sein befonberes Gesicht ... unb alles scheint veränbert und erneuert heute. Zwischen Saarbrücken unb Forbach steht ein Haus, „bie alte Vremm", bereu Fensteraugen auf bas stillgeworbene Schlachtfeld Spichern und den gelben Rücken des Spicherer Berges hinausfchauen, mit einer Hälfte stets auf deutschem, mit der anderen auf ftanzöstschem Boden. Dahinter leuchtet ber neue Grenzpfahl, „Republique franeaise". Hier enbet bas Saargebiet, hier fängt bas neue Frankreich an. Ein Vogel flattert hin unb her, halb sitzt er in Deutfchlanb, balb in Frankreich... Vom Denkmal auf den Spicherer Höhen hat man den deutschen Adler heruntergenommen, zwei Abwehrkanonen richten ihre Mäuler drohend gegen die Stadt Saarbrücken.
Das erste, was ich sehe, ist ein Kirchhof mit neuen Gräbern, unter denen bie Gebeine ber im Kriege 70 gefallenen Franzosen liegen, bie man aus dem Ehrental bei Saarbrücken ausgegraben hat. Sie ruhen unter den Bäumen des Forbacher Waldes unb die deutsche Straßenbahn endet hier am Grenzpfahl. Sofort ändert sich das Bild. Im grauen Dunst liegt Forbach, eine kleine Prooinzstadt unb Garnison, bie eigentlich nur aus einer langen Straße besteht unb Kasernen. An grauen Häusern kleben französische Plakate weithinleuchtenb an ben Mauern. „Chocolat Menier“, „Dubonnet", „Si vous aviez un Peugeot" ... Gäben unb Bars tragen neue Schilber, „Restaurant au paradis", „Croix rouge franqaise", „Biere Fauve“. Das übervölkerte Industriegebiet ber Saar geht in bas menschenleere Lothringen über. Wir fahren burch ein Dorf, bas auf ber einen Seite beutsch, auf ber anberen französisch ist, in ber Ferne sieht man die Schächte der Grube Merlenbach ragen, deren Kohlenflöße auf deutscher Seite liegen und auf ber französischen ausgebeutet werben.
Ein Dorf folgt bem anbern, alle eintönig, grau, bas einzig Bunte finb bie Plakate an ben Mauern. Wenig Menschen, selten ein Kind, kleine Schulen, eine Nonne, ein Bauer, und vor jedem Haus ein riesiger Misthaufen... Wenig Fenster nach ber Straße, noch aus ber Zeit ber Fenstersteuer her. Was im Krieg zerstört würbe, ist wieder aufgebaut, aber fast immer in derselben alten, unbequemen Art, Folchwiller, St. Avold, die Garnison von einst... Weite Ebenen mit grünem Weideland, schwere Erde bricht ber Pflug. Obstbäume blühen an ben Wegen. Es wird immer einsamer, immer leerer, die Dörfer immer stiller; in den Dorfstraßen quellen die Misthausen über den Mauerrand, zu dem einst die deutsche Regierung bie Bauern zwang wegen ber Verseuchung bes Trinkwassers und Typhusgefahr.
Hier unb bort steht noch ein Unterftanb im freien Feld, ausbetoniert unb leer, eine Zuflucht aus den Fliegertagen. Dann naht die alte Grenze und wir sind im „alten Frankreich". Pont ä Moufson, eine Brücke. Eine Frau mit langem flatterndem Trauerschleier fährt auf dem Rad neben uns her. Wälder ziehen mit. Ein Kirchhof vor Dieuze, „Cafe lorrain“, ein zerstörtes Dorf steht frisch aufgebaut da, unkomfortabel und unhygienisch, im selben einfachen Stil, der in diese Gegend paßt. So grau unb- eintönig biefe Dörfer aussehen, aus ber Ferne, in bie grüne Talmulde dicht aneinander geschmiegt Haus an Haus und Dach an Dach, um ihr mittelalterliches Kirchlein herumgebrückt, bas sie in Kriegszeiten wie eine Festung beschützte, wirken sie schön, sie passen zu bem Ernst unb ber Einfachheit biefer herben Lanbschaft. In Frankreich interessiert sich niemanb für meinen Paß, ben ich übrigens vergessen habe, Frankreich hat mit bem Saargebiet Zollgemeinschaft. Das „Saarauto" gleitet unangehalten durch alle Grenzen hier unten.
Da, eine Parkmauer, dahinter alte Bäume, ein bekanntes Schloß. Eine große Tafel am Parktor „Exkaiferliche Besitzung". Ein verschlossenes Tor, verfchlossen die Fensterläden, still liegt das Schloß von dem aus der Kaiser die großen Metzer Paraden besuchte. Jedes Frühjahr kam er hierher. Leer liegt der kleine Bahnhof in der Sonne, mit der leeren Wartehalle, in der der Kaiser mit Gefolge oft abstieg. Sanfte Windungen der Mosel begleiten uns, grüne Wiesen, Ahornalleen, Schlehenbüsche säumen die Wege, Moselbrücken und Holzbaracken am Weg, graue Fermes mit hohen Mauern, die Forts schimmern grün und bewaldet. Sie sehen nach Frieden aus ...
„Au retour des pecheurs", ein Cafe vor Metz, „Bar de la Moselle". Und nun fahren wir am „deutschen Tor" vorbei in die alte Festung


