Er will der Erste sein, der den Turm entdeck..
Das Dorf hier heitzt wohl Tresmes oder so ähnlich. Die Einwohner geflohen. Rechts, ein wenig zurück, steht ein gutes, großes und sauberes Haus. Unter den Herdringen in der Küche ist noch Feuer. Nicht ausgelöffelte Teller stehen umher. Solche böse Hunnen sind wir ja gar nicht, daß wir das verdienen. Es soll heute endlich mal wieder ein besieres Abendbrot werden, mit weißen Tischtüchern und Tellern aus Porzellan.
Wir erlauben uns, der abwesenden Hausfrau vorzugreifen, decken frisch und beziehen die geplanten Betten neu.
Auf Paris stoßen wir an und gehen früh schlafen.
Ach, wie herrlich liegt es sich in den federnden Betten! Kühl und weich sind sie. Nackt schläft man. Die Haut brennt und juckt von dem vielen Schweiß. Der Eiter in den Zehen tuckt.
Aber um zwölf Uhr nachts, kurz vor Mitternacht, schlagen harte Fäuste an die Türen: „Alarm! Sofort fertig machen!"
Der Hauptmann hat eine sehr verschlafene Stimme und sagt zu Schlaftrunkenen ein paar Worte: „Ein Nachbarkorps ist aus den Pariser Werken heraus angegriffen worden. Es hat Artillerie verloren. Wir sollen ihm helfen."
Gut. Denn wollen wir ihm helfen.
An den Postenlöchern unter der Pappel vorbei.
An den blauroten Fray-Bentosbüchsen und den leeren Flaschen vorbei.
Dieselbe endlose Straße zurück, die wir gestern nachmittag hierher gekommen sind.
Wie kann ein Korps nur Artillerie verlieren?
Unser Korps hat doch noch keine verloren.
Da steht halblinks ein Stab am Scherenfernrohr.
Vielleicht ist das der Anfang des bedrohten Korps!
Er beobachtet in der Richtung, aus der wir kommen.
Wir werden in den Straßengraben gewinkt.
Das ist ja überhaupt unser Divisionsstab, Exzellenz und der la, der dicke Graf. Unser Hauptmann meldet sich und sieht auch durch das Scherenfernrohr.
Da soll zu sehen gewesen sein, daß aus den Wäldern hechtblaue Massen in die Täler hinabquollen. Wir muff en dicht vor ihnen gegeffen und geschlafen haben. ~
Es stehen plötzlich zwei weiße Bälle über dem Stab. Kaum, daß man sie hat kommen hören. Der Qualm treibt über uns hinweg durch die Zweige der Pappeln.
Ein ärgerlicher Zwischenfall, häßliche Störung.
Vielleicht der Anfang der Schlacht um Paris?
Sergeant Kalewe sucht mit dem Glas nach dem Euffel.
Und kann ihn noch immer nicht finden.
Es ist doch so unheimlich und seltsam, daß der Hauptmann kommt und die Lage erklärt.
Alles sei in bester Ordnung.
Gleich ginge es auch wieder vorwärts.
An diesem Tage wird ihm zum erstenmal nicht mehr geglaubt.
Wir ziehen in den Grund. Durch eine Stadt, in der viele Kolonnen kreuz und quer unterwegs sind. Vielleicht heißt sie Meaux.
Wir denken, wir seien, wie immer, vorn. Aber hier kreuzen wir uns mit Korpsbrückentrains. Die große Bagage eines Kavalleriekorps kommt neben uns zurück. Artillerie überholt uns int Trab.
Wir überschreiten einen nicht all zu breiten Fluß auf einer steinernen Brücke.
Marne heißt der Fluß.
Wir werden an einen buschigen Hang gelegt.
Granaten krachen auf die Brücke.
Weiße Bälle stehen über dem Fluß.
Maschinengewehrwagen jagen im Galopp durch das Feuer.
Rechts von uns gehen die Musketiere den Hang hoch.
Irgendwo ganz dicht vor uns knackt es unaufhörlich, als müßten wir das Feuer in die Augen bekommen.
Nun hämmern unsere Maschinengewehre.
Ein schweres Gefecht ist rechts von uns im Gange.
Jedenfalls ist die Aktion jetzt im Laufen.
Immer was wert und besser als die Spannung.
Oben dicht vor dem Hang, liegen die Musketiere in Kuffeln und Ginster. Sie schießen unaufhörlich in die Kuffeln und Ginster, die ihnen gegenüberliegen, und können doch nicht viel sehen.
Sie haben unter dem Artilleriefener, das hastig und erregt klingt, Verluste wie noch nie. Die drüben wissen genau, wo das Reaiment liegt und schießen haarscharf.
Da kommen ja die eigenen Truppen schon raus aus dem Wald. Man bloß, daß diese eigenen Truppen bunte Stickerei auf den Hosen, die Offiziere Käppis und wehende Pelerinen haben. Diese eigenen Truppen, das sind Zuaven.
Herr Hauptmann, Herr Hauptmann!
Die greifen noch butt an, die Zuaven, laufen aus dem Wald in die Heuhaufen und macken richtige Sprünge.
Der Hauptmann hat Ruhe und wartet, bis sie weiter vom Wald ab sind.
Jetzt schreit er schrill.
Sergeant Kalewe brüllt es von Ufer zu Ufer nach.
Wenn die Zuaven das hören, buchsen sie ab.
Pioniere sind Handwerker, Fischer, Schiffer und Bauern.
Sie schießen langsam, aber genan.
Große, bunte Blumen sind zwischen den Heuhaufen.
Einen Spritng machen die Zuaven noch.
Dann bleiben sie hinter den Heuhaufen liegen.
Einige laufen zurück. Kommen aber nickt weit.
Hinter einem Haufen beobachten drei Offiziere.
Der Hauptmann nimmt sic mit seiner Gruppe unter langsames Feuer. Er schoß immer 10, 11, 12, 11, 12.
ohne Schild deinen Hieben standhalten. Uebrigens möchte ich jetzt gern das Spiel beenden, denn ich fürchte, dem Gluck ist mächtiger als mein Unglück. Jeder hängt am Leben, so lange er kann.
Losbitten Hilst hier nichts", sagte Bjarni. „Es wird werter gekämpft." „Ich will nicht den ersten Hieb haben", sagte Thorstem. Ta schlug Bjarni ihm den ganzen Schrld weg. Dann Thorstem Bjarni ebenso. „Das war ein mächtiger Hreb . sagte Biarni. Thorstein versetzte: „Deine sind nicht weniger nrachtm- V,arni. „Das Schwert, das du von Anfang an gehabt hast, schneidet letzt besser." Thorstein: „Ich möchte mich vor Unheil hüten, so lange ich kann, und mit Bangigkeit schlage ich auf dich em. ,,ch bin noch jetzt bereit, alles deinem Urteil zu überlassen. Nun war Bjarni an der Reihe, einen Hieb zu tun, und beide standen ohne Schild da Da sagte Bjarni: „Das wäre eine schlechte Bezahlung, wollte ich glücklichen Zufall mit Uebeltat vergelten. Ich betrachte menten Knecht als voll ersetzt, wenn ich dich bekomme und du mir treu fein willst." Thorstem sagte: „Heute hätte ich genug Gelegenheit gehabt, dich zu verraten, wenn ein mächtiger Unfern über mir gewesen wäre als Heil über dir. Ich werde dich auch künftig nicht verraten." „Ich sehe, du bist mehr wert als andere .fast6 Bjarni. „Jetzt wirst du mir erlauben, daß ich zu demem Vater hinem- gehe und ihm erzähle, was mir gut dünkt. „Meinetwegen gehe hinein, wenn du willst", sagte Thorstein, „doch fet vorstcktig! -
Bjarni trat an die Schlafkammer, in der der alte ^.horarin laa Thorarin fragte, wer komme, und Bjarni nannte fentert Immen „Was hast du zu melden, lieber Bjarni?" fragte Thorarin. „Den Tod deines Sohnes Thorstein", versetzte Bjarni. „Hat er sich wenigstens einigermaßen gewehrt?" kragte Thorartn. „Nie, glaube ich, hat einer schneidiger dte Waffen geführt als Thorstem, dein Sohn." „Nicht zu verwundern", sagte der Alte, „daß es deinen Gegnern schwer fiel, im Bödvarstal, wenn du meinen Sohu überwunden hast." Da sagte Bjarni: „Ich lade dich em nach Hof, du sollst dort im zweiten Hochsitz sißen, so lange du lebst, und ich will dir an Sohnes statt stehen." „Mir geht es wie denen", sagte der Alte, „die nichts zu verlieren haben. Nur der Dumme freut stch über Versprechungen. Eure Versprechungen, wenn ihr nach sol- | chcm Vorfall einen etwas aufmuntern wollt, trösten gerade auf einen Monat. Nachher sind sie um nichts besser als die von uns armen Schluckern und so bleibt unser Leid lange frisch. Aber freilich, wer so etwas mit Handschlag zugesichert erhalt von einem Manne wie du, der mag wohl zufrieden sein, was man auch jagt. So will ich diese Zusicherung denn auch von dir annehmen. Komm heran an mein Bett! Du mußt schon nahekommen, denn du stehst, der Alte bebt an Händen und Füßen vor Alter und Krankheit, und zu glauben ist auch, daß der Tod des Sohnes nur ä» schaffen macht." Bjarni trat vor das Bett und nahm den alten Thorarin bei der Hand. Da merkte er, daß der Alte nach einem Messer griff und nach ihm stechen wollte. Er drückte seinen Arm beiseite und rief: „Du elendester aller Lumpenkerle! Nach Verdienst werde ich nun mit dir verfahren. Dein Sohn Thorstein lebt, und er soll zu mir nach Hof ziehen. Du aber sollst Knechte bekommen zur Arbeit und es soll dir an nichts fehlen, so lange du lebst. Thorstein zog mit Bjarni nach Hof und diente ihm bis zum Todestag. Es hieß allgemein, fast keiner käme ihm gleich an wackerem Sinn und Rüstigkeit.
Sergeant Kalewe in der Marneschlacht.
Von Ulrich Sander.
Von dem, was uns Heutigen das Erlebnis der großen Kriegszeit bedeutet, gibt das Buch „Pioniere" von Ulrich Sander überraschend nette Kunde. Wir veröffentlichen aus diesem mit reifer Männlichkeit geschriebenen Buch mit Erlaubnis des Verlages Eugen Diederichs den nachfolgenden Abschnitt.
Sergeant Kalewe fragt: „Herr Fähnrich! Wann kriegen wir den Turm zu sehen?"
„Welchen Turm?"
„Na, den Eusfelturm. Oder wie er heißt!"
Ja, wann werden wir ihn zu sehen bekommen? Vater hat zu Hause einen Führer durch Paris. Mau hätte ihn sich schicken lassen sollen. Mau wäre bann im Bilde.
Montdidier ist eine verschlafene Kleinstadt mit einem grasbewachsenen Marktplatz, an dessen rechter Seite ein Haus steht, in dem es köstliche Birnen gibt.
Jetzt scheinen sich die anderen doch zu melden, denn die Kolonne stockt immer wieder, und es sind sehr viele Reiter unterwegs. Ein Glück, daß die Kolonne nun gerade stockt, wenn die Pioniere auf dem Markt zu Montdidier sind.
Uebrigens gibt es in Montdidier ein Hans am Marktplatz, das unterkellert ist. Die Bagage hat Sekt. Und was für Sekt!
„Fähnrich, nun müssen wir doch wohl bald den Euffel zu sehen bekommen. Oder wie er sonst heißt?" fragt Sergeant Kalewe.
Das „Herr" haben wir uns abgemacht, denn wir marschieren ja nun nebeneinander, ein kriegsfreiwilliger Sergeant „für Mo- torzwecke" im Alter von sechsnndfünfzig Jahren und ein studierter Fähnrich, der immer schlanker wird, der in langen Hosen marschiert und mit völlig vereiterten Zehen in weißen Tennisschuhen auf Paris losgeht.
Auch diesen und den nächsten Tag geht cs ohne Schuß weiter. Tag und Stunde tun nichts zur Sache, aber es will gerade dunkel werben, da kommt die Kompanie an glimmende Feuer mit leeren Fray-Bentosbüchsen. Postenlöcher unter einer Pappel, Flaschen und blaurotes Blech. Wunderschöne, alte Wälder ringsum, die Landschaft voller Licht und Duft.
Sergeant Kalewe hat sich mit einem Glas auf die nächste Höhe begeben und sucht den Horizont nach dem „Euffel" ab.


