Ausgabe 
26.3.1934
 
Einzelbild herunterladen

Dann müsse es ihm auch, wenn er sich nicht einen Schwäher oder einen Lügner von ihr schelten lassen wolle, gut gehen. Da­gegen sei doch nichts einzuwenden.

Mm."

Ach was: Mm! Wie ein Mensch solle er antworten. Nicht wie ein Mmmm-Bulle. Ob es ihm gut gehe, wolle sie von ihm wissen, und zwar auf der Stelle. Wenn er auch das nächste Mal keine vernünftige Antwort gebe, dann löse sie ihre Hände hinter seinem Nacken, springe von seinem Schoß herunter und laufe in die Ba­racken zur brr! Schwiegermutter. Also zum letzten Male: ob es ihm gut gehe? Antwort!

Was blieb Gust in solchen Augenblicken anders übrig, alsja" zu antworten.Ja, es geht mir gut!" die Küsse seiner aufjubeln- ben Frau mit Küssen zu erwidern und ihrem htmmelanfliegenden Lachen sein Lachen nachzusenden!

Sehr viel schneller, als selbst Rikelchen es für möglich gehal­ten hatte, bedurfte der mecklenburgische Schuhmachermeister August Micheelsen des Trostes seiner rheinischen Lebensgefährtin nicht mehr.

Zwar blieb Rikelchen des Nachmittags auch weiterhin stunden­lang in der Werkstatt auf der Hohen Straße. Aber nun geschah es, um Gust bei der Arbeit hilfreich zur Hand zu gehen. Sie reinigte die zerlaufenen Stiefel vom Dreck, putzte die geflickten spiegel­blank, schrieb den Preis für Gusts Arbeit mit Kreide auf die glattgeschabten Sohlen, mit Blei in die Geschäftskladde, nahm Geld an, vergaß nur ein einziges Mal, das vorgeschriebene dicke Kreuz über einen bezahlten Posten zu machen, nie wieder, denn es ging, als es herauskam, ein solches Scheltegewitter auf sie nie­der, baß sie noch Wochen hernach zitterte, wenn sie seiner gedachte.

Immer häufiger, immer länger wurde Rikelchens Beistand in der Schusterwerkstatt nötig. Sie kam kaum je noch vor dem Abend­brot, das nun doch die Mutter für alle drei in den Baracken her­zurichten hatte, nach Haus. Manchmal mußte sie sogar während des Vormittags ihrem Mann einige Stunden auf der Hohen Straße beispringen und dann, wohl oder übel, Fiek Micheelsen auch das Mittagkochen überlassen.

Denn Gust hatte sich, obwohl es während des ersten Viertel­jahrs hundertfach auch ihm so schien, bet der Gründung seines Geschäfts nicht verrechnet.

Die gute Lage der Werkstatt an der Hauptstraße der Stadt, die Nähe des jahrhundertealten Kaufmannsgeschäfts, vor dem von früh bis spät die vierspännigen Wagen der Rittergutsbesitzer und die zweispännigen Kutschen der Bauern standen, seine saubere, preiswerte Arbeit, seine ungewöhnlichen FachkenntrMe, sein glrich- mätziger Ernst und der unerschütterliche Frohsinn Rikelchens, deren helles Lachen in der schwerfälligen Stadt sehr bald sprichwörtlich wurde, sie wetteiferten miteinander, das neugegründete Schuh- machergeschüft überraschend schnell in die Höhe zu bringen.

Nach sieben Monaten gebar Rikelchen einen schwarzhaarigen Jungen. Der erhielt in der Taufe den unmecklenburgischen Namen Josef und wurde von Vater und Mutter sogar Jupp gerufen.

Als Taufgeschenk überbrachte Gust seiner Frau die Mitteilung, daß er der Senatorswitwe die Stusse hinter seiner Werkstatt ab­gemietet habe, deren Tür die Besitzerin des Hauses bisher mit dem größten ihrer Schränke verstellt hatte.

Du lügst!" behauptete Fiek Micheelsen, die unbemerkt von beiden eingetreten war.

Er werde mit Nikelchen auf die Hohe Straße zieh«! triumphierte Gust.

Glööw ick nich!" beharrte die Pantoffelmacherswttwe bei ihrer Meinung.

Der Mietvertrag sei abgeschlossen. Vor dem Staötsekretär so­gar. Das koste zwar unnötiges Geld. Aber sicher sei sicher! Viel zu teuer sei das kleine Hofloch. Aber er wolle Frau und Jung auch tagsüber in seiner Nähe haben. Wann sie einziehen könnten, stehe noch nicht fest, denn Senatorsch behaupte, sie wisse nicht, wo­hin mit ihren schönen Sachen. Aber es werde sich schon Platz für den wurmstichigen alten Krempel finden. Wenn nicht, müsse Sena­torsch ihren unmodernen Krimskram auf den Boden stellen oder mit der Axt kaputtschlagen und durch den Schornstein zum Him­mel voraufschicken. Ihm egal! Jedenfalls: Binnen sechs Monaten sei laut notariellem Vertrag die Stube hinter seinem Laben von ihr zu räumen.

Js all nich wohr!" behauptete Fiek Micheelsen.

Ach so, lachte Gust feine Mutter an, sie habe wohl Angst vor dem Verlieren ihrer Wette?

Welcher Wette? wollte Fiek Micheelsen wissen.

Die sie am Abend seiner Ankunft geschloffen hätten.

Sie wiffe von nichts.

Faule Ausrede! Sie wiffe sehr wohl, was zwischen ihnen aus­gemacht wäre: Wenn sein Umzug in die Hohe Straße länger daure als drei Jahre, habe er ihr hundert Mark zu zahlen.

Gust!" rief Rikelchen, die nun auch glaubte, daß er schwindle, ihren Mann zur Vernunft.

Hundert Mark jawohl! So leichtsinnig sei er damals ge­wesen, als sie aus der Fassung über den allerdings nicht gerade übermäßig herzlichen Empfang durch die Mutter bereits in die Kammer nebenan gegangen war. Die Sache stimme. Das heiße: der Teil mit den hundert Mark! Leichtsinnig sei die Wette von ihm durchaus nicht abgeschloffen. Wie sich jetzt erwiesen habe. Denn nicht nach drei Jahren werbe er auf die Hohe Straße ziehn, son­dern nach einem Jahr. Allerhöchstens nach dreizehn Monaten, laut Vertrag, von dem er morgen eine Abschrift kriege. Und da also

die Mutter ihre Wette verloren habe, müffe sie ihm, wie abgemacht, zur Strafe einen Kuß geben.

Das ist die Sache wert!" entschied Rikelchen lachend.

Wie ist mitn Kuß?" fragte Gust.

Dumm Tüg!" gab Fiek Micheelsen zur Antwort.

Der Sohn ging, um den Weltpreis einzuheimsen, übermütig auf seine Mutter zu. Die versuchte, sich durch Flucht zu retten. Aber Gust war schneller, als sie vermutete. Zwar kam Fiek Micheel­sen vor ihm bei der Tür an. Doch seine Hand lag auf der Klinke, ehe sie ihre Rechte danach ausstrecken konnte.

Die Pantoffelmacherswttwe riß sich herum. Auge in Auge stand sie ihrem Siebten gegenüber. Gefangen. Denn der hatte, während seine Rechte den Türdrücker umkrallte, sich mit der Lin­ken im Türfutter verkrampft.

Wat wißt du eegentlich von mi?" fragte die Mutter, zum Kampf bereit.

Min'n Kuß!" lautete die Antwort des Sohnes.

Giwwt nich!"

Was man versprochen habe, müffe man halten! bedeutete Gust der Widerspenstigen.

Sie habe nichts versprochen. Er hätte ihr die Wette aufgehängt. Gegen ihren Willen.

Egal. Seinen Kuß wolle er haben. So viel müsse es ihr doch wert sein, daß sie ihn mit Rikelchen und Jupp jetzt schon los werde!

Er wohne ja noch bei ihr.

Höchstens sechs Monat. Keine zweieinhalb Jahre mehr. Kuß her! Er habe die Miete für die Hinterstube auch vorausbezahlen müssen. Kuß! Freiwillig!

Nee I"

',Laß Mutter doch zufrieden, wenn sie dir keinen Kuß geben mag!" griff Rikelchen ein.Kannst von mir nachher desto mehr kriegen. So viele, wie du willst!"

Nein! raste Gust weiter. Eine Wette sei eine Wette. Und wenn man verloren habe, müsse man den ausgemachten Preis bezahlen. Falls tnang nicht freiwillig tue, habe man das weitere sich selbst zuzuschreiben. Kuß her!

Laak mi tofreeden!" kreischte Fiek Micheelsen.

Da hielt Gust Worte für überflüssig. Er drängte, weil er die Arme nicht frei hatte denn der Gedanke, daß er sie um die Mutter herumlegen könnte, kam ihm nicht seinen Körper gegen den Körper der Widerstrebenden, versuchte so ihre Arme festzu­pressen und der Kreischenden den Kuß zu rauben.

Aber es gelang Fiek Micheelsen, ihre Hände frei zu machen. Im letzten Augenblick, als fast schon Lippe auf Lippe lag, schob sie ihre Linke abwehrend dazwischen und schrie:Lött's du mi in Rauh, ort ick slag mit de anner Hand tau!"

Du wißt mi?" stammelte Gust.

Hest du mi nich ook an'n eersten Awend slagn?"

Gust!" schrie Rikelchen auf.

Da gab der Sohn seine Mutter frei.

Fiek Micheelsen ging befriedigt hinaus.

Gust lief zu seiner Frau, erzählte von dem Heimkehrabend, schonte weder die Mutter noch sich. Als er seine Beichte mit der Erzählung von der beabsichtigten Liebkosung endete, die ihm wider Willen zu einem leichten Klaps geraten war, ganz gewiß nicht zu einem Schlag, sagte Rikelchen:Dann seid ihr ja guitt!" Sie beugte sich zu ihm nieder und küßte ihn. Küßte ihn so oft, so innig, so heiter, bis das Lachen auch zu ihm zurttckkehrte.

Allerhöchstens noch sechs Monate in den Baracken!" jubelte Gust.

Nur noch ein halbes Jahr, dann bin ich Frau Meisterin auf der Hohen Straße!" stimmte Rikelchen ein.

Ihr Lachen drang durch die Decke bis zu dem Jungsloch unter dem Dach, wo die Pantofselmacherswitwe bereits im Bett lag.

Lange und heftig schüttelte Fiek Micheelsen den Kopf: Gut war sie, ihre Schwiegertochter. Das ließ sich nicht leugnen. Aber zu leicht. Viel zu leicht. Den Gust hatte sie auch schon angesteckt mit ihrem Leichtsinn. Wenn er wirklich auf die Hohe Straße zog noch glaubte sie's nicht, auch dann, wenn der Wagen schon vor der Tür hielt, um die Sachen abzuholen, welche die beiden sich ange­schafft hatten, würde sie sagen: Augenverblendung!, aber wenn Gust sie nicht zum Narren gehabt hatte, so rote sie jetzt waren, konnte es mit ihm und seiner viel zu leichten Frau nur ein schlimmes Ende nehmen, nicht wahr, Schorsch?

Lachen, nun aus der Schlaskammer ihrer Kinder aufsteigend, war die Antwort.

Da zog Fiek Micheelsen das Deckbett über die Ohren, daß sie geschützt war vor dem lästerlichen Gegacker der Rheinischen, die Gust ihr ins Haus geschleppt batte.

Als sich zum ersten Male der Tag jährte, an dem Gust und Rikelchen um sich öffentlich anzumelden Arm in Arm die Stadt entlang gegangen waren, zog der Schuhmachermeister August Micheelsen mit Frau und Kind auf die Hohe Straße. Selbbritt schliefen sie in der hinzuqemieteten Stube, deren grünglasige Fenster den stallumbauten Hof anffarrtett. Zum Mittagessen muß­ten sie sich auch weiterhin bei Fiek Micheelsen an den Tisch fehen. Denn eine Küche befand sich linksseitig von der buntbefliesien Diele des alten Patrizierhauses nicht. So beschämend und bitter der tägliche Zug in die Baracken an den Fenstern der Vornehmen entlang auch war er brauchte nur noch einmal des Tages unternommen zu werden.

sFortsetzung folgt.)

verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Duch- und Steindruckerei. 2k. Lange, Gießen.