Ausgabe 
25.5.1934
 
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Verantwortlich: l)r. Hans Thhriot. Druck und Berlag: Brühl'sche Univ erjitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Sieben.

und mehr, seit er zusammen.

für ein Ja.

baß er wieder schustere. Sowas spreche sich in einem Nest wie dem ihren schnell herum.

Rikelchen schüttelte den Kopf. ..

So saß denn Gust angetan mit der grünen Schusterschurze, die Hemdsärmel bis über die Ellenbogen aufgekrempelt - wieder auf seinem alten Schusterhüker vor der lichtsammelnden Schuster- kuqel und wartete auf Kundschaft. Wartete, noch tiefer zusammen, gekauert als einstmals in seinem Hause an der Hohen Straße.

Aber es kam niemand. Es wurde nicht geklopft, daß er empor- schnellen konnte noch höher als einst, um von seinem Thron am Fenster herab zu fragen:Womit kann ich dienen?

Nach einer Woche vergeblichen Wartens faßte Nikelchen sich ein Herz. So gehe es nicht. Sie habe es vorher gesagt. Wenn sie das Schild draußen neben der Tür nicht bezahlen könnten, dann müße auf die Hauswand gepinselt werden, daß er fern Schuster- geschäft wieder betreibe. Falls sie auch den Maler nicht bezahlen könnten, müßten sie selber Maler sein. Ob er es machen wolle?

Gust verneinte durch heftiges Kopfschütteln. Ob sie es an seiner Stelle machen dürfe? Mmm", antwortete Gust.

Zu diesem vieldeutbaren Laut zog sich mehr wieder in den Baracken wohnte, seine Sprache

Secbziaiähriae? Was konnte man von der noch erwarten? Eine, die vor dem Krieg selber Mädchen kommandiert hatte? Woher sollte in ihr plötzlich die Fähigkeit sich finden, zu gehorchen? Eine, der es einmal gut ging? Weit besser als ihnen selber! Dabei kam sicher nichts Gescheites heraus.

Schließlich aber erhielt Rikelchen doch bei einer frühern Dienst­magd, die in Jahresfrist zur reichen Bäckersfrau geworden war, eine Morgenstelle.

Viele Demütigungen muhte die Lebensgefährtin des ehemals zweitreichsten Mannes der Stadt über sich ergehen lassen. Die Emporgekommene suchte und fand immer wieder Gelegenheit, der Herabgesunkenen von dem Wandel der Zeiten zu sprechen änd zu betonen, daß man sich das Vorwärts und das Zuruck seines Lebens selber zuzuschreiben habe. Der Laus der Dinge feiern andrer geworden als vor dem Krieg. Da müsse man eben sich umstellen, wüste man umwenden Wer gegen den Strom schwimme, verdiene es nicht besser, als daß er nicht vorwärtskomme oder gar wegsacke.

Rikelchen trat auf die Minute in der Frühe ihren Dienst an, verrichtete die ihr zugewiesenen Arbeiten schnell und gewissenhaft und nahm Schelte, Vorwürfe, Belehrungen, Demütigungen um des geliebten Mannes willen schweigend hin.

Eine Woche lang vermochte Rikelchen, Gust durch Vortäuschung notwendiger Besorgungen in der Stadt über ihr morgendliches Tun im Ünwissen zu erhalten. Dann ertappte er sie, infolge eines Zufalls, bei ihrem Schwindel.

Gust schalt: Das dulde er nicht. Sofort habe sie die hinter seinem Rücken angenommene Stelle aufzugeben. Heute noch! Keinen einzigen Morgen mehr hingehen. Er verbiete es ihr hier­mit ein für allemal nachdrücklich. Seinen Worten gehorchen! Oder es gebe ein Unglück. Hunderttausend Goldmark habe er dem deutschen Staate geliehen. Der Staat sei zum allermindesten ver­pflichtet, ihn zu ernähren.

Wenn aber der Staat, wagte Rikelchen zu fragen, sie im Stich laste? Wenn Deutschland in dieser Sache seine Pflicht mcht er­fülle? Sich um Recht und Gerechtigkeit der verarmten Rentner nicht kümmere?

Dann werde ich wieder mit dem Schustern anfangen! erklärte Gust feierlich.

Ja, wenn er das wolle, bas könne dann sei, dann werde alles wieder gut.

Ehe er sie in ein Haus auf der Hohen Straße gehen lasse, daß sie dort Magddienste tue, wolle und könne er das. Auf der Stelle werde er es ihr beweisen.

Gust zog seinen besten Rock an und begab sich zu der Druckerei des städtischen Kreisblattes.

Er wollte dort ein Inserat aufgeben durch das Stadt und Land bekanntgemacht wurde: Er habe sein früheres, wohlrenommiertes Schuhmachergeschäst in dem Hause seiner verstorbenen Eltern, Nummer 203 der Baracken, mit dem heutigen Tage wieder er­öffnet und werde bestrebt sein, in alter Weise ---

Aufs sorgsamste hatte Gust den Text des bedeutsamen Inserats zu Hause niedergeschrieben, hatte geändert, gebessert, gestrichen, immer wieder gestrichen. Viele Stunden hatte er während der Zeit, wo Rikelchen sich aus ihrer Morgenstelle befand, darüber verbracht. Es waren auch jetzt noch reichlich viel Worte aus dem Bogen in der Brusttasche seines besten Rockes stehengeblieben. Aber das Inserat das Rikelchen, als er es im Weggehen zeigte, herrlich nannte brauchte ja nicht mit fingerlangen Buchstaben gedruckt zu werden. Das ging wirklich nicht mehr. Es war auch durchaus nicht nötig. Das Ganze so groß wie ein Markschein, ge­nügte, genügte vollkommen. Seinen wohlbekannten Namen würde man durchaus nicht übersehen. Und wenn die Leute nur wußten, er schustere wieder, dann würden sie sich schon erinnern, wie gut er sie bedient hatte, und einer nach dem andern zu ihm in die Baracken kommen.

Als Gust dem Besitzer der Zeitung das aufs sorgsamste in seinem Text festgelegte Inserat gegeben hatte und fragte, wieviel es bei einmaliger Aufnahme bei zweimaliger! hatte er sagen wollen, verbiß sich aber das Wort noch im letzen Augenblick, koste, jawohl: koste, wenn er es halb so groß wie einen Markschein mache, da nannte der eine Summe, daß Gust sich an der Stuhl­lehne festhalten mußte, um seinen Schrecken zu verbergen.

Dann dann wolle er sich den Text des Inserats zu Hause doch lieber lieber nochmal überlegen, stotterte der Verwirrte unh ging.

Ein Zinkschild, das an seinem Haus angebracht werden sollte, gedachte Gust bet dem Klempnermeister zu kaufen. Darauf ließ er dann von einem Maler Namen und Beruf pinseln. Das Zink­schild war dauerhaft und wirksam. Jahrelang rief es den Vor­übergebenden zu: August Mickeclsen, der bekannte tüchtige Schuh­machermeister, der ganz Deutschland und halb Oesterreich durch­wandert hat, hat sein Geschäft wieder eröffnet.

Aber Gust konnte das Metall für das Firmenschild an seinem Hause nicht bezahlen.

Also ein Holztäfelchen kaufen!

Doch auch für den Tischler reichte Gusts Geld nicht. Wieviel weniger demnach für den Maler!

Bekanntmachen? Nicht nötig! entschied schließlich Gust. Er habe es bereits jedem, den er auf der Straße getroffen hätte, gesagt,

Es kamen nun, durch das gemalte Schild neben der Tür an- gelockt, hin und wieder Kunden, die Schuhe und Stiefel brachten. Jedesmal, wenn es an die Tür klopfte, schnellte Gust auf seinem Schusterhüker hoch. Jedesmal fragte er in alter Weise:Womit kann ich dienen?" In kürzester Frist lieferte er die gewünschte Arbeit. Sorgsam ausgeführt.

Aber es gelang Gust nicht, den Hunger aus seinem Häuschen zu hämmern. _ -

Die Barackenleute brachten nur kleine Flickereien. Denn sie waren, mit winzigen Ausnahmen, selber armselige Schlucker, von denen mancher wohl gern bezahlen wollte, aber nicht konnte.

Wieder stellte Rikelchen fest:So geht es nicht!"

Gust sah fragend von seinem Schusterhükcr zu ihr hinüber.

Es seien jetzt andre Zeiten als früher! bedeutete die Schusters­frau ihrem nicht begreifenden Manne. Die Arbeit komme nicht mehr wie einst zu dem, der arbeiten wolle. Zumal nicht von der Vorderstraße in die Hinterstraße. Jetzt müsse der Arbeiter sich aufmachen und zur Arbeit hingehen.

Müsse ihr nachlaufcn. Wenn er nicht Hungers sterben wolle, bleibe ihm nichts andres übrig, als daß er auf die Hohe Straße gehe und Haus bei Haus frage: Ob man was für ihn zu flicken oder neu zu machen habe? _ , c n ..

Ich?" empörte sich Gust.Auf die Hohe Straße gehen? Um Arbeit betteln? Lieber den hier" bei diesen Worten schwang er wild den Knieriemen über seinem Kopf hin und her,den hier um einen Gefallen bitten."

Um welchen Gefallen?" '

Daß er sich schnell zuzieht und nicht reißt, wenn ich mich mit ihm aufhänge!"

Gust!"

"Mm!" machte der Angerufene und schüttelte heftig den Kopf.

Das konnte heißen:<Sei- ruhig, Rikelchen, ich werde es nicht tun!" Aber auch:Ich zweifle nicht an der Gefälligkeit und der Festigkeit meines guten, alten Knieriemens."

Wenn er, nahm Nikelchen ihren zu Boden gefallenen Gedanken wieder auf, nicht zu den Leuten aus der Hohen Straße gehen möge, um zu fragen, ob sie Arbeit für ihn hätten was sie gut, sehr gut begreife, ob sie es dann tun dürfe?

Mm", antwortete Gust und schüttelte den Kopf heftiger als je zuvor bei diesem Wort.

Aber Nikelchen sah das Kopsschütteln Gusts nicht. Nikelchen wollte es nicht sehen.

Sie nahm, da er den Mund zur Beantwortung ihrer Frage nicht ausmachte, dasMm" ihres Mannes für ein Ja.

(Fortsetzung folgt.)

Rikelchen nahm dasMmm" ihres Mannes

Sie ging mit zwei leeren Konservendosen, die sie in der städti­schen Müllgrube draußen vor dem Weidetor gefunden und sorg- am gesäubert hatte, zu einem Malermeister. Kaufte weiße und chwarze Oelfarbe. Borgte sich zwei Pinsel. Strich auf die Mauer ihres Sauses ein weißes Schild. Ließ es trocknen. Umrandete es schwarz. Pinselte in das Weiß hinein mit schwarzen Buchstaben: August Micheelsen, Schuhmacher." Wusch die Pinsel säuberlich aus. Brachte sie dem Malermeister dankend zurück.

Als Gust die Aufschrift an der Wand seines Hauses sah, schalt er: So teuer auch die Pinselet gewesen sein möge, dasMeister hätte man ihm trotzdem wohl noch gönnen dürfen. Er fei ein Meister seines Fachs. Wenn man's ihm nicht mehr glauben wolle, werde er's beweisen! t , ,

Er habe recht! gab Rikelchen unumwunden zur Antwort. Meister" hätte sie draußen auf dem gemalten Schild nicht ver­gessen dürfen. Dumm von ihr, baß sie es aus Gedankenlosigkeit, nicht in böser Absicht! weggelassen hätte. Aber sie könne da» Versehen ja wieder gutmachen. Ob sie das WortMeister hlnzu- füqen solle? Sie habe noch Farbe genug. Weiße und schwarze. Sie brauche nur zum Maler zu laufen und sich die beiden Pinsel noch einmal zu leihen. Einverstanden?

Diesmal schüttelte er aber dabei so heftig den Kopf, baß Nikelchen das Mm nicht nach ihrem eignen Willen umdeuten