ttn6 ihre Augen hängen immerzu an seinem Munde. Es eul- kommt ihr kein einziges Wart. Und die Marke, die der Peter aus der Brust getragen, hat sie selbst in der warmen Hand,' meint, es sei das Herz von ihrem Peter: meint, sie fühle es schlagen. Alles in ihr ist Glück.
Und der Schleswiger schaut ihr von Weile zu Weile schräg ins junge Gesicht und freut sich. Freut sich, daß er einmal an dem einsamen Reitergrab gestanden, drüben im tiefen Wasgenwald. Freut sich, daß er solch ein junges, treues Gänsemädchen gefunden hat, dem Netter und Grab gehören. •
Oie tote Liebe.
Von Conrad Ferdinand Meyer.
Entgegen wandeln wir Dem Dorf im Sonnenkuß, Fast wie das Jüngerpaar Nach Emmaus, Dazwischen leise Redend schritt Der Meister, dem sie folgten, Und der den Tod erlitt. So wandelt zwischen uns Im Abendlicht Unsre tote Liebe, Die leise spricht.
Sic weiß für das Geheimnis Ein heimlich Wort, Sie kennt der Seelen Allertiefsten Hort.
Sie deutet und erläutert Uns jedes Ding, Sie sagt: So ists gekommen, Daß ich am Holze hing. Ihr habet mich verleugnet Und schlimm verhöhnt. Ich saß im Purpur, Blutig, dorngekrönt, Ich habe Tod erlitten, Den Tod bezwang ich bald, Und geh in eurer Mitten Als himmlische Gestalt — Da ward die Weggcsellin Von uns erkannt, Da hat uns wie den Jüngern Das Herz gebrannt.
Von dichterischen Büchern und ihren Schöpfern.
Von Hanns Arens.
Hermann Hesse sagte kürzlich irgendwo, daß die dichterischen Bücher unserer Zeit immer seltener würden. Wie sehr dieser kritische Dichter recht hat, bemerkt man erst, wenn man sich dran macht und die Literatur unserer Zett eben auf das dichterische Buch hin überprüft. Um ganz klar zum Ausdruck zu bringen, was wir unter einem dichterischen Buch verstehen, wollen wir hier einige Sätze von Paul A l v c r d e s anführen, die in ihrer Ruhe und Ueberlegenheit unsere Frage erhellen: „Echte Dichtung ist selten in unsern Tagen, aber sie ist es wohl immer gewesen. Es gibt ein ganzes Gebirge aus Werken der sog. Schönen Literatur bet uns, in dem sie überhaupt nicht enthalten ist. Aber dann geschieht es immer wieder einmal, daß uns vor einem Bühnenstück oder beim Lesen einer Geschichte aus unsern Tagen — und spiele sie in uns völlig fremden und entlegenen Zuständen — ganz unversehens ein wunderbar deutliches Erkennen unseres aller- eigensten persönlichen Wesens und Geschicks überkommt. Es ist, als zöge sich das ganze Leben, durch alle seine Jahre und Orte verstreut, plötzlich mit allen seinen Elementen zu einem Kristall zusammen, in welchem cs nun für eine kurze Weile des seligen Erkennens als ein Ganzes anzuschauen ist. Das kommt von dem Licht der Wahrheit, welches, höher als die bloße Vernunft, auch aus der echten Dichtung leuchtet: sie vermag es in einer jeden Menschenbrust anzuzttnden, heute wie immer, und das ist der Trost der Dichtung auch in dieser Zeit."
Der diese Wort sprach, zählt zu den Dichtern des neuen Deutschland, der in seinem bisherigen Werk den gültigen Beweis erbrachte, daß uns das dichterische Buch erhalten blieb. Seine wunderbare „Pfeiferstube" die seinem Freunde Hans C a r o s s a ge- widmet ist, dürfen wir als ein Kleinod deutscher Prosa verehren und bewahren. Nicht ohne Absicht nannte ich den Namen Earossa: ihn an die Spitze dieser kleinen Abhandlung zu stellen, ist selbstverständliche Pflicht. Wir können den Namen dieses Dichters nicht nennen, ohne zugleich an die edelste Dichtung unserer Tage zu denken, der wir teilhaftig wurden. Lange blieb dies stille und innerliche Werk verborgen: es war einer Zett nicht hold, die im Geschrei und grellen Licht des Alltags ihr Genüge fand. Die Stimme dieses Dichters mutzte verhallen und nur in wenigen einen Widerhall fiicden: denn, um ein Wort von Hans Friedrich V l u n ck zu gebrauchen: „Von innen sollen wir hören, dann erst begreifen wir die Gemalt des Wortes". Und fast möchte man es bedauern, daß die große, tröstliche Dichtung dieses Mannes, der
„Arzt Gion", den Weg des Maffenersolgcs fand, wenn nicht zugleich die heimliche Hoffnung sich mit dieser Verbreitung verband, daß sie Menschen in die Hände gegeben wurde, denen sie Trost und Freude zugleich bereitet hat. Und da dieses Buch und dieser Dichter mir bei unserer Frage nach dem dichterischen Werk be- dentungsvoll erscheinen will, möchte ich noch etwas bei beiden verweilen. Es stehen da diese Sätze: „Was ist das, ein Arzt? In seiner höchsten Form kann er dem Künstler ebenbürtig sein: aber nicht wie dieser, darf er die Stunde der Eingebung abwarten oder seine Gegenstände wählen, sondern diese wählen ihn, und seine Stunde ist immer". Und so wie dieser Dr. med. Gion, so auch ist das Buch, diese herrliche, weltticfe Dichtung, deren Pulsschlag wir auf jeder Seite verspüren, diesen „Hcrzenswillcn" des Dichters und Menschen Earossa, ans den ich das schöne Wort von Hermann Stehr anwcnden möchte, da es zugleich wiederum die Frage nach dem Buch als Dichtung beantwortet und klärt: „Das große, gute Buch des Dichters, das die Nöte der Zeit tiefer versteht und höher deutet, trägt in sich die Wesenheit des Göttlichen und gibt den Völkern ihren ewigen Sinn."
„Der Arzt Gion" ist das leuchtende Vorbild eines dichterischen Buches unserer Tage,' cs ist ein hilfreiches, gütiges und helfendes Buch, ein Buch der Tröstung für viele in dieser Zeit der seelischen Not, eilt Buch, das uns den Glauben wieder stärkt an das Gute und Beständige im Menschen, und nicht zuletzt ein Werk der Liebe. Ans dieser Dichtung, die makellos und rein ist, strömt alle Kraft, alle Bereitschaft zum Leiden, zum Helfen und Trösten. Und um dieser Menschenliebe willen allein schon ivünscht man dieses Buch in viele Hände, denn selten in unserer Zeit offenbarte sich ein Dichter in dieser Reinheit und Unantastbarkeit, dieser hohen und hoheitsvollen Hingabe, die verwandelnd und heilend sich über die Menschen dieses Buches breitet. (Vor kurzem erschien ein neues Werk Carossas, das Lebensgedenkbuch „Führung und Geleit".)
Suchen wir weiter, sa geraten mir an ein paar Namen, die noch jung im deutschen Schrifttum stehen: darunter find freilich einige Dichter, deren Werk und Schaffen schon zum „ewigen Bestand" der Deutschen zählen: In Ehrfurcht und Verehrung gedenken wir des großen Paul Ernst, dessen Dichtung zu später Wirkung erblühte. Schmerzlich berührt die Erkenntnis, daß dieser überragende Dichter allzulange im Schatten stehen mußte, während laut und lärmend der kleine Schreiber das Feld beherrschte. — In dankbarer Zuneigung lieben wir Hermann Stehr und sein Werk, das uns den Glauben an die Sendung des Dichters in seiner reinsten und höchsten Form erhielt und stärkte. Und wenn wir zu den Jungen unseres Vaterlandes gehen, zn den tapferen und Willensstärken Bewahrern deutscher Dichtung und deutscher Art: Menschen der Jugend, die nicht nur die Stille der schöpferischen Arbeit kennen, sondern zu einem Teil mit ihren Leibern des Volkes Wohl und Ehre verteidigen, so denken toir an Männer, deren Werke das untrügliche Zeichen der Dichtung tragen, an Karl Benno von Mechow, dessen zarter und ergreifender „Vorsommer" erneute Beglückung bedeutet. Schon sein erstes Buch: „Das ländliche Jahr", war wie ein Aufatmen nach all dem Mittelmäßigen und Undichterischen der letzten Jahre. Wir denken an den jungen Deutsch-Oesterreicher Karl Heinrich Waggerl, der kraft seiner dichterischen Bemühung mit seinem Roman „Brot" sich der Anteilnahme der Freunde der deutschen Dichtung erfreuen konnte: sagt doch Hermann Hesse ausdrücklichst, feine Bücher zählten zu den wenigen dichterischen Werken der Gegenwart. Von ihm erschien vor kurzem ein neuer Roman: „Das Jahr des Herrn".
Ein andrer, der mit seinem stillen Schaffen allzulange abseits stehen mußte, eroberte sich gleichfalls die Zuneigung der Gleichgesinnten im Geiste: Ernst Wiechert, der Dichter des schönen und durchaus dichterischen Buches „Die Magd des Jürgen Dos- koeil". Lange wird man suchen können, ehe man eine Dichtung von dieser Reife und Tiefe, dieser schmerzhaften Gläubigkeit trifft. Ein schönes Wort, das ich in dem Buch von Dreyer über Blnnck entdecke, möchte ich hier einschalten, weil es Grundmotive der reinen Dichtung znm Ausdruck bringt: „... das Stille zu bewahren, das Müde zu erneuern, das Große zu verehren, das Leidende zu lieben ..." Auch Blunck, von dem wir oben ein Wort anführten, möchte ich mit einigen Stücken seines Werkes in den Kreis einschließen: vorab mit seinen Märchen, von denen einige den besten von Grimm anzugliedern sind. Hier erweist sich Blnnck als der ganz reine Dichter, dem im neuen Deutschland gleichfalls endliche Genugtuung ward.
Wenn wir hier auch nur einige wenige unserer Dichter anftth- reit konnten, so darf hier einer mit Recht genannt werden: Friedrich Schnack, einer der liebenswertesten unter den Jungen, die ihr Werk durch alle Widrigkeiten der Zeit rein und leuchtend erhalten konnten. Sein „Sebastian im Wald" ist edelste deutsche Dichtung und verdient einen ersten Platz in der nendeutschen Prosa.
Ist die Sicht deS dichterischen Werkes auch nicht groß, am Umfang gemessen, so ist sie doch in einem sehr schönen Sinne trotzdem belangvoll und zuversichtlich. Eine neue Epoche ist nicht nur int politischen Leben der Deutschen angebrochen, die wir im Tiefsten unseres Wesens dankbar begrüßen, mit ihr ist auch wieder dem schaffenden Menschen jene Möglichkeit gegeben, die fein Werk bewußt und zielsicher dem eigentlichen Weg znführt: dem Weg znm Volk: er kann wieder mit Hoffnung und Zuversicht sich und fein Werk den deutschen Menschen schenken, mit der Gewißheit, daß nun auch der Strom der Gegenwirkung ihn berührt, so wie er sich durch Jabre und Jahre bemühte, sein Wort, das dichterische aus sich zu heben, nm es dem zu geben, dem feine schwere Bemühung feit je galt: D c m deutschen Menschcnl


