Eichener Hamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Jahrgang <954_________________________Montag, den 26. März Nummer 2\
Er ist's.
Von Eduard M ö r i k e.
Frühling läßt sein blaues Band Wieder flattern durch die Stifte; . Süße, wohlbekannte Düfte Streifen ahnungsvoll bas Land. Veilchen träumen schon, Wollen balde kommen.
— Horch, von fern ein leiser Harfenton! Frühling, fa du bist's!
Dich hab' ich vernommen!
Bremische Anekdoten.
Von Karl Lerbs.
Erziehung.
„Mit meinen Sohn, der dscha noch inner Lehre is, da is mir ne ganz dolle Geschichte mit passiert", sagte der alte Sengstake. „Gestern koommr er zu mir rein un sagt: „Vadder", sagt er, „voriges Djahr, als dir fuffzig Mark inner Kasse sehlten, die hatt ich da rausgenommen. Und da hab ich inner Lotterie mit gespielt, un nu hab ich da fuffzigdausend Mark auf gewonnen. Hier sind se." Un denn legt er mir das Geld da so batz hin."
„Tja", sagte der mit dieser in mehrfacher Hinsicht unmoralischen Geschichte beschenkte Besucher. „Dazu läßt sich ja nun schwer was sagen."
„Da läßt sich schwer was zu sagen? Denn verstehen Sie nichts von Erziehung ab", sagte der alte Sengstake. „Eers hab ich mal das Geld nachgezählt. Da fehlte nix an. Denn hab ich da die fuffzig Mark wieder vongenommen un inne Kosse reingetan, mtt Zinsen. Und denn hab ich meinen Sohn den Hintern orntlich voll- qchauen. „Zo", hab ich gesagt, „un nu leg ich das Geld für dich mündelsicher an. Un daß mir nu son abasiger Kram nich wieder vorkömmt! Da is meist kein Segen bei, un du hast es nu dia auch nich mehr nötig."
Besuch im Hades.
Wenn der Bremer sich vor der verantwortungsvollen Aufgabe sieht, für einen „Hausbesuch" die passenden Vergnügungen zu beschaffen, geht er vor allem mit ihm in den „Bleikeller" — jene unheimliche Kammer unter dem Dom. die den sonst gebräuchlichen Verfall des Irdischen nach dem Tode in ein langsames mumienhaftes und ungemein malerisches Austrocknen abwandelt. Dreier Besuch im Hades ist besonders an Sonntagsvormittagen beliebt, als ernster Auftakt zum mittäglichen Braten und den durch Kaffee und Mnsik gewürzten Belustigungen des Nachmittags.
Es habe, berichtet man, Frau Aline Tietjen nebst Gatten und hausbesuchendem Vetter im Bleikeller gestanden und, in die entsprechenden Gedanken versunken, die Särge betrachtet; woraus sie durch eine reizvolle Gedankenverbindung vom Unheimlichen über das Tatsächliche aus das Nutzbare gelenkt, sich folgendermaßen geäußert habe:
„Vadder, der Hase, den ich aufn Balkon gehangen habe, der is nu woll bald so weit."
Friedensliebe.
Zwei friedliche und freundliche Herren sitzen im kühldustenden Ratskeller bei einer Flasche Niersteiner Heiligenbaum, Spatle,e. Ein dritter kommt am Tisch vorüber und versetzt dem einen von ihnen einen krachenden Frenndschastshieb auf die Schulter.
„Sieh, Tach, Herr Schröder."
„Tach "
„Ihrer Frau geht's doch gut, nich?"
„Och danke, dja, so weit."
„No, un Ihr Sohn, der kömmt dja wohl in Trinidad gut voran, nich?"
„Och, danke, dja, so weit."
„Un Ihre Tochter, die heiratet dja woll bald, nich?"
„Dja, das soll se dja wohl."
„No, denn will ich mal. Wiedersehen, Herr Schröder." „Wiedersehen." „, .
Der Dritte entfernt sich. Pause. Dann sagt der bisher schweigende Zweite erstaunt:
„Du heißt dja garnich Schröder."
„Nee."
”un& denn bist du dja auch garnich verheiratet."
,Hch kann mich woll wahren."
denn hast du dja woll auch keine Kinner —
„Nich, daß ich wüßte."
„Dja, Mensch, warum sagst du ihm das denn nich!"
Acrgerlich abwehrende Handbewegung:
„Ich mag keinen Streit haben!"
Das mit dem Schwan.
Tante Doris, ein handfestes Original, war im Stadttheater abonniert, dritte Reihe Sperrsitz, ganz in der Mitte. Da wurde dann natürlich alle Jahre wieder der „Lohengrin" geboten. Tante Doris war einverstanden; gleich bei Beginn der Gralserzählung aber erhob sie sich mit entschlossenem Ruck und erzwang sich durch die drängende Kraft ihrer stämmigen Gestalt den Ausgang, ohne sich um den lauten Widerwillen des Publikums und die stürzenden Bonbondttten, Operngläser, „Pompadours" usw. zu kümmern.
Mein Vater, dem das Aergernis zu Ohren kam, stellte Tante Doris zu Rede: „Das geht doch nicht, Tante. Warum tust du denn das?"
„Och, weißt woll, mein Dschung", sagte Tante Doris, „denn kömmt denn dscha das mit den Schwan, nich? Denn geh ich denn dscha ümmer weg; das hab ich denn dscha Ichon mal gesehn."
Von der Vergäuglichkeit.
Ein philosophischer ländlicher Maurer hatte auf einem bremischen Bauernhöfe einen Backofen errichtet und wanderte, nachdem er sein Werk betrachtet und gut befunden hatte, zufrieden und ehrbar heimwärts.
Als er zweihundertundsünszig Schritte entfernt war, brach der Backofen gänzlich wieder zusammen.
Die Bauersfrau sauste mit klappernden Holzpantoffeln und knatternder Schürze hinter dem Erbauer her: „Meister! Meister! Der Ofen is dscha all wieder umgefallen!"
Der Biedere wandte sich und sprach mit einem ernsten Seufzer: „Dscha, lüttsche beste Frau, was hält ’r denn ewig?!"
August der Starke.
Frau Meybohm hatte bet irgendeinem Festessen einen Tisch- Herrn, dem die Aufgabe zufiel, sie nicht nur ihren Wünschen entsprechend zu speisen und zu tränken swas an sich schon nicht ganz leicht war), sondern auch zu unterhalten. In seiner Verzweiflung lenkte er das Gespräch — oder vielmehr: den Vortrag auf das weite Gebiet geschichtlicher Bildung und geriet dabei von Amen- hotep über Julius Cäsar aus August den Starken: welch letzterer, sagte er, weit über hundert, nach anderen Quellen sogar über zweihundert lebendige Kinder hinterlassen habe.
„Ochottochott, nee", sagte Frau Meybohm, „die arme Frau!"
Sonntagsritt.
In einer bremischen Reitbahn erschien vor vielen Jahren ein Mann und bekundete den ernsten Willen, ein Rotz für einen Spazierritt zu schartern. Der Stallmeister betrachtete den Mann mit dem erbarmungslosen Blick gereifter Sachkenntnis und fand, daß er mit Ausnahme sanft geschweifter Beine kaum irgendwelche Vorbedingungen für die Meisterung eines Pferdes mitbrachte. Infolgedessen ließ der Stallmeister Diana vorführen. Sie besah sich den Reiter, mit sanften und müden Augen voll abgeklärter Resignation. In diesem treuherzigen Blick war kein Falsch. Man hob den Mann in den Sattel, und der Stallmeister gab ihm eine Klingel in die Hand.
„Was soll ich denn mit die Pingel?" wunderte sich der Mann.
„Och", sagte der Stallmeister, „Diana war dja früher mal bei 'er Ferdebahn, nich? Un wenn Sie denn nach Horn zu reiten, denn bleibt sie denn dscha ümmer bei die Haltestellen stehn. Das hat sie noch so in'n Kopf zu sitzen, weil daß sie so klug is. Aber wenn Sie dann zweimal abklingeln, denn geht sie denn dscha weiter".


