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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (93$ Zreitag, den 26. Oktober • Nummer 85
5)as dKalsßand /
ROMAN
VON FRANK F. BRAUN
(Fortsetzung.)
Er zog seine Uhr. Wenige Minuten über zehn. Gut; er stieg die Treppen hinab, Strombeck war mit dem Fahrstuhl gefahren. Als er unten anlangte, stieg der Holländer in den bepackten Wagen.
Luzius schickte den Boy nach einer Taxi. Als der gelbe Wagen anfuhr, und die Vorfahrt freimachte, kam der Junge mit dem Mietauto. „Fahren Sie dem gelben Wagen nach", sagte Luzius.
„Einholen, Herr?"
„Nein. Ich will nur sehen, ob jemand dazu einsteigt."
Der Fahrer nickte und fuhr los. Er verringerte den Abstand ein wenig und hielt ihn ein. Sie fuhren nicht lange. Am Marktplatz bog eine andere Taxi ein, stoppte und wartete. Jan Strombeck fuhr dicht an den Mietwagen heran. Der Schlag ging aus. Frau Barbara brauchte die Straße nicht zu betreten, sie trat mit einem Schritt von dem einen auf den anderen Wagen über. Die kleine Tochter reckte die Arme. Der Chauffeur gab einen Handkoffer hinüber.
„Das ist alles?", fragte Jan Strombeck.
Barbara nickte. Ihre Augen hatten einen fremden Glanz. „Ich bringe mich und das Kind", sagte sie. „Ich lege Schicksale in deine Hand, Jan."
Er neigte den Kops. Sein dickes rotes Gesicht wies etwas Feierliches und Verklärtes. „Du sollst es nie bereuen, Barbara", sagte er und neigte sich über ihre Hände. Dann fuhr als erste die Mietdroschke davon. Langsam setzte sich der gelbe Wagen in Bewegung. Wohin?
Assessar Luzius wußte es. Der Chauffeur Strombecks hatte es irrt Hotel erzählt, daß man um vier Uhr morgens den Dampfer „Alemannia" noch in Cuxhaven erreichen würde; Kabinen waren telegraphisch bestellt und reserviert. Wenn die Sonne aufgeht, hatte er geprahlt, ist 'tion eurer kleinen Halbinsel Europa schon nichts mehr zu sehen.
„Lassen Sie nur", sagte Luzius, als der Fahrer sich zu ihm umdrehte, „ich steige hier aus. Wieviel bekommen Sie?" Der Mann schaltete die Zähluhr aus. Luzius zahlte und ging davon.
Nun kam der letzte Akt des Spiels. Tragödie der Schuld. Siebentes Kapitel.
Es war nicht mehr der Nebel; ein seirier Sprühregen fiel. Man merkte ihn erst, wenn man die nassen Kleider berührte. Die Laternen hatten einen Hof, und der Himmel war verhängt.
Die Platanenallee lag verlassen. Der Asphalt glänzte im spärlichen Schein; ein Mitternachtsparkett Assessor Luzius langte vor dem Hause Nummer neun an. Er sah hinauf. In der Wohnung Zurrhelms brannte kein Licht. Da schritt er entschlossen den Aufgang zwischen den Garten »inan. Das Haustor war verschlossen, aber es widerstand seinem Nach- chlüssel keine halbe Minute. Er knipste das Licht an und stieg m den kitten Stock:
Reginald Zurrhelm, Kunstmaler.
Luzius wartete einen Augenblick; er wollte nicht außer Atem hier mlangen. Dann klingelte er. Der Ton der Glocke lies schrill durch das stille Haus. Es war eine starke Glocke, selbst Schlafende mußte sie auf- vecken. Aber in der Wohnung rührte sich nichts. Luzius zögerte nicht länger. Er würde die Nachbarn mit weiteren Klingelzeichen a.armieren, tber hier keinen Einlaß finden. Sein Polizeidietrich erwies sich auch diesem Schloß gewachsen. Die Tür öffnete sich; Luzius trat in dte sremde ^°Er"sthallete sofort im Flur das Licht ein. Er kannte die Gemächer Er sah sofort, daß jemand in Hast etwas gesucht und zusammengepackt satte. Frau Barbara mußte ihre Flucht in letzter Viertelstunde und in größter Planlosigkeit bewerkstelligt haben.
Luzius betrat das Herrenzimmer. Er hatte hier oft nut den Freunden lefesfen. Es schien ihm leerer. Fehlten nicht emrge Möbel, die damals len Raum wohnlicher gemacht hatten? Der Bücherschrank war s?s ■
!iun ja, aus Bucher und Klubsessel konnte man zur N°t verzichten. Verlaust waren die Stücke. Er hatte es langst geahnt. Wovon sonst hatte Zurrhelrn in letzter Zeit leben sollen. Machte das eine ^verstandttch entschuldigte es sie? Gewiß nicht; nur, der menschlichen Seite kam man ein wenig näher. Der Fall blieb bestehen, furche rn hatte gestohlen. Üah er inen reichen 9)1 ci t mt hon fieifor Cu.nus.
-«rschob das Gewicht der Tat nicht ein bißchen für d°n Assestör lluzw
Er [efete kick hinter den Schreibt,sth und wartete. Zurrhelm wuroe lammen; er hatte 3eit Gedankenlos zog er die °ber,te Schublad^auf; er war erstauitt, daß sie unverschlossen war, und wollte si ) _
schieben, denn wie kam er dazu, hier ^men Schreibtisch zu offnen | zögerte er Von seinem Ruck war in der Schubla P
i koch vorn gerollt. Luzius erkannte sofort den Browning Z h >
jener schon im Felde getragen hatte. Er schloß die Schublade noch nicht gleich; er sah die Waffe an, und er überlegte lange.
Dann nahm er sie heraus, fand sie zwar gesichert, aber geladen, und nahm den Patronenrahmen heraus. Er entfernte die Geschosse, steckte sie in seine Tasche, entnahm seiner eigenen gleichen Waffe einige Platzpatronen und fügte sie in Zurrhelms Browning ein. Dann legte er hastig, als fürchte er ertappt zu werden, das gefährliche Spielzeug in den Kasten zurück und schob ihn zu Diese Nacht wird lang fein, dachte er; Zurrhelm darf sich nicht selbst überrumpeln; das wäre wohl doch weit überzahlt ...
Er wußte nicht, ob er lange so gesessen hatte oder nur Minuten; er lebte voraus; wenigstens die Geschehnisse der nächsten Viertelstunde standen bildhaft vor ihm — da ging die Flurtür. Luzius erhob sich. Er wußte, der dort hereinkam, konnte nur Zurrhelm [ein. Er erwartete ihn stehend.
Durch die offene Tür trat Reginald Zurrhelm. Sein Gesicht verriet Erstaunen, aber nicht Bestürzung. Er hatte die Arme voll Pakete, aus feiner Rocktasche ragte der Hals einer Weinflasche.
„Sie hier, Luzius?" rief er erstaunt, und bann sofort: „Wo ist Barbara?"
Luzius blieb stehen, wo er stand. „Ich tarn, als Ihre Gattin ging", log er. „Ich bin nicht gerade beauftragt, Ihnen ihre Grüße zu überbringen, aber ich kann Ihnen mitteilen, daß Ihre Gattin Sie verlassen hat." Luzius preßte den Mund fest zu. Nicht noch mehr sagen! Diese Worte sind kalt und hart Bin ich wirklich so herzlos?
Zurrhelm stand entgeistert. Er ließ ein Paket fallen, hob es wieder auf, legte alle auf einen Tifch, fetzte die Flasche ab. Er war nicht rot vom Bücken, er war schneeweiß tm Gesicht. „Was heißt das?" fragte er unsicher, „ich verstehe Sie gar nicht, Luzius?"
Der Affeffor spürte eine Wärme aufsteigen. „Fassen Sie sich, Zurr- Helm. Ihre Frau hat Sie verlassen. Jan Strombeck ist mit Barbara und dem Kind heute nacht abgereist."
„Ist das — bestimmt wahr?"
Luzius nickte. „In kurzer Zeit sind sie schon auf hoher See."
Reginald Zurrhelm taumelte, aber er fiel nicht. Er wandte sich mit den Schritten eines Trunkenen um, trat an seinen Schreibtisch und sank auf den Stuhl. Luzius rührte sich nicht. Eine Uhr tickte dünn. Die Taschenuhr? Ober bas Herz? In bie Stille kamen bie armen kleinen Worte Zurrhelms, unsicher unb von Schluchzen unterbrochen.
„Also bochl Ich ahnte es, wußte es beinahe. — Sie ist nicht schlecht, Luzius Sie bürfen bas nicht denken. Barbara hat an bas Kinb gebucht."
Luzius räusperte sich; er spürte sich heiser werben „Zurrhelm", sagte er, „nehmen Sie sich zusammen. Wir haben noch anbere ernste Dinge zu bereben."
Da sah Zurrhelm aus. Er fanb, Luzius starrte ihn an, als fei ber ein Gespenst — unb sah bann burch ihn hinburch in eine Ferne. Plötzlich sank sein Kops vornüber, als habe er einen Schlag bekommen; bann Sab ber ganze Oberkörper nach, unb Reginalb Zurrhelm legte biefen zu hwer geworbenen Kops auf bie Arme unb beckte bie Augen zu. Aber Luzius sah an ben zuckenden Schultern, daß er meinte.
„Zurrhelm". sagte er gedämpft, „wenn ich Ihnen helfen kann — — Sie müssen nicht denken, daß ich ber kalte Mensch bes Buchstabens bin. Uns oerbinbet so etwas wie Freundschaft. Vielleicht sprechen Sie sich aus ..."
Da war es, als habe der Assessor einen Kontakt berührt. Zurrhelm sprang auf, feine Augen flackerten Er riß sich bie Jacke auf, zerrte etwas heraus unb warf es mitten in bie Stube. Das Bünbel Gelbscheine klatschte auf.
„Da!" schrie er überlaut. „Da ist bas versluchte Gelb! Es kommt immer zu spät. Die Sterne habe ich Barbara versprochen, als wir heirateten. Das ist nun bas Enbel"
„Zurrhelm ..."
„Lassen Sie mich es aussprechen! Barbara ist mit Recht davongegangen. Wie konnte sie bei einem Menschen bleiben, wie ich einer bin! Die Leute hätten mit Fingern auf uns gezeigt, auf Barbara unb auf mich. „Ein schönes Paar, seht sie an!"
Luzius legte bem Erregten, bie Hanb auf bie Schulter. „Sie sinb nicht schlecht, Zurrhelm", sagte'er ernst. „Sie sinb verirrt, krank, zermürbt unb überreizt. Sie werben Ihre Schulb sühnen; wir müssen ben Weg finben. Aber bie Zukunft ist nicht verschüttet. Die Arbeit, die Sie befriedigen wird, wartet auf Sie. Sie soll Ihnen werden, ich verspreche es Ihnen. Dies alles wird sich überwinden lasten."
Sprach jemand, redete eine menschliche Stimme diese freundlichen


