Ausgabe 
25.6.1934
 
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang <954 Montag, -en 25. Juni Nummer 48

Am Meer.

Von Hans Leifhelm.

Wogenrollend in die Abenbglut Dehnt sich uferlose Wasserflut.

Dünenabwärts steht ein Tannenstrich Wie im Traum versunken still in sich.

Lauscht dem Sang, der dumpf aus Tiefen scholl. Urweltahnend und geheimnisvoll.

Sendet Antwort, die hinunter dringt, Wo sein Spiegelbild zum Grunde sinkt

Graues Meer und dunkle Taunenschar, Zwiesprach halten sie schon manches Jahr.

Tausend Jahre werden sie noch sprechen, Städte, Länder werden morsch zerbrechen.

Lores Brautfahri nach Süd-West.

Eine Erzähluug aus dem alte« deutschen Kolonialland.

Von Lydia Hoepker, Okurusu, Südwestafrika.

Das Zügle verschwand ratternd und rauchend in der unend- lchen Weite des Horizontes. Lore stand auf einer einsamen, von Sonnenglut übergossenen Haltestelle von Südwestafrika. Ihr Ge- sück, das ihr ein hilfreicher Mitreisender herausgereicht hatte, lag um sie verstreut. Suchend sah sie sich um. Da kam auch schon ein langer Herr. Er hatte eine weiße Jacke an und trug eine saubere jihakihose mit einigen großen Flicken aus blauem Kattun auf dem Hinterteil und den Knien. Höflich zog er seinen mit einer Strau- senfeder geschmückten Hut und überreichte ihr einen Brief mit ttnem Strauß roter Rosen. Einige andere Eingeborene, nicht so rornehm angetan, die auf ihren schwarzpolierten Körpern nur tnen Lendenschurz trugen, folgten ihm. Einer davon, der aussah, «ls wenn er jeden Tag ein gutgenährtes Kind zum Frühstück ver­ehrte, wollte ihr die Handtasche, die sie hielt, entreißen. Sie ließ cber nicht los. Da gab er gutmütig den Kampf aus und hob Lores shweren Koffer, als habe er kein Gewicht, auf die Schulter. Das kanze Gepäck brachten die Schwarzen nach einer nahestehenden tchsenkarre.

Die schlanke, blonde Lore hatte die weite Reise übers Meer zu ihrem Verlobten gemacht. Morgen sollte die Trauung auf der farm sein. Und nun war ihr Liebster nicht mal hier, um sie ab- zuholen. Enttäuscht setzte sie sich auf einen umgefallenen Baum- siamm und öffnete den Brief. Ihr Gesicht hellte sich wieder auf. Sie las so viel liebe Worte und spürte seine Sehnsucht darin. Kurz bevor die Karre von der Farm abfahren sollte, habe ein Birbelsturm den Windmotor beschädigt. Gerd mußte ihn schleu­nigst reparieren, sonst hatte das Vieh kein Wasser. Das Ivar Afrika, und Lore bekam gleich den richtigen Begriff.

Sehr einsam", dachte Lore seufzend!Hier ist die Welt zu knde!" Der Eingeborene, der ihr den Bries gebracht hatte er h etz Samuel, holte nun die Ochsen und spannte sie mit Hilfe der anderen Schwarzen mit vielem Geschrei ein. Lore stand dabei rnd sah zu. Samuel nahm eine kleine Kiste von der Karre und erklärte Lore in zwar mangelhaftem Deutsch, doch mit einer sehr ausdrucksvollen Mimik, daß sie essen solle: Er schlug sich auf den S auch, riß das Maul auf und zeigte mit dem Finger hinein. Lore sichte schon wieder getröstet, schüttelte aber den Kops, da sie nicht hungrig war und kletterte auf die Karre. Dort war ein Liege- s'uhl mit Kissen zu einem beguemen Sitz hergerichtet. Sie spürte d e sorgende und liebende Hand ihres Verlobten und kam sich ireniger verlassen vor.Wopp!" schrie Samuel und schwang die g'vße Peitsche. Die Ochsen zogen an, und los gingS weiter nach Afrika hinein.

|i Der Busch war grün, und bunte Vögel und Papageien wiegten sich in den Zweigen. Lore betrachtete erwartungsvoll und kindlich ei freut ihre Umwelt. Die munteren Erdmännchen mit ihren buschigen Schwänzen machten ihr besonderen Spaß. Sie sausten inmer eiligst über die Pad und verschwanden in irgend einem

Loch. Manche blieben stehen und machten ein Männchen. Ein paar Strauße schaukelten mit ihrem wiegenden Gang einher. Sie reckten ihre lange Hälse und äugten nach der Karre. Samuel machte Lore aus alles aufmerksam. Sie hatte nicht seine geübten Augen und mußte das Sehen im Busch erst lernen. Einmal sprang er von der Karre und holte ihr eine grpße Schildkröte, die langsam über die Pad zog. Er wollte sie mit nach Hause nehmen und töten, aber sie wünschte, daß er ihr wieder die Freiheit gab. Eine Schar Perl­hühner flog mit großem Geschrei beim Nahen der Karre auf. An schattigen Kamelöornbäumen fuhren sie vorbei, rote Lilien und silberweiß blühende Büsche schmückten das Feld. Die Sonne war am Sinken. Samuel drehte sich um und deutete mit der Peitsche iu den Busch. Dort sah Lore ein liebliches Bild. Eine kleine Anti­lope stand da und säugte ihr Junges. Ruhig schaute sie mit ihren schönen braunen Augen nach den Menschen.

Einer von den Schwarzen brachte Holz und machte Feuer, und i Samuel kochte Tee für dieMissis". Er legte ebne Decke auf den Boden und stellte ihr die Proviantkiste zurecht. Diesmal lehnte sie nicht ab, sondern mit gutem Appetit die Farmprodukte: Quark, Eier, Butter und gebratenes Perlhuhn. Die Schwarzen kochten sich Maismehl, nahmen die Jochscheite, langten damit in den Brei und leckten ihn ab. Samuel hielt sich für verpflichtet, Konversation zu machen.

Lore war eben damit beschäftigt, frisch einzugießen, da wäre ihr fast der Kessel aus der Hand gefallen, denn hinter einem dicken Baumstamm trat eine düstere Gestalt hervor: ein Mann in Khaki- hemd und -Hosen und hohen Schaftstiefeln. Ein verwilderter, schwarzer Bart umrahmte sein verwittertes Gesicht. Den Hut hat er tief in die Stirn gezogen.Herr Duewel", stellte er sich vor und stach mit zwei Fingern an die Krempe seines Hutes. Eine Auf­forderung nicht abwartend, setzte er sich zu Lore ans Feuer. Dann stopfte er seine Pfeife, entzündete sie mit einer glühenden Kohle, spuckte in die Asche und starrte in die Glut. Nach einer kleinen Weile fragte ihn Lore, wie er hierher gekommen sei,Zu Pferd", war die knappe Antwort, dabei deutete er mit dem Daumen hinter sich. Da war wohl irgendwo sein Pferd angebunden. In dem weichen Sande hatte ihn niemand gehört. Dieser stumme Gast wurde Lore unheimlich. Sie saß ihm beklommen gegenüber. Des­halb befahl sie Samuel, er solle weiterfahren.

Als sie gepackt hatten, und die Ochsen im Joch standen, und Lore nun aufsteigen wollte, sprang auch Herr Duewel auf. Er trat zu ihr, nahm die Pfeife aus dem Mund und stotterte:Fräulein, ich will Sie heiraten. Gehen Sie nicht an Ihrem Glück vorbei. Ich bin doch Herr Duewel und habe die beste Farm: 420 Stück Groß­vieh, Afrikanerkühe, Simmentaler Bullen, 200 Schafe, reine Per­ser, 20 Schweine, Berkshire, 60 Hühner, weiße Leghorn und un­erschöpfliches Wasser." Danach machte Herr Duewel eine erwar­tungsvolle Pause und klopfte die Pfeife am Stiefelabsatz aus.

Lore antwortete sanft, sie sei schon verlobt und wolle morgen heiraten. Aber dieser Einwand störte Herrn Duewel gar nicht. Er sagte, das wisse er, aber schon manche Verlobung sei zurück­gegangen, weil sich was Besseres fand. Er sei die Pad entlang geritten, um sich das Fräulein anzusehen und halte es nun für eine Schicksalsfügung, daß er sic hier allein getroffen habe. Ihr Verlobter sei ja ein ganz netter Kerl, aber er Herr Duewel habe doch eine viel schönere Farm, und fein Vieh und seine Schweine seien auch viel fetter, weil er mehr Regen und besseres Gras hätte. Er wurde ungemein beredsam im Anpreisen aller Vorzüge seiner Wirtschaft. Von einer Muttersau erzählte er, die dreizehn Ferkel würfe, aber nur zwölf Zitzen habe. Deshalb müsse eines der Tierchen immer mit der Flasche aufgezogen werden. Sie müsse doch einsehen, daß er nicht alles allein tun könne. Lore aber hatte genug, sie wandte sich ab, sprang auf die Karre und schrie: Wopp." Sofort nahm Samuel die große Schwipp und zündete den Ochsen einen Knall über die Ohren. Darauf setzten sich diese in einen Zuckeltrab, und Mondlicht und Staub verwob sich zu einem magischen Nebel.

Nun versank die kleine Gesellschaft wieder in Schweigen, und weiter ging die Fahrt durch die schöne Nacht. Ab und zu wurde ein Ochse mit seinem Namen angerufen, ein Schakal ließ sein heiseres Gebell hören und andere antworteten aus der Ferne. Einige Nachtvögel flogen durch das Gezweige. Ein großer Baum in der Nähe eines Wasserloches wurde lehendig. Kleine Nacht­äffchen, mit dicken, buschigen Schwänzen, großen Ohren und run­den, leuchtenden Augen, reizende, possierliche Tierchen, hüpften von Zweig zu Zweig. Ein Kndu mit seinen stolzen, geschwunge­nen Hörnern kam und verschwand in dem silbernen Licht. Die