Ausgabe 
24.9.1934
 
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Gießener Zamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang Montag, den 24. September Nummer^

Abendsprache.

Von Hermann Löns*.

Und geht es zu Ende, so laßt mich allein Mit mir selber aus einsamer Heide sein; Will nichts mehr hören und nichts mehr sehn. Will wie ein totes Getier vergehn.

Das graue Heidmoos mein Sterbebett sei. Die Krähe singt mir die Grablitanei;

Die Totenglocke läutet der Sturm, Begraben sollen mich Käfer und Wurm.

Auf meinem Grabe soll stehen kein Stein, Kein Hügel soll dorten geschüttet sein; Kein Kranz soll liegen, da wo ich starb. Keine Träne fallen, wo ich verdarb.

Will nichts mehr hören und nichts mehr sehn, Wie Laub und Gras, so will ich vergehn;

Und darum kein Hügel und deshalb kein Stein: Spurlos will ich vergangen fein.

Hermann Löns.

Zu seinem 20. Todestage am 26. September.

Bon Professor Dr. Philipp Witkop, GDS

Vor kurzem erst hat man das Grab des 1914 vor Reims gefallenen Dichters gefunden Nun sollen seine Gebeine in die Heimat gebracht und m denSieben Steinhäusern" zur letzten Ruhe bestattet werden; dieSieben Steinhäuser" sind steinzeitliche Grabkammern bet Fallingbostel im Südwesten der Lüneburger Heide.

Hermann Löns war der erste deutsche Dichter, der im Weltkrieg fiel. Sofort beim Kriegsausbruch drängte der Fünfzigjährige, der unge­diente Landsturmmann, zur Truppe. Am 24. August gelang es ihm, beim Ersatzbataillon des Füsilier-Regiments 73 eingestellt zu werden. Und ichon nach zehntägiger Ausbildung, die dem zielsicheren Schutzen, dem im Anschleichen geübten Jäger wenig zu geben brauchte, erreichten seine leidenschaftlichen Bitten, daß er mit dem ersten Ersatz zur Front gesand wurde. Drei Wochen später, am 26. September, traf ihn bei ßoivre, auf dem Wege nach Reims die tödliche Kugel. Nicht nur heroische Kampflust, auch menschliche und geschichtliche Tragik haben teil an diesem iahen Svldalentod. . (

Löns war der Sohn eines Gymnasiallehrers und wenngleich an Der Weichsel geboren und bis zum 18. Lebensjahre Westgreußen zugehö­rig - dem westfälischen Blute feiner Eltern und Ahnen Zutiefst ver- bunben. Nach kurzem Universitätsstudium wandte er sich des schnellen Broterwerbs wegen dem Journalismus zu und war 1893 bis 191H als Redakteur in Hannover, 1907 bis 1909 in Bückeburg tätig b s er bann sich ganz seinen dichterischen Arbeiten widmen konnte Semwahres Leben lebte er nicht in den Redaktionsstuben, sondern als Naturfreund unb -forscher, als Wanderer und Jäger in Moor und Heide.

Er war Natur, Urnatur wie feine westfälischen Ahnen fern deutsches Land Blättert er in der Chronik semer Vorvater fo steht er .bah sie nur dann Glück fanden, wenn sie den Pflug oder das_Schw°rt geführt hatten". Demzivilisierten Leben von heute ,diesen> Koosrn ch reitalter", der Stadt und der Technik steht er fremb unb .^'"dUch gegen­über. Seinen eigenwilligen, kräftigen Instinkten finb Jnnwf

und -taten alles Lebens die einzig gemäßen: Natur und Liebe, Kampf 4nbSeribroeif3t bu, wie dein Leben sein mühte: ein Gedicht von rot in rot: rote Küsse auf rotem Blut! Die weite Heide, °>n blitzblanker Rappe iwischen den Beinen, den Baben aus dem Rucken d J^fenb Kerle Seite unb in ber Hanb das Schwert. Unb bann h'uter dir tausenb Kerle w wie bu, Kerl, die dir alle auf den Pfiff gehorchen. Unb bann ber ^Von früh auf ist er der Natur verbunden teils durch feinen Vater : s'4s durch das Leben auf Gütern und Förstereien, auf 1 b Serien verbringt Als Fischer und Jager schwelst er durch Md und Wald.Schon damals war ich der Heide angeschworen. Ich konnte vor ^Usts Gedicht, das zu feinen liebsten gehörte Wieb ^Cör« 1912 snsBunte Buch" seines Freundes TraugottP > f, Diebe»

Schluß seines BuchesHermann Löns, der Dichter setzte ( g richs in Jena).

Freude über die Pracht des maigrünen Buchenwaldes nasse Augen be­kommen, aber die Heiden. Kiefernwälder, Moore und Brüche lockten mich mehr." , . ,,

Aehnlich geht es ihm mit den Menschen. Auch da sucht er das Ur­sprüngliche. Er ist ein Freund der jungen Fischerknechte und Wald­arbeiter. Und er versteht und liebt die Kraft und Würde des nieder­sächsischen Bauerntums:Der Bauer ist das Volk, ist der Kulturträger, ist der Rasseerhalter".Ehe ihr da wäret, ihr Leute aus der Stadt, war ich da. Ich brach den Boden, ich säte bas Korn, ich schus das Feld, auf dem ihr leben und gedeihen konntet mit eurem Gewerbe, eurem Handel, eurer Industrie, eurem Verkehr. Ich sand das Recht, ich gab das Gesetz, ich wehrte den Feind ab, ich trug die Lasten jahrtausendlang. Ich bin ber Baum und ihr seid die Blätter, ich bin die Quelle und ihr seid die Flut, ich bin das Feuer und ihr seid der Schein."

Der letzte H a n s b u r" setzt diesem deutschen Bauerntum ein episches Denkmal im Bild und Vorbild eines einzelnen.

Und die Bauernchronik des Dreißigjährigen KriegesDer Wehr- w o l s", Löns' bedeutendste Leistung, schildert die unzerstörbare Ur- und Naturkraft des deutschen Bauern, schildert, wie inmitten der allgemeinen Verwüstung und Vernichtung Deutschlands die niedersächsischen Heide­bauern sich behaupten in zäher, wilder Bauern-Notwehr. Das ist keine geschichtliche Erzählung als ein Stück Urnatur ist Löns ein unge­schichtlicher Mensch das ist der zeitlose, immer gleiche Bauer, in die Urkonflikte des Lebens hineingestellt, in den nackten, rohen Kampf ums Dasein. Wie diese Bauern durch Jahrzehnte sich gegen die Mord- und Raubscharen des Soldaten- und Zigeunergesindels aller Länder wehren, wie sie, denen Haus und Gut verbrannt, Weib und Kind htngemordet sind, sich im unzugänglichen Heidemoor anbauen, mit Palisaden und Gräben umschützt, und unbarmherzig jeden Soldatentrupp niedermachen, der in ihre Nähe kommt, das wird mit schicksalhafter Herbheit und Größe bargestellt. In ein Wibmungsexemplar des Buches schrieb Löns die Verse:

Ein Pfui dem Mann,

Der sich nicht wehren kann.

Not kennt kein Gebot

Als das: slah bot, slah bot!"

In solchem düsterherben, schicksaltrotzigen Sinn empfand Löns bei Ausbruch des Weltkrieges diese Bauernchronik aus dem Dreißigjährigen Krieg als ein Sinnbild des Weltkrieges, sein umstelltes, umdrohtes Heide- bauern-Volk, bas sich in Not und Untergang behauptet als das deutsche Volk-Mein Kriegslied von 1914 fjabe ich 1910 geschrieben im Wehr­wolf".

Im dritten seiner Romane, der LiebesgeschichteDas zweite Ge­sicht", gibt Sons fein unmittelbarstes Bekenntnis, Herzens- und Lebens­nöte. Und wie immer Heide und Heidevolk ihn stärkend aufgenommen, wenn bas frembe Leben ihn heimatlos unb mübe gemacht, so "stärkt unb tröstet hier ben Enttäuschten, von Stabt unb Zivilisation, von Liebe unb Haß Zerrissenen, bas Volkskinb Annemieken In Annemieken, bas Backen hat wie rote Rosen, Augen blau wie Bachblumen unb Haar, bas aus­sieht wie Haferstroh in ber Sonne, ist Löns' Liebe zum Volke unver­geßliche Gestalt geworben:In ihr küßte er sein Volk, ließ sein Be­wußtsein in ihr untergehen, wärmte sein altes Herz an besten ewig jungem Leben. Das (Erbgebürtige, bas Urwüchsige, Unoerbilbete ihrer Erscheinung unb ihres Wesens sagte seinem Urmenschen-Empsinben zu, unb mit stets neuem Erstaunen lauschte er ihren unwillkürlichen Offen­barungen Wenn sie sprach, hörte er nicht ein hübsches Lanbmäbchen, fonbern fein Volk sprach zu ihm, sein Volk, bas einzige, bas er auf ber Welt noch liebte." . . .

Neben ben Romanen hat Lons fern Leben in Natur unb Volk in -ahllosen Lanbschafts- unb Tierbilbern dargestellt Sein Auge hat bie Weitsicht bes Habichts, seine Nase bie Spurkraft bes Iagbhunbes, fein Ohr bie Hellhörigkeit bes Luchses. Systematische wissenschaftliche Stubien ergänzen unb runben feine sinnlichen Erfahrungen. Unb bie Liebe gibt ihnen schöpferisch Gestalt. Die Tiere leben, sprechen unb handeln wie im altdeutschen Märchen, uns vertraute Geschöpfe ber gleichen beutschen Natur, unb boch in jeher Bewegung von tierischer Eigenart.

Unb wie in bie Urnatur, so vertieft sich Löns auch in bie Urgeschichte feiner beutschen Heimat unb erzähltGeschichten aus ben Zeiten, ba Wöbe nocht geehrt würbe unb Frigga, ba noch ber Grauhunb im Moore das Elchkalb riß unb ber Abler in ber Seebucht bie Wilbgans schlug."

All seine «nturschilberung ist sinnliche Erfahrung unb Beobachtung. Er löst nicht, wie bie Romantik, bie Welt im Gefühl auf, fonbern fein Gefühl in ber Welt. Darum ist er als Lyriker nicht eigentlich schöpfe- risch Seine Ballaben bleiben im Stile ßiliencrons ober Börries von Münchhaufens.Der kleine Rofengarte n", ber von ben Wan- bervögeln begeistert gesungen wurde, übernimmt bie Sprache, die Bilder,