Ausgabe 
26.1.1934
 
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Siebener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 195$ Freitag, den 26. Januar uummer Z

Jägerlied.

Von Eduard M ö r t k e.

Zierlich ist des Vogels Tritt im Schnee, Wenn er wandelt auf des Berges Höh: Zierlicher schreibt Liebchens liebe Hand Schreibt ein Brieflein mir in ferne Land

In die Lüfte hoch ein Reiher steigt, Dahin weder Pfeil noch Kugel fleugt: Tausendmal so hoch und so geschwind Die Gedanken treuer Liebe sind.

Or'e Erzählung von Thorstein Stangenhieb.

Eine «ordgermanische Bauerngeschichte.

Nach einer altisländischen Vorlage bearbeitet von Dr. Joh. Hoffmann.

Im Sonnental wohnte Thorarin, ein alter Mann mit schwa­chen Augen. Er war Wiking gewesen in seiner Jugend und war auch im Alter noch umgänglich genug. Einen Sohn hatte er mit Namen Thorstein. Der war groß, kräftig und von ruhigem Wesen und arbeitete in der Wirtschaft des Vaters für drei. Thorarin ivar ziemlich arm, doch besaß er noch viele Waffen. Auch hielten Vater und Sohn ein Gestüt, und ihr Hauptverdienst bestand darin, daß sie Pferde verkauften, lauter gute Reit- und Kampftiere.

Bjarni von Hof hatte einen Knecht namens Thord, der besorgte seine Reitpferde und hieß darum der Pferdethord. Er war ein übermütiger Mensch und ließ es manchen fühlen, daß er eines reichen Mannes Knecht war, ohne daß er selbst dadurch mehr wert oder beliebter wurde. Thorstein und Thord verabredeten einen Pferdekampf mit jungen Hengsten, und als die Hatz losging, da wollte Thords Hengst nicht ordentlich beißen. Thord mochte nicht dulden, daß sein Hengst im Nachteil war, und gab dem des Thor- stcin einen starken Schlag ans die Nüstern. Thorstein sah es und schlug zum Entgelt noch stärker auf das Pferd des Thord, so daß dieses unter lautem Beifall der Zuschauer Reißaus nahm. Da schlug Thord mit dem Pfcrdeholz auf Thorstein los: es traf die Braue und quetschte sie, daß das Auge verdeckt war. Thorstein riß einen Lappen von seinem Hemd, band die Braue in die Höhe und tat, als wäre nichts geschehen und bat die Leute, es seinem Vater zu verschweigen. Man gab Thorstein den Beinamen Stangen­hieb.

An einem Wintermorgcn kurz vor dem Julfest brachen in Sonnental die Mägde zur Arbeit auf. Es erhob sich auch Thvr- stein und half Heu hereinschassen. Dann streckte er sich hin auf eine Bank. Der alte Thorarin kam herein und fragte, wer da läge. Thorstein sagte, er sei es.Warum so früh auf den Beinen, mein Sohn?" fragte der Alte. Thorstein erwiderte:Es ist so viel zu tun, daß es nicht leicht zu viele Hände werden."Du hast wohl Kopfschmerzen, mein Sohn?" fragte Thorarin.Nicht daß ich wüßte", versetzte Thorstein.Was hast d umir zu erzählen, Sohn, von dem Pferdething im letzten Sommer? Wurdest du da nicht halb ohnmächtig geschlagen wie ein Hund?"Es bringt keine Ehre", sagte Thorstein,wenn du das Schläge nennst statt einen Unfall." Darauf Thorarin:DaS hätte, ich nicht gedacht, daß ich einen Feigling zum Sohne habe!" Thorstein:Sage lieber nichts, Vater, was dich später gereuen könnte!" Thorarin erwiderte: Wie mir zumute ist, ist bald gesagt!"

Da stand Thorstein auf: er nahm seine Waffen und ging aus dem Haus. Er ging bis zu dem Pferdestall, in dem Thord die Pferde Bjarnis stehen batte. Thord. war gerade darin. Er trat zu ihm und sagte:Ich möchte wissen, lieber Thord, ob cs aus Ver­sehen geschehen ist, als ich letzten Sommer auf der Pferdehatz von dir einen Hieb bekam, oder mit Absicht. In diesem Falle wirst du bereit sein,"mir Entschädigung zu geben." Thord antwortete:Du hast ja ivohl zwei Backen: Stecke deine Zunge zuerst tnjne eine und dann in die andere 11116 nenne es auf der einen Seite ein Versehen, auf der anderen Ernst. Das magst du als deine Ent­schädigung betrachten."Mach dich darauf gefaßt", tagte thorstein, daß dies meine letzte Forderung an dich war": er sprang aus ihn zn und versetzte ibm den Todesstreich. Dann wandte er tich zum WvhnhaiUe in Hof, traf draußen eine Frau und sagte zu ihr: Melde Bjarni, ein Rind bat seinen Pserdeinngen gestoßen, und er erwartet ihn im Stalle." Die Frau erwiderte:Geh nur um i

Hause, Manu! Ich melde es, so bald es mir gut dünkt." Thorstein ging heim und die Magd an ihre Arbeit.

Am selben Morgen stand Bjarni auf und als er am Tische saß, fragte er, wo Thord wäre. Die Leute antworteten, er werde zu den Pferden gegangen sein.Er wäre aber doch wohl jetzt nach Hause gekommen, wenn er gesund wäre", sagte Bjarni. Da ergriff die Frau das Wort, die Thorstein begegnet war:Es ist doch wahr, was man uns Frauen so oft nachsagt, baß bei uns nicht viel Verstand ist. Heute früh war Thorstein Stangenhieb hier und sagte, ein Rind habe Thord gestoßen, so daß er sich selbst nicht helfen könne. Ich wagte nicht, dich zu wecken, und später habe ich es vergessen." Bjarni stand auf, ging zum Pferdestall und fand Thord erschlagen. Die Leiche wurde darauf beerdigt. Bjarni erhob die Klage und erreichte, daß Thorstein wegen des Totschlags geächtet wurde. Thorstein aber blieb zu Hause im Sonnental und arbeitete für seinen Vater. Trotzdem verhielt sich Bjarni ruhig.

So ging es bis nach dem Julfest. Da ergriff eines Abends Rannveig, als Bjarni und sie zu Bette gingen, das Wort.Was meinst du?" sagte sie,worüber spricht man jetzt am meisten im Bezirk?"Ich weiß nicht", antwortete Bjarni,auf der Leute Reden gebe ich nicht viel."Der gangbarste Gesprächsstoff ist jetzt der: die Leute fragen sich, wie Thorstein Stangenhieb es anstellen müsse, damit du eine Rache an ihm für nötig hältst. Er hat doch deinen Knecht erschlagen. Deine Thingleute verlieren das Ver­trauen zu dir, wenn das ungerächt bleibt. Die Hände in den Schoß legen heißt, sie am falschen Ort hinlegen!" Bjarni ent­gegnete:Es ist gegangen nach dem Worte: wenige lassen sich warnen durch anderer Unfall. Aster ich willfahre dir schon in allem was du sagst. Uebrigeus hat Thorstein ihn kaum unverdient erschlagen." Mehr sprachen sie nicht und schliefen die Nacht durch.

Am Morgen erwacht Rannveig, als Bjarni seinen Schild von der Wand nahm, und fragte, wohin er gehe. Er antwortete:Jetzt muß es sich entscheiden zwischen mir und Thorstein im Sonnental, wer angesehener bleibt."Wicviele werdet ihr sein?" fragte sie. Ich will nicht große Mannschaft zusammenziehen gegen Thor­stein", erwiderte er,ich nehme niemanden mit."Tu das nicht", sagte sie,geh nicht allein vor die Klinge des Höllenkerlsl" Bjarni sagte:Du wirst es nicht machen mit mir wie jene Frauen, die heute über etwas weinen, wozu sie gestern antrieben. Ich lasse oft deine Hetzreden lange über mich ergehen: bin ich aber einmal entschlossen zur Tat, so nützt es nichts, mich zurückzühalten."

Bjarni ritt ins Sonnental. Thorstein stand vor der Tür und sie wechselten wenige Worte. Bjarni sprach:Du sollst heute mit mir zu in Zweikampf antreten, Thorstein, auf dem Hügel hier vor dem Hause." Thorstein erwiderte:Dazu fehlt es mir an allem, mich mit dir zu schlagen. Aber ich will ins Ausland reisen, sobald ein Schiff geht. Ich kenne deine wackere Gesinnung und du wirst dich meines Vaters annehmen, wenn ich fortgehe." Bjarni sagte:Ausreden verfangen jetzt nicht." Thorstein:Dann wirst du mir doch erlauben, vorher mit meinem Vater zu spre­chen." Bjarni:Gewiß!"

Thorstein ging ins Haus und sagte seinem Vater, Bjarni sei gekommen und fordere ihn zum Zweikampf. Da erwiderte der Alte:Wer mit einem Mächtigeren zu tun hat, der im selben Bezirk sitzt, und ist ihm zu nahe getreten, der muß darauf gefaßt sein, daß er nicht mehr viele Hemden verbrauchen wird. Du hast genug Ursache gegeben, und ich kann dich deshalb nicht beklagen. Nimm also deine Waffen und wehre dich so schneidig rote möglich. Zu meiner Zeit wäre ich vor so einem wie Bjarni nicht gewichen. Bjarni ist freilich ein gefährlicher Gegner. Aber ich will lieber dich verlieren als einen Feigling zum Sohne haben!" Thorstein ging hinaus. Sie traten auf den Hügel und begannen sich kräftig zu schlagen, so daß die Schilde auf beiden Seiten arg zerhauen wurden. Als der Kampf lange gedauert hatte, sagte Bjarni zu Thorstein:Mich fängt an zu dürsten, denn ich bin an diese Art Arbeit nicht so gewöhnt".Dann geh zum Bache und trink", sagte Thorstein. Bjarni tat es und legte das Schwert neben sich auf den Boden. Thorstein hob es auf und sagte:Dieses Schwert hättest du im Kampfe in Bödvarstal nicht brauchen können." Bjarni ant­wortete nichts. Sie gingen wieder auf den Hügel hinauf und stritten eine Weile weiter. Vj-krnt fand den Gegner kampfiüchtig und feinen Widerstand härter, als er sich gedacht hatte.Allerding stößt mir heute zu", sagte er,jetzt ist mein Schuhband losge­gangen."So binde es dir wieder fest!" sagte Thorstein Nun bückte Bjarni sich nieder, und Thorstein ging inzwischen ins Saus und holte zwei Schilde und ein Schwert. Er kam auf den Hügel zu Bjarni und sagte:Hier sind Schild 1 6 Schwert, die schickt dir mein Vater: dies Schwert wird durch die Hiebe gewiß nicht mehr abgestumpft als dein altes. Ich selbst mag auch nicht länger