Ausgabe 
25.6.1934
 
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Dürre und Regen.

Von Karl Benno von Mechow.

I.

Eine grausame Dürre lag über dem Lande und unterdrückte das Wachstum, wo es sich irgend regte und auszudehnen strebte. Tag auf Tag schien ohne Erbarmen die Sonne herab, sog mit ihren glühenden Strahlen den Saft aus den Pflanzen und ver­sengte denAckerboden zu einer tiefen Schichtung von Wüstenstaub. Wenn man mit dem Stock in der Ackererde bohrte, konnte man erst in beträchtlicher Tiefe auf eine dunkler gefärbte Erde stoßen, die noch einige Feuchtigkeit verriet. Nur den tief wurzelnden Kulturpflanzen war sie zugänglich, aber selbst diesen genügte die Wasserzufuhr nicht mehr, um das mächtige Blatt- und Halm- gebüude über dem Boden mit zureichenden Lebenssäften gegen die sengende Glut zu wappnen. So blieben also auch die starken Pflanzen des Winterroggens frühzeitig in ihrem Wachsen stehen, wider Erwarten schnell ließen die kleinen Spelze und vor­gebildeten Behälter der künftigen Körner ihre Blütennarben an den Aehrcn hinunterhängen, dem Winde entgegen, der den FMcht- staub trug. Und alsbald wehten die warmen Windstöße breite, graue Dunstwolken über die Felder und verhalfen dem Werk der Befruchtung zu schnellem und gutem Gelingen.

Von nun an diente aller Saft, den die Halme ansogen, nur noch dem Werden und Wachsen der kleinen Körner in ihren Aehrenzellcn. Alle anderen Pslanzenteile blieben ohne die stär­kende Zufuhr und stellten nach und nach ihr Wachstum ein. Schon begannen die untersten Blätter abzusterben, und die schlanken Halmrohre verfärbten sich zu einer grauen Helle und gingen dann ins Gelbliche über.

Auf den Stellen, wo tiefgeschichtetes Kiesgeröll die Ackerkrume vom Untergrund abschnitt, schien selbst die zur Ausbildung der Körner notwendige Kraft zu versagen. Dort standen schon hier und da die Halme in einem fahlen und toten Weiß und wehten trübselig ihre notreifen, fast fruchtleeren Aehren in der Luft hin und her. o

Gersten- und Haferfelder lagen wie in den letzten Zugen eines entweichenden Lebens. Das Blattwerk war kläglich zusammen­geschrumpft, und um vieles zu früh streckten sich armselige, dünne Hälmchen daraus hervor und erreichten kaum die halbe Höhe eines nur normalen Wachstums. Auf den ausgesprochenen Brandstellen blieben sie überhaupt ganz fort. Dort schien der Tod schon ern- gekehrt zu sein und bas Verdursten sein Ende gefunden zu haben. Zwischen den kümmerlichen Resten der Kulturpflanzen starrten überall die spitzen Blätter des Unkrauts in hartnäckiger Lebens­tüchtigkeit empor. Entbehrungsgewohnt hielt es der Dürre stand, dank seines in tiefste Regionen hinabreichenden Wurzelsystems hier ebenso vor dem Verderben geschützt, wie vor allen anderen Angriffen bisher. Weit und breit bedeckte es die Aecker, drängte öie letzten Reste der Sommersaaten immer mehr zurück und täuschte aus der Ferne dem unkundigen Auge einen grünen Felderbestand vor. ~ ~

Ueberall auch hatte sich das junge Samenunkraut dieses Früh­jahrs breit gemacht, doch sand selbst dieses sich im Wachsen be­drängt und kam überaus schnell zum Blühen. Mit mattem Gelb besprenkelten weithin seine kleinen Blütenblumen die Aecker.

In herrlicher Klarheit erwachte der Morgen, über dem glitzernden Tau erhob sich die. Sonne, und hart und kühl war die nachtcrfrischte Lust. Doch mit der zunehmenden Erwärmung erhob sich von Osten her der Wind und zerblies im Umsehen die karge Netzung der Wassertropfen an den Pflanzen. Bis zum Mittag hin und seiner vollen Glut hatte er sich ost zum Wüstensturm gestei­gert und den allerletzten Rest von Feuchtigkeit aus bei Luft ver­weht. Er fegte dahin über die flachen und ungeschützten Felder und raschelte in den welken Blättchen. Er ebnete die kahlen Fla­chen der ganz spät gesäten Aecker ein und gab ihnen in unauf­hörlicher Veränderung das gewundene Gerinne von Wellen auf einem Wasserspiegel. Er fegte große Wolken von Sand in die Höhe und trug sie als breite Staubschwadcn mit sich davon. Er nahm auch den federleichten Samen der Futterpflanzen mit, der wochenlang leblos und untätig im durchglühten Sande gelegen hatte, denn cs hatte sich seit den Tagen seiner Saat noch keine Nässe niedergcsenkt, um ihn zum Quellen und Keirnen zu bringen.

In leidlicher Gesundheit hielten sich allein die Kartoffeln. Sie prunkten mit dem tiefen Grün ihrer noch kleftwn Stauden, denn sie zehrten immer noch von der mütterlichen Spende ihrer L-aat- knvlle und genossen einstweilen die Wärme als ihre allererste not­wendige Lcbensvoraussetzung. Doch langsam zeigten auch die erst- gepflanzten, frühen Sorten das Zeichen der Ermattung und be­gannen, ihre Blätter um die Mittagszeit breit auf die Kamme hcrabzulegcn.

Tag reihte sich an Tag, unter der wolkenlosen, strahlenden Bläue eines unendlichen Sonnenhimmels und erfüllt mit allen Freuden und Wonnen eines herrlichen Vorsommers, und den­noch erbarmungslos ivuchtcnd auf dem schweratmenden Leben der Natur, das von all dieser Schönheit nichts genoß, nichts hatte, als die hoffnungslose Gewißheit eines baldigen Dursttodes.

An manchen Tagen wohl legte sich auch der Wind am Nach­mittage, und am Himmel sammelte» sich weiße Wolkengelnlöe und türmten sich schließlich zu schweren Haufen, aus denen es ver­heißungsvoll grollte. Aber es blieb bei diesem leeren Geprahle, ein minutenlanger Windstoß fuhr über die Gegend, daß sich r ie Bäume tief herabbogen, daß das lose Heu in fteken über die Wiese flog. Außer einigen riesigen Tropfen wußten die Wolken nichts für diesen Erdstrich herzugeben. Sie lösten sich und ver­schwanden, wie sie gekommen waren. Am nächsten Tage la» man

bann wohl bekümmert und neidisch von Gewittern und Regen­fällen, die anderwärts das Land gesegnet hätten. In der Wette des hiesigen Schauplatzes lag alles in erfrischter Kühle da, die Nacht hatte wiederum Tau gebracht und einen klaren Morgen er­stehen lassen, und daran schloß sich von neuem die ununterbrochene Reihenfolge unendlich schöner Tage.

II.

Viel schneller, als man es eben hätte denken können, war bas Unwetter da und gleich mitten in der Vollkraft seines Tobens. Es ballte sich von mehreren Seiten her zusammen, als hätten sich alle Gewitter der Welt hier ein Stelldichein gegeben. Der Himmel wurde überhaupt nicht mehr dunkel, die Atmosphäre schien wie Leuchtgas zu brennen, und die knatternden Schläge folgten ganz dicht aufeinander und rissen sich das Brüllen aus dem Munde. Es war ein grauenhafter Lärm, die Wände dröhnten wider vom Schall der Entladungen, und in den kurzen Momenten der Stille hörte man die Fensterläden wie besessen im Sturme gegen die Mauer trommeln. Bei aller angsterweckenden Bedrohung reizte das Getümmel die Nerven zu jubilierendem Mitschwingen, wie das paukendonnernde Kreszendo einer Symphonie.

Und dann begann es endlich zu rauschen und zu strömen, und eine meerschwere Wasserflut schüttete aus der Nacht herab gegen die Hauswände, drang in die Fugen der Gemäuer, in alle Oeffnungen und weit hinein in die Durchfahrten der Hofscheune und sammelte in deren Innerem große Seen. Sie legte sich drau­ßen, vom Sturm gejagt, wie zentnerschwere Steinlast schräg auf die angstvoll wogenden Kornfelder. Der staubtrockene Boden an der Oberfläche wehrte sich zäh gegen die plötzlich aufprallende Nässe und nahm sie nicht an. So konnte sie sich zunächst nicht mit dem Erdreich mischen, sondern floß oben dahin und riß den Sand mit, wohin sich irgendwie ein Gefälle neigte.

Immer noch nahmen die Entladungen an Heftigkeit zu. Blieben sie mal einen Augenblick aus, so daß es den Anschein hatte, als sei jetzt der Höhepunkt des Wütens überschritten, folgte schon wieder fast gleichzeitig mit der Himmelsflamme ein nachhalloser, einziger Schlag, als sei ein ganzes Haus mit Dynamit aufgeflo­gen, als läge die Welt in Scherben.

Es war ein Gipfelpunkt aller Wetter, ein Rieseneffekt der Natur und eine Zusammenfassung der Kräfte am Rande der Ver­nunft, wie sie die ferne Gewalt ersinnt, wenn sie sich nach langer Enthaltsamkeit einmal wieder zu vollem Wirken herbeilätzt und damit etwas sagen will, was selten einer versteht. Ein über­mächtiges Eingreifen, wie es in seiner ganzen Stärke nur der Mensch empfinden kann, der da lebt ohne den Schutz zahlreicher Stockwerke über dem Kopf, ohne die Genossenschaft der Menschen um sich herum, mit unverbauter Aussicht zum Himmel,- der die Arbeit seiner Hände auf Gnade und Ungnade dem leicht erklär­baren, aber nie verständlichen Geschehen anvertraut, das er kurz und hilflos die Natur nennt.

Mit der gleichen merkwürdigen Schnelligkeit des Herein­brechens hörte das Unwetter jäh auf, ganz ohne ein allmähliches Abschwellen und das Verklingen eines formgewollten Schluffes. Das Sturmtosen lietz nach und ging in ein stetiges Wehen über, das Krachen der Entladungen blieb aus, und man hörte den unaufhörlich herabrauschenden Regen, unendlichen Regen. Geseg­neter RegenI....

Katarina kann sich nicht entscheiden.

Roman von Viktor von Kohlenegg.

Copyright 1932 by August Scherl G. m. b. H., Berlin. * (Fortsetzung.)

Diez also boxte und befreite sich. Da gab es Verdruß im Be­zirk derVegumag": Da war einer der Unterdirektoren, Eugen Vrosie, der einem öfters aufs Gemüt trat, klein, schwammig, ge­schniegelt, roch wie ein Lippenstift, ein ironischer Schulterklopfer, der auch gelegentlich Diezens funkelnde Artikel in denLeucht­kugeln" wohlwollend kritisierte:Zu scharf, junger Meister! Noch zu verliebt in die Dingel Wir werden kühler und milder werdenl" Päng! ... Uebrigens Tills Sonöergebieter, zu dessen Abteilung das graphischliterarische Büro (Reklame) derVegu- mag" gehörte. Sie tat gern, als gedächte sie, ihn für ihre Ziele und Zwecke ums Fingerchen zu wickeln... Patsch! Mitten aufs Nasenbein! Aber das geschah heute mehr im Ramsch. Denn es gab da neuerdings etwas anderes...

Da war erst gestern abend wieder die beunruhigende Begeg­nung im Theater gewesen! Ein brennender Groll davon noch heute in seinem Herzen. Unleugbar ein nagender Kummer, der ihn durchschwemmte,- denn er hatte auch eben davon geträumt.

Die gefeierte Dame hatte wieder wunderschön ausgesehen mit ihrer blendenden Haut, dem heitern Grauglanz ihrer Augen, königlich und doch weibhaft lässig und zart in dem langen, fließen­den Kleid. Daneben Onkel Louis, wie ein grotzmächtiger Pascha, überlegen und fast beleidigend gutmütig. c ~

Es war in letzter Zeit auch öfters vorgekommen, daß Dr. Diez Ldasselbrink eiligen Schritts und in Gedanken die Knesebeckstraße entlanglief,- meist gegen sechs, wenn eine gewiffe Dame ihren täg­lich streng vorgesehenen Lauf durch den Tiergarten antrat... Er schloß sich der Dame manchmal, stark belustigt und überrascht von der Begegnung, sür ein Stück Wegs an: etwas schüchtern wirkte so selbstbewußt er dabei aussah und so gescheit er sprach...

Diez machte ein finstres und höhnisches Gesicht: Knack, knack! Rechter, Linker, scharfer Gerader mitten aufs Kinn knockout! Er hatte sich selbst dabei im Spiegel vor Augen. Du Riesenrind-