Oie deutschen Grabungen am Kerameikos.
Von unserem ständige« C. ^.-Berichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
Athen, im März 1934.
Hetzt ruht der Spaten — freilich nur für die deutschen Archäologen,' die Heimat mutz an lebenswichtigere Dinge herantreten, als dah sie in der bisher großzügigen Weise an deutsche Grabungen in Griechenland denken könnte,' auch haben die bisherigen Arbeiten soviel Schätze zutage gefördert und soviel wissenschaftliche Ausbeute gezeitigt, die alle noch eingehend bearbeitet und erforscht werden wollen, daß die „ruhende Praxis" draußen auf Feld und Flur unter dem blauen griechischen Himmel, einer „schaffenden Theorie" in den engen Mauern des Deutschen Archäologischen Institutes in Athen den Platz räumen mußte. Aber doch nicht ganz! Einige Mittel von privater Seite gaben dem Deutschen Archäologischen Institut in Athen Gelegenheit, mehrere begonnene Arbeiten fortzusetzen. Der Deutschamerikaner Dr. h. c. Gustav Oberländer gewährte im vergangenen Jahre in hochherziger Weise die Summen, die für weitere Grabungen am Kerameikos in Athen bestimmt sind und die mit großem Erfolge durchgeführt wurden.
Vom lauten Omoniaplatze führt eine Straßenbahn hinunter zum „Lachanobasaro", dem Gemüsemarkt. Während rechts der Handel lärmt und wütet, arbeitet hinter einem hohen Eisengitter still und unauffällig der Gelehrte, hört man nur ab und zu die dumpfen Töne der Spitzhacke oder des sich in das Erdreich knirschend eingrabenden Spatens. Hier liegt der bekannte Kerameikos, zu deutsch: T ö p f e r m a r k t. Er hat seine eigene Geschichte und schwere Zeiten durchgcmacht. Die oft umhcrliegenden „Kanonenkugeln", die riesige Katapulte bei der Belagerung durch Sulla 86 v. Ehr. in die Stadt „.feuerten", zeugen von der Zerstörung, die hier wütete. Hier wurde ein Haupthandelsartikel Athens erzeugt, der weit über seine Grenzen hinaus Verbreitung fand, bis hinauf in das Land der blondgelockten „Barbaren", die an den Ufern des Rheins und der Elbe „hausten". Noch sind die Brennöfen sichtbar, ja nicht allein das, man findet noch die Formen, in denen die schönen Vasengrisfe geformt wurden. Man kann bis ins einzelne das Entstehen der antiken Terrakotten, einer antiken Oel- lampe, kurz und gut, jedes antiken irdenen Gegenstandes verfolgen. Zu den größten keramischen „Firmen" gehörte sicherlich die Firma Entyches: ihre „Fabrikmarke" wird am meisten wiedergefunden, nächst ihr tritt dann die „Lampenfabrik" des Theodulos auf. Interessant ist zu beobachten, wie in der Zeit nach Christus langsam diese keramischen Unternehmungen auch Geschäfte mit der „neuen Lehre" zu machen beabsichtigen und die ersten altchristlichen Symbole in der damaligen Keramik erscheinen.
Doch das Jahr 1933 war weniger den „Töpfern" als den Toten gewidmet. Die beiden deutschen Archäologen Dr. Kühler und Dr. K r a i k e r leiteten die Grabungen, die ein schönes und wissenschaftlich wertvolles Ergebnis zeitigten. Man fand Gräber aus dem 11. bis 7. Jahrhundert v. Ehr. Ihr Alter konnte unschwer aus der den Toten mitgegebenen Keramik festgestellt werden, man konnte sozusagen fast das Alter ablesen, wie auch die Entwicklung der keramischen Kunst gut beobachten. Besonders erwähnungswert ist ein „Kriegergrab" des 9. Jahrhunderts v. Ehr., aus der Zeit, in der in Griechenland die „geometrische Epoche" die höchste Blüte erreichte. Die Gebeine des Kriegers befanden sich in einer wundervollen Amphora, die eine Höhe von 0,62 Meter besitzt. Weitere fünf ähnliche Vasen hatte man dem Toten als Geschenk mit ins Grab gegeben, wie auch sein eisernes Schwert und seine eiserne Lanzenspitze ihn treu zur Seite mit in die Ewigkeit führen sollten, bis die alles erforschende Wissenschaft seine fast 3000jährige Ruhe störte. Doch noch andere reiche Funde krönten die erfolgreichen Arbeiten. Wundervolle Vasen, Kannen, Geräte, Figuren fanden den Weg aus dem Grabesdunkel zurück an das lebendige Tageslicht. Wohl zu den kostbarsten Funden gehört die schöne Ampha- rete, die eine Grabstelle aus dem IV. Jahrhundert v. Ehr. in vollster Lebendigkeit in Marmor verewigte. Die Bemalung ist noch ziemlich guterhalten. Der Hintergrund des plastischen Marmorgemäldes zum großen Teile blau, der reiche Haarschmuck der Frau zeigt noch teilweise rote Farbreste, das über den Stuhl aus- gcbrcitete Tuch eine rote Kante. Der Chiton ist wundervoll gefaltet und umschließt die edlen Linien des weiblichen Körpers, dessen vollkommene Schönheit trotzdem ahnend lassend. Die nackten Teile des Körpers und die Gewänder scheinen nur in Naturmarinor ausgeführt zu sein, Ampharete hält ihr kleines Enkelkind auf dem Schoße. Die tiefempfundene Inschrift gibt den unbeschreiblichen Schmerz, den der Tod der Frau und des Kindes auslöste, in bewegten Worten zum Ausdruck: „Das Kind meiner Tochter, das liebe, halte ich hier: als wir im Leben die Strahlen der Sonne sahen, hielt ich es auf meinen Knien und jetzt — als Tote das tote".
Die schöne Ampharete wurde in unmittelbarer Näbe ihres Grabes unter dem Schotter der antiken heiligen „Prozessionsstraße" gefunden, auf der die Festzüge von Athen nach Eleusis sich bewegten. Weitere Reste schöner Grabmäler wurden in dem Fundamente des „heiligen Tores" eingebaut gefunden. Bon hier nahm die Straße nach Eleusis ihren Ausgang. Unmittelbar nach der großen Persernot, die über Griechenland hereingcbrochcn war, und als man noch nicht wissen konnte, ob der mächtige Feind aus Asiens Innerem nicht bald wieder drohend zurückkehren könnte, hat Th cm i st o kl es in größter Eile und mit allem erreichbaren, den Arbeitsstellen am nächsten gelegenen Material die großen Festungsmauern und Tore aufführcn lassen, die bestimmt wäre», Athen vor dem mächtigen Feinde zu schützen.
Und so fielen fihn auch alle die schönen Grabstellen zum Opfer, sie mußten den Ingenieuren, die mit dem Festungsbau beauftragt waren, als Werkstoff dienen: dadurch wurden viele dieser seltenen Kunstwerke der Nachwelt auf diese unbeabsichtigte Weise bewahrt und unserer Zeit erhalten. Zu den wichtigen Funden, die die brutschen Grabungen in diesen themistokleischen Mauerresten entdeckten, gehören auch zwei Löwen, die einst als Grabwächter bei teueren Toten treue Wache hielten. Der eine aus Kalkstein entstammt dem Aufgang des VI. Jahrhunderts v. Chr., der zweite aus Marmor aus dem Jahre 520 v. Chr. Unter den deutschen Funden sei auch noch ein besonders schönes und interessantes Reiterstandbild erwähnt, bas um einige Jahre älter als öer Marmorlöwe ist. Der Reiter zeigt Spuren der Bemalung und und trügt einen echten Mantel nach thrakischer Art. In jener fernen Zeit zogen viele Athener Adlige hinaus in die Fremde und besonders an die fruchtbaren Gebiete der Dardanellen, wo sie sich großen Landbesitz und schöne Landgüter zu beschaffen wußten. Wir wissen bas z.B. vom Vater öes berühmten Miltiaües, ües unsterblichen Siegers von Marathon. Der gefundene Marmorreiter mit dem fremden thrakischen Mantel wird voraussichtlich auch zu den Aristokraten gehört haben, die in jenen Gegenden über Grundbesitz verfügten. Wir brauchen uns nicht sehr darüber zu verwundern, wenn jener Reiteroffizier eine für Athen, seine Heimat fremde Varbarenuniform trägt: wurden ja noch in unseren modernen Armeen, besonders in der Kavallerie, Uniformen getragen, die auf fremdländische Sitten und auf von fremden Reitervölkern übernommene Trachten weisen.
Diese wichtigen Grabungen können dank der hochherzigen, auch für das Jahr 1934 von Dr. h. c. Gustav Oberländer wieder gewährten Unterstützung fortgeführt werden: und somit besteht die Hoffnung, daß diese deutsche Arbeit wieder viel Neues und wichtiges Material dem Dunkel der Erde abringen wird.
Wertvolle Grabungen konnte Dr. Welter vom Deutschen Archäologischen Institut durch eine Stiftung öes katalanischen Politikers und Großindustriellen Cambos in Troizen an der Nordostküste des Peloponnes durchführen und dadurch ein sehr merkwürdiges Heiligtum des Asklepios aufdecken. Ferner grub Dr. Welter mit dem ehemaligen deutschen Gesandten in Athen Herrn von Kardvrff und auf dessen Kosten in Aegina einen dem in Berlin befindlichen verwandten Zeusaltar auf dem Oros in Aegina aus.
Mit dem Reste der noch vorhandenen Reichsmittel für frühere Ausgrabungen gelang es Prof. B u s ch o r im Heräon auf Samos epochemachende Forschungen anzustellen und zu beweisen, daß der dortige Kult schon Jahrhunderte früher blühte, als man bisher angenommen hatte und sicher schon in die mykenische Zeit fällt.
So ist das Deutsche Archäologische Institut in Athen unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Georg Karo und Dr. Wrede ein hervorragender Kämpfer auf diesem internationalen Gebiet der Archäologie und trägt durch seine enge, freundschaftliche Zusammenarbeit mit den Instituten fremder Nationen in seiner bescheidenen Weise mit zu dem großen, der Versöhnung der Völker gewidmeten Werke bei.
Die Jagd nach dem seltensten Vogel der Welt.
Von Dr. H. Lüdecke.
Die Aufgabe, in den ewig halbdunklen, unergründlichen tropischen Wäldern der Insel Celebes auf einem Gebiet, fctfLfo groß wie Deutschland, einen kleinen Vogel zu suchen, kaum viel größer als eine Drossel und so selten, daß man ihn vor 30 Jahren zum letztenmal gesichtet hat, das ist fast noch schlimmer, als aus einem Heuhaufen eine Stecknadel herauszuholen. Man muß deshalb den Mut und den Optimismus des Zoologen Dr. Gerd Heinrich bewundern, der den Auftrag übernahm, die rätselhafte Urwald- r a l l e in Celebes zu fangen. Mit zwei Begleiterinnen, seiner Frau und seiner Schwägerin schiffte sich der mutige Forscher nach Celebes ein, versehen mit einem Fangauftrag des Naturhistorischen Museums in Neuyork auf die rätselhafte Urwaldralle und mit vielen weiteren Aufträgen des Berliner Zoologischen Museums.
Tropische Wälder sind etwas anders geartet als unsere mitteleuropäischen Lanbdome. Am Fuß der riesenhaften Urwaldbäume in einem Gestrüpp von Lianen und dornigen Tangs herrscht ewige Dämmerung. Es ist so dunkel, daß Heinrich bei seinen photographischen Aufnahmen selbst am hellen Mittag mehrere Sekunden belichten mußte. Außerdem ist die Luft ewig regenfeucht. Unendliche Mengen von Mücken und anderem Ungeziefer, allen voran die blutgierigen Landblutegel, machen das Dasein zu einem ständigen Kampf gegen große und kleine Feinde.
Ein Leben voller Abenteuer beginnt, dessen Fülle und Farbigkeit Heinrich in einem Buchbericht „Der Vogel Schnarch" in anschaulicher Weise schildert. Der erste Teil der Expedition gilt dem Latimodjond-Gcbirge im südlichen Celebes. Es ist gerade Regenzeit, abwechselnd guälen dünne Rieselregen, Nebel und starke Güsse die kleine einsame Forscherkolonne. Allerlei Zwischenfälle sorgen dafür, daß den drei Reisenden nicht zu wohl wird. Die Bcnzinlampe explodiert, die sie dringend brauchen, weil um 18 Uhr die Sonne untergeht, die eine der beiden Frauen bekommt mitten im Urwald eine schwere Entzündung am Bein, die gar nicht heilen will. Ein als Helfer mitgenommener Eingeborener verweigert die Arbeit und tritt eiligen Rückzug in seine Heimat an. Inzwischen forscht Heinrich Tag für Tag nach seltenen Tieren und besonders nach der Ralle. Frau und Schwägerin haben alle Hände voll zu tun, um die eingelieferten Tierbälge zu präparieren. Das dabei gewonnene Fleisch wird zweckmäßigcrweise


