Eichener ZainilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1954 Montag, den 24. Dezember Nummer 100
Oer Tannenbaum.
Von Kurt Heynicke.
Er wuchs im Wald aus herbem Moose
Und ward vom Himmel und von Wettern satt.
Er träumte sich ins Grenzenlose.
Da kam die Axt. So fuhr er in die Stadt.
Er stand mit goidnem Fuß auf weißer Decke.
Er war der Schönste in dem engen Raum. Das Lied der Eltern schwebte aus der Ecke Und lobte ihn; „Oh Tannenbaum ..."
Sein Leib war reich geschmückt mit Lichtern, Ihm steckten Sterne in dem grünen Haar. Doch schten's, daß rings von den Gesichtern Er sehr bedrückt und einsam war.
Doch da verfingen seine Aeste
Sich sacht in einem Kinderglück.
Und jählings schwanden für ihn alle Gäste Und selbst die Wände traten still zurück.
Da stand ein Kind mit lächelnd offnem Munde
Und mit verzaubertem Gesicht. Cs liebte ihn in dieser Stunde Sehr zart. Sehr fromm Berauscht, von soviel Licht.
Und er bekam des Kindes Herz zu lesen:
Daß er für ewig dort zu Hause war.
Da schenkte er sein ganzes Wesen.
Die Kerzen glänzten wunderbar.
Oer Vogel aus dem Weihnachtswaid.
Erzählung von Friedrich Schnack.
Immer tiefer wurde der Winter, immer mehr Schnee schüttete der Himmel herunter, immer höher schwoll die weiße Woge, darunter das Waldgebirge schlief.
Heute war Weihnachten, der Nachmittag des Heiligen Abends. Setzte das Schneetreiben nicht aus, würde niemand aus dem hochgelegenen Waldwirtshaus „Zum hölzernen Schimmel" an den Feiertagen in das Dorf hinunter —, kein Bein heraufsteigen können in diese gottesjämmerliche Verlassenheit. Man konnte wirklich meinen, der Winter treibe mit Leuten auf der Höhe Schindluder, mit den Bewohnern des abgelegenen Wirthauses, dem Wirt Hober, seiner Frau und der Tochter Josepha, die zwanzig Jahre war und zu schade für eine so einsame Gegend.
Im Gastzimmer befanden sich keine Gäste. Wer sollte auch kommen, bei solchem Wind und Wetter! Am Fuß des höchsten Waldberges lag die Herberge, im Sommer gern von Wanderern und Fremden aufgesucht — im Winter aber ließ sich kein Rucksack sehen. Auch die Fuhrleute, die Holzfäller, Waldarbeiter und Jäger blieben aus, ihr Pfeifenrauch war längst verzogen; der letzte Hausierer hatte schon vor Wochen die Tür hinter sich zugeschlagen. Der Wirt, ein kräftiger, rotbärtiger Waldmensch, hatte sich in eine der leeren Bänke hineingeräkelt, um zu schlafen. Seine ungebrauchten Gläser hingen umgestürzt an ihren Zapfen. Frau und Tochter saßen in der Bank vor dem Schanktisch, mit Hand- und Naharbeiten beschäftigt. Ihre Gesichter spiegelten Schneelicht und heimliche
Das Mädchen war hübsch, schlank und waldgesund. In den dunklen Augen schimmerten Winterträumerei und Betrübnis. Möge es doch immerzu schneien! wünschte Josepha.
Sie sollte am zweiten Feiertag einem der Mutter genehmen Burschen aus dem Talgrund das Jawort geben. Josepha straichte sich. Vu" >?emte die Mutter, ihre Tochter habe bereits einen Burschen. In Wirklichkeit aber hatte sich das Mädchen noch nicht gebunden. Nur ungewisse Wun che hegte Josepha im Herzen. Sie wünschte sich nämlich einen andern zu Mann als jenen kleinen, stiernackigen Kerl, der ihrer Mutter gefiel Lieber hätte Josepha einen Mann geheiratet, der großgewachsen und hübsch wie der Förster war. Doch der Forster war schon "erheiratet.
Nun hatte sich also zum zweiten Feiertag der Werber angesagt. Es war ein schwerer Weg herauf. Wenn es bloß aufhorte, wunschted Mutter! Schnee! Schnee! Vis zum Dach Schnee — wollte Josepha haben. Es sah fast so aus, als ob ihr Wunsch erfüllt werde. Der Schnee fiel und schwoll Doch am Abend, als die Dunkelheit l""', begann das Schneien nachzulassen, der Himmel wurde spiegelklar. Der Vater öffnete
die Haustür und räumte den Schnee von der Treppe. In der Stube wurde Licht angezündet. Enttäuscht sann Josepha: nun würde der Freier am zweiten Feiertag kommen. Sie fürchtete, dem Drängen der Eltern nachzugeben. Es war ja auch besser, daß sie aus dem Haus käme, die Wirtschaft ging schlecht. Für zwei langte es, für drei reichte der Verdienst nur knapp.
Der Vater brachte aus dem Schuppen die kleine Weihnachtstanne. Er stellte sie auf den Tisch und begann sie zu schmücken. Dem Schrank, worin er Zigarren und Tabak aufbewahrte, entnahm er eine Schachtel mit bunten Glaskugeln, Kerzenhaltern und Lichtern. In seinen klobigen Händen, die Beil und Säge zu führen verstanden, hielt er die feinen, zerbrechlichen Dinge, während Josepha ein weißes Tischtuch über die Platte breitete und drei Teller daraufsetzte. Gesprochen wurde nicht. Der Vater war in sein Tun vertieft, und das Mädchen hatte feine Gedanken. Als am Abend das Bäumchen angezündet war, fromm und feierlich leuchtete, lagen auf den Tellern Nüsse, Aepfel, kleine Kuchen, daneben für den Vater eine gestrickte Weste, Fäustlinge und Socken von Schafwolle, für die Mutter Kleiderstoff und ein gehäkeltes Tuch, für Josepha eine bunte Schürze und ein paar Wäschestücke, auch ein Stück Seife.
Aber ehe die kleine Familie noch die Geschenke recht betrachtet und gewürdigt, auch jeder dem andern gedankt hatte, hörten sie jemand draußen vor der Tür poltern, stampfen, Schibretter und Stöcke gegen die Holzwand stellen, und während sie verwundert nach dem unerwarteten Geräusch hinhorchten, tat die Tür sich aus, ein großgewachsener Mann von vielleicht 30 Jahren stampfte in die Stube, freundlich guten Abend wünschend.
Die Leute vom „Hölzernen Schimmel" legten die Sachen auf den Tisch, die Frau glitt hinter die Schänke, Josepha hielt sich beim Bäumchen, wobei sie auf das schöngeschnittene, von Winterkälte nachglühende Gesicht des Mannes blickte. Der forderte ein heißes Getränk, Tee, Grog oder was es gerade gäbe.
„Wohin unterwegs?", fragte Huber.
„Dorthin!" antwortete der Schifahrer, und seine Hand glitt durch die Luft.
Der Wirt und die Frau begaben sich in die Küche, das Getränk zu bereiten Josepha war zerstreut und linkisch. Ein so später Gast! Am Weihnachtsabend . Sonderbar, daß sein Gesicht sie an den Gesichtsschnitt des Försters erinnerte! Sie spähte über eine flackernde Kerze nach dem Gast. Aber ertappt senkte sie den Blick. Der Mann hatte sie angesehen. Heiß und stählern waren seine Augenfunken in sie gedrungen.
Er hoffe, sagte der Mann, nicht gestört zu haben.
Er befinde sich ja -in einem Wirtshaus, antwortete Josepha. Der Fremde kramte aus seiner Seitentasche mit auffallender Vorsicht ein zu- sammengeknäultes Halstuch, das er behutsam aufmachte. Nun hielt er ein in Zeitungspapier eingewickeltes Ding in der Hand. Ob sie die Tochter vom Haus wäre? fragte er, und als Josepha bejahte, meinte er, er hätte es nicht vermutet — ein so hübsches Mädchen in dieser Wildnis. Dabei raschelte er mit seinem Papier, von dem er aber keinen Blick verwandte. Er hatte nun etwas ausgewickelt und zwischen die beiden Handmuscheln getan Nun preßte er sie an den Mund und hauchte in die Höhlung. Aufmerksam beobachtete das Mädchen sein Tun. Die Hände, das stille, erwartungsvolle Gesicht des Mannes übten auf sie eine merkwürdige Anziehungskraft. Jetzt huschte über [ein Gesicht ein zufriedenes, fast rührendes Lächeln.
„Die arme Seele lebt!" rief er aus, fchaun Sie nur mal her!"
Sie näherte sich, er öffnete ein wenig feine Hände, Josepha neigte sich neugierig darüber, lächelte, blickte dem Mann ins Gesicht: „Ein Kreuzschnabel!" sagte sie überrascht und kostete mit ihrem Blick von dem warmen Licht der" Mannesaugen.
Er nickte: „Vom Baum ist er gefallen, als ich darunter hinglitt", erzählte er und hauchte wieder. „Mitten aus einer ganzen Schar ist er gestürzt", fetzte er hinzu. „Ganz weihnachtlich sah die beschneite Fichte aus, auf jedem Zweig ein Kreuzschnabel; grün, weiß, rot. Dem da aber war das Blut erstarrt .. " Der Vogel regte sich, die blasse, totenhafte Nickhaut ging langsam zurück, der Schnabel wurde ein wenig ausgesperrt. Die Peinchen zitterten, zuckten. Der Schifahrer hauchte.
„Seinetwegen bin ich hier eingekehrt, bei Ihnen, wo es warm ist ... Er lächelte dem Mädchen zu, und Josepha erwiderte das sie tief anrührende Lächeln.
„Es wär mir ein liebes Weihnachtsgeschenk", meinte der Mann, „wenn ich ihn durchbrächte!"
„Wir haben einen alten Käfig", sagte Josepha, „ich will ihn holen." Sie ging.
„Der Weihnachtsvogel!" meinte die herantretende Frau. „Das bedeutet Glück!"
Der Wirt lachte. „Wissen Sie, warum die Kreuzschnäbel gern im Winter brüten?" Der Gast wußte es nicht. „Weil da die Fichtensamen am besten schmecken."


