als seine Schwiegertochter anzusehen entschlossen war, darüber gab es für ihn keinen Zweifel. Darum ist mir dieser Hund zwischen die Beine gelaufen! irrlichterte er mit seinen Gedanken und traute sich die List zu, den Absichten seines Sohnes das Bein zu stellen, wie es ihm gestellt worden war.
Es kamen viele Leute des Weges von beiden Seiten, und manchmal sonderten sich einzelne ab, die ins Meldeamt hineingingen,- nur die Erwartete wollte nicht so rasch kommen. Da er sie nur in dem Servierkleid gesehen hatte, mußte er scharf aufpaffen: jede weibliche Gestalt von zierlichem Ausmaß beargwöhnte er von weitem. Damit fiel Doktor Schmitz natürlich bald auf, und da er sich seiner immer noch nicht gesäuberten Kleidung bewußt wurde — der Eingang sah ihm nicht aus, als ob er drinnen eine Bank fände, und ein Cafe war nicht in der Nähe —, kam er auf einen Einfall, der ihn selber belustigte. Hätte ich doch den Taxer nicht fortgeschickt! bedauerte er und lauerte nun auf einen andern, der zufällig öaherkäme.
Er hatte damit rascher Glück als mit seiner Profefforentochter, und daß es ein geschlossener Wagen war, den er heranwinken konnte, gefiel ihm besonders. Wohin? fragte der Mann durch die halb offene Scheibe zurück, als der Doktor Schmitz, nach links und rechts spähend, eingestiegen war, und er sagte ihm, daß er auf jemand warten müsse. Es könne länger dauern, er möge sich die Zeit merken!
Dem Mann schien das recht zu fein; er stellte den Motor ab und legte sich schief in den Sitz, die Beine auszustrecken und ein Schläfchen zu beginnen. Sein vermeintlicher Fahrgast nahm es wohlig hin, daß die Scheiben Heruntergelaffen waren und ein leiser Wind hereinspielte; denn in seinem blauen Anzug hatte ihm die Sonne zu warm auf den Pelz gebrannt. Es war diesmal ein guter Einfall! lobte er sich selber und saß gemächlich auf seiner Polsterbank da, den Eingang zum Meldeamt im Auge zu behalten. Je nachdem die Erwartete von rechts oder links kam, würde er ihr Gesicht oder ihren Rücken sehen; aber er traute sich zu, ihre zierliche Gestalt jedenfalls zu erkennen.
So hätte er Zeit gehabt, sich zu überlegen, unter welchem Vorwand er das Fräulein ansprechen wollte; aber er hielt es bet seiner alten Gewohnheit, sich auf den Augenblick zu verlassen. Einen Kölner läßt sein Mundwerk so leicht nicht im Stich! vertraute er und sah lieber dem Kino zu, das die Vorübergehenden in seinem Fensterrahmen ausführten, hinter den Einzelnen her seine Gedanken zu haben, was für Leute sie in ihren Kleider vorstellen wollten.
Es war ein schläfriges Unterhaltungsspiel; aber zuletzt hatte er eine so lange Zeit sein Vergnügen damit gehabt, daß dem Schutzmann an der nächsten Ecke der Wagen auffiel. Weil er sich von der Straßenseite her prüfend genähert hatte, sah Doktor Schmitz unvermutet seine behandschuhte Hand auf der Schulter des schlafenden Chauffeurs: Er dürfe hier nicht so lange stehen! Der wiederum hatte einen richtigen Nicker gemacht und sah die Uniform des Gesetzes lange an, ehe er begriff, den Motor anlaufen ließ, die Kuppelung einschaltete und losfahren wollte.
Halt! rief der Doktor Schmitz, weil er glücklicherweise noch mit einem Seitenblick eine Rückansicht erwischt hatte, die natürlich gerade in diesem Augenblick durchschlüpfen wollte. Obwohl der Wagen schon anzog und der Polizist sich zur Höhe der Kantonsgewatl aufrichtete, sprang er hinaus, zahlte dem Chauffeur die verwartete Zeit und überließ ihn seinem Wortwechsel mit dem durch den Widerstand gereizten Ordnungsmann, welcher Wortwechsel um so lebhafter wurde, als der Chauffeur sich um die erhoffte Spazierfahrt geprellt sah; der Doktor Schmitz selber verschwand in die Abgeschiedenheit des Meldeamtes.
Die Aemter scheinen in der ganzen Welt gleich zu sein! dachte er in dem unfreundlichen Gang; und als draußen der Wagen hörbar wütend abgerattert war, ging er wieder hinaus, um schließlich doch den Gang für die Aussprache geeigneter zu finden als die Straße.
Seitdem er gewiß war, seine Partnerin zu treffen, machte ihn die Warterei ungeduldiger; als sie endlich nach einer ziemlichen Viertelstunde aus der Zwischentür in den Gang trat, hatte er schon nachgefragt, ob sie das Haus nicht durch einen andern Ausgang hätte verlaffen können- Sie kam, wie er mit dem ersten Blick saß, nicht gleichmütig zurück; daß sie ihr Taschentuch benutzte, schien ifim nicht nur die Nase zu betreffen. Im übrigen hätte er bas Mädchen mit der Rüsche in dieser wohlgekleideten silbergrauen Dame kaum erkannt, wenn ihm nicht ihr Gang noch zu frisch im Gedächtnis gewesen wäre; als er sie ansprach, erkannte er auch ihr Gesicht unter dem schwarzen Hut wieder.
Darf ich mich Fräulein Emilie Petersen selber vorstellen, sagte er mit seiner korrekten Verbeugung, da der Herr Oberst dazu keine Gelegenheit fand! und hätte seinem Doktortitel und Namen fast das Mitglied der Handelskammer hinzugefügt, so zu Komik gereizt war er durch diese Art der Bekanntschaft.
Und welchen Zweck soll diese Vorstellung haben? fragte die Angesprochene kühl, die zunächst einen Schritt zurückgewichen war.
Das mögen die Elftausend Jungfrauen wissen! hätte der Doktor Schmitz fast einen Lieblinqsausdruck gebraucht; aber er faßte sich rasch genug, ihr zu sagen, daß er ein Studienfreund ihres Vaters gewesen sei und sich sogleich, als er ihren Namen hörte, vorgenommen habe, seine Landsmännin zu begrüßen.
Er sagte das noch, als ob er eine nehensächliche Verpflichtung erfüllen wollte; aber weil er den fatalen Eindruck nicht abwehren konnte, seine Partnerin sähe gar nicht auf den Boden, sondern auf seine Hosenknie, die sie mit der Bürste behandelt hatte, so
unterbrach er sich selber: Gnädiges Fräulein, sagte er warm und machte eine vergebliche Bewegung nach ihrer Hand, ich kann doch nichts dafür, daß unsere Begegnung so merkwürdig ist. Ich konnte unmöglich wissen, wer Sie waren. Sie dürfen mich dafür nicht bestrafen!
Ich finde Sie furchtbar komisch, Herr Doktor Schmitz! sagte sie und hob die Augen gegen ihn auf, ihn voll anzusehen.
Das hat mir eigentlich noch keiner gesagt, nahm er die Einschätzung demütig hin, wenn ich auch glaube, daß Sie darin mit dem Doktor Verwaldner einig gehen. Aber „furchtbar", gnädiges Fräulein, wie Sie das sagten, das kann er nicht: Furchtbar komisch! dazu muß man ein rheinisches Mädchen sein!
Also gut, das bin ich einmal gewesen, schnitt das Fräulein Petersen seine Rede ab. Finden Sie aber nicht, daß wir uns lange genug begrüßt haben?
Nein! antwortete er prompt und bat sie herzlich, die sich zur Tür wandte, ob er sie nicht noch einige hundert Schritte begleiten dürfe? Er habe ihr etwas zu sagen, vielmehr, er habe eine Bitte an sie.
Ich möchte nicht mit Ihnen auf der Straße gesehen werden, Herr Doktor Schmitz! sagte sie nun bestimmt. Aber als er es mit einer letzten Rheinländerei versuchte: Wegen meiner schmutzigen Hosen? da vergab die unnahbare Dame zum zweiten Male etwas von ihrer Haltung: Nein, wegen Fräulein Julie Bünzli!
Und nun hatte der Doktor Schmitz gewonnen: Erlauben Sie, fing er das ins Wasser gefallene Schleppseil auf, hierauf könnte ich sagen: Ich finde Sie furchtbar komisch, Fräulein Emilie Petersen! Da ich kein rheinisches Mädchen bin, dem so etwas reizend zu Gesicht steht, ziehe ich vor. Ihnen aufs bestimmteste zu erklären, daß ich mich im Hause Bünzli so fehl mm Platz fühlte, wie Sie es sind. Ich stehe hier Gott sei Dank wieder auf neutralem Boden — er stellte sich wirklich breitbeinig vor sie hin —, Sie aber, Fräulein Emilie Petersen, tun das noch nicht. Und um die Erlaubnis möchte ich bitten. Ihnen dazu meine Dienste anbieten zu dürfen. Wenn ich keine andre Nötigung hätte, die freundschaftliche Erinnerung an Ihren Herrn Vater und die Anteilnahme an dem Schicksal seiner Tochter würden mich dazu zwingen.
Aber wollen wir nicht endlich aus dieser Meldehöhle hinausgehen? unterbrach er sich, der schon zweimal hatte zursicktreten müssen; und weil gerade in dem Augenblick aus der Tiefe eine lebhafte Gruppe von balkanhaft anmutendeu Jünglingen herausquoll, machte er eine' Handbewegung, die ebenso herrisch wie beschützerisch war, und der sie nun seufzend folgte.
Und was ist das für eine Nötigung? fragte sie hartnäckig, als sie draußen eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen waren, und er sah neidisch auf ihren gemeinsamen Schatten, der sich friedlich vor ihnen auf dem besonnten Bürgersteig hinschob.
Sie sind nicht nur furchtbar komisch, Fräulein Petersen, brach er aus. Sie sind komisch furchtbar! Und weil ihm das Wortspiel mißraten war, holte er im Gehen sein Taschentuch heraus, sich den Schweiß abzuwischen; denn dieser Dialog hatte ihn anders angestrengt als der mit dem mokanten Doktor Verwaldner: Das kann ich Ihnen noch nicht und überhaupt nicht auf der Straße sagen!
Und weil sie um die Ecke herum unter den Schatten einiger Vänme gekommen waren, blieb er da stehen, immer noch das Taschentuch in der Hand, und hatte den Hut abgenommen: Gnädiges Fräulein, sagte er feierlich, Sie haben sowieso Ausgang!
Jawohl, das gnädige Fräulein hat Ausgang! echote sie, und in ihrem Gesicht war zum erstenmal ein heller Schein, weil sie sich nun offenbar über ihn lustig machte.
Darf ich Sie irgendwohin aus dieser Stadt begleiten? Denn ich muß Zeit haben. Ich verspreche Ihnen feierlich: wenn Sie Ab nach Kassel sagen, daß ich int Augenblick verschwinde. Ich habe bis zum Abeudzüg Urlaub; bis dahin muß ich mit Ihnen im reinen sein!
Und der arme Doktor Schmitz wußte nicht, warum das Fräulein Petersen gerade in diesem Augenblick hellauf lachte:
Im reinen? fragte sie. Dann muffen wir wohl zunächst an ein Schaufenster gehen, damit Sie im Spiegelbild sehen, was Sie mit dem Taschentuch an Ihrer Stirn angerichtet haben.
Gott sei Dank! seufzte der Doktor Schmitz, dem das Wörtchen „zunächst" wie ein Brunnenstrahl aufgeglitzert war: Aber zu allernächst darf ich mich wohl für einen Augenblick setzen. Es war zuviel für meine sechzig Jahre.
Und er ließ sich auf die Bank unter den Räumen fallen, als ob es siebzig wären, während seine Partnerin endlich lächelnd dastand und mit einem energischen Fußtritt einen Stein ins Ge- hüsch schleuderte, der auf den Bürgersteig geraten war.
ITT.
Der Doktor Schmitz wußte genau, daß seine Jahre noch keine Entschuldigung waren, so allein auf der Rank dazusitzen; er wollte das hochmütige Fräulein nur fühlen lassen, daß er kein Gimpel wäre.
Per aspera ad astra! deklamierte er ausstehend; aber seine Partnerin schien noch immer nicht geneigt, seine Scherze durchgehen zu lassen. Was für Sterne meinen Sie, Herr Doktor? fragte sie mit einem Blick über die Schulter zurück, weil sie gerade nach der blauen Kante des Uetliberges binanfgeblickt und dadurch den Rückfall in seine Schulweisheit veranlaß» hatte.
Vorläufig den Berg da oben! antwortete er mit gespielter' Harmlosigkeit: dann aber trat er vor sie hin und sagte: Legen Sie eigentlich Wert auf den Argwohn, Fräulein Petersen, daß Sie irgendeiner Zudringlichkeit von mir gewärtig sein müssen?
lFortsetzung folgt.i
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei. R. Lanae, Gießen.


