GiehenerZamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1934

Montag, den 2b.Zebruar

Nummer l6

OaS Tieitergrab.

Von Karl Burkert, GDS.

Ueber den Hohneck flog der linde Märzföhn von Welfchlanb herüber, nahm die Tannen der Wasgenwülder in den Arm und wiegte sie hin und wieder. Und die Tannen fingen an zu singen, lind die Waldquelle hüpfte aus ihrem Schnecloch hervor, nahm das Tannenlied an ihre kühle, klare Brust und trug es klingend zu Tal. Und dann war auf einmal Frühling. Und die Preußen, die in langen Winterwochen droben auf der zerschossenen Verg- kuppe im vereisten Graben gelegen und im Herzen schon ganz zerfroren waren, tauten jetzt leise auf und sehnten sich. Und sie zupften einer den andern sachte am Aermel:Kamerad, riechst du den schönen Wind?"

Ja, der junge, blonde Musketter aus Schleswig roch gar wohl den schönen Wind und schnupperte gierig nach allen Seiten, wie ein alter, noch ganz winterdösiger Dachs, der zum erstenmal wie­der aus seinem dunklen Hohl an die Sonne schlieft. Seine wasser- blauen, treuen Augen wurden ganz groß und hell. Lange schaute er hernieder den steilen minenzerwühlten Hang aus den dunkel­grünen Talwald zwischen der deutschen und französischen Stellung. Auf den eng eingeschluchteten Talwald, in den, wer weiß woher, hinter einem Hügel hervor, ein fadenschmales Sträßlein hinein- kröch. Und dann war auf einmal der brennende Wunsch in ihm, auf diesem Sträßlein ein wenig auf und nieder zu gehen. Ein Viertelstündchen nur auf und nieder zu gehen zwischen den schö­nen, harzdnftigen Tannen. Und dieser Wunsch tat seinem Herzen ganz weh. Er versann sich in diesen Wunsch.

Und ein paar Tage später er war gerade von seinem Posten abgekommen und konnte mit seiner Zeit beginnen was er wollte da ging es nicht mehr anders, da mußte er herlaufen hinter fer­nem heißen Wunsch, und da stand er auf einmal drunten auf dem Sträßlein.

Es war das an einem Sonntagmorqen. Der Lenzwind harfte leise in den Wipfeln. Die Meisen schlüpften durch die Zweige, bimmelten wie silberne Glöckchen. Eine Palmweide an der lau­schenden Waldecke, über und über voll Blüten. Wildveilchen am Grabenrand. , ,,

Der Musketier sah das alles wie im Traum. Es kam ihm gar nicht vor, wie wenn er in der Wirklichkeit stünde. An keinen Zweig, an keine Blume getraute er sich zu rühren. Stücker drerßrg Schritte ist er auf dem Sträßlein dahinaegangen, jeder Schritt etn inniges Erlebnis: und dann steht er plötzlich vor einem Grab.

Dicht an dem Sträßlein liegt es. Man bat nicht Zeit gebäht, sich nach einem andern Orte umzusehen. Es ein rasches Sol- batengrab, eines, wie man's manchmal auf Bildern siebt. Der Feldspaten bat es geschaufelt. Kaum ein paar Spannen liegt es unter dem Nasen. Der darinnen lieat, hört die Drosseln flöten m ter Morgenfrische, in der Ab-ndstille, hört den Wcnb im ^ald- gras rascheln, hört den Kuckuck läuten und den Holztänber rucken. Und es wird ibn freuen, den braven deutschen Reiter.

Jg. ein Reiter. Man sieht's auf den ersten Blick. Der schwarze Säbel. Sie haben ihm den Säbel aufs Grab gesteckt. Damals. Es maa schon lange her sein Der Säbel ist schon ganz rostig. Die Ouasie vom Reacn. vom Schnee zerfressen und 'mon fast otzne starbc. Und der Helm hängt schief überm Säbelgefaß. Die Selm- svitze sticht durch den zerfetzten grauen Tuchsckutz. Mag rn man­chem Sonenstrabl, in mancher Sternennacht gefunkelt haben. Ul er jetzt ist ihr Glanz erloschen. Ein fröhlicher Waldvogel bat einmal in dem starken SäbeUnrb ein kleines, glückliches Nest gehabt. Je bat er's längst vergessen. , .

Und der Preuße stebt still am einsamen Reitergrab und muhte certtc, wer drinnen ruht. Aber kann es nicht herauskriegen, denn

Toter Soldat.

Von Richard Bi Hing« r. Dich weckt nicht mehr das Morgenrot. Du ißt nicht mehr der Mutter Brot. Kein Apfel rollet dir vom Baum. Bruder und Schwester nennen dich kaum.

Die Mutter nur noch mit dir spricht.

Der Vater kennt dein Angesicht. Gott öffnet sich am Jüngsten Gericht. Wer Gott gelobt, der fürchtet sich nichts

nirgends ist eine Schrift. Der Reiter tut ihm schier ein wenig leid, weil er so sehr vergessen ist, weil er so gar keine Blume hat.

Und er geht hin zur Palmweide an der Waldecke, bricht die schönsten Blütenzweige herunter und bringt sie dem toten Kame­raden. Und er gräbt die Veilchen aus der Erde, die am Wegrand blühen und setzt sie auf das Grab. Und wie er mit seinen Händen den wilden Rasen zerreißt, der den ganzen Hügel überwuchert, scharrt er plötzlich ein rundes, blechernes Ding hervor, das da verloren in der Erde liegt, und er kennt es gleich, was es ist: eine Erkennungsmarke ist es, wie sie ein jeder Feldsoldat an einem schmalen Band auf der Brust mit sich herumträgt.

Am Aermel seines dreckigen Waffenrocks scheuert der Muske­tier die Marke blank. Und nun kriecht der Name aus dem runden Ding hervor: ein Name, der wie eine Bauernrose lacht: Peter Holder. Und darunter das Regiment.

Und dem Musketier kommt der Name des bayerischen Reiters freilich ein wenig seltsam vor. Man muß dergleichen Namen ge­wohnt sein. Droben am Meere, hinter den Dünen, heißt man anders. Aber er meint, es wäre ein schöner Name in seiner Art: lange läßt er das Auge darauf ruhen und dann steckt er die Marke in die Tasche: vielleicht werde ich einmal darum gefragt.

*

Und dann vergehen Jahre. Der Krieg ist vorbei, und viele, die ihn mitgekämpft, sind schon lange vergessen. Die Erkennungs­marke im Waffenrock des Musketiers ist es auch. Und der Schles­wiger kann wahrlich nichts dafür. Ganz im Geheimen hat sie sich eine Luke durch die Tasche gebohrt, ist hinab ins Futter gesunken und da steckt sie und hält sich still.

Und der Schleswiger ist auf der Wanderschaft. Er ist kein Musketier mehr, er ist ein Handwerksbursche und sucht Arbeit im deutschen Land. Den Waffenrock von damals hat er noch auf dem Leibe. Er ist sein einziges Kleid.--

Und vor dem fränkischen Dorf steht eine Magd: der Märzwind fliegt in ihrem hellen Haar. Sie hat eine weiße, flaumige Feder in der Hand, hebt sie gegen den Wind und scheint auf etwas zu sinnen.

Und der Schleswiger tritt herzu, kommt mit ihr in ein Ge­spräch und fragt sie von wegen der Feder.

Die Feder täte ihr was erzählen, sagt sie. Von ihrem Peter erzählen, weit, weit drüben in den Vogesen. Der Wind wehe seit gestern von dort her. Und der Wind, der von drüben komme, sei ihr Freund. Er misse mehr denn alle Leute. Was die Leute wären, die wüßten soviel wie nichts. Und vom Regiment hätten sie auch nichts gewußt, sonst hätten sie mehr geschrieben. Aber der Wind wisse alles. Gradaus fliege er her vom Peter seinem Grab.

Der Handwerksbursche hört schweigend zu und schaut ihr fort und fort ins treuherzige, einfältige Gänsemädchengesicht. Dann schießt ihm auf einmal was durch den Kopf. Bilder stehen in ihm auf, längst versunkene Bilder: Die schmale, krumme Talstraße zwischen den Wasgenbergen. Die blühende Weide, die Veilchen. Der schwarze Reitersäbel mit der verfärbten Quaste. Der schiefe Helm über dem Säbelgefäß. Die Helmspitze, die des Nachts in die Sterne taucht. Die Erkennungsmarke, die er ja, wo hat er sie nur gleich hingetan? Er muß sie doch da in seinem Waffenrock muß er sie doch haben: rechter Hand in seinem Waffenrock, in der kleinen Tasche, wo sie im Felde immer neben dem Verband­päckchen stak.

Seine Hand fährt rasch in den Rock. Seine Hand sucht und findet nichts. Eine kleine Lücke ist in der Tasche: er bemerkt sie heute zum erstenmal. Die Marke aber ist weg. Die Marke muß da hindurch sein. Anders wüßte ers nicht. Er tastet unten zum Futtersaum. Da jetzt fühlt er sie. Er hat sich's doch gleich ge­dacht. Die Klinge seines Messers blitzt. Mit einem Schnitt schneidet er die Marke aus dem Rock.

Und jetzt legt er das blecherne Ding dem Gänsemädchen auf die Hand, feierlich wie ein Vermächtnis. Und bas Gänsemädchen senkt die Augen darauf, liest die zwei Worte, und dann kommt es von ihrem Munde wie ein leiser Schrei. Oh! Schickt ihr bas jetzt der Peter? Ja, der Peter schickt ihr das. Gerne will sie es glauben. Von Herzen gerne. Der Name und alles stimmt. Alles ist richtig, wie es auf der Marke steht. Alles paßt auf ihren toten Schatz.

Und jetzt drückt sie den Mund auf bas runde, blecherne Ding, und jetzt tropft es ihr naß über die Backen.

Und dann sitzen sie noch eine Zeit nebeneinander, der Muske­tier und das Gänsemädchen, auf dem sonnigen, warmen Hutwasen, zwischen gelben und lichten Blümchen, und er mutz erzählen, alles, was er weiß.