Ausgabe 
26.3.1934
 
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gleich für die Küche verwendet und ist mit Reis zusammen fast die einzige Nahrung.

Mitten in dieser schlimmen Regen- und Fieberzeit glückt die erste große Entdeckung. Eines Tages sah Heinrich einen drossel­artigen Vogel schattenhaft schnell über den Boden in dem Ge­strüpp dahinhüpfen. Die Gattung ist ihm völlig unbekannt. Er sucht nach dem merkwürdigen Vogel, und eines Tages kann er ihn wieder erblicken und schießen. Es stellt sich heraus, daß man eine ganz neue Gattung gefunden hat, einen Erövogel mit stark verkürzten Flügeln, der sich nur nochzu Fuß" fortbewegen kann. Kurz darauf wird ein bisher gleichfalls unbekanntes Nagetier mit rüsselförmiger Schnauze im Netz gefangen. Es hat einen buschi­gen Schwanz und lange Grabkrallen und lebt scheu und versteckt im Bodengestrüpp. Eine zweite Erdvogelgattung, die ebenfalls bisher noch unbekannt war, kann zur Strecke gebracht werden und schließlich sichtet Heinrich sogar den äußerst seltenen Honig­sauger, der nächst der Urwalbralle als die für das Neuyorker Museum wichtigste Rarität auf dem Expeditionsprogramm stand.

So ging auf einmal alles unbegreiflich gut, und nur noch die Ralle selbst fehlte. Dann hätte man nach wenigen Wochen Urwald­aufenthalt schon wieder nach Hause fahren können. Aber es sollte ganz anders kommen. Heinrich hatte von seinem Sagenvogel ledig­lich eine bunte Zeichnung bei sich, hergestellt nach jenem Exem­plar, das vor mehr als 80 Jahren einmal auf Celebes von einem europäischen Jäger erbeutet worden war. Mit diesem Bild in der Hand beginnt er . nun die Suche, die fast zwei Jahre dauert. Ueberall, wo Heinrich mit den Eingeborenen zusammentraf, zeigt er ihnen sein Bild und verspricht 10 Gulden demjenigen, der den Vogel tot oder lebendig zur Strecke bringt, so daß das sagenhafte Tier bald den Spitznamen Zehn-Gulden-Vogel erhielt. Das ganze Latimodjond-Gebirge ist schließlich durchstreift, ohne daß man die Ralle zu Gesicht bekommen hätte. Heinrich muß mit seiner kleinen Karawane weiterziehen.

Er wendet sich nun der kleinen Moluckeninsel Halmahera zu. Hier leben die Alfuren, ein heidnisches Urvolk von kleinem Wuchs. Wochen muß der Forscher mit seinen Begleiterinnen in äußerst ungesunden Sumpfgebieten zubringen. Wahnsinnige Hitze herrscht, seit sechs Monaten ist kein Tropfen Regen gefallen. Die Bäume sind so dürr, daß von Zeit zu Zeit mit dumpfem Krachen Aeste abbrechen und Kokosnüsse herabsausen. Die Eingeborenen berichten, daß jedes Jahr mehrere Menschen durch solche herab­fallenden Kokosnüsse getötet werden, der härteste Schädel hält das nicht aus. Als die Hitze am unerträglichsten geworden ist, bricht plötzlich die Regenzeit herein. Die Lust gleicht einer Waschküche. Alle klagen über Kopfschmerzen, Heinrich selbst fühlt sich elend, seine Schwägerin hat ständig Fieber, dennoch leistet sie mit wah­rer Heldenhaftigkeit ihre Präparationsarbeit.

Dazwischen wird weiter nach demVogel Schnarch" gesucht. Alle eingeborenen Jäger werden ausgefragt. Schließlich findet fick einer, der einen VogelJiki" einmal hat rufen hören, gesehen hat ihn keiner. Emsig suchen nun 50 Menschen wochenlang nach Jiki". Da kommt ein Hilfsjäger mit einem sorgfältig in ein Blatt gewickelten Vogel, von dem man nur die roten Beine sieht. Lakonisch sagt erJiki". Hastig reißt Heinrich das Blatt ausein­ander, endlich glaubt er sich am Ziel. Aber es kommt ein rot­brauner Rücken und ein gelbgrüner Schnabel zum Vorschein. Es ist nicht die Urwaldralle.

Monate vergehen. Eines Tages erscheint aufgeregt ein Ein­geborener im Lager, der Heinrich einen merkwürdigen Vogelruf vvrzumachen versucht, es klingt fast wie eine TrommelPurr, purr, purr". Das ist die Stimme einer Urwaldralle. Nun beginnt ein letzter systematischer Streifzug durch das Gewirr des Sumpf­waldes. Schlingen werden gestellt und die ganze Gegend, in der man den Sagenvogel gehört hat, wird abgeriegelt. Und endlich, nach fast zweijährigem Suchen und Warten, hat der unermüdliche Jäger Glück,' zwei Exemplare desVogel Trommel" sind die Beute. Sorgfältig werden sie präpariert und verstaut. Heinrichs Schwägerin Anneliese arbeitet mit 40 Grad Fieber, und endlich können die drei Forschungsreisenden das furchtbare Sumpfgebiet verlassen.

Man hofft schon kaum noch, den anderen seltenen Vogel, den Vogel Schnarch" zu erbeuten. Aber zur Abrundung der wissen­schaftlichen Arbeiten wird doch noch eine kleine Expedition in das M.ngkonka-Gebirge an der südöstlichen Ecke von Celebes unter­nommen. Ein gefährliches Erlebnis hätte beinahe im letzten Augenblick sozusagen Heinrich noch das Leben gekostet. Im Meng- konka-Gebirge befinden sich allerhand Schlangen, und eines Tages ruft plötzlich einer der TreiberHerr, eine große schwarze Schlange!". Da kriecht auch schon, grell beleuchtet von der elektri­schen Taschenlampe, ein großes tiefschwarzes Reptil langsam über den Boden hin. Heinrich überlegt einen Moment und kommt zu dem Schluß, daß es eine Natter sein müsse. Alle Nattern aber sind ungiftig, mit Ausnahme der Brillenschlange und diese soll angeb­lich in Celebes nicht vorkommen. Der Forscher beschließt, das Tier lebendig zu fangen. Im Augenblick richtet sich die Schlange hoch auf und fährt auch schon zischend nach vorn. Im allerletzten Moment kann Heinrich noch das Gewehr hochreißen und der Schlange dn Kopf zerschmettern. Eine genaue Untersuchung ergab lictnn, daß es sich hier um eine dunkelblaue Brillenschlange han- Mt, eine der angriffslustigsten und gefährlichsten Giftschlangen >der Erde. ,

Am nächsten Tag werden die beiden Frauen beinahe von einer giftgrünen Visper gebissen. Es wird irngemütlich im Urwald. Man beschließt aufzubrechen. Die Hoffnung auf den Vogel Schnarch hat inan längst aufgegeben. Nur weil er gerade nichts zu tun hat, streift Heinrich noch einmal mit der Büchse durch den Wald, da

auf einmal ein merkwürdiger Laut, ein Brummen, das mit einem tiefen Schnarchton abschließt. Heinrich steht wie angewurzelt. Es vergehen Minuten, vielleicht auch Stunden, plötzlich bewegt sich etwas, ein rötlicher Schnabel erscheint, Heinrich schießt und im nächsten Augenblick hat er denVogel Schnarch" in der Hand!

Ore Gchusterkugel.

Roman von Hans Franck.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Die Senatorswitwe nahm in der ausgeräumten Stube ent« gegen ihrer Zusage als Letztes auch die Gardinen ab. Sicher war sicher!

Gust stellte vor die beiden nackten Fenster vier mit engmaschi­gem blauem Drahtgeflecht benagelte, halbmeterhohe Holzrahmen. Es war ihm sehr recht, daß die langherabhängenden Stofflappen staubheckende Zeugen einer vergangenen Zeit fort waren. Nahmen sie der Arbeit seiner Hände keine Luft weg! Mindestens eine Stunde später brauchte er des Nachmittags die Lampe hinter seiner Schusterkugel anzustecken! Außerdem konnte man hinfort wohl von innen auf die Hohe Straße, aber nicht von außen in die Schusterwerkstatt blicken.

Das blauee Drahtgeflecht war in schrägem Auf und Ab weitz- leuchtend bepinselt. Mit den bedeutsamen Worten:August Mi- cheelsen, Schuhmachermeister".

Außerdem ließ Gust ein ganzseitiges Inserat, das erste, welches von solcher Größe ein einheimischer Bürger bestellte, in dem städti­schen, dreimal wöchentlich zur Ausgabe gelangenden Kreisblatt erscheinen: Er habe auf der Hohen Straße Nr. 78 neben der Mark- wardtschen Kolonialwarenhandlung eine eigene Schuhmacherwerk­statt eröffnet und empfehle sich dem pp. Publikum in Stadt und Land zur Anfertigung sämtlicher in sein Fach fallender Repara­turen. Infolge seiner während zehnjähriger Wanderschaft durch ganz Deutschland und einen Teil von Oesterreich erworbenen Kenntnisse könne er für sachgemäße Ausführung aller ihm anver­trauten Arbeiten Garantie leisten und bitte, unter Zusicherung ziviler Preise, um geneigten regen Zuspruch.

Dann hockte Gust also in seiner Werkstatt, wo außer seinem Schustertisch mit der funkelnden Wasserkugel darauf und dem drei- beinigen Hüker davor nur sechs Stühle wandentlang standen und als einziger Schmuck sein gerahmtes, schnörkelstolzes Meister­diplom der Tür gegenüber hing, hockte hinter dem weitzbemalten blauen Drahtgeflecht und wartete auf Kundschaft. Wartete ver­gebens.

Ging Stunde um Stunde des Tages hin, ohne daß ein Tritt die Stufen zu der Haustür hinaufstapfte, ohne daß bald hernach die aufgeregte Werkstattglocke schrie:Kun-de! Kun-de!" So sank der Verzweifelnde mehr und mehr in sich zusammen. Kam aber doch ein Städter aus Neugier, ein Ländler aus Zufall, mit einem Flickwunsch oder gar einer Neubestellung zu dem beschäftigungs­losen Schuhmachermeister, Hohe Straße Nummer 78, so saß Gust, noch ehe die Tür zu seiner Werkstatt sich öffnete, wie ein König auf dem Thron hochgereckt auf seinem Schusterhüker.

Schlag sechs betrat der Schuhmachermeister August Micheelsen Morgen für Morgen seinen Arbeitsraum. Nicht eine Minute lang lehnte er während des Tages, um nach den Vorübergehenden zu blicken, seine Arme auf die Holzrahmen der Fenstcrvorsätze. Nie­mals ging er des Abends beim allgemeinen Geschäftsschluß Schlag sieben nach Hause. Es dauerte vielmehr stets eine viertel, eine halbe Stunde, bis auch er seine Werkstatt abschloß. Der drängen­den Reparaturen wegen war das keineswegs nötig. Aber es machte einen besseren Eindruck: Mancher, der ihn verspätet heim- gehcn sah, der dachte, sagte: Gust müsse doch schon allerlei zu tun haben, mehr als man glaube! Des Mittags hätte der auf Arbeit wartende Schuhmachcrmeister Zeit genug für einen zweistündigen, einen dreistündigen Schlas gehabt. Gust schloß aber, wenn es vom Kirchturm zwölf schlug, seine Werkstatt nur für eine halbe Stunde. Niemals vergatz er, vor die abgesperrte Tür eine Tafel mit der Aufschrift zu hängen: Er sei präzise halb eins vom Essen zurück, bitte aber höflichst, bei eiligen Fällen nicht auf ihn zu warten, sondern sich in die Baracken, Nummer 203, zu bemühen, wo seine Wohnung sich befinde und er bereitwilligst auch während der Mit­tagspause zur Entgegennahme von Aufträgen zur Verfügung stehe. Stieß der Fortgegangene nicht mit dem Halb-Eins-Uhr- Schlage seinen Schlüssel in die Tür der Werkstatt, so konnte es sich wohl ereignen, baß es einige Minuten zu früh, aber nicht, daß es eine Minute zu spät geschah.

Das Frühstück nahm Gust des Morgens säuberlich eingewickelt aus den Baracken mit sich. Den Nachmittagskaffee brachte Nikel- chen ihm Tag für Tag auf die Hohe Straße.

Sie blieb oft stundenlang in der Werkstatt. Nicht etwa um Gust bei der Arbeit zu helfen, sondern um ihn über das Aus­bleiben der Kunden zu trösten. Verfing selbst ihr immer von neuem auf ihn zuflatterndes Lachen sich nicht in Gust, dann wies sie schließlich darauf hin: er habe ihr vor der Hochzeit hundert­fach versichert, wenn sie ihn lieb behalte, könne es ihm niemals schlecht gehen, ganz gleich, wie die Sache mit seinem Geschäft sich anlassen werde. Ob das stimme?

Ja."

Sie liebe ihn mehr als je. Zugestanden?

Mm."

Das sei keine Antwort. Ja oder nein habe er zu sagen! Denn einen Zweifel könne es für ihn über diese Sache nicht geben. Also: ob sie ihn noch von Herzen liebe!

via.