Ausgabe 
26.1.1934
 
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Oer Sternenbaum.

Roman von Friedrich Schnack.

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So war es nun doch ein wahres Weihnachtsgeschenk geworden. Rundum leuchtete und glitzerte es. Auf dem blauen Grund klebte Stern an Stern. Es war fast kein Grund mehr zu sehn. \jm Schlaf ffoch zog ih mdas Eckbrett nach. Im Traum sah er es und es standen darauf klein wie holzgeschnitzte Puppen, die drei Gestalten aus dem Mldstock und sein Vater und der Vater der Gret bei einem Nußbaum und die Gret selbst mrt ihrem Tragkorb und seine liegen droben auf dem Oedhang, die Försterin und das ganze Hirschgeweihhaus, auch sein Waldfink. Alles, was ihm lieb wa/ zeigte sich auf dem Brettchen über den Klebesternen schwebend.

Aber er kam nicht dazu, das kostbare Eckbrett der Gret auch wirklicb zum Christabend zu schenken. Denn sie brachen lang vor Weihnachten auf und fuhren mit der Eisenbahn hinunter zu dem großen Donauflutz und nach Passau, die Gret auf dem Markt­platz ihre Bude austat und Juppi, nut Erlaubnis seiner ^Asge- meindc, wie ein von Ort zu Ort ziehendes Zigeuner- und Sieb- macherkiud, in die Passauer Volksschule ging.

Sehr schön war der neue Ort. Was war das für eine große Stadt mit hohen Orgeln, mächtigen Kirchen, Gewölben und Orgeln, und was für ein geräumiger Marktplatz. Jedoch sah er von der Stadt nicht allzuviel, mehr nicht, als ihm die täglichen Schulwege boten. Seine eigentliche Stadt war der Weihnachtsmarkt mit den Budenhäusern. Die waren vollgestopft mit tausend Waren zum Essen, zum Gebrauch und zum Spielen. Er durchforschte die Werh- nachtsstadt.

Dicht neben Gret hielt ein Mann Lebkuchen feil. Es war Herr j Nagel, der mit der Gret in bestem Einvernehmen stand, sie plan- | beiten miteinander, so oft sie Zeit dazu fanden. Seine Lebkuchen ( waren eingepackt in blauem und rotem Papier nut ausgestanzten | bunten Papierblinnen, Gesichtern und Sternen. Haufen braunen ; Alpcnkräuterbrots dufeten nach Schokolade und Gewürz, un I Gläsern prunkte seidig allerlei Zuckerwerk. Schon die Farben schmeckten süß: rot wie Erd- und Himbeeren, braun wie Malz, gelb wie Honig.

Herr Nagel schenkte Juppi, gleich am ersten Tag, bevor noch seine Bude ganz aufgeschlagen war, einen Basler Lebkuchen mit einem Mandclstern in der Mitte. Juppi begann an einer Ecke ihn anzuknabbern und atz sich rundherum um die Mandelmitte. Ganz kleine Visse tat er und ging dabei schauend von Bude zn Bude. Aus dem viereckigen Lebkuchen war ein runder geworden, als er bis zu den Geschirrständen gekommen war, die am äutzer- sten Flügel der Budenreihe klirrten und klapperten. Die Töpfe waren nicht sonderlich anziehend für ihn, wenngleich auch sie mit Blumen und bunten Farben geschmückt waren. Als er den äußern Ring des Marktes vollendet hatte und dort angelangt wär, wo die Töpfe an die Weihnachtsfichten grenzten, hielt er nur noch seinen Maudelstern auf dem honigbraunen Lebkuchensockel in der .kmnd. Er sparte ihn auf und schlenderte nun kreuz und guer über den Markt, mitten durch das Gedränge der Männer, Weiber und Kinder. Ringsumher gaftte er wie alle andern Bummler und wünschte sich vor jeder Bude etwas für sich und die Gret.

Bei einer Auslage von kleinen Dampfmaschinen, Kesselhäusern mit Schlöten, Karussells, Laubsäge- und Baukasten blieb er hin­gerissen stehn. Ein Hammer glänzte ihm in die Augen, der hatte einen rotgebeizteu Stiel. Daneben blitzte eine Feile, hing eine kleine Säge, ein Drillbohrer, eine ganze Familie von Werkzeugen war da beisammen, alle angeheftet auf einem Karton, der blinkte wie gestärkte Hemdenbrust. Das war ein herrlicher Werkzeug­kasten, viel reicher und größer als sein verlorener. Als er sich von dem Anblick trennte, merkte er, daß sein Mandelstern ver­schwunden war. In den Werkzeugkasten vertieft, hatte er den Stern in Gedanken verzehrt.

Da war er auch schon wieder bei der Gret.

Sie stand hinter ihrem Verkaufstisch, und vor ihr war auf­gebaut: ein Bahnhof mit Lampen, Schlagbäumen, Geleisen und Zügen. Daran schlossen sich kleine und große Menagerien, mit Elefanten, Löwen, Tigern, Pferden, Zebras, Ziegen und vielen andern Tieren, die weder Juppi noch die Gret je lebend gesehn hatten. Bauernhäuser mit Bäumen und Kühen gediehen uner­schrocken neben den Tiergärten. Ein Dorf von bunten Holzklötzchen vollendete das anziehende Bild zur Rechten. Links lag ein Hansen Bilderbücher ausgefächert: Autos, rot- und schwarzgelackt, drohten darüber hinweg zu sausen: ein Verkehrsschutzmann sorgte dafür, daß dies nicht geschah. Lächelnd äugten feingekleidete Puppen in die Wcihnachtsbuntheit.

Ganz besonderen Gefallen fand Juppi an einer kleinen Tiroler Bauernstube. Sie war ausgestattet mit einem hellbraunen Tisch, vier Stühlen auf jeder Seite, einem Schrank an der Wand, einem Kachelofen mit Bank in der Ecke, einer Kuckucksuhr, zwei Bildern und, wie es sich gehörte, mit einem Kruzifix. Auf einer Schachtel war die Stube erhöht, damit sie den Weibern und Mädchen recht in die Ang u wirke. Sechs Mark fünfzig Pfennig kostete sie. Viel Geld, ab'r Juppi hätte sie doch gern besessen. Ein volleingerichtetes Zimmer. So hätte er es im Elternhaus haben mögen: nicht ein­mal eine Kuckucksuhr war dort. Wenn sie nur keiner kaufte, die Stube. Bloß kein Blick soll auf sie falleu. Kam er aus der Schule über den Markt gehetzt, suchte sein Auge zu allererst das feine Tischlerwerk. Gottlob: es stand noch aus seiner Schachtel-

So Tag um Tag. Insgeheim hoffte er, die Stube fände keinen Liebhaber und bleibe übrig für ihn. Das wäre ihm eut Weih­nachtsgeschenk! Zu Hause wird er von Lindenholz Figuren schnitzen, einen Mann am Tisch, eine Fran sitzend, ein Kind auf der Ofen­bank. Der Mann muß einen Zwirbelschnurrbart h^ben, die Fr"" blondes Weizenhaar, das Kind wird wie KlelN-^uppi arwsehn. Alles war wieder wie einst, und niemand schleppte die Möbel^aus dem Haus ... Er hatte Glück. Die Leute wollten die Stube nicht. Die Puppen gingen weg, die Menagerien folgten, die Stube blieb.

Der nächste Tag kam. Die Stube blieb. Noch waren drei Tage bis »um Heiligen Abend. Er brückte den Daumen, die Stube muß ttir ihn übrig bleiben Fort und fort dachte er daran. Die Stube blieb. Da stand sie auf ihrer Pappschachtel und zeigte ihr Innere., während die Bilderbücher unter die Arme geklemmt wurden und verschwanden. .

Die Stube blieb. Gott sei Dank! Der Schutzmann verließ seinen Posten. Die Autos rasselten davon. Die Baume wurden anderswo neu angepflanzt. Die Löwen rissen hier nilht niehr chre Racken auf. Die Tiger fanden den gleichen Weg wm die Kroko- dile Die Stube blieb. Sechs Mark fünfzig. Viel Geld. Die Bauers­frauen wollten billigere Gaben.

Juppis Blicke beschworen die Stube. Noch zwei Tage bis Weih­nachten. Liebe, gute Stube! Die stand aus der ®rf)o6ung ließ alle Welt ihre Einrichtung sehn: den Tisch, die Stuhle, die Bank, die Uhr.

Noch ein Tag. Die Eisenbahn verreiste, die schwarzen Autos folgten. Das Dorf siedelte sich unter einem fernen Baum an. Die Gret war guter Laune, weil ihr Handel so blühte.

Sie überprüfte, was noch da war. Dies, bas, jenes. Fünf Pup­pen mit Schlafaugen, drei Filzbären, ein paar Baukasten, Kmder- klappern, Glaskugeln für den Christbaum, bunte Lichter. Die Stube. Sie rückte sie ins volle Licht.

Hoffentlich werde ich noch den Kram los. Zum Heimschleppen hab ich wenig Lust", sagte sie zu Juppr, dessen Herz erzitterte.

Am letzten Tag summte und brummte der Markt von Stimmen, Glöckchen, Musikwerken, Trompeten wie noch nie. Ein Gewimmel. Diese Menge Menschen. Juppi wurde ganz verwirrt, wahrend er 6er Gret Papier und Bindfaden zureichte für die verkaufte» Päckchen mit Spielzeug. Von Augenblick Augenblick wärmte er sich die kalten Hände an dem kleinen Holzkohleofen, den tue Gret im Hintergrund der Bude unterhielt, dabei schaute er immer wie­der nach der Tiroler Bauernstube. Nun schlug es schon Mittag, und bis zum Abend war es nicht mehr lang, dann wurde der Markt geschlossen, die Leute hatten sich verzogen, und dann wurde ihm die Gret die Bauernstube schenken.

! Er freute sich und war eifrig wie ein gelernter Geschafts- diener. Die Stube blieb. In seiner Brust saß ein dumpfer Druck, zwischen Furcht und Hoffen verging der Nachmittag.

I Vom Dom schlug es sechs.

I Um halb sieben trat ein Herr an den Stand und suchte in den Resten herum. Er betrachtete die Stube. Sie schien ihm zu ge- j fallen. Juppi hielt den Atem an. Der Mann wird doch nicht etwa die Stube wollen?

Preis?"

Die behandschuhte Hand deutete auf die Stube.

Gret nannte den Preis.

Qu feuer

Der Herr wandte sich von der Stube ab. Juppis Spannung ließ nach^ Er atmete wieder.

Geben Sie fünf Mark, in Gottes Namen, und Sie sollen die ganze Stube haben!" sagte die Gret,fort mit Schaden ...

Juppi stockte der Herzschlag.

Gut einpacken!" drängte der Käufer und legte fünf Mark auf Lüöe.

Und so wurde die geliebte Stube doch noch verkauft, sogar zu einem herabgesetzten Preis verkauft und Juppi vom Herzen ge­rissen. Bitter enttäuscht lehnte er an der Bretterwand. Der Him­mel strente Schnee, dicken, flockigen Wcihnachtsschnec.

Das Getümmel verlief sich. Die Gret raffte ihre übriggcblle- bcnen Spielsachen zusammen, danach tat sie mit Juppi einen Rund- gang durch die Buden.Diesmal kann ich nicht zu meiner Schwe­ster gehn", sagte sie.Ihr Mann, der Eisenbahnbeamte, ut im vergangenen Sommer nach Ingolstadt versetzt ivorden. Aber im Löwen" gibt's auch einen Baum für uns ..."

Die meisten Bnden waren schon zu. Der Mann mit den Ma­schinen jedoch batte noch offen, gerade nahm er den Werkzeug­kasten von der Wand.

Magst den Werkzeugkasten zum Christkind?" fragte die Gret.

Ob er ihn wollte! Und da war ihm auch gleich leicht zumute: das war ja nicht bloß ein Werkzeugkasten, das bedeutete zugleich die Tiroler Bauernstube und alles was mit ihr zusammenhing. Oh, eine ganze Wohnung mit mehreren Zimmern konnte er zu­sammentischlern.

So wnrde ihm das Schreinerwcrkzeug beschert.

Sie gingen durch den knirschenden Schnee und holten Herrn Nagel, den Lebkuchenmaun. Er hatte gut verkauft und strich sich seinen Schniirrbart, die Gret lustig anblitzend.

Nun wollen wir uns aber einen Schweinebraten mit Kraut gönnen", sagte er,er ist verdient ..."

(Fortsetzung folgt.)

Beraniwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Brühl'sche Llniverjitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.