Das Volk wachi auf.
Roman von Walter von Molo.
(Fortsetzung.!
„Ich will Ruhe haben", brüllt Blüchers Stimme aus dem Nebenzimmer.^ Zugeschmissen knallt die Türe. Romberg macht eine bedauernde Handbewegung; verzweifelt wischt sich Rüchel Den Schweiß vom Schädel. „Die Sache ist nämlich die, lieber Bülow! Der arme Schill! Sie wissen doch, daß er mit meiner Else versprochen war? Sie wird wahnsinnig, sie stirbt mir, wird heute das Andenken ihres Bräutigams getrübt .. Die Türe lärmt auf und ju: Mit unheildrohendem Blick, in der „verbotenen" rot - silbernen Husarenuniform des aufgelösten Zieten-Regi- mentes, mit eisgrauen, gesträubten Augenbrauen steht Blücher im Saal.
„Setzen!" befiehlt Blücher.
Wortlos nehmen die Offiziere an der Tafel Platz; die Linke in die schlanke Hüfte gestemmt, kommt Blücher um den Tisch herum. „Laß Er mich in Frieden, Rüchel!" bittet Blücher; Rüchel umklammert seine Hand; Blücher schiebt ihn dem Ausgang zu. „Mach kein Lamento, Alter!" spricht Blücher. „Sag' deinem Kind, der Schill war ein braver Mann! Heul' nicht! Ich kann dir nicht sagen, ob dir Unrecht geschehen ist. Ich weiß nur: Wir müssen immer den Dreck ausbaden, wenn es schief geht!" Blücher reiht den Auffchluchzenden an seine Brust; er umarmt ihn, er wirbelt ihn durch die Türe hinaus. Blücher wendet sich. Sein weißer Schnurrbart zittert. Elastisch, mit den Sporen klingelnd wie ein blutjunger Kornett, beginnt Blücher hinter der Reihe seiner steif und reglos sitzenden Offiziere auf und ab zu gehen. ,Zch bin kein Darm- pionierer!" spricht Blücher. „Daher, durchdrungen, daß Seiner Majestät Angsthuhnereien falsch sind, befehle ich", Blücher starrt in Bülows bewegungsloses Gesicht, „daß der Rittmeister von Seydlitz sosort aus seinem Loch zu holen 'ist!" Wie ein scheuendes Pferd schlägt Blücher einen Haken; bei eingezogenen Schultern, die zornige Adlernase aufbegehrend vorgestellt, haut sich Blücher in den Polsterstuhl am Kopfende des Tisches. „Schill und die Seinen taten, was die Duckmäuser in Berlin schon lange hätten tun müssen!" Blücher streckt die Hand, mit wütendem Stich zerstößt er die Kielfeder, die vor ihm aus dem Tische lag. „Es ist im Sinne des edlen Toten", spricht Blücher, „daß er alle Schuld auf sich nimmt! Schreiben Sie! Sämtliche Offiziere, die sich vom Zuge Schills nach Preußen retteten", diktiert Blücher, „haben dem unterzeichneten Kriegsgericht eindeutig nachgewiesen, daß sie durch falsche Vorspiegelungen Schills verführt wurden Sie vermeinten, im Auftrage ihres Obersten Kriegsherrn zu fechten! Sie sind unschuldig, da sie als preußische Soldaten den Befehlen ihres Vorgesetzten zu gehorchen hatten!" Blücher dreht den Kopf. „Weiß man was vom Lützow?"
„Er ist glücklich durchgekommen, Exzellenz!" — „Daher ist das unterzeichnete Kriegsgericht", diktiert Blücher weiter, „nach eingehender Beratung einstimmig zum Beschluß gekommen, sämtliche beschuldigten Offiziere ... freizusprechen!" Blücher erhebt sich. „Punktum!" fagt er. „Dreck drauf." Blüchers schwarzdunkle Augen lohen unter den buschigen Brauen. „Schill", schreit Blücher bei erhobener Hand, „du Held in der Schmach, Vobild, edler Held: Hurra!"
Aufbäumend klirren die Fensterscheiben unter dem kurzen, drohenden Aufschrei der Offiziere. Blücher neigt den Kopf, die Hände auf dem Rücken, federnd, als zähle er seine Schritte, geht Blücher zurück in sein Zimmer.
Mit leuchtenden Augen sehen sie sich an.
Nebenan kracht ein Pistolenschuß. Schutt rieselt den Türstock entlang.
„Er schießt sich seine Wut aus den Fingern."
„Meine Herren", mahnt Bülow. „Zur Arbeit! Stellen Sie die Posten aus, damit uns niemand überrascht und dann los! Scharnhorst drängt!"
Sie eilen dem Ausgang zu. *
In einer verhängten Holzfällerhütte an der böhmischen Grenze sitzen zwei Männer. Ein Kienspan beleuchtet tiefernste Gesichter. Schützend, eng, als wolle er seine Gegenwart hier verheimlichen, hält der Mann am 'Tisch den dunklen Radmantel, der ihn bis zu den Knöcheln deckt, . unter dem Kinn zusammengerafft; mit breiten, eckigen Schultern, aufgespreizt, eine Reitkappe aus dem trotzigen Kopf, in kurzem Reitrock, Reitstiefel an den Beinen, sitzt in der Ecke auf dem Holzklotz der zweite Mann Unruhig, wartend, ehrerbietig scheu sind die klugen Augen des vornehmen Herrn am Tisch auf seinem Gefährten. Prüfend. Der Kienspan knistert; er läßt Funken und Asche aus den gestampften Lehmboden fallen. „Verhärten Sie sich nicht zu sehr, lieber Stein", bittet der Mann am Tisch. „Seine Majestät hatte keinen andern Ausweg, wollte Sie nicht auch Schlesien abtreten. Wir waren nicht imstande, die fällige Rate der Kriegsentschädigung zu bezahlen." Verzehrende Erbitterung leuchtet in Steins Blick; Stein erhebt sich. „Ich schlug seinerzeit ein Bündnis mit Frankreich vor", spricht Stein, „um offen rüsten zu können! Unsere Truppen sollen gerüstet zu Oesterreich übergehen! Ihr aber, ihr mit eurem Kadavergehorsam, ihr werdet jetzt dem Napoleon die russischen Kastanien aus dem Feuer holen ... und dann übler daran sein als jetzt! Gut!" spricht Stein. „Tut, was ihr nicht lassen könnt, fechtet als Napoleons Soldknechte gegen Rußland, macht eure Schmach voll! Warum", sagte Stein, „da alles beschlossen und besiegelt ist, warum bestellten Sie mich hierher? Glaubten Sie von mir ein Einverständnis mit Ihrem wahnsinnigen Handeln zu erreichen?"
„Ich habe Sie hierher gebeten, lieber Herr vom Stern, weil ich wissen muß, weshalb Sie nach Rußland gehen? Was Sie dort zu tun gedenken!" _
„Wer wird das preußische Hilfskorps führen? Ist er ein Gegner von mir?"
„Ja."
„Wer ist es?"
„Vorck."
Stein atmet auf. „Wo ist Blücher?"
Seine Majestät hat dem Herrn General Blücher ein Gut in Schlesien geschenkt. Aus meinen Vorschlag hin, Herr vom Stein! Blüchers Hestig-
Dennoch hätte es hingehn können, wenn Rolands Kinderbissigkeit ucht mit Günther größer geworden wäre. So galt es, Verbandzeug, Lerzterechnungen, Schmerzen zu bezahlen. Aber Günther besaß kein l.beres Spielzeug als Roland. Sie waren unzertrennlich, Günther und zoland, Roland und Günther. Der Bub konnte mit dem Hund anstellen, ras er mochte: auf ihm reiten, ihn zausen, an den Ohren hinter sich ^ziehen, rundumtrudeln. Nie knurrte Roland. Noch gar zeigte er seinem fcbensfreunb je die Zähne. Also: Aus der Hut fein bei andern Kindern wenns trotzdem schief ging, blechen!
Eines Tages zerfleischte Roland einem dreizehnjährigen Vauern- jmgen, den wir für erwachsen hielten, als er mit hochgekrempeltem km& — statt des Knechtes — uns die Milch brachte, den rechten lverarm. So, daß wochenlang — glücklicherweise zu Unrecht — befürchtet turbe: Bleibt steif!
Nun lag Alles klar. Es mußte etwas mit Rolanb geschehen. Etwas kntscheidenbes. Etwas Enbgültiges. An bie Kette legen? Ich konnte es rcht übers Herz bringen, ben Spielgefährten meines einzigen Jungen ichrelanger Marter auszuliefern. Dann lieber: Kurzen Prozeß! Unb ' ündiges, sofort vollstreckbares Tobesurteil!
Beim Mittagessen sagte ich zu meiner Frau: „Paula, so schwer es lir wirb — unb bir sicher auch — wir müssen Rolanb erschießen lassen. las nächstemal bleibts womöglich nicht bei einem zerfleischten Arm. Sir können es nicht länger verantworten, bas Leben von Kinbern — lerdenben Menschen! — burch einen Hunb — ein unvernünftiges Vieh! - zu gefährben. Schick boch bas Mäbchen zum Förster hinunter, baß k heut' Abenb kommt unb vollbringt, was sich nicht vermeiben läßt."
„Du hast recht", sagte meine Frau. „Es muß leiber fein."
„Günther saß bei biefem Gespräch mit uns am Tisch Ich hatte bie •nroeifung, ben Förster zu rufen, absichtlich in (einer Gegenwart aus- : sprachen. Ich liebe es nicht, Kinber über Unoermeibbares hinwegzu- iufdjen. Das Leben bringt Schweres genug für Jeben. Man kann sie iso nicht früh genug baran gewöhnen, Notwenbiges tragen zu lernen, lufierbem: Vierjähriger Bengel! Was verstaub ber vom Getötetwerben! ■oroeit er aber verstaub, muhte er natürlich zustimmeu! Alles Ertrag- irre hatten wir versucht, ihm Rolanb zu erhalten. Ausweg gab's nicht -«hr. Menschenleben geht über Hunbeleben! Das konnte auch ein vier-
I $riger Knirps verstehen.
Am Nachmittag sah ich von meinem Atelier aus, daß Günther mseits des Hofes neben Roland sah. Er hatte seinen Mund in das ihr des Hundes geschoben. Offenbar sprach er mit ihm. Der Rottweiler fitzte die Ohren. Ich lauschte. Hörte aber nichts.
Also rief ich Günther ins Atelier. Er brachte ben Tobbebrohten mit.
„Rolanb brauhen lassen!" befahl ich.
Günther gehorchte. Mit Armsündermiene trat er vor mich hin.
„Was hattest bu eben mit Rolanb?" fragte ich.
„Nichts", lautete bie Antwort. — „Kenn' ich. Wenn bu was aus- cfreffen haft, heißt es immer: Nichts. Was hattest bu mit bem Hund im?" — „Nichts, Vati." — „Du hast mit ihm gesprochen?" — „Rem
! - „Was hast bu Rolanb ins Ohr geflüstert?" — „Nichts — „Ist (15 wahr, Günther?" — „Ja, Vati." — „Du lügst mich boch nicht an, dengel? Eine Dummheit nehm' ich bir nicht krumm. Aber lugen — bas ichlimmste, was ich an Kinbern kenne. Hast bu etwa eben gelogen r
„Nein."
„Marsch!"
Günther trollte sich zu Rolanb.
Als Beibe ben Hof verlassen hatten — offenbar um vor dem Haus nbeobaditet zu fein — tarn meine Frau ins Atelier. „Denk dir nur , b-gann sie unvermittelt, „Günthercheu hat vorhin unter bem offenen üichenseuster Rolanb ins Ohr gesagt: .Lauf weg sie wollen bich tob Ließen! Laus weg, Rolanb! Laus weg!' Wohl hundertmal: .Laus weg. 16 wir nicht doch ben Förster abbestelleu? Vielleicht gewohnt Rolanb sch an bie Kette. Liegen ja viele Hunbe tagaus — tagem angetettet in her Hütte. Unb leben auch!" , et,nn-
Jch tobte: Seinen Vater angelogen! Trotz Wieberholung ber Frage t»tz ausbrücklicher Vermahnung seinem Erzeuger bie Uuwahrhe hsicht gesagt! Wüteub packte ich bie erste Rahmenleiste, bie wir m bie taub sprang. Wollte ins Freie laufen, Gunther suchen unb wmbel- r>eich prügeln. Mit einem kantigen Stück Holz!
. Aber meine Frau hielt mich zurück: Gunther fei durch ben Verlust f Rnes einzigen ßebensfreunbes ohnehin genug, mehr als genug s I
Tälf^nurTbift auch bu fest entschlossen, bah Rolanb heute abenb ber higel zum Opfer fällt?" griff ich zu.
Als ber Förster bei Dunkelwerben zu uns heraufkam — Gunther lag bereits schlafenb im Bett — war Roland weggelaufen.
„Und?" rief man ringsum. „
„Wir Haden ihn niemals wiedergesehen.
„Günther??"
,','Auf^we^che^JLeise hat er sich mit dem ^ortlaufen abgesunden? „Ab—ae—sun—den? Er hatte es Roland doch gesagt!
„Wenns so einfach mit den Hunden ist, Professor, warum sagen Sie t'cht zu Nick: .Betteln bleiben lassen!'?" ihn1 .traa5 jn5
, Der Maler beugte sich über den Terrier unb fluf ertejbm tro
,j pr. Einbringlich. Offenbar einmal ums anbere bie g Micke
Istzte er Nick behutsam neben sich ins Gras. Stille 9 !P
• ■ verhaltene Herzschläge: Nick bettelte.
, Sttä X d°ch »•!>' I" ***** "*•
TOulbtgte Professor Wegener ben Terrier. finn<-herr das Glas.
-Aus bie Kinber unb bie Hunbe!" erhob df Hausherr das w
, „Aus das, was in uns hundenah und hnberftarr a J rr Maler Bescheid.
Unb bie Gläser klangen ineinanber.


