Ausgabe 
23.7.1934
 
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Laß rauschen .. I

Volksweise.

Ich hort ein Stchelin rauschen Und klingen wohl durch das Korn. Ich hort eine seine Magd klagen. Sie hätt' ihr Lieb verlorn.

-La rauschen. Lieb, la rauschen!

Ich acht nit, wie es geh!

Ich hab mir ein Buhlen erworben In Veiel und grünem Klee." Hast du ein Buhlen erworben In Veiel und grünem Klee, So steh ich hie alleine, Tut meinem Herzen weh!

Ostland.

Von Reinhold S dj n eider.

Der prüfende Rückblick auf die deutfche Geschichte offenbart uns, wie unauflöslich Landschaft und Menschenfchicksal inein= ander verwoben sind. Jede verständnisvolle Wanderung durch Deutschlands Gaue ist deshalb auch zugleich eine Begegnung mit seiner geschichtlichen Vergangenheit. So erlebt Reinhold Schneider seine Fahrt ins Reich, die er in dem soeben rm Insel-Verlag zu Leipzig erschienenen BuchAuf Wegen deutscher Geschichte" (284) dargestellt hat, als eine Fülle von Visionen, aus dem grohe Schicksale unseres Volkes in die Gegenwart heraufsteigen.

In drei Stufen geteilt und zusammengeschlossen von turmbesetzter Mauer hebt sich die Marienburg über Strom und Flachland; von der höchsten Stufe, dem Hochschloß, steigt der schmale Turm empor tm Schutze des scharfkantigen Helms, aus dessen Dachreiter ern Ritter dre Lanze in den Himmel hält. Von der erdhasten Schwere der Turme im Mauerrinq über den langgestreckten Ostflügel des Mittelschlosses, den kühn vorspringenden Chor der Marienkapelle bis zur Lanzenspitze und von ihr herab über den östlichen Ziergibel des Hochschlosses zu den gegen Stadt und Nogat gewendeten Türmen herrscht die unverletzte Strenge der Form der auch das Schmuckwerk der Giebel sich unterwirft; Türme gebieten in den Abständen zwischen den Blöcken, sich in die steigende und dann fallende Linie des Gesamtbaus fügend; andere sind, rote Kristalle, an die Ecken der Hauptbauten angeschlossen; keiner, so groß ihre Zahl auch ist, durchbricht das Gesetz der den vielgliedrigen Bau zusammendrängenden Form. Rechteck schließt sich an Rechteck, dem Quadrat, dem Achteck gehorcht der Grundriß der Türme; nur gegen den Strom steht ein Paar behelmter Rundtürme Wache; rote der Ziegel, der in dunkler Tiefe die aus der Erde aufstrahlenden Pfeiler der Trag­gewölbe von oben, in freier Luft, noch die letzte Turmzinne bildet, die eine, einzige Form wiederholt, fo das Schloß; und selbst der Flügel des Hochmeisterpalastes, der, gegen die gewohnte Ordnung der Ordens­burgen, aus dem Rechteck des Mittelschlosses vorspringt gegen die Nogat, gehorcht diesem Formgesetz. Innen über dem ansteigenden Hof des Mittelschlosses, wo nun der Rasen und die aufgrünende Linde den Schimmer eines stilleren, versöhnlicheren Daseins verbreiten, hebt sich unter der Hut des Turms die Nordfront des Hochschlosses, nur von wenigen Fenstern durchbrochen, in furchtbarem Ernste empor, auch sie noch einmal von Graben und Zinnen und zu beiden Seiten von Tür­men verteidigt; tief und hoch, mit verborgenen Waffen drohend, wölbt sich die schräg eingeschnittene Tornische in das Mauerwerk; diesseits des Grabens springt die Kapelle des Hochmeisters rote eine Bastion in den Torweg vor. Zur Linken ziehen sich die hohen Spitzbogenblenden, die eingelassenen Fenster umfassend, in ruhigem Ernste am Ostflügel des Mittelschlosses hin: dort, wo einst die Gäste der Ritter ihre weiten Gemächer sanden; der Ernst des Dienstes und Kampfes bestimmte die ganze Form, nach keinem andern Tröste verlangend als dem, der aus diesem Dienst und Kampfe selber kam...

Die Burg herrscht über das Land mit dem Rechte der Form, mensch­licher Form, die ihren Ausdruck fand tm Stein und wuchs und dauerte in immerwährendem Dienst; wenn die Völker der Ebene, von weither zusammenftrömend, sich um sie scharten, um sie zu berennen; wenn in dem Land zwischen Nogat und Weichsel, das der große Landmeister Meinhard van Querfurt den Strömen abgerungen hatte, Feuerschein auszuckte und unter unsäglichen Greueln die Siedler gemordet ober vertrieben wurden: so war es der Haß gegen die Form und ihre lieber« legenheit, der die wilden Kriegerscharen zusammentrieb; denn verhaßter ist nichts als die Form und das in ihr begründete Bewußtsein des Herrentums. Von hier aus wuchsen Dämme und Straßen ins Land, wurden die Moräste entwässert, sumpfige Wälder gefällt, zogen Schiffe, wurden Dörfer gegründet, Städte gebaut, die wieder, im starren Ning der Türme und Mauern, den Formroillen der Burgherren zeigten; er muhte denen zur furchtbaren Herausforderung werden, die in der Gestaltlosigkeit der Ebene, und oftmals gestaltlos wie sie, lebten, kämpf­ten und verdorben ohne Ziel. Aber die Form lebt vom Verzicht, und sie bleibt nur lebendig, wenn der Verzicht von Tag zu Tag erneuert wird: Wappen und weltlicher Stolz, eine jede Art von Glück und Eigentum, und selbst die Bindung an die Menschen seines Blutes mußten von dem Ritter abfallen, der die Burg betrat; ja selbst die Würden, die ihm die Brüder verliehen, gingen ihm wieder verloren, wenn das Jahr der Amtswaltung um war, so daß ihm kein Rang blieb als der des Dienen­den und kein Lohn außer dem Bewußtsein des geleisteten Dienstes, der vor Gott auf einer jeden Stufe menschlicher Ordnung derselbe ist.

Die Straße, die die Ritter aus dem Reiche, aus Oberdeutschland und Thüringen zogen, führte in den tiefsten Ernst; die Wälder und frohen Städte, das Auf und Ab der weinbekränzten Hügel blieben zurück, so fern wie Jagdlust und Turniere; das Flachland im Osten verlangte das ernsteste Gebot: Kampf und Gebet; und selbst die Erde des Kämpfens

und Betens wollte erobert und bann, mit Spaten und Pflug gestaltet sein Die Ritter hatten wieder das eigenste Schicksal des Menschen: aus« gesendet zu sein in fremdes Land, in dem der nur bestehen kann, der ein Gesetz sich selber gibt; denn Erde und Himmel sind Itumm und ver­hüllt und lassen ein jedes Leben geschehen; erhoben wird das Leben nur durch die Stimme, die im Innern vernehmbar wird. Sie ist Gebot ohne Ende und weih nur von solchen Verheißungen, die werter treiben und noch Größeres fordern und das letzte Ziel über alles auf Erden Mögliche erhöhen; unter diesem Gesetz gestalteten die Ritter das Land, das bisher der dumpfen Macht der Elemente ausgeliefert war; sie er­warben sich, verteidigten und pflegten, was ihnen doch nicht gehörte; sie waren mächtig und doch arm; geboten an der Nordostkuste bis nach Livland und über die See bis Gotland und im Westen bis Pommern und hatten doch nicht das Recht auf einen Schlüffe! für ihre Truhe, aus ein eigenes Pferd. Sie fesselten mit ihrer ganzen Kraft, kämpfend und verwaltend und durch die stärksten aller Bande: durch Gestaltung und den inneren Erwerb, die Erde an sich, auf die sie nur Anspruch er­hoben im Namen des Glaubens, so daß die gehäufte Macht des Ordens endlich zur Opfergabe wurde, die darzubringen das Vorrecht und der Stolz Auserwählter war. Denn ihre Macht war nur ein Zeichen ihres Glaubens und wurde als solches erkämpft.

Die Größe alles Geschaffenen wird zweimal fühlbar: durch seine Wirkung und bann durch seinen Verlust; so geschah es auch mit der Form des Ordens, als die Brüder, ein Unrecht begehend mit dem Mittel ihres Verfassungsrechts, sich gegen ihren Hochmeister Heinrich von Plauen auflehnten und Gesetz und Dienst vergaßen über dem Streben nach Eigentum und eigener Macht. Die Burg mußte den Volkern der Ebene verfallen, nachdem die Herren selbst sich empört hatten gegen bas Gesetz ber Form; bie mußte in Trümmer sinken, als bas Feuer ber Hingabe unb des Verzichtes in ihr erlosch. Der Staat der Ritter war gewachsen aus dem Reich; von dem Todeszug Barbarossas, in dem sich die Bruderschaft zu Jerusalem mit den Pflegern aus Lübeck und Bremen zusammenschloß, blieb der Orden als Vermächtnis; Heinrich VI. bezog ihn in seine geheimnisvollen Pläne ein und rief die Ritter in feine Hauptstadt Palermo; Friedrich II. erhob das von ihnen erftrittene Ge­biet für alle Zukunft ins Reich; aber der Orden stieg noch, als dieses sank, und bezeugte gleich den Städten des Nordens die Keimkraft des ausgeworfenen Samens, lange nachdem der Stamm zerschmettert wor­den war. Doch es blieb mehr als Staat: ein Ziel, um deffentwillen sich Staaten wieder bilden mußten; es blieb das Symbol der Form über ber Ebene, an ber Grenze, bas benen, bie auf ber von ben Rittern gebahnten Straße in den Osten ziehn, die härteste Forderung stellt; und wie die oberdeutschen Ritter, als sie hierher gelangten in das sumpfige feindliche Stromlanb, auf eine Weise zu bauen begannen, bie nur wenig gemein hatte mit ber Art ber Väter: so oerroanbelte sich bas Leben ber nieberbeutschen Bauern im Osten unter bem Gesetz ber Erbe, bie sie sich zu erwerben suchten; so bemächtigten sich Form unb Forberung aller, bie biefem Lanbe sich Hingaben, unb am stärksten bes Preußen- fönigs Friedrich Wilhelm, ber feine Salzburger Scharen aus Bergen unb Wäldern in bie nörbliche Ebene führte unter bas Arbeitsgebot ber Erbe. Unb wie biefer König, besten ungestümes Herz am heftigsten für ben Osten schlug, ein Nachfahre ber Ritter war, vielleicht ohne es zu wissen, so wirb auch bas Volk, bas sich roieber anschickt, bie Brücken über Weichsel unb Nogat zu betreten, zu ihrem Nachfahren unb Erben ihrer Forberung; benn ben Menschen berselben Art im selben Raum ist keine Wahl bes Schicksals gestattet: es herrscht nur bas eine Schicksal, bas wieberholt unb enblich erfüllt werben will.

Ein deutscher Schatzgräber.

Von Alfons v. Ezibulka.

Als noch allein ber Atem Gottes, ber Winb, bie Schiffe über bie sieben Meere trieb, war es von Hamburg nach Sübamerika eine weite Fahrt. Das bekam auch bie kleine BriggDorothea" zu spüren, bie nach Venezuela bestimmt war. Nach zwei Wochen lag sie erst vor ber Insel Texel in Hollanb. Womit für ben alten Windjammer bie Reise zu Enbe war. Denn vor Topp unb Takel, ohne Segel unb Ruber trieb die Brigg hilflos über die in den Dezemberstürmen brüllende See, auf die der durch schwarze Wolkenfetzen jagende Mond feinen gespenstischen Schein warf. Nicht ein Vaterunser hätte man beten können zwischen dem gellenden Ruf des Mannes im AusguckBrandung voraus" und dem Augenblick, in dem dieDorothea" zerschellt auf den Bänken vor Texel lag. Es war noch ein Wunder, daß die Mannschaft nach einer furchtbaren Nacht heil die Küste erreichte.

Damit hatte auch der Kajütenjunge Heinrich Schliemann zum erstenmal ein bißchen Glück. Das war ihm nämlich bis dahin noch nicht widerfahren. Eine Kette von Mühfalen war feine Jugend gewesen. Nur seine früheste Kindheit hatte ein wenig Freude gekannt. Ja, das mecklen­burgische Dorf Ankershagen, wo der Vater Landpfarrer war, war für einen rechten Jungen sogar ein Paradies. In dem Hause, das Heinrichs Eltern bewohnten, kannte man das Gruseln lernen: der frühere Pfarr­herr ging dort um. Dem kleinen Gartenteiche, der den märchenschönen, heimeligen Namendas Silberschälchen" trug, entstieg in Vollmond- nöchten eine gespenstische Jungfrau. Am Dorfrande erhob sich ein Hünengrab, in dem ber Sage nach bas Kmb eines Ritters in einer i Wiege aus purem Golde ruhte. Die verfallene Burg, um beren büfteren > Mauern bie Fiebermäuse flatterten, hatte einst bem Henning Braden- kirl gehört, wie bas Volk ben Raubritter Henning von Holstein nannte, weil er einst einen Kuhhirten bei lebendigem Leibe in einer eisernen Pfanne gebraten haben soll.

Das Geheimnis, bas um versunkene Mauern unb Schätze webte, hatte es schon bem Buben angetan. Begeistert hörte er bem Pater zu, wenn dieser von Herculanum und Pompeji sprach oder von der mäch­tigen, blühenden Königsstadt Troja erzählte, von der nun kein Stein mehr künde. Und eines Tages tat der Zehnjährige einen Ausspruch, dessen Wahrheit er freilich erst 40 Jahre später beweisen solle:Vater,