Borspuk.
Von Hermann Löns.
Vorspuk nennt Löns die Einleitung zu seinem „Zweiten Gesicht", in der er als Austakt zu dieser Liebesgeschichte das Märchen von der Moorhexe erzählt, die sich im Traume zur Swaantje verwandelt. Ein märchenhafter Abglanz strömt durch die Wirklichkeit und gibt den Erlebnissen ihre dichterische Verklärung. Wir bringen den Abschnitt mit Genehmigung des Eugen Diederichs Verlages.
Die Brennhexe lag im Moore und schlief. Da kam der Südostwind angegangen und kitzelte sie mit einem Grashalm in der Nase, so daß sie niesen mußte, und davon wachte sie auf.
Sie gähnte herzhaft, reckte sich, sprang aus, schüttelte ihre Rocke zurecht, klopfte sich die Schürze glatt, bückte sich über eme Torfkuhle, um zu sehen, ob ihr Haar noch in Ordnung fei und ob die Haube nicht schief sitze, stemmte die Hände aus die Lenden, wiegte den Kopf hm und her, lächelte, fummte eine frische Weise vor sich hm und tanzte los.
Schön war das anzusehen, wie sie sich herumdrehte, daß der feuerrote Rock, die knallgelbe Schürze und die schwarzen Bindebander an der goldenen Haube nur so flogen; so schön war das anzusehen, daß dem dürren Moose, dem mürben Wollgrase und dem trockenen Haidkraute ganz sonderbar zu Mute wurde, denn sie bekamen allerlei Hübsches zu sehen- die Schleifenschuhe mit den roten Absätzen, die weißen Strumpfe mit den grünen Zwickeln, die blauen Strumpfbänder und was es sonst noch gab. Darum verliebte sich alles, über dem der rote Rock und das weiße Hemd sich drehte, so sehr in sie, daß es auf einmal lichterloh brannte, sogar der stumpfsinnige Torf; aber als er mit heißen Händen nach den strammen Waden packte, juchte die Brennhexe aus und sprang ein Ende weiter. _ , ,. ... , s , ,
So ging es eine ganze Weile. Sie tanzte hier, sie tanzte da, aber sobald die Flammen sie in die Beine kneifen wollten, wipps war sie schon anderswo und drehte sich dort umher, und ging es da ebenso, wupps war sie wieder fort, und die Flammen machten lange Halse hinter ihr her. ~ ... r.
Doch aus die Dauer wurde ihr das ledige Tanzen zu langweilig; sie blieb stehen, daß das weiße Hemd über der runden Brust auf- und abging, hielt die Hand über die Augen und sah über das Moor, das ganz weiß vom Wollgrase war.
Mit einem Male erblickte sie dort, wo hinter den Birkenbuschen Wasser blitzte, etwas Rotes, das hin- und hersprang, und das war ein menschliches Angesicht, und es gehörte zu einem Manne ,m grünen Rocke der ein Schießgewehr aus dem Rücken trug, an dem Rucksacke drei Birkhähne hängen hatte, und mit dem Springstocke über die Gräben und Abstiche hinwegsetzte. ... ,
Deubel auch!" sprach die Brennhexe und lachte; „das ist aber em K'ltter Danzeschatz für mich; der kommt mir gerade paßlich." Sie ging netter, aber sie konnte den Mann nicht einholen. Sie hielt die Hande um den Mund und rief: „He, du!", aber der Jäger horte sie nicht. Sie versuchte zu flöten; doch damit hatte sie erst recht kein Gluck.
So lief sie denn, was sie laufen konnte, blieb ab und zu stehen und schrie: „He!" und „Holla!" oder „Teuf!", bis der Mann, als sie schon ganz außer Atem war, sich endlich nmdrehte und nach ihr hinfah. Sie winkte ihm zu, aber da merkte der Jäger, mit wem er es zu tun hatte, setzte den Springstock ein und machte, daß er weiter kam.
„Du Flegel!" schimpfte die Brennhexe und lies wieder hinter ihm her" so daß er hin- und herspringen mußte, denn sie kam ihm wieder dichter auf die Hacken. Als es gar nicht mehr anders ging, sprang er in einen alten Abstich, warf Gewehr und Rucksack von sich, duckte sich jo tief, daß ihm das Wasser bis an die Brust ging und wartete, bis das verliebte Frauenzimmer an ihm vorbeigerannt war.
Dann stieg er heraus, schüttelte sich, lachte, hängte den Drilling und den Rucksack um, nahm den Stock wieder zur Hand und sprang nach der anderen Seite hin über das schwelende Heidkraut, den glimmenden Torf, an den knisternden Wacholderbüfchen und den lichterloh brennenden Krüppelkiefern vorüber, ab und zu hinter sich sehend, wo alles ein Rauch und eine Glut war; einmal blieb er stehen, verpustete sich und zog ein Büschel Torsmoos aus, das er aus einem Graben riß; aber da sah er auch schon das rote Gesicht der Hexe hinter sich und hörte die gemeinen Schimpfworte, die sie ihm nachschrie, und so sprang er dahin, wo der Bach an den Wiesen vorbeilief.
Erst als er den hinter sich hatte und an dem großen Weidenbaume angekommen war, machte er Halt, ließ den Stock fallen, hängte die Büchse an den Baum, legte den Rucksack ab, warf sich in das Gras, lehnte den Rücken gegen den Stamm und atmete tief, dahin sehend, wo die Brennhexe stand und ihm mit der Faust drohte, während um sie
die Formeln, die Gefühle des Volksliedes, ohne sie schöpferisch zu er- "^Je" älter Löns wurde, je mehr die nalurhasten Kräfte in >hm nachließen, desto schmerzlicher wurde ihm der Zwiespalt seines Geschicks be- wustt- ein Mensch, der schlichte Natur war und doch nicht Natur bleiben konnte in den Kompliziertheiten und ideellen Problemen lenes Vorkrieqslebens. Und so sehnt er sich immer leidvoller zur einfachen Natur zurück. „Ich habe meinen Berus verfehlt. Zigeuner, Indianer, Trapper oder so etwas ähnliches, das wäre das Richtige gewesen. „Eine unbändige Lust packte ihn", heißtt es im „Zweiten Gesicht die ganze Zivili ation auszuziehen und irgendwohin zu gehen, wo Kraft vor Recht aelst und nur der Mann gilt, der am schnellsten im Anschlag ist .
So war der Weltkrieg für ihn eine Erlösung, der Soldatentod eine Erfüllung. „Kurz war der Knall und schnell war sem Tod , so hatte er im Braunen Buch" das Ende eines von ihm erlegten Rehbockes geschildert" „wohl dem, dem solch ein Ende beschieden wird: aus der Sonne hinaus den Sprung in die Nacht hinein.
her allerhand schwarze und graue Gesichter nach ihm hmglotzten, ihm Fratzen schnitten, Ruß nach ihm spuckten, Rauch nach ihm pusteten und ihm ihre roten Zungen ausstreckten. Er lachte sie aus, machte ihnen eine lange Nase, steckte sich eine Pfeife an und blies dem Gelichter den Dompf entgegen, mit kleinen Augen nach ihm hinsehend.
Die grauen Fratzen verzogen sich langsam, und auch die Brennhexe war verschwunden; aber nun kam ein Mädchen über das ausgebrannte Moor gegangen. Schlank war es und hatte einen stolzen Schritt; ihr aschblondes Haar sah sanft aus, ihre Augen hatten einen zärtlichen Glanz und ihre Hände waren weih und sehr klein. Sie nahm damit an beiden Seiten ihr Kleid auf; das war von weitzem Wollstoffe und so lose geschnitten, daß es schöne Falten warf; der Halsausschnitt und die halblangen, weiten Aermel waren mit einer goldenen Borde besetzt
Immer näher kam das Mädchen, ging gerade auf ihn zu und blickte ihn mit freundlichen Augen an; die kamen ihm erst ganz schwarz vor, dann meinte er, sie wären braun, und schließlich sah er, daß sie blau waren, blau mit goldenen Blumen darin. Da erkannte er das Mädchen, nickte ihm zu und ries: „Swaantje, wie kommst du denn hierher.
Davon wachte er auf und merkte, daß er eingeschlafen war und geträumt hatte; aber er war über den Traum so erschrocken, daß ihm das Herz bis in den 'Hals hinein schlug.
Nick und Roland.
Erzählung von Hans Franck.
Man saß, hockte, lag zum Abendessen unter der brettafhgen Blut- buche aus dem Rasen, eine sommerbunte Gesellschaft, wie sie ang^lich der Zufall, in Wahrheit das Verlangen nach dem umfriedeten etud Erde am See zusammenführte.
Auch an diesem Sommerabend war die Zahl der Gäste wieder jenseits der Zwanzig angelangt, ohne daß Jemanden der Gedanke bedrückte, die Hausfrau könne heimlicherweise unter Küchensorgen oder Arbeitsängsten leiden. Tisch war die Erde. Man nahm von den Speisen, die auf der runden grünen Platte standen, fo viel man wollte. Man tränt was man mochte. Keine Gefahr, daß Verstädterte durch Kissen oder Decken oder Sitzersatz Picknickniedlichkeiten einführten. Damen dieser Art blieben nach wenigen Besuchsversuchen wieder fort.
Dennoch verwirrte ein Mißklang die Hausfrau Hanna Barck: Der neugekaufte zweite Hund des Hauses, ein drahthaariger Terrier — Nick mit Namen — bettelte.
Die Hausfrau entschuldigte sich immer wieder bei den Gästen wegen der Belästigung. Forderte Nick auf, seine Unart zu unterlassen. Bat: „Nick —" Ermahnte: „Nick!"
' Aber Nick Überhörte Bitten und Ermahnungen.
Nick aus
Hanna Barck schickte den Zudringlichen fort.
Nick lief ins Haus. Unverzüglich. Doch nach wenigen Minuten war er wieder unter der Blutbuche und begann die Bettelei von Neuem.
„Unbegreiflich!" suchte die Bildhauersfrau Nicks Ehre zu retten. „Noch nicht ein einzigesmal ist das bei Tisch vorgekommen. Er ist wirklich gut erzogen, unser Nickelchen. Bitte geben Sie ihm nichts mehr. Nick! So hör doch endlich, Nick!"
Ader der Terrier war offenbar der Anschauung: Da die Tischplatt derMenschen sich zum erstenmal in seinem Leben auf gleicher Höhe mit jener befand, von der er zu fressen pflegte, so gebühre ihm von den Gästen Speisezoll. , . , . ~
Als Fritz Barck sah, daß Unruhe und Verlegenheit ferner Frau von Minute zu Minute wuchsen, stieß er das Tier beiseit' und schalt: „So geh’ doch schon, du unvernünftiges Vieh!"
Der Hund überschlug sich. Jaulte. Prosessor Wegener griff zu.
— der Meinung, eine zweite Feindeshand strecke sich nach ihm
— heulte auf. Wollte weglaufen. Aber der Maler legte den Terrier in seinen Schoß und streichelte ihn. , , . ., , . <
Man sah sich rundum erstaunt, mißbilligend, lächelnd, achselzuckend,.
ungehalten an. _
Der Maler, der es gewahrte, streichelte den Hund von neuem. So wie man jemanden streichelt, an dem es ein Unrecht gutzumachen gut.
Erstaunen, Mißbilligung, Ungehaltenheit wuchsen. Brauchten ein. Ventil. Und Irgendwer fragte in Vieler Namen: „Meinen Sie wirklich,. Professor, daß Sie durch Ihr Streicheln Frau Hannas berechtigte Er- ziehungsbestrebungen unterstützen?"
Professor Wegener streichelte Nick ein letztesmal, bettete ihn noch sorgsamer als bisher in feinen Schoß und sagte: „Unvernünftiges Vieh, So hab' auch ich früher gesagt. So hab' auch ich gehandelt. Und dadurch mein einziges Kind in eine Gefahr gebracht, aus der wir nur durch euu Wunder gerettet wurden. Nein, nicht durch ein Wunder! Sondern auf die natürlichste, auf die stnngemätzeste Weife. Nur daß uns Menschen di« Natur abhanden gekommen ist. Und daher wunderhaft erscheint, wenn sie zu uns — besonders durch unsre Kinder — doch noch den Weg zurückfindet. Sie verstehen mich nicht? Hören Sie mich, bitte, einige Minuten an." , . ,
„Wir mußten, als wir im Westen Deutschlands wohnten, selbstverständlich einen Hund haben. Unser Haus lag, eine halbe Stunde oberhalb des Dorfes, am Waldrand. Allein. Also mußte der Hund lchml jein. Roland, ein stämmiger Rottweiler, ließ auch in dieser Beziehung nichts zu wünschen übrig. Aber nur des Nachts brauchte er leine Hauei- Tagüber biß er niemals einen Dörfler, einen Wanderer, einen Bettler, der unser umzäuntes Gehöft betrat. _.
Als unser Junge auf feinen Beinen stand, änderte sich das. rie Erwachsenen waren — bei Tag! — auch weiterhin vor Roland stcher- Nicht aber Kinder. Eifersucht? Übertriebene Fürsorge für den Buben. Jedenfalls: Roland fiel Kinder an. Viele tarnen ja nicht zu uns beraub Immerhin, während der nächsten zweieinhalb Jahre mußte ich eine nicht unbeträchtliche Summe für zerrissene Hosen und zersetzte Jaaei» hergeben.


